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von Fabio Vighi | erstmals veröffentlicht am 3. Januar 2022 bei The Philosophical Salon

Wenig ĂŒberraschend hat uns der Weihnachtsmann ein weiteres Covid-Weihnachtsfest mit den ĂŒblichen Geschenken beschert: Gesichtsmasken, QuarantĂ€nen, soziale Distanzierung, Zwangsimpfungen, ImpfpĂ€sse, pausenlose Panikmache in den Medien und Abriegelungen. Zwei Jahre spĂ€ter, nach Milliarden von Injektionen mit verschiedenen experimentellen Impfstoffen, ist die mĂ€chtige Pandemie immer noch unter uns. Diesmal kommt sie jedoch mit dem Bonus einer galoppierenden Inflation, die durch die Entwertung des Geldes immer mehr Menschen in Schulden und Armut treibt. Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, warnen die „Experten“ jetzt vor „Inflationsungleichheit“. Wie meine Töchter sagen wĂŒrden (via Homer Simpson): duh!?

Vielleicht ist es, wĂ€hrend wir abwarten, was wir zu tun haben, um „Ostern zu retten“, an der Zeit, die rote Pille zu schlucken und der RealitĂ€t ins Auge zu blicken: Seit Anfang 2020 hat ein als Pandemie getarnter makroökonomischer Virus von unserem Leben Besitz ergriffen, der weit verbreitete Depressionen verursacht und ganze Bevölkerungsgruppen zu oft extremen Formen der legalisierten Diskriminierung verurteilt.

MonetÀre Injektionen und andere Impfungen

Die tiefgreifende Funktion eines „gesundheitlichen Notstands“, der durch stĂ€ndige Pflichtimpfungsprogramme legitimiert wird, lĂ€sst sich nur begreifen, wenn man sie in den entsprechenden Makrokontext stellt, nĂ€mlich die tödliche Krise unserer Produktionsweise. Die ursĂ€chliche Abfolge, die Sie sich vor Augen halten sollten, lautet: wirtschaftliche Implosion – Pandemiesimulation – autoritĂ€re Offensive. Sollte dieser Paradigmenwechsel zum Tragen kommen, wĂŒrde er in einem totalitĂ€ren Modell des implodierenden Kapitalismus gipfeln, vielleicht noch dĂŒnn getarnt als Demokratie, aber legitimiert durch das despotische Management globaler N otfĂ€lle, die in groteskem MissverhĂ€ltnis zu jeder tatsĂ€chlichen Bedrohung stehen. Wie die Indoktrinationskampagnen der ‚Covid-Impfung‘ und die damit einhergehende ‚Anti-Vax‘-Schelte zeigen, ist das totalitĂ€re Potenzial der Massenpropaganda praktisch grenzenlos. Zum ersten Mal in der Geschichte wird die Schuld fĂŒr eine Behandlung, die nicht funktioniert (zumindest nicht so, wie es uns versprochen wurde), denjenigen zugeschoben, die sie nicht anwenden.

Wir mĂŒssen uns jedoch darĂŒber im Klaren sein, dass die heutige ideologische BrutalitĂ€t eine Reaktion auf einen sich abzeichnenden sozioökonomischen Zusammenbruch ist, wie es ihn in diesem Ausmaß noch nie gegeben hat. Der erste Schock war die Kreditkrise von 2007 und die darauf folgende weltweite Rezession. Damals fĂŒhrte die Rettung des Finanzsektors zur europĂ€ischen Schuldenkrise (2010-11), die das Quantitative Easing (Programme der Zentralbanken zum Kauf von Finanzaktiva) zur Mutter aller geldpolitischen Maßnahmen machte. Seit 2008 hat die regelmĂ€ĂŸige Verzerrung der Zentralbanken durch QE-Injektionen ein ultra-finanzialisiertes Regime der kapitalistischen Akkumulation hervorgebracht, das auf der Schaffung von Vermögensblasen beruht, deren VolatilitĂ€t Mitte September 2019 mit der LiquiditĂ€tsfalle auf dem Repo-Kreditmarkt (Repurchase Agreement) an der Wall Street wieder auftauchte. Dies wiederum machte den Weg frei fĂŒr Virus und die perverse Logik des „pandemischen Kapitalismus“, der es den oberen 1% ermöglichte, ihren Reichtum in Rekordgeschwindigkeit zu vermehren, wĂ€hrend die Mittelschicht verschwindet.

Wie Pam und Russ Martens kĂŒrzlich ausfĂŒhrlich beschrieben haben [siehe Grafik unten], startete die Federal Reserve am 17. September 2019 ein außerordentliches Programm von Repo-Krediten an ihre so genannten ‚PrimĂ€rhĂ€ndler‘ an der Wall Street (darunter JP Morgan, Goldman Sachs, Barclays, BNP Paribas, Nomura, Deutsche Bank, Bank of America, Citibank usw.) – dabei handelte es sich um Übernachtkredite sowie um 14-tĂ€gige und sogar lĂ€ngerfristige Kredite. Am 2. Juli 2020 (dem letzten derzeit verfĂŒgbaren Datum aus der Datenbank der Fed) belief sich der kumulierte Wert dieser Kredite, deren Sicherheiten hauptsĂ€chlich aus US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren bestanden, auf 11,23 Billionen Dollar. Aufgrund der bruchstĂŒckhaften Art und Weise, in der die Fed ihre Daten veröffentlicht, ist es unmöglich, genau festzustellen, welche Kredite in welchem Umfang ausstehend sind oder waren. Was jedoch zĂ€hlt, ist ihr erstaunliches Ausmaß, das bestĂ€tigt, dass die HandelshĂ€user der Wall Street bereits vor der Ankunft von Virus am Rande einer katastrophalen Kernschmelze standen. Ein weiterer Beweis fĂŒr die anhaltende FragilitĂ€t des Kreditmarktes wurde am 28. Juli 2021 erbracht, als die Fed die Einrichtung einer ‚Standing Repo Facility‘ ankĂŒndigte, die den 24 PrimĂ€rhĂ€ndlern der Fed und weiteren Gegenparteien wöchentlich 500 Milliarden Dollar an Backstop-Krediten zur VerfĂŒgung stellt.

Grafik aus: The Fed Is About to Reveal Which Wall Street Banks Needed $4.5 Trillion in Repo Loans in Q4 2019

Wie ich in einem kĂŒrzlich erschienenen Text dargelegt habe, wurden die Gegenmaßnahmen gegen eine drohende Kernschmelze bereits Monate im Voraus geplant. Offizielle Dokumente deuten darauf hin, dass unsere Finanzherren nur zu gut wussten, dass die kĂŒnstliche Ausweitung der Geldmenge nach 2008 unkontrollierbar wurde, nicht zuletzt, weil sie von einer globalen wirtschaftlichen Schrumpfung begleitet wurde, die 2019 Deutschland, Italien und Japan an den Rand einer Rezession gebracht hatte, wĂ€hrend Großbritannien, China und andere Volkswirtschaften bedrohlich stotterten. Es ist daher naheliegend, dass die Eliten, anstatt einen plötzlichen und katastrophalen Zusammenbruch zu riskieren, sich dafĂŒr entschieden, den Crash zu kontrollieren und sozusagen den Krankenwagen im Voraus zu rufen. Wie wir gesehen haben, verschrieb die Fed, als der Repo-Markt an der Wall Street Mitte September 2019 zusammenbrach, rasch eine höhere Dosis derselben Medizin, d.h. eine noch nie dagewesene Ausweitung der monetĂ€ren Stimulierung bei Repo-Krediten. Aber dieses Mal, und das ist entscheidend, unter dem Schutz der Pandemie. Wenn wir in den Januar 2022 vorspulen, gilt dieselbe Logik: Der ‚Covid-Notfall‘ wirkt weiterhin wie eine riesige Linus-Decke fĂŒr eine Weltwirtschaft, die unter Bergen von nicht mehr tragbaren Defiziten und nicht mehr bedienbaren Schulden versinkt.

Fabio Vighi: A Self-Fulfilling Prophecy: Systemic Collapse and Pandemic Stimulation

Es ist wichtig, sich ĂŒber das Ausmaß der in Betracht gezogenen monetĂ€ren Expansion im Klaren zu sein. Im August 2019 hatte ein von BlackRock (dem allmĂ€chtigen Investmentfonds, der bereits als „vierter Zweig der Regierung“ bekannt ist) herausgegebenes Whitepaper der Federal Reserve den Weg aus dem kommenden „dramatischen Abschwung“ gewiesen und die US-Zentralbank dazu gedrĂ€ngt, eine „beispiellose“ Geldpolitik umzusetzen, bei der große, aus dem Nichts geschaffene Geldmassen „direkt in die HĂ€nde der öffentlichen und privaten Geldgeber“ gegeben werden sollten. Dieses „Going-Direct“-Programm, das laut BlackRock „dauerhaft“ sein sollte, wurde einen Monat spĂ€ter als Reaktion auf die Krise am Repo-Markt in Kraft gesetzt. Seitdem und insbesondere seit der Ankunft von ‚Virus‘ ist die Bilanz der Fed um fast 5 Billionen Dollar angewachsen, eine absolut außergewöhnliche Ausweitung, selbst wenn man sie mit den Ende 2008 begonnenen QE-Rettungsmaßnahmen vergleicht. Und um eine Vorstellung von der globalen Dimension dieser Ausweitung zu bekommen, mĂŒssen wir die Billionen, die von anderen Zentralbanken auf der ganzen Welt geschaffen wurden, sowie Programme zur fiskalischen Stimulierung wie das ‚Helikoptergeld‘ hinzufĂŒgen.

Fed: Credit and Liquidity Programs and the Balance Sheet: Recent balance sheet trends

Wie John Titus erklĂ€rt, kommt es nicht nur auf den quantitativen, sondern vor allem auf den qualitativen Charakter des geldpolitischen Manövers der Fed an. In der gesamten Geschichte der Fed (die 1913 gegrĂŒndet wurde) gab es noch nie eine direkte Korrelation zwischen der Schaffung von Zentralbankreserven und der Geldversorgung im PrivatkundengeschĂ€ft. Seit September 2019 jedoch werden die von der Fed neu geschaffenen Reserven Dollar fĂŒr Dollar als Einlagen bei den bestehenden 4.336 US-GeschĂ€ftsbanken repliziert. Mit anderen Worten, die Ausweitung der Fed-Bilanz korrespondierte direkt mit der Gesamtgeldmenge in der Wirtschaft: exakt die von BlackRock verordnete monetĂ€re Medizin, die einige Monate spĂ€ter dank eines „globalen Gesundheitsnotfalls“, der immer noch wie eine Lebensversicherung fĂŒr die FinanzmĂ€rkte wirkt, zu einer Angelegenheit höherer Gewalt wurde. Letztendlich ist es von geringer Bedeutung, inwieweit sich die „Going Direct“-Strategie und das massive Programm der Roll-over-Repo-Kredite ĂŒberschneiden. Hervorzuheben ist, dass das finanzielle Kartenhaus bereits 2019 am Rande des Zusammenbruchs stand und dass Virus zum rechten Zeitpunkt kam, um die monetĂ€re Überflutung mit dem damit verbundenen Paradigmenwechsel zu ermöglichen und zu rechtfertigen.

UnabhĂ€ngig davon, fĂŒr welche Pille wir uns entscheiden, hat dieser Prozess der monetĂ€ren Zentralisierung, der von der mĂ€chtigsten Zentralbank der Welt in Absprache mit dem mĂ€chtigsten Vermögensverwalter der Welt orchestriert wird, drei unmittelbare und unumkehrbare soziale Folgen: 1) Inflation, 2) weitere Verschuldung und 3) ein totalitĂ€res Modell des notstandsgesteuerten Kapitalismus.

Wall Street-Virologen

Wie sieht unser makroökonomisches Umfeld aus? Die wichtigsten Merkmale lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Eine weltweite Verschuldung von 300 Billionen Dollar, die exponentiell wĂ€chst
  • Rasch steigende Defizite in den meisten fortgeschrittenen und sich entwickelnden Volkswirtschaften
  • Riesige Blasen an den Aktien-, Anleihe- (Schulden-) und ImmobilienmĂ€rkten
  • Astronomische Blase auf dem Derivatemarkt
  • Steigende Inflation mit dem Potenzial fĂŒr eine Hyperinflation.

In diesem explosiven Kontext fungieren ‚Virus‘ und seine Varianten als zynische DeckmĂ€ntelchen, die darauf abzielen, das autoritĂ€re Management des implodierenden Kurses des zeitgenössischen Kapitalismus zu beschleunigen, der nicht allein durch Wirtschaftspolitik eingedĂ€mmt werden kann. Die unablĂ€ssige Herstellung einer „pandemischen Notlage“ ist sowohl eine Verteidigungsstrategie gegen den Zusammenbruch als auch ein aggressiver Angriff auf die Überbleibsel der „Arbeitsgesellschaft“, denn sie ermöglicht es den Eliten, die Inflation als Mittel zur Verarmung und Beherrschung einzusetzen.

Das ĂŒbergeordnete Ziel dĂŒrfte in der kontrollierten Zerstörung der produktiven Wirtschaft und ihrer liberal-demokratischen Infrastruktur bestehen, wodurch unter anderem mehr Kapital aus der Realwirtschaft abgeschöpft und in die FinanzmĂ€rkte geleitet werden kann. WĂ€hrend der Spekulationssektor zum absoluten Zentrum der Wertproduktion geweiht wird (mit neuen Rekordhöhen fĂŒr die Indizes S&P 500, Nasdaq und Dow Jones Ende 2021), wird die Arbeitsgesellschaft verschuldet und verarmt. Das MissverhĂ€ltnis zwischen der Euphorie des Finanzsektors und dem freien Fall der Realwirtschaft deutet darauf hin, dass es fĂŒr die Eliten viel bequemer ist, die Depression durch eine grotesk ĂŒbertriebene „Gesundheitskrise“ zu steuern, als einen sozioökonomischen Niedergang biblischen Ausmaßes verantworten zu mĂŒssen.

Kurz gesagt, die weltweite Dominanz von ‚Virus‘ in den letzten zwei Jahren verrĂ€t uns, dass der Kapitalismus bereit ist, „alles zu tun, was nötig ist“ (wie Mario Draghi es 2012 formulierte), um sein ‚redde rationem‘ [Rechenschaft ablegen] aufzuschieben. Es ist daher eine Illusion zu glauben, dass Regierungen, Gesundheitsbehörden und die Medien unabhĂ€ngig voneinander handeln. Vielmehr spricht durch ihre Handlungen immer die wirtschaftlich-finanzielle Macht, also genau das Geschöpf, von dem sie uns glauben machen wollen, dass es nur in der Fantasie von Verschwörungstheoretikern existiere. Als ob es plötzlich ausgestorben wĂ€re wie die Dinosaurier, oder zur Philanthropie mutiert.

Wenn wir herausfinden wollen, wie ‚Killervarianten‘ entstehen, sollten wir die MĂ€rkte befragen. Die besten Virologen arbeiten an der Wall Street. Es sind die HĂ€ndler, die bereits einen Monat vor dem Erscheinen von Omicron wussten, dass die Covid-Horror-Show angesichts der Preisgestaltung der Aktien im so genannten Stay-at-Home-Korb wieder ausgestrahlt werden wĂŒrde. Noch eklatanter als seine VorgĂ€nger hat Omicron nichts Pandemisches an sich. TatsĂ€chlich stellt es, wie Geert Vanden Bossche zutreffend festhĂ€lt, als „abgeschwĂ€chter Lebendimpfstoff“ höchstwahrscheinlich eine „einzigartige Gelegenheit dar, mit dem Aufbau einer HerdenimmunitĂ€t zu beginnen“ – eine natĂŒrliche Gelegenheit, die wahrscheinlich durch eine weitere Massenimpfungskampagne vereitelt werden soll. Wie dem auch sei, die groteske Diskrepanz zwischen der Wirkung der Variante und den repressiven Maßnahmen, die in ihrem Namen ergriffen werden, lĂ€sst sich nur mit wirtschaftlichen Aspekten erklĂ€ren: Omicron ist ein weiteres Instrument der finanziellen Einflussnahme.

Damit meine ich, dass seine unmittelbare Rolle darin besteht, den Inflationsschub kurzfristig einzudĂ€mmen, da die erneuten Angstkampagnen die Ausgaben und den Konsum dĂ€mpfen und verhindern, dass die enorme Geldmenge, die in den Finanzsektor gepumpt wird, als reale Nachfrage in der Wirtschaft zirkuliert. So können die Zentralbanken mit ihren sprichwörtlichen Bazookas weiterhin das mittlerweile metaphysische Ziel des Gelddruckens verfolgen, dessen Zweck es ist, die FinanzmĂ€rkte zu stĂŒtzen, die vollgestopft sind mit toxischen Vermögenswerten (von MBS bis zu komplexen Derivaten), Zombie-Unternehmen und monströsen BestĂ€nden an Staatsschulden. Anders ausgedrĂŒckt: Die Zentralbanken fluten das Finanzsystem mit digitalem Geld, um deutliche Zinserhöhungen abzuwenden. Denn allein der Gedanke an eine ernsthafte Anhebung der ZinssĂ€tze wĂŒrde auf diesen MĂ€rkten, auf denen sich alles um die VerfĂŒgbarkeit von billigem Geld dreht, diverse Zeitbomben zĂŒnden.

In einem halbwegs funktionierenden Kapitalismus wird die Inflation gerade dadurch bekĂ€mpft, dass man die Kosten des Geldes erhöht. Aber in einem fragilen und ĂŒberschuldeten Kontext kann dies nicht geschehen, weil dies verheerende Folgen fĂŒr die MĂ€rkte hĂ€tte, die durch das billige Geld in permanenter Erregung gehalten werden. Eine Erhöhung der ZinssĂ€tze wĂŒrde Kettenreaktionen in einem globalen System auslösen, das mehr von fremdfinanzierter Spekulation als von der Wirtschaftsleistung angetrieben wird. Einerseits muss also die Gelddruckmaschine weiter laufen, um die FinanzmĂ€rkte aufzublĂ€hen. Andererseits muss die daraus resultierende Preisinflation in der realen Welt ‚behutsam gemanagt‘ werden, um ein gesellschaftliches Chaos zu vermeiden.

Lassen Sie uns rekapitulieren: Bei den Omicron-Varianten handelt es sich im Wesentlichen um deflationĂ€re Maßnahmen, die dazu dienen, die lockere Geldpolitik der Zentralbanken aufrechtzuerhalten und Zinserhöhungen zu verhindern, denn diese wĂŒrden die Bilanzen der meisten Finanzunternehmen ruinieren und gleichzeitig die Staatsverschuldung und deren Finanzierung gefĂ€hrden. Staatsschulden und spekulatives Geldkapital sind natĂŒrlich eng miteinander verwoben. Eine drastische Abwertung des finanziellen Überbaus wĂŒrde die FĂ€higkeit des Staates zur Finanzierung seiner Operationen untergraben. Besonders deutlich wird dies bei LĂ€ndern wie Italien und Griechenland, die in Bezug auf Omicron sofort die drakonischsten Maßnahmen ergriffen haben, um fĂŒr weitere monetĂ€re UnterstĂŒtzung zu plĂ€dieren: von der Ausweitung der staatlichen Beihilfen und des PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme der EZB) bis hin zur Überarbeitung des europĂ€ischen StabilitĂ€ts- und Wachstumspakts.

Doch da es im Kapitalismus nichts umsonst gibt, bedeutet diese irrsinnige Flucht in die Verschuldung zwangslĂ€ufig mehr Armut und Reglementierung fĂŒr (fast) alle, wobei sich die Mittelschichten in einem verzweifelten Versuch, ihren Status zu erhalten, bis an die ZĂ€hne verschulden. In diesem Sinne werden die verschiedenen Varianten dazu verwendet, einen epochalen Wandel hin zu einem neofeudalen, in die Jahre gekommenen Kapitalismus zu steuern, der von einer monetĂ€ren Seigniorage beherrscht wird und dessen Langlebigkeit jede optimistische Erwartung einer radikalen Transformation ĂŒbertreffen könnte.

Inflation: Private Laster und öffentliche Tugenden

Ich habe dargelegt, dass die jĂŒngste Episode der Covid-Saga ihren Ursprung in einem konzertierten Versuch hat, die Inflation einzudĂ€mmen, die inzwischen so real ist, dass sogar der Vorsitzende der Fed, Powell, kĂŒrzlich gezwungen war, seine eigene mythologische ErzĂ€hlung ĂŒber ihren vorĂŒbergehenden Charakter zu dementieren. In den USA liegt die Inflation jetzt bei 6,8% auf Jahresbasis, dem höchsten Stand seit 1982. Und wenn wir die Hauspreise hinzuzĂ€hlen, kommen wir leicht in den zweistelligen Bereich. Die Lösung? Derzeit eine deflationĂ€re Variante (die natĂŒrlich auch als Ablenkungsmanöver eingesetzt wird), zu der noch billige Zaubertricks wie die Berechnung der Verbraucherpreisinflation auf der Grundlage von Daten aus den Jahren 2019-2020 hinzukommen, um sie kĂŒnstlich niedrig zu halten.

Der derzeitige Inflationsanstieg ist nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien (+5,1% im November) rekordverdĂ€chtig, und er ist der schnellste in der Geschichte des Euro. Letzteres bereitet der EZB-Chefin Christine Lagarde Kopfzerbrechen, die sich Mitte Dezember gegen Zinserhöhungen entschied und das PEPP aussetzte (mit dem Versprechen, es wieder aufzunehmen, falls die „Pandemie“ weiter anhĂ€lt), nur um das traditionelle QE zu verstĂ€rken. Im Grunde ein weiterer Fall von ‚plus ça change, plus c‘est la mĂȘme chose‘ [“Je mehr es sich Ă€ndert, desto mehr bleibt es gleich.“]. Insofern, als die Zentralbanken hinsichtlich der Geldpolitik hinters Licht gefĂŒhrt werden, scheint die kontrollierte Steuerung der Inflation eine wesentliche Triebkraft der Pandemie zu sein, da sie fĂŒr die allmĂ€hliche SchwĂ€chung und Übernahme der Realwirtschaft funktional ist. Die Abwertung von WĂ€hrungen scheint ein Merkmal, kein Fehler, des Zentralbankwesens zu sein. Erinnern Sie sich an den Slogan des Weltwirtschaftsforums? Sie werden nichts besitzen, und Sie werden glĂŒcklich sein! Kurz gesagt, es geschieht nicht zufĂ€llig, sondern mit voller Absicht.

Mit anderen Worten: Die Inflation ist nĂŒtzlich, um den autoritĂ€ren Übergang zu einer globalen Zweiklassengesellschaft zu steuern, in der nur wenige die Kontrolle ĂŒber die Geldmenge haben, wĂ€hrend die meisten durch Armut, Kontrolle und Angst unterjocht werden. Kurz gesagt, das ist der verbrecherische Kurs des heutigen Kapitalismus. Und die Inflation ist obendrein praktisch gegen die Staatsverschuldung, da die Masse an inflationĂ€rer LiquiditĂ€t, die in die MĂ€rkte geworfen wird, sowohl die Zinsen als auch die Anleiherenditen drĂŒckt. Sollte das Tapering der Fed RealitĂ€t werden, könnten die Zinsen fĂŒr Staatsanleihen rasch ansteigen. Doch lassen Sie uns den Kernpunkt wiederholen: Ein deutlicher Zinsschritt wĂ€re fĂŒr fast alle Anlageklassen katastrophal und wĂŒrde daher nur von kurzer Dauer sein. Deshalb wird uns heute ein Pseudo-Tapering verkauft, denn die Bilanz der Fed hat sich in der Tat erhöht, seit Jerome Powell angekĂŒndigt hat, die Pandemiehilfe im November 2021 zurĂŒckzufahren. Damit wird ersichtlich, dass der einzige gangbare Weg fĂŒr die Eliten darin besteht, in der Öffentlichkeit so zu tun, als ob sie die Inflation bekĂ€mpfen wĂŒrden, wĂ€hrend sie sie im Verborgenen weiter anheizen.

Nach zwei Jahren unerbittlicher Angriffe auf unsere Intelligenz sollten selbst die treuesten Verfechter des offiziellen Narrativs den Mut finden, dies zuzugeben: COVID-19 ist der Name der koordinierten Antwort auf eine zunehmend unkontrollierbare Systemimplosion. Die surreale VerlĂ€ngerung der Pandemie zeigt uns, dass ganze Gesellschaften zur Geisel der Reproduktion von fiktiven Werten im Finanzsektor geworden sind, wo der Himmel scheinbar die Grenzen setzt. Doch der Preis fĂŒr die stĂ€ndige Hausse sind endlose Varianten, vierteljĂ€hrliche Impfprogramme, eine Welle nach der anderen des medialen Terrors und eine ganze Reihe kafkaesker Notstandsregelungen, die darauf abzielen, 1) die Gelddruckmaschine am Laufen zu halten und gleichzeitig die Realwirtschaft zu (er-)drosseln, 2) uns an die Unterwerfung unter eine angebliche höhere Gewalt zu gewöhnen und 3) uns von dem abzulenken, was sich im Finanzolymp abspielt, wo das wahre Spiel, das ĂŒber unser Schicksal entscheidet, statt-findet.

Wie jeder rechte Krieg rechtfertigt auch der ‚Krieg gegen Covid‘ das Drucken von Geld und niedrige Zinsen, was wiederum zu Inflation fĂŒhrt. Aber diese Logik kann sich heute nur in der Zentralisierung des Geldflusses niederschlagen. Aus kapitalistischer Sicht gibt es keinen anderen Ausweg. Denn der heutige Inflationsdruck, d.h. die Geldentwertung und die Erosion der Kaufkraft, ist nicht einfach eine Folge der Krise der Versorgungskette, wie man uns weismachen will. Vielmehr ist sie das unvermeidliche Ergebnis des Überangebots an fiktivem Geld, das nun mit der zerstörerischen Kraft einer Lawine niedergeht.

Doch neben ihrer deflationĂ€ren Funktion spielen die Varianten auch eine ideologisch aggressive Rolle: Sie schaffen den idealen Humus fĂŒr weitere soziale VerschĂ€rfungen. LĂ€uft alles nach Plan, könnte der grĂ¶ĂŸte Teil der Menschheit schon bald in die monetĂ€re Sklaverei gedrĂ€ngt werden [BGE], die unsere WohltĂ€ter als einzige Lösung fĂŒr eine Große Entwertung einfĂŒhren werden, sobald sie diese nicht mehr zu tarnen vermögen. Deshalb mĂŒssen sie uns dazu erziehen, in Angst zu leben, und uns dazu nötigen, die neue NormalitĂ€t als Zustand der totalen Unsicherheit, der Massenangst und des Chaos zu verinnerlichen. In der gegenwĂ€rtigen
Phase darf es keine Diskussion ĂŒber die wirtschaftlichen Ursachen geben.

Das Unbeherrschbare in den Griff bekommen

Machen wir uns das große Ganze klar: Die Wirtschaft wird niemals zu dem Wachstumsniveau zurĂŒckkehren können, das fĂŒr eine gesellschaftliche Reproduktion erforderlich ist – es sei denn, diese Reproduktion wird durch die kontrollierte Demontage der Arbeitsgesellschaft auf ein Minimum reduziert. Seit Jahren haben wir eine falsche Wirtschaft genĂ€hrt, die auf Staatsausgaben beruht, gestĂŒtzt durch den Ankauf von Vermögenswerten seitens der Zentralbank sowie durch niedrige ZinssĂ€tze. Das hat mit wirklichem Wachstum ĂŒberhaupt nichts zu tun. Wir sollten daher die Vergangenheit vergessen: Die Belle Epoque des sozialdemokratischen Kapitalismus ist definitiv vorbei. In einem neoliberalen Kontext kann es kein ausreichendes reales Wachstum mehr fĂŒr die kapitalistische Reproduktion unserer Welt geben. DafĂŒr gibt es einen immanenten und objektiven Grund, der nur dann deutlich wird, wenn wir die historische Entwicklung unserer Produktionsweise betrachten: Seit den 1970er Jahren wird die wertschöpfende Arbeit vom Kapital selbst durch seine heilige Allianz mit der Wissenschaft und der Technologie unter dem Diktat des Wettbewerbs nach und nach vernichtet – eine selbstverschuldete BeeintrĂ€chtigung, der sich die FunktionĂ€re des ‚Notfallkapitalismus‘ beharrlich verweigern.

Aufgrund dessen, was Keynes bereits als Ära der ‚technologischen Arbeitslosigkeit‘ bezeichnet hatte (was UnterbeschĂ€ftigung und alle Arten von Lohndumping einschließt), ist das Kapital mit einer immer höheren institutionellen Ausstattung nicht in der Lage, genĂŒgend Mehrwert (sowohl relativ als auch absolut) aus der Lohnarbeit herauszuquetschen, weshalb es sich kopfĂŒber in die magische Welt des Finanzwesens stĂŒrzt, wo das Geld selbst zur Arbeit eingesetzt wird. Bekanntlich hatte Marx diesen Zustand mit seiner Theorie vom „tendenziellen Fall der Profitrate“, die er im dritten Band des Kapitals dargelegt hatte, vorausgesehen. Er konnte jedoch nicht die implosiven Auswirkungen der exponentiellen Zunahme der Automatisierung vorhersehen, die sich heute in der pathologischen Sucht, einer AbhĂ€ngigkeit von Volkswirtschaften, Staaten und damit ganzer Gesellschaften von Bergen fiktiven Geldes manifestieren, das zu einer ruinösen Entwertung bestimmt ist. Der finanzielle Zusammenbruch wird wahrscheinlich in Form einer Kernschmelze des Schuldenmarktes (der treibenden Kraft des gesamten Systems) erfolgen, was einen unkontrollierbaren Anstieg der ZinssĂ€tze sowie die Verdampfung des Dollars und anderer Fiat-WĂ€hrungen auf der ganzen Welt zur Folge hĂ€tte.

Vorerst wird dieses Ereignis mit autoritĂ€ren Mitteln hinausgezögert. Wie wir gesehen haben, wurde die Beschleunigung der monetĂ€ren Kontrolle seit September 2019 durch das Einfrieren der Realwirtschaft mittels pandemischer Simulation ermöglicht. Indem sie die Massen mit einer unerbittlichen Dosis Virus-Phobie hypnotisierten und sie unter Hausarrest stellten, wĂ€hrend sie auf das Wunderserum warteten (das sich, wie leicht vorhersehbar, vor allem fĂŒr Big Pharma als wundersam erwies), erlaubten unsere politischen Machthaber, gesteuert von den Finanzeliten, den Zentralbanken, den Finanzsektor wieder aufzufĂŒllen, wĂ€hrend sie das inflationĂ€re Monster in Schach hielten.

Nach dem Scheitern der neokeynesianischen (Staatsverschuldung) und neoliberalen (AusteritĂ€t und Marktregulierung) Politik haben wir nun die Phase des „pandemischen Kapitalismus“ erreicht, die bald abgelöst werden wird durch Varianten des Versuchs, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Aus kapitalistischer Sicht ist die Arroganz der Finanzwelt die unvermeidliche Folge der wachsenden UnfĂ€higkeit des Kapitals, neuen Mehrwert zu schöpfen – ein Symptom mit so traumatischen Auswirkungen, dass wir alles tun, um nicht damit konfrontiert zu werden. Aber die VerlĂ€ngerung des Ausnahmezustands wird uns nicht vor dem Crash bewahren, der uns vermutlich als ein von höchster Stelle gesteuerter Unfall treffen wird. Die Eliten wissen, dass eine plötzliche hyperinflationĂ€re Überhitzung der Wirtschaft zu unkontrollierbaren Wellen von sozialen Unruhen fĂŒhren wĂŒrde. Aber sie wissen auch, dass sie versuchen können, den wirtschaftlichen Abschwung durch Notstandsnarrative und die schrittweise Versklavung der verĂ€ngstigten Massen zu steuern.

Wir sollten uns daher vorbereiten. Zum Beispiel, indem wir autonome Netzwerke und Gemeinschaften aufbauen, die nicht von einem zerfallenden – und aus diesem Grund zunehmend gewalttĂ€tigen – Modell gesellschaftlicher Reproduktion abhĂ€ngig sind. Die Politik, wie wir sie tagtĂ€glich erleben, ist heute vollstĂ€ndig dem ökonomischen Dogma unterworfen und daher jeder emanzipatorischen Kraft beraubt. Die politische Linke hat sich fĂŒr die blaue Pille entschieden und kann, wie Franco ‚Bifo‘ Berardi es zusammenfasst, nur falsche Perspektiven bieten:

»Es gibt keinen politischen Weg aus der Apokalypse. Die Linke ist seit dreißig Jahren das wichtigste politische Instrument der ultrakapitalistischen Offensive. Jeder, der seine Hoffnungen in die Linke investiert, ist ein Schwachkopf, der es verdient, verraten zu werden, denn Verrat ist die einzige TĂ€tigkeit, die die Linke kompetent ausĂŒben kann.

Die Bewegungen sind durch eine panisch-depressive Psychose verflĂŒssigt worden. Die SubjektivitĂ€t ist der Psychose ausgeliefert und sozial zerrĂŒttet.

Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist eine paradoxe Strategie, die die Psychodeflation in eine Welle der Verlangsamung, der Blockierung, des Schweigens, des Abschaltens der Maschine verwandelt.

Damit das Leben zurĂŒckkehren kann.«

Finale des Textes von ‚Bifo‘ Berardi, unter dem Titel: Findet Euch damit ab! MassendefĂ€tismus, Desertion und Sabotage: Vorschlag fĂŒr eine paradoxe Strategie der Resignation (in Erwartung der Operativen Autonomen Gemeinschaften fĂŒr das Überleben)
Franco ‚Bifo‘ Berardi (Jg. 1948) ist ein italienischer marxistischer Schriftsteller, Philosoph und Aktivist in der Tradition der Autonomen [lt. Wikipedia].

Wenn wir die Überreste unserer kritischen UnabhĂ€ngigkeit und unserer MenschenwĂŒrde und vor allem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft fĂŒr unsere Kinder bewahren wollen, mĂŒssen wir uns freimachen – zumindest geistig – von diesem lĂ€hmenden Ausgeliefertsein an eine Pseudopandemie, die getrieben wird von einem korporativ beherrschten Szientismus, der inzwischen zur globalen Religion aufgestiegen ist.

Dies wĂ€re ein erster und grundlegender Schritt zur Emanzipation aus der gegenwĂ€rtigen Sackgasse. Gleichzeitig mĂŒssen wir eine politische Kritik des Kapitalismus rehabilitieren, die als Weltanschauung gedacht ist, d.h. eine Weltanschauung, die in der dialektischen Beziehung zwischen Geld und Arbeit verkörpert ist und auf die Schaffung von Mehrwert, Waren und Profit abzielt. Ob Sie es nun mögen oder nicht, im Zeitalter der beschleunigten technologischen Automatisierung ist diese Welt dem Tode geweiht, und nur durch eine Wandlung ins TotalitĂ€re vermag sie sich am Leben erhalten. Wenn wir den kommenden Tsunami der sozialen Barbarei vermeiden wollen, mĂŒssen wir irgendwann in naher Zukunft die Beziehung zwischen Arbeit, Gemeinwesen und gesellschaftlichem Reichtum jenseits ihrer kapitalistischen Bedeutung neu definieren. Dazu mĂŒssen wir eine dritte Pille schlucken, die jedoch erst dann zur VerfĂŒgung stehen wird, wenn wir einen sinnvollen Widerstand des Volkes gegen die sozioökonomische Tyrannei organisieren, die durch den ‚Notfallkapitalismus‘ legitimiert ist.“

Die „Selbstmordpille“ des Silicon Valley fĂŒr die Menschheit

von Mark Piesing | erstmals veröffentlicht am 20. August 2018, mithin anderthalb Jahre vor dem Anbruch des neuen Zeitalters. Mache sich ein jeder selbst einen Reim darauf, ob die gegenwĂ€rtige weltweit erfolgende Nötigung – mit jeweils eigener kultureller Note in der Art der DurchfĂŒhrung – zur Injektion gentechnologisch synthetisierter Erbinformationen etwas mit den hier vorgestellten Szenarien zu tun haben könnte.

Im vergangenen Jahr [also 2017] haben Start-ups in Amerika mehr als 60 Milliarden Dollar an Risikokapitalmitteln erhalten. Davon entfielen allein 12 Milliarden Dollar auf kĂŒnstliche Intelligenz [und davon ein guter Teil fĂŒr KI im Gesundheitswesen …; T.R.]. Doch an was genau die MĂ€nner und Frauen, die unsere Gesellschaft verĂ€ndern wollen, glauben, das ist unserer Aufmerksamkeit weitgehend entgangen. Höchste Zeit, dass wir es erfahren.

Das Silicon Valley ist berĂŒhmt fĂŒr seine technologischen Innovationen. Weniger bekannt ist es fĂŒr seine ideologische Vorreiterrolle.

Zwei neue, technologiebasierte Ideologien sind im Valley geboren worden: Transhumanismus und Posthumanismus. Es ist schwer, die eine ohne die andere zu verstehen, und die Grenzen zwischen diesen beiden, noch recht groben Glaubensrichtungen sind sehr fließend.

Francis Fukuyama bezeichnete den Transhumanismus als eine der grĂ¶ĂŸten Bedrohungen fĂŒr die Idee der menschlichen Gleichheit und sagte, dass die Transhumanisten „so ziemlich die letzte Gruppe sind, die ich gerne ewig leben sehen wĂŒrde“. Als ich 2014 fĂŒr Wired ĂŒber den Transhumanismus schrieb, hielten mich viele Menschen fĂŒr einen Spinner. Dann, bei den PrĂ€sidentschaftswahlen 2016, trat Zoltan Istvan als Kandidat der Transhumanistischen Partei gegen Donald Trump an, und in diesem Jahr gewann Mark O‘Connells Buch To Be a Machine den Wellcome Book Prize …

» Diese gonzo-journalistische Erkundung des Strebens der Techno-Utopisten des Silicon Valley, der Sterblichkeit zu entkommen, ist ein luftiges VergnĂŒgen voller bunter Charaktere. «
New York Times Book Review

Der Transhumanismus ist zu einer der De-facto-Ideologien des Silicon-Valley-Establishments geworden, da er die Kultur des Valley rechtfertigt, die darauf ausgerichtet ist, „schnell zu sein, Dinge zu zerstören und so viel Geld wie möglich zu verdienen“.


Die UrsprĂŒnge des Transhumanismus reichen jedoch bis in die 1900er Jahre oder sogar noch weiter zurĂŒck, bis zur Suche nach Unsterblichkeit im Gilgamesch-Epos und der Suche nach dem Jungbrunnen. Die ersten Transhumanisten trafen sich Anfang der 1980er Jahre an der University of California, Los Angeles, und wurden schnell zum Zentrum des transhumanistischen Denkens. Heute ist es eine weltweite Bewegung, und der Italiener Giuseppe Vatinno ist der erste gewĂ€hlte transhumanistische Abgeordnete im Parlament.

Heute zĂ€hlen einflussreiche Persönlichkeiten wie der Futurist Raymond Kurzweil, der technische Direktor von Google; Elon Musk, der GrĂŒnder von Tesla und Space X; sowie Peter Thiel, der GrĂŒnder von PayPal und Risikokapitalgeber, den die meisten Menschen hassen, zu den Transhumanisten. Professor Nick Bostrom von der UniversitĂ€t Oxford ist MitbegrĂŒnder der World Transhumanist Association und Autor des New York Times-Bestsellers Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies [Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution], der von Leuten wie Bill Gates empfohlen wurde.

Falls Sie es noch nicht wussten: Transhumanismus ist eine sehr optimistische Glaubensrichtung – eine Bewegung zur Befreiung der Menschheit – die sich um den Kerngedanken rankt, dass die Technologie uns ĂŒber die physischen und intellektuellen Grenzen des Menschseins hinausfĂŒhren wird. Technologien wie Nanotechnologie, synthetische Biologie, Robotik, kĂŒnstliche Intelligenz und die digitale Emulation [Nachbildung] des Gehirns werden die Bedeutung des Menschseins verĂ€ndern. Transhumanismus ist gewissermaßen immer dann mit im Spiel, wenn fĂŒr selbstfahrende Autos, virtuelle RealitĂ€t und jede Art von KI geworben wird.

Transhumanismus, so halten Kritiker dagegen [Gerd Leonhard: Technology vs. Humanity: Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine], ist zu einer der De-facto-Ideologien des Silicon-Valley-Establishments geworden, denn er dient als Rechtfertigung fĂŒr die Kultur des Valley, die darauf ausgerichtet ist, „schnell zu sein, Dinge zu zerstören und so viel Geld wie möglich zu verdienen“ – denn „hey, was wir tun, befreit die Menschheit“.

Was gern verschwiegen wird von jenen, die möchten, dass der Transhumanismus ernst genommen wird, sind die „verrĂŒckteren“ Elemente dieser ErklĂ€rung. Der Glaube, dass diese Transformation durch die tatsĂ€chliche physische Verschmelzung von Technologie und Mensch durch Körpermodifikationen und -verbesserungen erfolgen wird. Oder der Glaube, dass das exponentielle Wachstum der Technologie uns auf eine Reise mitnimmt, die weit ĂŒber unser VerstĂ€ndnis des heutigen Menschseins hinausgeht, bis zu einem Punkt, an dem wir im wahrsten Sinne des Wortes posthuman werden.

Unser posthumanes Selbst könnte ein unsterbliches digitales Wesen sein, das sein Bewusstsein in einen synthetischen Körper seiner Wahl auf der Erde herunterladen kann, oder ein Roboter, der die Monde des Jupiter erkundet. Es könnte bedeuten, dass wir unsere eigene Biologie verÀndern, um unsere Körper zu verbessern oder eine neue Spezies von Post-Menschen zu werden. Andere Forscher stellen schon die Frage, ob ein internationales Abkommen zur Rettung des bedrohten Menschen notwendig ist.

Visual of From Homo Sapiens to Homo Optimus
Von Homo Sapiens zu Homo Optimus

Transhumanisten nennen den fast mystischen Moment, ab dem diese Verschmelzung möglich ist, „Die SingularitĂ€t“.

Und dann wĂ€re da noch der Glaube an die Unvermeidlichkeit einer Übernahme durch die KI. Diese Überzeugungen werden oft verwirrend als Posthumanismus bezeichnet. Statt ĂŒber die Zukunft der Menschheit nachzudenken, konzentriert sich diese Art des Posthumanismus eher auf die Abschaffung der Menschheit. Er ist eine dunklere, extremere und pessimistischere Alternative zum Transhumanismus. Er teilt viele Ideen mit dem Transhumanismus, wie das exponentielle Wachstum der Technologie und den Glauben an die SingularitĂ€t. Allerdings entfĂ€llt hier die menschliche Einflussnahme auf den technologischen Wandel und man glaubt an die Unvermeidbarkeit der Schaffung einer superintelligenten KI, die uns auf sehr deterministische Weise ersetzt.

GemĂ€ĂŸ dieser Denkweise entwickelt sich die Technologie in einem exponentiellen Tempo, angetrieben durch den stĂ€ndigen Expansionsdrang des Kapitalismus, und es ist unvermeidlich, dass an einem bestimmten Punkt dieser Kurve die technologische SingularitĂ€t eintritt. Das ist der Moment, in dem der Mensch eine kĂŒnstliche Intelligenz erschafft, die die intellektuellen FĂ€higkeiten von MĂ€nnern und Frauen ĂŒbertrifft, selbst von einem Genie wie Stephen Hawking. Es ist die letzte Maschine, die der Mensch jemals bauen wird.

Mit dieser intellektuellen Feuerkraft erlangt die Maschine nicht nur die FĂ€higkeit, sich selbst zu reproduzieren, sondern auch, sich selbst zu verbessern. Die daraus resultierende „Intelligenzexplosion“ fĂŒhrt zu einem unkontrollierten Zyklus von sich selbst verbessernder KI, bis hin zu einem leistungsstarken, superintelligenten Computer, der alle menschliche Intelligenz ĂŒbertrifft. Anstatt mit dieser Technologie physisch zu verschmelzen, endet die menschliche Ära in dem darwinistischen Alptraum, dass die menschliche Rasse durch eine ĂŒberlegene Intelligenz ersetzt wird, die wir selbst geschaffen haben.

Entscheidend ist, dass es Transhumanisten und Posthumanisten in Positionen gibt, in denen sie darĂŒber bestimmen können, wohin Investitionen im Valley und anderswo fließen.


Idealerweise sollen wir unsere unvermeidliche Selbstauslöschung mit einem fatalistischen Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Schlimmstenfalls ist es eine Selbstmordpille, denn es sei unsere evolutionĂ€re Pflicht, so die GlĂ€ubigen, die KI zu schaffen, die uns ersetzen wird. Einige Posthumanisten wĂŒrden sogar so weit gehen zu behaupten, dass es eine kosmische Tragödie wĂ€re, sollte es uns noch gelingen, diese Entwicklung aufzuhalten.

Die Kosmisten gehören, wie ihr Name schon sagt, zum Lager der „Selbstmordpille“. Der Informatiker Hugo de Garis vertritt die Ansicht [siehe Zitat unten], dass die Menschheit diese „gottĂ€hnlichen Superwesen“, die sie als Artilekten bezeichnen, erschaffen muss, selbst wenn sie damit die Vernichtung der menschlichen Spezies riskiert. Dahinter steht die Annahme, dass das Leben der normalen Menschen – die sie Terraner nennen – weniger wert ist als das der Artilekten.

In diesem Papier wird postuliert, dass die Frage der „Spezies-Dominanz“ unsere globale Politik in diesem Jahrhundert dominieren wird. Die Menschheit wird erbittert ĂŒber die Frage zerstritten sein, ob man gottĂ€hnliche, massiv intelligente Maschinen bauen soll, die man „Artilekten“ (kĂŒnstliche Intelligenzen) nennt und die mit den Technologien des 21. Jahrhunderts ĂŒber mentale FĂ€higkeiten verfĂŒgen werden, die Billionen Mal ĂŒber dem menschlichen Niveau liegen. Die Menschheit wird sich in drei große Lager spalten: die „Kosmisten“ (die fĂŒr den Bau von Artilekten sind), die „Terraner“ (die gegen den Bau von Artilekten sind) und die „Cyborgs“ (die selbst zu Artilekten werden wollen, indem sie Komponenten zu ihren eigenen menschlichen Gehirnen hinzufĂŒgen). Ein großer „Artilekten-Krieg“ zwischen den Kosmisten und den Terranern Ende des 21. Jahrhunderts wird nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen töten.

Hugo de Garis: The Artilect War: Cosmists vs. Terrans. A Bitter Controversy Concerning Whether Humanity Should Build Godlike Massively Intelligent Machines

Kosmisten wie de Garis sind davon ĂŒberzeugt, dass der Drang, diese neuen gottĂ€hnlichen Wesen zu erschaffen, zum ersten „Gigadeath-Krieg“ fĂŒhren wird – einem Krieg, der Milliarden von Menschen tötet. Sie glauben, dass der Krieg beginnen wird, sobald gewöhnliche Menschen versuchen, die Erschaffung dieser superintelligenten Maschinen zu verhindern, und dass die einzige Möglichkeit, an der Seite dieser neuen Kreaturen zu ĂŒberleben, darin besteht, Cyborgs zu werden.

Diese verrĂŒckt klingenden Überzeugungen werden natĂŒrlich nicht von der gesamten Technologiegemeinschaft geteilt, und es gibt jeweils diverse Varianten davon. Es gibt auch Transhumanisten wie Elon Musk und Nick Bostrom, die sich der Risiken eines solchen Prozesses der technologischen Transformation bewusst sind. Andere sind der Ansicht, dass die SingularitĂ€t bereits im Gange ist. Ausschlaggebend ist, dass es Transhumanisten und Posthumanisten gibt, die entscheiden, wohin die Investitionen im Valley und anderswo fließen.

Biohacker, die versuchen, ihre DNA zu Hause zu verĂ€ndern oder ihren eigenen Körper mit einer neuronalen Schnittstelle aufzurĂŒsten, mögen fĂŒr Schlagzeilen sorgen. Aber Peter Thiel hat Millionen in Biotechnologie-Start-ups investiert, die nach einem Weg suchen, den Tod zu ĂŒberlisten. Und dann ist da noch Neuralink, ein amerikanisches Neurotechnologie-Unternehmen, gegrĂŒndet von Elon Musk und acht anderen. Berichten zufolge entwickelt es implantierbare Gehirn-Computer-Cyborg-Ă€hnliche Schnittstellen, wie wir sie in Science-Fiction-Filmen sehen. Es könnte der Menschheit sogar helfen, die Kontrolle ĂŒber die KI zu behalten.

Das ‚Mind Uploading‘, auch bekannt als Emulation des gesamten Gehirns, hat Millionen von Dollar an Investitionen von MilliardĂ€ren aus dem Silicon Valley und darĂŒber hinaus angezogen. Ein fĂŒhrender Risikokapitalgeber sagte mir, dass er sich nicht so sehr um die öffentliche KI-Forschung an den UniversitĂ€ten sorgt, sondern vielmehr um die Forschung, die in unregulierten privaten Labors betrieben wird.

Letztendlich mĂŒssen wir uns darĂŒber im Klaren sein, was die Forscher glauben, denn fĂŒr einen Posthumanen können die Dinge, die uns heute wichtig sind, wie der Schutz unserer Daten, das Wohlergehen unserer Demokratie und das Überleben unserer lokalen Buchhandlung, nur allzu leicht als veraltete – als allzu ‚menschliche‘ – Konzepte angesehen werden. Die Frage ist: Möchten Sie das?

Wie Moderna ein Wunder in letzter Sekunde brauchte (und bekam)

Vor COVID-19 lief Moderna Gefahr, dass Investoren absprangen, da anhaltende Sicherheitsbedenken und sonstige Zweifel an seinem mRNA-Transportsystem die gesamte Produktpipeline bedrohten. Im Rahmen der Pandemiekrise ausgelöste Ängste ließen diese Bedenken weitgehend verstummen, auch wenn sie niemals ausgerĂ€umt wurden.

Von Whitney Webb; am 7. Oktober 2021 veröffentlicht unter dem Titel:
Moderna: A Company “In Need Of A Hail Mary”

Analysten der COVID-19-Krise und ihrer Auswirkungen haben sich vor allem darauf konzentriert, wie ihr disruptiver Charakter zu großen VerĂ€nderungen und Neuausrichtungen in der gesamten Gesellschaft und Wirtschaft gefĂŒhrt hat. Eine solche Störung hat sich auch fĂŒr eine Reihe von Vorhaben angeboten, die ein Ereignis mit „Reset“-Potenzial benötigt hĂ€tten, um realisiert zu werden. Im Fall der Impfstoffindustrie hat COVID-19 zu dramatischen VerĂ€nderungen in der Art und Weise gefĂŒhrt, wie Bundesbehörden die Zulassung medizinischer Gegenmaßnahmen wĂ€hrend einer erklĂ€rten Krise handhaben, wie Versuche mit Impfstoffkandidaten durchgefĂŒhrt werden, wie die Öffentlichkeit Impfungen wahrnimmt und sogar wie der Begriff „Impfstoff“ definiert wird.

Diese offensichtlichen VerĂ€nderungen haben bei den einen Lob und bei den anderen scharfe Kritik hervorgerufen, wobei letztere weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs im Fernsehen, in den Printmedien und im Internet verdrĂ€ngt wurden. Bei einer objektiven Analyse solcher seismischen VerĂ€nderungen wird jedoch deutlich, dass die meisten dieser VerĂ€nderungen in der Impfstoffentwicklung und -politik die Geschwindigkeit und die EinfĂŒhrung neuer und experimenteller Technologien auf Kosten der Sicherheit und grĂŒndlicher Untersuchungen dramatisch begĂŒnstigen. Im Falle der Impfstoffe kann man sagen, dass niemand mehr von diesen VerĂ€nderungen profitiert hat als die Entwickler der COVID-19-Impfstoffe selbst, insbesondere das Pharma- und Biotechnologieunternehmen Moderna.

Die COVID-19-Krise hat nicht nur HĂŒrden aus dem Weg gerĂ€umt, die Moderna zuvor daran gehindert hatten, auch nur ein einziges Produkt auf den Markt zu bringen, sie hat auch die Geschicke des Unternehmens dramatisch verĂ€ndert. Von 2016 bis zum Auftauchen von COVID-19 konnte sich Moderna kaum noch auf den Beinen halten, da das Unternehmen in alarmierendem Tempo wichtige FĂŒhrungskrĂ€fte, Top-Talente und Großinvestoren abstieß. Das Versprechen von Moderna, die Medizin zu „revolutionieren“, und die bemerkenswerten Verkaufs- und Fundraising-FĂ€higkeiten des Unternehmensleiters StĂ©phane Bancel waren die wichtigsten Faktoren, die das Unternehmen ĂŒber Wasser hielten. In den Jahren vor der COVID-19-Krise wurden die Versprechungen von Moderna trotz Bancels BemĂŒhungen immer leerer, da das Unternehmen aufgrund seiner langjĂ€hrigen Vorliebe fĂŒr extreme Geheimhaltung trotz seiner fast zehnjĂ€hrigen GeschĂ€ftstĂ€tigkeit nie endgĂŒltig beweisen konnte, dass es die „Revolution“, die es den Investoren immer wieder versprochen hatte, auch umsetzen konnte.

Hinzu kamen große Probleme mit den Patenten eines feindlichen Konkurrenten, die Modernas FĂ€higkeit bedrohten, mit allem, was es auf den Markt bringen konnte, Gewinn zu machen, sowie große Probleme mit dem mRNA-Transportsystem, die dazu fĂŒhrten, dass Moderna jede Behandlung, die mehr als eine Dosis erforderte, aus GrĂŒnden der ToxizitĂ€t aufgab. Der letztgenannte Punkt, der heute in den Medien weitgehend vergessen bzw. ignoriert wird, sollte in der COVID-19-Booster-Debatte ein wichtiges Thema sein, denn es gibt immer noch keine Beweise dafĂŒr, dass Moderna das ToxizitĂ€tsproblem, das bei Produkten mit mehreren Dosen auftrat, jemals gelöst hat.

In diesem ersten Teil einer zweiteiligen Serie wird die katastrophale Lage, in der sich Moderna unmittelbar vor dem Auftauchen von COVID-19 befand, ausfĂŒhrlich erörtert. Dabei wird deutlich, dass Moderna – Ă€hnlich wie das inzwischen in Ungnade gefallene Unternehmen Theranos – lange Zeit ein Kartenhaus mit himmelhohen Bewertungen war, die nichts mit der RealitĂ€t zu tun hatten. In Teil 2 wird untersucht, wie diese RealitĂ€t irgendwann im Jahr 2020 oder 2021 zusammengebrochen wĂ€re, wenn es nicht die COVID-19-Krise und die anschließende Partnerschaft von Moderna mit der US-Regierung sowie die höchst ungewöhnlichen Prozesse bei der Entwicklung und Zulassung des Impfstoffs gegeben hĂ€tte. Trotz des Auftauchens von Praxisdaten, die die Behauptung widerlegen, dass der COVID-19-Impfstoff von Moderna sicher und wirksam ist, wird die Auffrischungsimpfung von Moderna von einigen Regierungen im Eiltempo durchgesetzt, wĂ€hrend andere die Verwendung des Impfstoffs bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen aufgrund von Sicherheitsbedenken kĂŒrzlich verboten haben.

Wie diese zweiteilige Serie zeigen wird, waren die Sicherheitsbedenken gegen Moderna schon lange vor der COVID-Krise bekannt, wurden aber von den Gesundheitsbehörden und den Medien wĂ€hrend der Krise ignoriert. Um den Konkurs abzuwenden, muss Moderna seinen Impfstoff COVID-19 noch jahrelang weiter verkaufen. Mit anderen Worten: Ohne die Zulassung des Booster-Impfstoffs, der selbst unter den obersten Impfstoffverantwortlichen des Landes große Kontroversen ausgelöst hat, steht Moderna vor einer großen finanziellen Herausforderung. WĂ€hrend die COVID-19-Krise dem Unternehmen einen Rettungsring zuwarf, muss die Verabreichung des COVID-19-Impfstoffs, in den die US-Regierung inzwischen fast 6 Milliarden Dollar investiert hat, bis in die absehbare Zukunft fortgesetzt werden, wenn die Rettungsaktion wirklich erfolgreich sein soll. Andernfalls wird ein Unternehmen mit einem Wert von 126,7 Mrd. USD, in das die US-Regierung und das US-MilitĂ€r viel investiert haben und das mit den reichsten Menschen der Welt in Verbindung steht, in kĂŒrzester Zeit zusammenbrechen.

Ein neues Theranos?

Im September 2016 schrieb Damian Garde, der fĂŒr die USA zustĂ€ndige Biotech-Reporter des Medizin-Medienunternehmens STAT, einen ausfĂŒhrlichen Bericht ĂŒber das „Ego, den Ehrgeiz und den Aufruhr“, der „eines der geheimnisvollsten Biotech-Startups“ plagt. Im Mittelpunkt des Artikels stand das Unternehmen Moderna, das 2010 gegrĂŒndet wurde, um die Forschung des Zellbiologen Derrick Rossi vom Boston Children’s Hospital zu vermarkten. Die BemĂŒhungen, mit der GrĂŒndung von Moderna Gewinn zu machen, an denen auch der umstrittene Wissenschaftler und enge Mitarbeiter von Bill Gates, Bob Langer, sowie das in Cambridge, Massachusetts, ansĂ€ssige Unternehmen Flagship Ventures (heute Flagship Pioneering) beteiligt waren, begannen kurz nachdem Rossi einen Bericht ĂŒber die FĂ€higkeit von modifizierter RNA, Hautzellen in verschiedene Arten von Gewebe zu verwandeln, veröffentlicht hatte.

Zwischen der GrĂŒndung von Moderna und der Untersuchung von Garde im Jahr 2016 war der Rummel um Rossis Forschung und ihr Potenzial, medizinische DurchbrĂŒche zu schaffen, abgeflaut, ebenso wie der Rummel um das Potenzial, seine Investoren sehr reich zu machen. Trotz der Zusammenarbeit mit Pharmariesen wie AstraZeneca und der Aufnahme von Rekordsummen an Finanzmitteln hatte Moderna sechs Jahre nach der GrĂŒndung immer noch kein Produkt auf dem Markt, und, wie STAT enthĂŒllte, hatte das „Àtzende Arbeitsumfeld“ des Unternehmens zu einer anhaltenden Abwanderung von SpitzenkrĂ€ften gefĂŒhrt, obwohl aufgrund der „Besessenheit von Geheimhaltung“ nur wenig von den internen Konflikten öffentlich bekannt war. Am beunruhigendsten fĂŒr das Unternehmen in diesem Jahr war jedoch, dass Moderna „bei seinen ehrgeizigsten Projekten auf Hindernisse gestoßen zu sein schien“.

Moderna CEO Stéphane Bancel

Abgesehen von den wissenschaftlichen Hindernissen, auf die Moderna gestoßen war, war laut Garde kein Geringerer als StĂ©phane Bancel, der oberste GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Moderna, der immer noch an der Spitze des Unternehmens steht, der grĂ¶ĂŸte „Stolperstein“ fĂŒr das Unternehmen. Laut Garde stand Bancel im Mittelpunkt vieler Kontroversen des Unternehmens, unter anderem wegen seines „unerschĂŒtterlichen Glaubens, dass die Wissenschaft von Moderna funktionieren wird und dass Mitarbeiter, die die Mission nicht leben, keinen Platz im Unternehmen haben“. Zwischen 2012 und 2016 soll Bancel maßgeblich an der KĂŒndigung von mindestens einem Dutzend „hochrangiger FĂŒhrungskrĂ€fte“ beteiligt gewesen sein, darunter diejenigen, die die Produktpipeline von Moderna und die Impfstoffprojekte leiteten.

Bevor er zu Moderna kam, hatte Bancel einen Großteil seiner Karriere im Vertrieb und im operativen GeschĂ€ft verbracht und sich beim Pharmariesen Eli Lilly einen Namen gemacht, bevor er das französische Diagnostikunternehmen bioMĂ©rieux leitete. Seine Leistungen und sein Ehrgeiz erregten die Aufmerksamkeit von Flagship Ventures, einem MitbegrĂŒnder und Top-Investor von Moderna, der ihn dann mit dem Unternehmen in Verbindung brachte, das er spĂ€ter leiten sollte.

Bancel hat zwar keine Erfahrung mit mRNA und der Wissenschaft, die hinter ihrer Verwendung als Therapeutikum steht, aber er hat das wettgemacht, indem er Modernas VerkĂ€ufer schlechthin wurde. Unter seiner FĂŒhrung wurde Moderna „abgeneigt, seine Arbeit in Science oder Nature zu veröffentlichen, aber begeistert, sein Potenzial auf CNBC und CNN zu verkĂŒnden“. Mit anderen Worten: Unter Bancel wurde das Unternehmen dazu gebracht, seine Wissenschaft durch Medienwerbung und Öffentlichkeitsarbeit zu fördern, anstatt tatsĂ€chliche Daten oder wissenschaftliche Beweise zu veröffentlichen. Als zwei seiner Impfstoffkandidaten 2016 in die Phase 1 der Humanstudien eintraten (Studien, die letztendlich ins Leere liefen), weigerte sich das Unternehmen, sie in das öffentliche Bundesregister ClinicalTrials.gov aufzunehmen. Diese Entscheidung, die von der ĂŒblichen Praxis der Konkurrenten von Moderna und anderer traditionellerer Impfstoffunternehmen abweicht, bedeutete, dass die Informationen ĂŒber die Sicherheit dieser Impfstoffkandidaten nach Abschluss der Studie wahrscheinlich nie öffentlich zugĂ€nglich sein wĂŒrden. Moderna weigerte sich auch, sich öffentlich dazu zu Ă€ußern, gegen welche Krankheiten diese Impfstoffe eingesetzt werden sollten.

Diese GeheimniskrĂ€merei wurde bei Moderna zur Regel, nachdem Bancel das Ruder ĂŒbernommen hatte. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von STATs EnthĂŒllungsbericht 2016 hatte das Unternehmen noch keine Daten veröffentlicht, die „seine gepriesene Technologie stĂŒtzten“. Sowohl Insider als auch Investoren, die Millionen in das Unternehmen investiert hatten, durften nur einen „kurzen Blick“ auf die Daten des Unternehmens werfen. Ehemaligen Wissenschaftlern von Moderna zufolge, die mit STAT sprachen, war das Unternehmen „des Kaisers neue Kleider“. Ehemalige Mitarbeiter beschuldigten Bancel außerdem, „eine Investmentfirma zu leiten“ und „dann zu hoffen, dass sie auch ein erfolgreiches Medikament entwickelt“.

Vielleicht wurde Bancel deshalb fĂŒr die beste FĂŒhrungskraft gehalten, um Moderna zu leiten. Als ehrgeiziger GeschĂ€ftsmann, der ein stark ĂŒberbewertetes Unternehmen leitet, wĂŒrde er das Image und die Finanzen des Unternehmens in den Vordergrund stellen, ohne RĂŒcksicht auf die wissenschaftliche Grundlage. Vielleicht war das der Grund dafĂŒr, dass Bancel nach Aussage ehemaliger Mitarbeiter „von Anfang an klarstellte, dass die Wissenschaft von Moderna einfach funktionieren musste. Und dass jeder, der das nicht schaffte, nicht dazugehörte.

Wie STAT im Jahr 2016 feststellte, waren die Mitarbeiter, die dafĂŒr sorgen sollten, dass „die Wissenschaft funktioniert“, diejenigen, die am hĂ€ufigsten kĂŒndigten, was dazu fĂŒhrte, dass Moderna innerhalb eines Jahres zwei Chemiechefs und kurz darauf den Chief Scientific Officer und den Leiter der Produktion verlor. Viele FĂŒhrungskrĂ€fte, darunter auch die Leiter der Forschungsabteilungen fĂŒr Krebs und seltene Krankheiten, blieben weniger als achtzehn Monate in ihren jeweiligen Positionen. Die plötzlichen RĂŒcktritte betrafen nicht nur die wissenschaftlich ausgerichteten FĂŒhrungspositionen von Moderna, sondern auch den Chief Information Officer und die oberste Finanzleitung. Bancel ließ sich schließlich von den Personalabteilungen von Facebook, Google und Netflix in Sachen Mitarbeiterbindung beraten.

Besonders aufschlussreich war der plötzliche und mysteriöse RĂŒcktritt des Leiters der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Moderna, Joseph Bolen, nach etwa zwei Jahren im Unternehmen. Ein Firmeninsider sagte damals gegenĂŒber STAT, dass Bolen nur dann gekĂŒndigt hĂ€tte, wenn „etwas mit der Wissenschaft oder dem Personal nicht in Ordnung gewesen wĂ€re“. Mit anderen Worten: Bolen ist entweder gegangen, weil die Wissenschaft, die die enorme Bewertung von Moderna untermauert, dem Hype nicht gerecht wurde, oder Bancel hat ihn gezwungen, das Unternehmen zu verlassen, wobei auch die Möglichkeit besteht, dass beides fĂŒr Bolens RĂŒcktritt ausschlaggebend war.

Damals wurde spekuliert, dass Bancel der Schuldige sei, obwohl nicht klar ist, warum es zu dem ZerwĂŒrfnis zwischen den beiden MĂ€nnern kam. Bancel behauptete, dass er versucht habe, Bolen zum Bleiben zu ĂŒberreden, obwohl anonyme Mitarbeiter etwas anderes behaupteten, und dass Bolen sich selbst von der Insel „abgewĂ€hlt“ habe.

Was auch immer der genaue Grund fĂŒr den RĂŒcktritt des Forschungs- und Entwicklungsleiters war, er hat das Geheimnis um das Innenleben von Moderna und die FĂ€higkeit des Unternehmens, sein Versprechen, die Medizin zu „revolutionieren“, einzulösen, nur noch verstĂ€rkt. Außerdem werden dadurch mehr als nur ein paar Ähnlichkeiten zwischen Moderna und dem in Ungnade gefallenen Unternehmen Theranos deutlich. Theranos, dessen ehemalige Top-Managerin Elizabeth Holmes jetzt wegen Betrugs vor Gericht steht, war fĂŒr seine extreme Geheimhaltungskultur bekannt, die Investoren und GeschĂ€ftspartner im Dunkeln ließ, allen, die mit dem Unternehmen in Kontakt kamen, Geheimhaltungsvereinbarungen aufzwang und die Mitarbeiter durch eine extrem strenge Need-to-know-Politik „isoliert“ hielt. Wie Moderna wurde auch Theranos als revolutionĂ€res Unternehmen gepriesen, das „die Medizinbranche fĂŒr immer verĂ€ndern wird“. Auch die oberste FĂŒhrungskraft hatte keine Erfahrung im Gesundheitswesen oder in der Wissenschaft, doch beide Unternehmen feuerten oder zwangen Mitarbeiter/innen zur KĂŒndigung, die nicht mit ihrer Sichtweise ĂŒbereinstimmten oder keine „positiven“ Ergebnisse liefern konnten. Beide Unternehmen haben es auch versĂ€umt, in von Experten begutachteten Fachzeitschriften Beweise dafĂŒr zu veröffentlichen, dass die Wissenschaft, die hinter ihren milliardenschweren Unternehmen steht, mehr ist als nur Fantasie und ein ausgeklĂŒgeltes Verkaufsargument.

Der grĂ¶ĂŸte Unterschied zwischen Moderna und Theranos besteht wohl darin, dass Moderna, dessen zahlreiche Probleme und Herausforderungen erst nach dem Zusammenbruch von Theranos ans Licht kamen, nie in gleichem Maße von der US-Regierung oder investigativen Journalisten unter die Lupe genommen wurde. DafĂŒr gibt es viele mögliche GrĂŒnde, z. B. die enge Beziehung von Moderna zum US-Verteidigungsministerium ĂŒber die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) oder die Sorge, dass die Aufdeckung von Theranos jedes Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Silicon Valley und der Gesundheitsbranche auf den PrĂŒfstand stellen wĂŒrde. Eine solche Abrechnung wĂ€re fĂŒr Moderna jedoch wahrscheinlich unausweichlich gewesen, wenn die COVID-19-Krise nicht zu einem fĂŒr das Unternehmen ungĂŒnstigen Zeitpunkt gekommen wĂ€re.

Modernas „Software“ enthĂ€lt Bugs

Viele der Probleme, die Garde 2016 bei Moderna festgestellt hatte, plagten das Unternehmen bis zum Beginn der COVID-19-Krise. Das Hauptproblem war, dass Moderna nicht beweisen konnte, dass seine Technologie funktioniert und sicher ist. Die Bedenken ĂŒber die Sicherheit und Wirksamkeit der Produkte des Unternehmens, die ab 2017 öffentlich bekannt wurden, gingen in der Panikwelle um COVID-19 und der gleichzeitigen „Warp-Geschwindigkeit“ bei der Suche nach einem Impfstoff, der „die Pandemie beenden“ wĂŒrde, unter. Es gibt jedoch wenig bis gar keine Beweise dafĂŒr, dass diese einst anerkannten Bedenken berĂŒcksichtigt wurden, bevor die US-Regierung die Notfallzulassung fĂŒr den Impfstoff COVID-19 von Moderna erteilte und dieser nun in vielen LĂ€ndern der Welt eingesetzt wird. Im Gegenteil: Es gibt Beweise dafĂŒr, dass diese Bedenken sowohl vor als auch wĂ€hrend der Entwicklung des Impfstoffs vertuscht wurden.

Das BĂŒro von Moderna in Cambridge, Massachusetts [Wikipedia Commons]

In den Berichten, die im Januar 2017 auftauchten, hieß es, dass Moderna „beunruhigende Sicherheitsprobleme mit seiner ehrgeizigsten Therapie“ hatte und dass das Unternehmen „jetzt auf eine mysteriöse neue Technologie setzt, um sich ĂŒber Wasser zu halten“. Die fragliche „ehrgeizige Therapie“ sollte das Crigler-Najjar-Syndrom behandeln und „die erste Therapie mit einer kĂŒhnen neuen Technologie sein, von der Bancel versprach, dass sie im kommenden Jahrzehnt Dutzende von Medikamenten hervorbringen wĂŒrde“. Bancel hatte die Crigler-Najjar-Therapie als wichtiges Verkaufsargument gegenĂŒber den Anlegern verwendet, insbesondere im Jahr 2016, als er sie auf der JP Morgan Healthcare Conference anpries.

Doch Mitarbeiter von Alexion, dem Unternehmen, welches das Medikament gemeinsam mit Moderna entwickelt, verrieten 2017, dass sich das Projekt „nie als sicher genug erwiesen hat, um es am Menschen zu testen“ und dass das Scheitern dieser Therapie und der Technologieplattform, die sie nutzen sollte, Moderna dazu veranlasst hat, die Klasse der medikamentösen Therapien aufzugeben, die jahrelang die himmelhohe Bewertung des Unternehmens gerechtfertigt und Hunderte von Millionen an Investorengeldern angezogen hatte.

Aufgrund des Problems mit dem Crigler-Najjar-Medikament behaupteten die Medien, dass Moderna nun ein Wunder benötige, um seine Bewertung nicht zu gefĂ€hrden und seine Investoren von der Flucht abzuhalten. Die anhaltenden Probleme, die bereits in der STAT-Untersuchung von 2016 festgestellt wurden, wie z. B. das VersĂ€umnis von Moderna, aussagekrĂ€ftige Daten zur UnterstĂŒtzung seiner mRNA-Technologie zu veröffentlichen, verschlimmerten die zunehmend prekĂ€re Lage des Unternehmens noch. Nicht lange vor der Verschiebung der Crigler-Najjar-Therapie auf unbestimmte Zeit hatte Bancel Fragen zu Modernas Versprechen abgetan, indem er die mRNA als einfache Möglichkeit darstellte, schnell neue Behandlungsmethoden fĂŒr eine Vielzahl von Krankheiten zu entwickeln. Er erklĂ€rte, dass „mRNA wie eine Software ist: Man kann einfach an der Kurbel drehen und eine Menge Produkte in die Entwicklung bringen“. Wenn das der Fall wĂ€re, warum hatte das Unternehmen dann nach fast sieben Jahren noch kein Produkt auf dem Markt und warum war sein meistgepriesenes Projekt auf solche Hindernisse gestoßen? Ganz im Sinne von Bancels „Software“-Metapher war die Technologie von Moderna auf Fehler gestoßen, die möglicherweise nicht zu beheben waren.

Es stellte sich heraus, dass die medikamentöse Therapie von Crigler-Najjar, auf die Moderna so sehr gesetzt hatte, wegen des Lipid-Nanopartikelsystems gescheitert war, das fĂŒr den Transport der mRNA in die Zellen verwendet wurde. Crigler-Najjar war als Zielkrankheit ausgewĂ€hlt worden, weil die Moderna-Wissenschaftler es als „die am niedrigsten hĂ€ngende Frucht“ ansahen. Erstens wird das Syndrom durch einen bestimmten Gendefekt verursacht, zweitens ist das betroffene Organ, die Leber, am einfachsten mit Nanopartikeln zu behandeln und drittens – und das ist fĂŒr das Unternehmen am wichtigsten – wĂŒrde die Behandlung der Krankheit mit mRNA hĂ€ufige Dosen erfordern, was dem Unternehmen einen stetigen Einkommensstrom sichern wĂŒrde. Wenn Moderna also keine Therapie fĂŒr Crigler-Najjar entwickeln kann, bedeutet das, dass das Unternehmen auch keine Therapie fĂŒr andere Krankheiten entwickeln kann, die z. B. durch mehrere Gendefekte verursacht werden oder mehrere Organe betreffen oder die resistenter gegen nanopartikelbasierte Behandlungen sind, wenn sich das Unternehmen auf die ersten beiden GrĂŒnde konzentriert. Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass „Moderna seine Therapie [fĂŒr Crigler-Najjar] nicht zum Laufen bringen konnte“, bedeutete, dass es unwahrscheinlich war, dass auch die Therapien dieser ganzen Klasse funktionieren wĂŒrden.

In den Medienberichten ĂŒber die unbestimmte Verzögerung dieser speziellen Therapie hieß es: „Die unbestimmte Verzögerung des Crigler-Najjar-Projekts von Moderna signalisiert anhaltende und beunruhigende Sicherheitsbedenken fĂŒr jede mRNA-Behandlung, die in mehreren Dosen verabreicht werden muss“. Dieses Problem fĂŒhrte dazu, dass Moderna bald nur noch Behandlungen anstrebte, die in einer einzigen Dosis verabreicht werden konnten – bis zum Auftauchen von COVID-19 und der Debatte um den COVID-19-Impfstoffbooster. Es sei auch erwĂ€hnt, dass Moderna aufgrund der extremen Seltenheit des Crigler-Najjar-Syndroms selbst dann, wenn die Therapie erfolgreich auf den Markt gebracht worden wĂ€re, wahrscheinlich nicht genug Geld hĂ€tte einnehmen können, um das Unternehmen zu erhalten.

Das spezifische Problem, auf das Moderna bei der Behandlung des Crigler-Najjar-Syndroms stieß, hing mit dem von Moderna verwendeten Verabreichungssystem aus Lipid-Nanopartikeln zusammen. Ehemaligen Moderna-Mitarbeitern und ihren Kollegen bei Alexion zufolge „war die sichere Dosis zu schwach, und wiederholte Injektionen einer Dosis, die stark genug war, um wirksam zu sein, hatten in Tierversuchen beunruhigende Auswirkungen auf die Leber [das Zielorgan dieser speziellen Therapie]“. Mit diesem Problem hatte Moderna offenbar auch schon in anderen FĂ€llen zu kĂ€mpfen, wie damals veröffentlicht wurde. Laut STAT hatte das von Moderna verwendete Transportsystem immer wieder „eine große Herausforderung dargestellt: Wenn man zu wenig dosiert, bekommt man nicht genug Enzyme, um die Krankheit zu beeinflussen; wenn man zu viel dosiert, ist das Medikament zu giftig fĂŒr die Patienten.“

Moderna versuchte, die schlechte Presse ĂŒber die Verzögerung des Crigler-Najjar-Medikaments mit der Behauptung zu kompensieren, sie hĂ€tten ein neues Nanopartikel-Verabreichungssystem namens V1GL entwickelt, das „die mRNA sicherer verabreichen wird“. Diese Behauptungen fielen einen Monat, nachdem Bancel gegenĂŒber Forbes ein anderes Verabreichungssystem namens N1GL angepriesen hatte. In jenem Interview erklĂ€rte Bancel gegenĂŒber Forbes, dass das von Acuitas lizenzierte Verabreichungssystem „nicht sehr gut“ sei und dass Moderna „die Verwendung von Acuitas-Technologie fĂŒr neue Medikamente eingestellt“ habe. Wie in diesem Bericht und in Teil II dieser Serie nĂ€her erlĂ€utert wird, hat Moderna die von Acuitas lizenzierte Technologie jedoch offenbar auch bei spĂ€teren Impfstoffen und anderen Projekten, einschließlich des Impfstoffs COVID-19, weiter verwendet.

Ehemalige Moderna-Mitarbeiter und Personen, die der Produktentwicklung nahe standen, bezweifelten damals, dass diese neuen und vermeintlich sichereren Nanopartikel-Verabreichungssysteme ĂŒberhaupt von Bedeutung waren. Laut drei ehemaligen Angestellten und Mitarbeitern, die dem Prozess nahe standen und anonym mit STAT sprachen, hatte Moderna lange Zeit „an neuen Verabreichungstechnologien gearbeitet, in der Hoffnung, etwas Sichereres zu finden als das, was sie hatten“. Alle Befragten waren der Meinung, dass „N1GL und V1GL entweder ganz neue Entdeckungen sind, die sich erst im Anfangsstadium der Erprobung befinden, oder aber neue Namen, die auf Technologien geklebt wurden, die Moderna schon seit Jahren besitzt“. Alle haben sich anonym geĂ€ußert, da sie Geheimhaltungsvereinbarungen mit dem Unternehmen unterzeichnet haben, die strengstens eingehalten werden.

Ein ehemaliger Mitarbeiter sagte zu den angeblichen Versprechungen von N1GL und V1GL, dass diese Plattformen „auf wundersame Weise gerettet werden mĂŒssten, damit sie ihren Zeitplan einhalten können. . . . Entweder ist [Bancel] extrem zuversichtlich, dass es klappt, oder er wird langsam nervös, weil er angesichts der mangelnden Fortschritte etwas vorlegen muss.“

Stephen Hoge, Vorstandsvorsitzender von Moderna, und Melissa Moore, CSO von Moderna fĂŒr Plattformforschung Quelle: Moderna

Anscheinend lagen jene ehemaligen Mitarbeiter richtig, die glaubten, dass N1GL und V1GL neue Namen fĂŒr eine bereits existierende Technologie sind und dass Bancel deren Erfolgsaussichten ĂŒbertreibt, denn Moderna scheint zu dem problematischen Lipid-Nanopartikelsystem zurĂŒckzukehren, das es von Acuitas fĂŒr nachfolgende Therapien, einschließlich seines Impfstoffs COVID-19, lizenziert hatte. Wie wir in diesem Bericht und in Teil II dieser Serie untersuchen werden, gibt es keine Beweise dafĂŒr, dass Moderna jemals die Rechte fĂŒr ein sicheres mRNA-Transportsystem erworben oder ein solches entwickelt hat.

ZusĂ€tzlich zu den viel gepriesenen Versprechen von N1GL und V1GL als sicherere Behandlungen versprach Moderna, „neue und bessere Formulierungen“ fĂŒr die Crigler-Najjar-Therapie zu entwickeln, die zu einem spĂ€teren Zeitpunkt in Studien am Menschen eingesetzt werden könnten. Dies half, die schlechte Presse abzuwehren, aber nur fĂŒr ein paar Wochen. Einen Monat nach Bekanntwerden der Probleme mit der Crigler-Najjar-Therapie verließ der Leiter der Onkologieabteilung von Moderna, Stephen Kesley, das Unternehmen. Dies erfolgte zu einem Zeitpunkt, als Modernas erste Versuche mit seiner Krebstherapie am Menschen bevorstanden, was „ein FĂŒhrungsteam mit wenig Erfahrung in der Entwicklung von Medikamenten dazu zwang, die Zukunft des Unternehmens in diesem Bereich zu gestalten“. Nur wenige Wochen vor Kesleys Abgang hatte Bancel auf der JP Morgan Healthcare Conference im Januar 2017 in San Francisco kĂŒhn behauptet, dass die Onkologie die „nĂ€chste große Chance fĂŒr Moderna nach den Impfstoffen“ sei.

Im selben Monat, in dem Kesley das Unternehmen verließ, konnte Moderna auch anderweitig die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen, da das Unternehmen zum ersten Mal Daten in einer von Experten begutachteten Zeitschrift veröffentlichte. In der Fachzeitschrift Cell veröffentlichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten zu einem Tierversuch fĂŒr ihren Impfstoff-Kandidaten gegen Zika, der sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit bei MĂ€usen positiv belegte. Obwohl die Ergebnisse der Tierversuche nicht unbedingt auf den Menschen ĂŒbertragen werden können, wurden die Ergebnisse als „vielversprechend“ fĂŒr die von Moderna geplante klinische Studie des Impfstoffkandidaten am Menschen angesehen. DarĂŒber hinaus Ă€hnelten die Ergebnisse den Tierversuchsergebnissen, die der Moderna-Konkurrent BioNTech einen Monat zuvor fĂŒr seinen mRNA-Impfstoffkandidaten gegen Zika veröffentlicht hatte.

FĂŒr Moderna wurde die positive Nachricht jedoch durch ein negatives Urteil in einem Rechtsstreit getrĂŒbt, der Modernas FĂ€higkeit bedrohte, mit dem Zika-Impfstoff oder einem anderen von ihm entwickelten mRNA-Impfstoff jemals Gewinne zu erzielen – eine Bedrohung, mit der Modernas Konkurrenten wie BioNTech nicht konfrontiert waren. Das Urteil, auf das wir weiter unten in diesem Bericht nĂ€her eingehen, schrĂ€nkte Modernas Nutzung des Lipid-Nanopartikelsystems, fĂŒr das das Unternehmen von Acuitas eine Lizenz erhalten hatte, stark ein und bedrohte direkt die FĂ€higkeit des Unternehmens, ein gewinnbringendes Produkt zu entwickeln, das auf dem geistigen Eigentum der entsprechenden Patente basiert. Damit begann ein jahrelanger Rechtsstreit, in dem immer wieder die Vermutung geĂ€ußert wurde, dass die Versprechungen von V1GL und N1GL entweder frei erfunden oder stark ĂŒbertrieben waren, wie ehemalige Moderna-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen behauptet hatten.

Nicht lange danach, im Juli 2017, wurde Moderna von einer weiteren Welle schlechter Presse heimgesucht, als der Partner des Crigler-Najjar-Ventures, Alexion, die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen komplett einstellte. Moderna spielte die Entscheidung von Alexion herunter und behauptete, es habe sich „umfangreiches Wissen“ angeeignet, das es ihm erlaube, die Entwicklung der in Schwierigkeiten geratenen Therapie allein fortzusetzen. Dennoch kam die Entscheidung von Alexion zu einem ungĂŒnstigen Zeitpunkt fĂŒr das Unternehmen, da einer der Top-Investoren von Moderna nur zwei Wochen zuvor seine Bewertung des Unternehmens um fast 2 Milliarden Dollar gesenkt hatte, weil Moderna angeblich „seinem eigenen Hype nicht gerecht werden konnte“. Es kursierten Berichte, wonach „Modernas Investoren den Glauben an die Zukunft des Unternehmens verlieren könnten“.

In der Tat war das Medikament gegen das Crigler-Najjar-Syndrom nicht das einzige, das sich zu diesem Zeitpunkt als „zu schwach oder zu gefĂ€hrlich fĂŒr klinische Studien“ erwiesen hatte, wie ehemalige Mitarbeiter und Partner berichteten. Das anhaltende Problem, das wiederum mit dem Nanopartikel-Verabreichungssystem zusammenhing, das Moderna von Acuitas lizenziert hatte, hatte das Unternehmen gezwungen, seit der Verzögerung der Crigler-Najjar-Therapie „Impfstoffen den Vorrang zu geben, die nur einmal verabreicht werden können und so die Sicherheitsprobleme vermeiden, die ehrgeizigere Projekte geplagt haben“.

Diese „Impfstoffe“ bzw. Einzeltdosisherapien wurden jedoch als nicht so lukrativ angesehen wie die medikamentösen Therapien, die Moderna seit langem versprochen hatte und die seine milliardenschwere Bewertung untermauerten, so dass das Unternehmen sich gezwungen sah, „hoch auf einen Verlustbringer zu wetten“. Problematisch war auch, dass Moderna hinter seinen Konkurrenten auf dem Gebiet der mRNA-Impfstoffe zurĂŒckblieb und dass das angebliche Versprechen seiner Technologie, brauchbare Impfstoffe herzustellen, zu diesem Zeitpunkt nur durch eine einzige, kleine Studie „bewiesen“ war. Wie das Boston Business Journal feststellte, handelte es sich bei dieser Studie um eine „frĂŒhe Studie am Menschen, die in erster Linie dazu diente, die Sicherheit eines Impfstoffs gegen die Vogelgrippe zu bewerten“. Moderna hatte behauptet, dass die Studie zwar die Sicherheit des Impfstoffs bewerten sollte, dass sie aber auch „den Nachweis erbracht hat, dass der Impfstoff wirksam ist und keine grĂ¶ĂŸeren Nebenwirkungen hat“. Wie wir spĂ€ter noch sehen werden, bedrohte der Rechtsstreit um das von Acuitas lizenzierte Lipid-Nanopartikelsystem Modernas FĂ€higkeit, mit irgendeinem mRNA-Impfstoff, den es durch die Studien und das staatliche Zulassungsverfahren bringen konnte, jemals Gewinn zu machen, und ließ die Zukunft des Unternehmens ziemlich dĂŒster erscheinen.

Trotz positiver Presse blieben Fragen offen

Im September 2017 gab Moderna auf einer geschlossenen Investorenveranstaltung, die verhindern sollte, dass weitere Großinvestoren das Unternehmen abwerten oder das Schiff verlassen, weitere Einblicke in eine kĂŒrzlich veröffentlichte Pressemitteilung zu den Studienergebnissen einer Therapie, die das Herzgewebe nachwachsen lassen soll, indem sie die Produktion eines als VEGF bekannten Proteins ankurbelt. In der Pressemitteilung, die in den Medien fĂŒr positive Schlagzeilen sorgte, hieß es, dass sich die Therapie in einer Studie mit 44 Patienten als sicher erwiesen habe. Doch weder aus der Pressemitteilung noch aus den Daten, die Moderna den Investoren auf der Klausurtagung vorlegte, ging hervor, wie viel Protein die Patienten durch die Therapie produzierten, so dass die Wirksamkeit der Therapie im Dunkeln blieb. In den Medienberichten ĂŒber das Investorentreffen hieß es: „Da Moderna diesen entscheidenden Datenpunkt nicht veröffentlicht hat, können Außenstehende nicht beurteilen, wie groß das therapeutische Potenzial sein könnte.“

Die Ergebnisse schienen zwar die Bedenken ĂŒber die Sicherheit der Moderna-Technologie zu zerstreuen, erweckten jedoch bei vielen Anwesenden nicht gerade Vertrauen. Mehrere Teilnehmer vertrauten Reportern spĂ€ter an, dass die PrĂ€sentation von Moderna sie „nicht wirklich beeindruckt“ habe, da diese lediglich „die Frage aufgeworfen hat, ob das Unternehmen seinem eigenen Hype gerecht werden kann“.

Ein weiteres Problem ist, dass die Bewertung von Moderna durch das Versprechen untermauert wurde und wird, Produkte fĂŒr seltene Krankheiten herzustellen, die lebenslang wiederholte Injektionen erfordern. Die VEGF-Therapie, fĂŒr die Moderna auf diesem Treffen warb, sollte nur eine einmalige Injektion sein, und so löste der Nachweis ihrer Sicherheit nicht das Problem, dass keines der Moderna-Produkte mit mehreren Dosen sich als sicher genug erwiesen hat, um am Menschen getestet zu werden. Die geschlossene Investorenveranstaltung machte deutlich, dass Moderna dieses anhaltende Problem vermeiden will, indem es Impfstoffen mit nur einer Dosis PrioritĂ€t einrĂ€umt.

Wie STAT seinerzeit feststellte:

Die Investoren-PrĂ€sentation machte auch deutlich, dass Moderna Impfstoffen PrioritĂ€t einrĂ€umt. Sie lassen sich leichter aus mRNA entwickeln, weil die Patienten nur eine Dosis benötigen, wodurch einige der Sicherheitsprobleme, die bei ehrgeizigeren Projekten wie Therapien fĂŒr seltene Krankheiten aufgetreten sind, vermieden werden können.

Die Umstellung auf Impfstoffe war jedoch fĂŒr viele Investoren ein wunder Punkt, da Impfstoffe als „margenschwache Produkte“ angesehen werden, „die nicht annĂ€hernd die Gewinne erwirtschaften können, die in lukrativeren Bereichen wie seltene Krankheiten und Onkologie erzielt werden“. Das sind, wie bereits erwĂ€hnt, genau die Bereiche, auf denen Modernas enorme Bewertung beruhte, fĂŒr die das Unternehmen aber keine sicheren und wirksamen Therapien entwickeln konnte. Moderna war sich dieser Bedenken seiner aktuellen und potenziellen Investoren bewusst und versuchte, auf derselben Veranstaltung erfolgversprechende Aussagen ĂŒber seine BemĂŒhungen im Bereich Onkologie zu machen. Über den Zeitplan der Studien und andere wichtige Daten schwieg sich das Unternehmen jedoch aus und blieb damit seinem langjĂ€hrigen Ruf als GeheimniskrĂ€mer sowohl gegenĂŒber Insidern als auch gegenĂŒber der Öffentlichkeit treu. Es ist sicherlich bezeichnend, dass Moderna auf einer Veranstaltung, die nicht nur fĂŒr die Öffentlichkeit und die Presse geschlossen war, sondern auch bestehende Investoren beruhigen und neue Investoren anlocken sollte, so geheimnisvoll mit SchlĂŒsseldaten umging. Wenn Moderna sich weigerte, den Investoren wichtige Daten zu zeigen, obwohl es verzweifelt versuchte, sie an Bord zu halten, deutet das darauf hin, dass das Unternehmen entweder etwas zu verbergen oder aber nichts vorzuweisen hatte.

Die zunehmend schwierige interne Situation von Moderna, trotz der durchweg rosigen PR, eskalierte einen Monat spĂ€ter, als Berichte ĂŒber die plötzlichen RĂŒcktritte des Leiters der Chemieabteilung, des Leiters der Herz-Kreislauf-Abteilung und des Leiters der Abteilung fĂŒr seltene Krankheiten auftauchten. Diese RĂŒcktritte, die gegen Ende 2017 erfolgten, folgten auf die öffentlichkeitswirksamen RĂŒcktritte des Unternehmens, die 2016 in der STAT-EnthĂŒllung von Damian Garde erwĂ€hnt wurden.

Einige Monate spĂ€ter, im MĂ€rz 2018, verließ auch Giuseppe Ciaramella, der Chief Scientific Officer der Impfstoffsparte von Moderna, das Unternehmen. Ciaramella leitete in dieser kritischen Phase nicht nur die Impfstoffentwicklung, er war auch der erste Moderna-Manager, der die Technologie des Unternehmens fĂŒr die Entwicklung von Impfstoffen vorgeschlagen hatte – eine Idee, auf die das Unternehmen nun alles setzte. Man kann sich nur fragen, ob Bancels Tendenz, Mitarbeiter und FĂŒhrungskrĂ€fte zu entlassen, die „die Wissenschaft nicht zum Laufen bringen konnten“, ein Faktor bei diesen hochkarĂ€tigen RĂŒcktritten war, einschließlich dem von Ciaramella.

Jahrelanger juristischer Hickhack

Bisher hat sich dieser Bericht vor allem darauf konzentriert, wie Modernas extreme Geheimhaltung offenbar dazu diente, grĂ¶ĂŸere Probleme mit der Technologie und der Produktpipeline zu verschleiern und abzumildern, und wie diese Probleme nach dem Börsengang des Unternehmens und unmittelbar vor der COVID-Krise ihren Höhepunkt erreichten. Die Herausforderung, Produkte zu entwickeln, die funktionieren und sich in der klinischen Praxis bewĂ€hren, ist jedoch nur eines von mindestens zwei großen Problemen, mit denen Moderna als Unternehmen konfrontiert ist. TatsĂ€chlich war Moderna wĂ€hrend des oben beschriebenen Zeitraums in aggressive Rechtsstreitigkeiten in Bezug auf geistiges Eigentum und Patente verwickelt. Diese Rechtsangelegenheiten betreffen das Lipid-Nanopartikelsystem, das Berichten zufolge auch die Ursache fĂŒr Modernas Sicherheits- und Produktpipelineprobleme war.

Wie bereits erwĂ€hnt, wurde das Lipid-Nanopartikelsystem, das in vielen Moderna-Therapien verwendet wird, von Acuitas in Lizenz vergeben. Acuitas hatte dieses System jedoch von einem anderen Unternehmen lizenziert, nĂ€mlich von Arbutus, das 2016 klagte und dabei geltend machte, dass die Unterlizenz von Acuitas an Moderna illegal sei. Arbutus gewann den Prozess, was 2017 zu einer einstweiligen VerfĂŒgung fĂŒhrte, die Acuitas daran hinderte, weitere Unterlizenzen fĂŒr die Lipid-Nanopartikeltechnologie zu vergeben. Ein Vergleich zwischen Acuitas und Arbutus im Jahr 2018 beendete die Lizenz von Acuitas und beschrĂ€nkte die Nutzung der Technologie durch Moderna auf vier gegen bereits identifizierte Viren gerichtete Impfstoffkandidaten.

Bancel von Moderna erklĂ€rte 2017 gegenĂŒber Forbes, dass das System von Acuitas/Arbutus nur mittelmĂ€ĂŸig sei und dass Moderna sein eigenes, verbessertes Verabreichungssystem entwickle, das nicht gegen das geistige Eigentum von Arbutus verstoße (die bereits erwĂ€hnten Systeme N1GL und V1GL). Kurz nachdem Bancel diese Behauptungen aufgestellt hatte, widersprach die Arbutus-FĂŒhrung diesen Aussagen und erklĂ€rte, dass das Unternehmen alle Patente, Veröffentlichungen und PrĂ€sentationen von Moderna zu diesen „neuen“ Verabreichungssystemen geprĂŒft und nichts daran gefunden habe, was nicht ihr eigenes geistiges Eigentum betreffe. Selbst ehemalige Moderna-Mitarbeiter bezweifelten, wie bereits erwĂ€hnt, dass N1GL und V1GL sich von dem Acuitas/Arbutus-System unterschieden, was bedeutet, dass Moderna – trotz der Behauptungen von Bancel – ungelöste rechtliche Probleme im Zusammenhang mit diesen Nanopartikeln hatte, die zusammen mit den ToxizitĂ€tsproblemen die Produktkandidaten von Moderna behinderten.

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwÀhnen, dass nur Moderna seit Jahren in einem Rechtsstreit mit Acuitas/Arbutus um das geistige Eigentum an den LNP steckt, wÀhrend die anderen Hauptproduzenten von mRNA-Covid-19-Impfstoffen, Pfizer/BioNTech und CureVac, ebenfalls wichtige Aspekte derselben von Arbutus stammenden Technologie nutzen. BioNTech hat die LNPs jedoch in einer Weise lizenziert, dass Probleme wie jene von Moderna vermieden werden.

Neben den bereits erwĂ€hnten Sicherheitsproblemen bedrohte auch dieser Rechtsstreit die ÜberlebensfĂ€higkeit von Moderna als Unternehmen. Nachdem Moderna bereits gezwungen war, sich auf den Impfstoffmarkt zu beschrĂ€nken und die seit langem in Aussicht gestellten, lukrativeren und „revolutionĂ€ren“ mRNA-Therapien aufzugeben, bewegte sich das Unternehmen zudem stetig auf eine Position zu, in der es nicht mehr berechtigt war, Impfstoffe zu verkaufen, die auf der von Arbutus patentierten und von Acuitas lizenzierten Technologie beruhten. In dieser Situation war Moderna gezwungen, direkt mit Arbutus ĂŒber eine neue Lizenz zu verhandeln, wobei sich das Unternehmen allerdings in einer schwachen Verhandlungsposition befand.

Seit dem ersten Gerichtsverfahren im Jahr 2016 streiten Moderna und Arbutus weiterhin ĂŒber die Nanopartikel und darĂŒber, wer die Rechte daran innehĂ€lt. Moderna hat drei Arbutus-Patente beim US-Patent- und Markenamt angefochten, mit gemischten Ergebnissen. Zugleich behauptete Moderna aber auch, dass seine Technologie „nicht von den Arbutus-Patenten abgedeckt“ sei, was zahlreiche Beobachter und Reporter dazu veranlasste, Fragen zu stellen wie: „Warum hat [Moderna] dann ĂŒberhaupt rechtliche Schritte gegen Arbutus eingeleitet?“

Moderna beantwortete diese Frage mit der Behauptung, Arbutus nur wegen dessen frĂŒherer „Aggressionen“ ins Visier genommen zu haben. Trotz dieser Behauptungen zeigen der Aufwand und die Kosten, die mit der gerichtlichen Anfechtung verbunden sind, dass Moderna die Bedrohung durch Arbutus’ AnsprĂŒche auf geistiges Eigentum zumindest sehr ernst nimmt. Die eigentliche Antwort scheint darin zu liegen, dass Moderna zwar öffentlich behauptet, seine Lipid-Nanopartikel-Terchnologie unterscheide sich ausreichend von dem von Arbutus patentierten System, jedoch nicht bereit ist, vor Gericht, gegenĂŒber den eigenen Investoren oder der Öffentlichkeit zu belegen, dass ihre LNP-Technologie tatsĂ€chlich anders ist. Die jĂŒngsten Wendungen dieses langwierigen Rechtsstreits, einschließlich einer entscheidenden Entscheidung im Jahr 2020, die fĂŒr Moderna sehr ungĂŒnstig ausfiel, werden in Teil II dieser Serie behandelt..

Alles fĂŒr die StĂŒtzung eines fallenden Aktienkurses

Nasdaq-GebÀude am Tag des Börsengangs von Moderna 2018. Quelle: Nasdaq

Kurz vor Ciaramellas RĂŒcktritt hatte Moderna laut Medienberichten behauptet, „die wissenschaftlichen Probleme gelöst zu haben, die seine frĂŒheren mRNA-Behandlungen zu giftig fĂŒr klinische Versuche machten“. In diesen Berichten wurde auch behauptet, dass „Moderna glaubt, wieder auf Kurs zu sein“, obwohl das Unternehmen keine Beweise fĂŒr diese Behauptung vorlegte. Nichtsdestotrotz ermöglichte die Zusage dem Unternehmen den Abschluss einer neuen Finanzierungsrunde, bei der es zusĂ€tzliche 500 Millionen Dollar von „einem in der Biotechnologie ungewöhnlichen Investorenkonsortium“ erhielt, zu dem auch die Regierungen von Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten gehörten. Einige Beobachter/innen fragten sich, wie Moderna so viel Geld auftreiben konnte, obwohl die wissenschaftliche Grundlage fĂŒr die hohe Bewertung des Unternehmens noch nicht geklĂ€rt war.

Die Antwort folgte auf dem Fuße: Aus Modernas vertraulicher Powerpoint-PrĂ€sentation fĂŒr Investoren, die durch Damian Garde von STAT öffentlich gemacht wurde, ging hervor, dass das Unternehmen prognostiziert hatte, bis dahin nur an MĂ€usen getestete Medikamente wĂŒrden bald Milliarden wert sein und seine Impfstoffeinnahmen wĂŒrden sich auf jĂ€hrlich 15 Milliarden Dollar belaufen. Die PrĂ€sentation wurde von einem skeptischen Investor als „ziemlich absurd“ bezeichnet; sie sei „auf hoffnungsvolle Generalisten ausgerichtet, die von Großem trĂ€umen können“. Daraus wurde deutlich, weshalb die letzte Finanzierungsrunde des Unternehmens sich eher an „unkonventionelle“ Biotech-Investoren gewendet hatte, und nicht an erfahrene, auf die Branche fokussierte Investoren. Ein erfahrener Biotech-Investor, der aufgrund der Vertraulichkeit des PrĂ€sentationsmaterials anonym sprach, erklĂ€rte: „Das Dokument wurde entwickelt, um einer Gruppe von eher unbedarften Investoren die ‚Wir werden groß sein‘-Geschichte zu erzĂ€hlen – und das gelingt wunderbar. … Es enthĂ€lt gerade genug wissenschaftliche Informationen, um das GefĂŒhl zu vermitteln, dass sie wĂŒssten, was sie tun, aber nicht genug, um technische Fragen aufkommen zu lassen.“

Moderna-PrĂ€sentation fĂŒr branchenferne Investoren (stupid money)

Nach Ansicht von Teinehmern an Modernas PrĂ€sentation war das Unternehmen „sehr großzĂŒgig mit den Annahmen zur MarktgrĂ¶ĂŸe seiner Programme“. Ein ehemaliger Moderna-Kooperationspartner schĂ€tzte den realen Wert einer Behandlung, von der das Unternehmen behauptete, sie sei jĂ€hrlich Milliarden wert, auf eher „100 bis 250 Millionen Dollar“. Und selbstverstĂ€ndlich steht diese UmsatzschĂ€tzung noch unter dem Vorbehalt, dass die Behandlung, die bisher nur an MĂ€usen getestet wurde, ĂŒberhaupt irgendwann beim Menschen funktioniert. Ein ehemaliger Moderna-Mitarbeiter aus der Abteilung fĂŒr seltene Krankheiten erklĂ€rte damals, dass Moderna „weiterhin ĂŒberstĂŒrzt das Potenzial fĂŒr einen breiten Einsatz von mRNA verspricht, bevor es ĂŒberhaupt irgendwelche Erkenntnisse gibt, die ĂŒber Impfstoffe oder sehr frĂŒhe Versuche an MĂ€usen hinausgehen“.

Auch wenn Moderna „unbedarfte“ und/oder „unkonventionelle“ Investoren fĂŒr seine Finanzierungsrunde Anfang 2018 gewinnen konnte, so scheint doch eines der wichtigsten Versprechen, mit denen das Unternehmen Investoren gewinnen konnte, nĂ€mlich dass es das Problem der ToxizitĂ€t der Nanolipidpartikel gelöst habe, nicht der Wahrheit zu entsprechen.

In einer Einreichung bei der Securities and Exchange Commission vom November 2018, Monate nachdem Moderna behauptet hatte, die Probleme mit seinem Lipid-Nanopartikel-TrÀgersystem gelöst zu haben, machte das Unternehmen mehrere Behauptungen, die im Widerspruch zu seiner angeblichen Entwicklung einer neuen, sichereren Nanopartikeltechnologie zu stehen scheinen.

Zum Beispiel heißt es in dem Antrag auf Seite 33:

Die meisten unserer PrĂŒfmedikamente werden in einem LNP [Lipid-Nanopartikel] formuliert und verabreicht, was zu systemischen Nebenwirkungen fĂŒhren kann, die mit den Bestandteilen des LNP zusammenhĂ€ngen und möglicherweise noch nie am Menschen getestet wurden. Obwohl wir unsere LNPs weiter optimiert haben, kann es keine Garantie dafĂŒr geben, dass unsere LNPs keine unerwĂŒnschten Wirkungen haben werden. Unsere LNPs könnten ganz oder teilweise zu einer oder mehreren der folgenden Reaktionen beitragen: Immunreaktionen, Infusionsreaktionen, Komplementreaktionen, Opsonierungsreaktionen, Antikörperreaktionen, einschließlich IgA, IgM, IgE oder IgG oder einer Kombination davon, oder Reaktionen auf das PEG einiger Lipide oder auf anderweitig mit dem LNP verbundene PEG.

Bestimmte Aspekte unserer PrĂŒfmedikamente können Immunreaktionen auf die mRNA oder das Lipid sowie unerwĂŒnschte Reaktionen innerhalb der Leberwege oder auf den Abbau der mRNA oder des LNP auslösen, welche beide erhebliche Nebenwirkungen in einer oder mehreren unserer klinischen Studien verursachen könnten. Viele dieser Arten von Nebenwirkungen wurden bereits bei frĂŒheren LNPs beobachtet. Dies wĂŒrde eine genaue Vorhersage von Nebenwirkungen in zukĂŒnftigen klinischen Studien erschweren und zu erheblichen Verzögerungen in unseren Programmen fĂŒhren. (Hervorhebung hinzugefĂŒgt)

Hervorhebung hinzugefĂŒgt

Diese Aussagen lassen darauf schließen, dass Moderna sich nicht sicher war, ob ihr derzeitiges System zur Verabreichung von Lipid-Nanopartikeln sicherer ist als das System, das zu der unbestimmten Verzögerung der Crigler-Najjar-Therapie fĂŒhrte. Außerdem deutet der Hinweis auf „unerwĂŒnschte Wirkungen in der Leber“, einer der HauptgrĂŒnde fĂŒr die Verzögerung der Crigler-Najjar-Therapie, darauf hin, dass man sich weiterhin auf die von Acuitas unterlizenzierte Technologie verlĂ€sst. Wie in Teil II dargelegt wird, scheint auch der Moderna-Impfstoff COVID-19 eben jene umstrittene Acuitas-Technologie zu verwenden, die Moderna jahrelang erhebliche sicherheitstechnische, rechtliche und finanzielle Bedenken bereitet hat.

Der SEC-Antrag vom November 2018 enthĂ€lt weitere erwĂ€hnenswerte Aussagen ĂŒber das Lipid-Nanopartikel-Transportsystem, dessen Probleme angeblich gelöst sein sollten:

Wenn in einer unserer aktuellen oder zukĂŒnftigen klinischen Studien erhebliche unerwĂŒnschte Ereignisse oder andere Nebenwirkungen beobachtet werden, könnten wir Schwierigkeiten haben, Studienteilnehmer fĂŒr unsere klinischen Studien zu rekrutieren, Studienteilnehmer könnten sich aus den Studien zurĂŒckziehen oder wir könnten gezwungen sein, die Studien oder unsere EntwicklungsbemĂŒhungen fĂŒr einen oder mehrere Entwicklungskandidaten oder PrĂŒfmedikamente ganz einzustellen. . . .

Selbst wenn die Nebenwirkungen die Zulassung des Medikaments nicht ausschließen, kann ein ungĂŒnstiges Nutzen-Risiko-VerhĂ€ltnis die Marktakzeptanz des zugelassenen Produkts aufgrund seiner VertrĂ€glichkeit im Vergleich zu anderen Therapien behindern. Jede dieser Entwicklungen könnte unser GeschĂ€ft, unsere finanzielle Lage und unsere Aussichten erheblich beeintrĂ€chtigen.

Diese Aussagen sind insofern bedeutsam, als sie zumindest einen Grund fĂŒr Modernas langjĂ€hrige Tendenz zur Geheimhaltung bei der Veröffentlichung von Daten ĂŒber seine Behandlungen offenlegen, da das öffentliche Wissen ĂŒber die anhaltenden Herausforderungen seiner Technologie die FĂ€higkeit des Unternehmens gefĂ€hrden wĂŒrde, Studienteilnehmer, Investoren und spĂ€ter auch Verbraucher fĂŒr sich zu gewinnen.

Etwa einen Monat, nachdem diese beunruhigenden EingestĂ€ndnisse im Kleingedruckten gemacht wurden, gelang Moderna im Dezember 2018 ein rekordverdĂ€chtiger Börsengang. FĂŒr diesen Börsengang hatte Moderna die Dienste von elf Investmentbanken in Anspruch genommen, was Berichten zufolge „doppelt so viele sind wie bei Biotech-Angeboten ĂŒblich“. Der Aktienwert des Unternehmens stĂŒrzte jedoch nur wenige Stunden nach dem Börsengang ab, „ein Zeichen dafĂŒr, dass das Unternehmen und die Konsortialbanken die Nachfrage nach dem hoch bewerteten Unternehmen ĂŒberschĂ€tzt haben könnten.“ Einen Monat nach dem Börsengang setzte die Moderna-Aktie ihren AbwĂ€rtstrend fort und tat damit „genau das Gegenteil von dem, was Privatanleger bei einem Börsengang erwarten“. Diejenigen, die diese Entwicklung vor dem Börsengang von Moderna vorausgesagt hatten, hatten auch davor gewarnt, dass dieser AbwĂ€rtstrend wahrscheinlich bis Anfang 2020, wenn nicht lĂ€nger, anhalten wĂŒrde. Skeptiker wie Damian Garde von STAT hatten bereits vor dem Börsengang von Moderna davor gewarnt, dass der sinkende Aktienwert des Unternehmens wahrscheinlich das ganze Jahr 2019 ĂŒber anhalten wĂŒrde, weil es „anscheinend keine neuen Nachrichten gibt“, da „die Dynamik in der Biotechnologie, ob positiv oder negativ, von Katalysatoren bestimmt wird“ und „Moderna ein ziemlich ruhiges Jahr 2019 bevorsteht“.

In der Zwischenzeit gab es warnende Medienberichte, wie schon seit Jahren, dass Moderna trotz seines neunjĂ€hrigen Bestehens „noch immer ganz am Anfang seiner BemĂŒhungen steht, das Potenzial seiner Technologie zu beweisen“. In diesen Berichten wurde auch darauf hingewiesen, dass Moderna nach fast einem Jahrzehnt im GeschĂ€ft nicht in der Lage sei, den Wert seiner Technologie unter Beweis zu stellen, weil das Unternehmen „bei seinen anfĂ€nglichen BemĂŒhungen, mRNA in wiederholt verabreichbare Medikamente umzuwandeln, Schwierigkeiten hatte und sich deshalb auf Impfstoffe verlegt hat, bei denen eine ein- oder zweimalige Verabreichung genĂŒgt“. Investoren auf der JP Morgan Gesundheitskonferenz 2019 Ă€ußerten die BefĂŒrchtung, dass „Moderna die verbleibenden Risiken im Zusammenhang mit mRNA noch nicht beseitigt hat und das Unternehmen selbst bei seiner niedrigen Bewertung einfach zu teuer ist“. Andere vertrauten Reportern an, dass sie „die FĂŒĂŸe stillhalten werden, bis Moderna entweder mit vielversprechenden Humandaten aufhorchen lĂ€sst, oder deutlich billiger wird“.

Einige Wochen spĂ€ter nahm Bancel von Moderna zusammen mit Paul Stoffels, dem GeschĂ€ftsfĂŒhrer von Johnson & Johnson, und anderen fĂŒhrenden Vertretern aus der Pharma- und Biotechnologiebranche an der Jahrestagung 2019 des Weltwirtschaftsforums teil, um „mit fĂŒhrenden Persönlichkeiten aus der ganzen Welt ĂŒber die Zukunft des Gesundheitswesens zu sprechen“. Auch der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, und der „Philanthrop fĂŒr globale Gesundheit“ Bill Gates, dessen Stiftung 2016 mit Moderna ein „Rahmenabkommen fĂŒr globale Gesundheitsprojekte“ schloss, um „mRNA-basierte Entwicklungsprojekte fĂŒr verschiedene Infektionskrankheiten voranzutreiben“, waren anwesend. Die Bill & Melinda Gates Foundation ist die einzige Stiftung, die auf der Moderna-Website als „strategischer Kooperationspartner“ aufgefĂŒhrt ist. Unter den weiteren „strategischen Partnern“ sind die Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) der US-Regierung, die DARPA des US-MilitĂ€rs sowie die Pharmariesen AstraZeneca und Merck.

Moderna hatte sich schon wenige Jahre nach seiner GrĂŒndung im Jahr 2013 mit dem WEF zusammengetan, als das Unternehmen in die Gemeinschaft der Global Growth Companies (GGC) des Forums aufgenommen wurde. In jenem Jahr war Moderna eines von nur drei nordamerikanischen Gesundheitsunternehmen, denen diese Ehre zuteil wurde, und wurde zusĂ€tzlich vom Forum als „BranchenfĂŒhrer bei innovativen mRNA-Therapeutika“ anerkannt. „Wir fĂŒhlen uns geehrt, fĂŒr unsere BemĂŒhungen zur Weiterentwicklung unserer Plattform anerkannt zu werden und sicherzustellen, dass ihr Potenzial auf globaler Ebene ausgeschöpft wird, und wir freuen uns darauf, ein Mitglied der Gemeinschaft des Weltwirtschaftsforums zu sein“, sagte Bancel damals.

Stéphane Bancel auf der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums, Januar 2020. Quelle: WEF

Als Global Growth Company des WEF arbeitet Moderna seit 2013 eng und regelmĂ€ĂŸig mit dem Forum zusammen, sowohl beim Jahrestreffen der New Champions in China als auch bei den regionalen Treffen des WEF. Außerdem hat das Unternehmen Zugang zur exklusiven Networking-Plattform des WEF, die ihm einen privilegierten Zugang zu den mĂ€chtigsten Wirtschafts- und RegierungsfĂŒhrern der Welt verschafft. DarĂŒber hinaus bietet das Forum diesen sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlten Unternehmen die Möglichkeit, „die globale, regionale und branchenspezifische Agenda mitzugestalten und sich ĂŒber Wege zu einem nachhaltigen und verantwortungsvollen Wachstum auszutauschen“. Die Liste dieser Unternehmen stellt im Wesentlichen ein Konsortium von Unternehmen dar, die vom Forum gefördert und geleitet werden, weil sie sich fĂŒr die „Verbesserung des Zustands der Welt“ einsetzen, d.h. weil sie die langfristigen Ziele des Forums fĂŒr die Weltwirtschaft und die globale Governance unterstĂŒtzen.

Im April 2019 veröffentlichte Moderna einige Informationen ĂŒber Änderungen an seinen Lipid-Nanopartikeln (die in Teil II ausfĂŒhrlicher behandelt werden). Einen Monat spĂ€ter, im Mai 2019, veröffentlichte Moderna in der Fachzeitschrift Vaccine vielversprechende Ergebnisse zu Phase-1-Daten von mRNA-Impfstoffkandidaten gegen „zwei potenzielle pandemische GrippestĂ€mme“, die in zwei Dosen im Abstand von drei Wochen verabreicht wurden. In der Pressemitteilung des Unternehmens zu der Studie heißt es, dass „die zukĂŒnftige Entwicklung des Moderna-Programms fĂŒr pandemische Grippe von staatlichen oder anderen ZuschĂŒssen abhĂ€ngt“, was darauf hindeutet, dass das Unternehmen die Studienergebnisse nutzen wird, um bei der Regierung um Mittel fĂŒr die FortfĂŒhrung dieses speziellen Programms zu werben.

Bemerkenswert ist, dass zur gleichen Zeit, als diese Ergebnisse veröffentlicht wurden, das Office of the Assistant Secretary for Preparedness and Response des US-Gesundheitsministeriums, das damals von Robert Kadlec geleitet wurde, mitten in der DurchfĂŒhrung von Crimson Contagion steckte, einer mehrmonatigen Simulation einer globalen Pandemie mit einem Grippestamm, der in China seinen Ursprung hat und sich ĂŒber den Luftverkehr weltweit ausbreitet. Der Stamm H7N9, der im Mittelpunkt der Simulation stand, ist einer derjenigen StĂ€mme, die in der Moderna-Studie verwendet wurden. Moderna veröffentlichte diese Ergebnisse am 10. Mai, nur vier Tage bevor die Simulation Crimson Contagion ihr behördenĂŒbergreifendes Seminar abhielt. Die BARDA, die dem ASPR-BĂŒro untersteht, ist ein wichtiger strategischer VerbĂŒndeter von Moderna und hat die in dieser Pressemitteilung erwĂ€hnten „potenziellen pandemischen Grippeimpfstoffe“ gegen H10N8- und H7N9-Infektionen mitentwickelt.

Crimson Contagion ist aus mehreren GrĂŒnden bemerkenswert, vor allem wegen Kadlecs eigener Geschichte mit den Dark Winter-Simulationen, die den MilzbrandanschlĂ€gen von 2001 vorausgingen und diese auf beĂ€ngstigende Weise vorhersagten.Wie in einer frĂŒheren TLAV/Unlimited Hangout-Recherche ausfĂŒhrlich erörtert, retteten die MilzbrandanschlĂ€ge von 2001 den Milzbrandimpfstoffhersteller BioPort, jetzt Emergent Biosolutions, vor dem sicheren Ruin, Ă€hnlich wie es die COVID-Krise fĂŒr Moderna tat.

Einen Monat spĂ€ter, im Juni 2019, sorgte Moderna erneut fĂŒr positive Schlagzeilen, als es sein DebĂŒt auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology gab, auf der es seine FĂ€higkeit zur Herstellung personalisierter Krebstherapien vorstellte, die sowohl vor als auch nach dem rekordverdĂ€chtigen Börsengang die Investoren ĂŒberzeugt hatte. Es war das erste Mal, dass das Unternehmen öffentlich Daten zu einer Krebsbehandlung vorstellte, und diese spezielle Behandlung wurde gemeinsam mit Merck entwickelt. Die Daten zeigten positive Ergebnisse bei der Verhinderung von RĂŒckfĂ€llen bei Krebspatienten, denen zuvor Tumore operativ entfernt worden waren, nicht aber bei Patienten, deren Tumore nicht entfernt worden waren. Die ersten Daten schienen also darauf hinzudeuten, dass die Behandlung von Moderna Krebspatienten nur dann helfen wĂŒrde, in Remission zu bleiben, nachdem zuvor andere medizinische Maßnahmen durchgefĂŒhrt worden waren. Obwohl diese Nachricht Moderna die Möglichkeit gab, sich in der dringend benötigten positiven Presse zu sonnen und fĂŒr seine in der Entwicklung befindlichen Onkologieprodukte zu werben, wurde in einigen Berichten zu Recht darauf hingewiesen, dass es „noch zu frĂŒh fĂŒr ein endgĂŒltiges Urteil“ ĂŒber den klinischen Nutzen der Krebsbehandlung sei.

Trotz dieses offensichtlichen Fortschritts sank der Aktienkurs von Moderna bis September 2019 weiter, was zu einem Wertverlust von etwa 2 Mrd. USD gegenĂŒber der Bewertung des Unternehmens von 7,5 Mrd. USD zum Zeitpunkt des Rekord-Börsengangs fĂŒhrte. Die HauptgrĂŒnde dafĂŒr waren dieselben Probleme, mit denen das Unternehmen seit Jahren zu kĂ€mpfen hatte – mangelnde Fortschritte, einschließlich fehlender Produkte auf dem Markt, anhaltende Sicherheitsprobleme mit seiner mRNA-Technologie und fehlende Daten, die belegen, dass Fortschritte gemacht wurden, um diese Technologie kommerziell nutzbar zu machen.

Mitte September 2019 versammelte Moderna Investoren, um wissenschaftliche Beweise dafĂŒr zu prĂ€sentieren, dass seine mRNA-Technologie „körpereigene Zellen in Fabriken zur Herstellung von Medikamenten verwandeln“ kann und hoffentlich „skeptische Investoren zu GlĂ€ubigen macht“. Diese Daten, die aus einer sehr vorlĂ€ufigen Studie mit nur vier gesunden Teilnehmern stammten, waren mit Komplikationen verbunden. Bei drei der vier Probanden traten Nebenwirkungen auf, die Moderna dazu veranlassten, die mRNA-Behandlung um Steroide zu ergĂ€nzen, wĂ€hrend einer der Probanden unter Herzproblemen litt, darunter Herzrasen und ein unregelmĂ€ĂŸiger Herzschlag. Moderna behauptete, dass keine der Nebenwirkungen am Herzen schwerwiegend war, und war nicht in der Lage, „die Ursache der Herzsymptome definitiv festzustellen“. Doch wie bereits erwĂ€hnt, hing es wahrscheinlich mit den Sicherheitsproblemen zusammen, die das Unternehmen seit Jahren mit seinen Versuchsprodukten hat.

In den vorlĂ€ufigen Daten des Unternehmens, die in einem weiteren Versuch, die Investoren zum Bleiben zu bewegen, beworben wurden, wurde auch darauf hingewiesen, dass Moderna beschlossen habe, die Versuche fĂŒr dieses spezielle Produkt, eine mRNA-Behandlung gegen das Chikungunya-Virus mit einer einzigen Injektion, zu unterbrechen. Diese Behandlung wurde in Zusammenarbeit mit der DARPA des Pentagons entwickelt. Auf dem Treffen wurden auch andere, positivere Daten aus einer vorlĂ€ufigen Studie veröffentlicht. Bei dieser Studie handelte es sich jedoch um eine mRNA-Behandlung fĂŒr das Cytomegalovirus, „ein weit verbreitetes Virus, das normalerweise vom körpereigenen Immunsystem in Schach gehalten wird und bei gesunden Menschen nur selten Probleme verursacht“, was bedeutet, dass der mRNA-Impfstoff fĂŒr diese Krankheit wahrscheinlich niemals lukrativ sein wird.

Nicht lange nach diesem glanzlosen Investorentreffen, am 26. September 2019, kĂŒndigte das einst so verschwiegene Unternehmen Moderna an, mit Forschern der Harvard University zusammenzuarbeiten, „in der Hoffnung, dass die Forschung neue Medikamente hervorbringen wird“, da seine Produktpipeline ins Stocken geraten zu sein schien. Der Vorstandsvorsitzende von Moderna, Stephen Hoge, beschrieb die Zusammenarbeit so, dass ausgewĂ€hlte Harvard-Forscher „ein Paket mit Dingen erhalten, in die wir unser Blut, unseren Schweiß und unsere TrĂ€nen gesteckt haben, und dann wird jemand etwas damit machen. Wir werden anschließend herausfinden, wie das gelaufen ist“. FĂŒr ein Unternehmen, das seit langem fĂŒr seine extreme Geheimhaltung in einer ohnehin schon geheimnisvollen Branche bekannt ist, wirkte die Vereinbarung zwischen Moderna und Harvard, die zugegebenermaßen „ungewöhnlich“ war, etwas verzweifelt.

Einen Monat spĂ€ter fand auf dem Milken Institute Future of Health Summit 2019 eine Podiumsdiskussion ĂŒber universelle Grippeimpfstoffe statt; dabei fielen Äußerungen, dass es eines „disruptiven“ Ereignisses bedĂŒrfe, um das seit langem bestehende bĂŒrokratische Zulassungsverfahren fĂŒr Impfstoffe umzuwĂ€lzen und eine breitere Akzeptanz „nicht-traditioneller“ Impfstoffe zu ermöglichen, wie jener von Moderna. Auf dem Podium sprachen u.a. die ehemalige FDA-Kommissarin Margaret Hamburg, die bereits an der „Dark Winter“-Übung von 2001 teilgenommen hatte und als wissenschaftliche Beraterin der Gates-Stiftung fungiert, sowie Anthony Fauci vom National Institute of Health’s National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) und Rick Bright von der BARDA, der frĂŒher fĂŒr die von Gates finanzierte PATH arbeitete. Die Podiumsdiskussion fand kurz nach der umstrittenen Coronavirus-Pandemie-Simulation Event 201 statt, deren Moderatoren und Sponsoren maßgeblich an Dark Winter 2001 beteiligt gewesen waren.

Standbild von der Podiumsdiskussion des Milken Institute zur universellen Grippeimpfung 2019.
Das vollstĂ€ndige Video ist hier verfĂŒgbar.

WĂ€hrend des Panels stellte der Moderator – Michael Specter vom New Yorker – die Frage: „Warum sprengen wir das System nicht einfach? NatĂŒrlich können wir dem bestehenden System nicht einfach den Hahn zudrehen und dann sagen: ‚Hey, jeder auf der Welt sollte diesen neuen Impfstoff bekommen, den wir noch niemandem gegeben haben‘, aber es muss doch einen Weg geben.“ Specter erwĂ€hnte dann, dass die Impfstoffproduktion veraltet sei, und fragte, wie es zu einer ausreichenden „Störung“ kommen könne, um eine Modernisierung des herkömmlichen Impfstoffentwicklungs- und -zulassungsverfahrens zu erreichen. Hamburg antwortete als Erste und erklĂ€rte, dass wir als Gesellschaft bei der Entwicklung eines dringend benötigten neuen technologischeren Ansatzes hinterherhinkten und dass es jetzt „höchste Zeit ist zu handeln“, um diesen Ansatz zu verwirklichen.

Einige Minuten spĂ€ter erklĂ€rte Anthony Fauci, dass die bessere Methode zur Herstellung von Impfstoffen darin bestĂŒnde, „das Virus gar nicht zu zĂŒchten, sondern Sequenzen zu erhalten, das passende Protein zu bekommen und es auf selbstorganisierende Nanopartikel zu kleben“, womit er sich im Wesentlichen auf mRNA-Impfstoffe bezog. Fauci erklĂ€rte dann: „Die entscheidende Herausforderung ist, dass wir von der bewĂ€hrten Eizuchtmethode zu etwas viel Besserem ĂŒbergehen mĂŒssen. Wir mĂŒssen beweisen, dass es funktioniert, und dann mĂŒssen wir alle kritischen Studien durchlaufen – Phase 1, Phase 2, Phase 3 – und zeigen, dass dieses spezielle Produkt ĂŒber Jahre hinweg gut ist. Allein das wird, wenn es perfekt funktioniert, ein Jahrzehnt dauern.“ Fauci erklĂ€rte spĂ€ter, dass es notwendig sei, die öffentliche Wahrnehmung zu Ă€ndern, dass die Grippe keine ernsthafte Krankheit sei, um die Dringlichkeit zu erhöhen, und dass es „schwierig“ sei, diese Wahrnehmung parallel zum bestehenden Impfstoffentwicklungs- und -zulassungsverfahren zu Ă€ndern, es sei denn, das gegenwĂ€rtige System nehme die Haltung ein: „Es ist mir egal, wie deine Wahrnehmung ist, wir werden das Problem auf eine disruptive und iterative Weise angehen“.

WĂ€hrend der Podiumsdiskussion erklĂ€rte Bright, dass „wir so schnell wie möglich und so dringend wie möglich handeln mĂŒssen, um diese Technologien zu bekommen, die die Schnelligkeit und Wirksamkeit des Impfstoffs verbessern“, bevor er darauf einging, dass der Rat der Wirtschaftsberater des Weißen Hauses gerade einen Bericht herausgegeben hatte, in dem betont wurde, dass „schnelle“ Impfstoffe von grĂ¶ĂŸter Bedeutung sind. Bright fĂŒgte dann hinzu, dass ein „mittelmĂ€ĂŸiger und schneller“ Impfstoff besser sei als ein „mittelmĂ€ĂŸiger und langsamer“ Impfstoff. [Der Satz ergibt so keinen Sinn; gemeint ist offenbar: „Lieber einen schlechten Impfstoff sofort, als einen guten zum Sankt Nimmerleinstag.“ T. R.] Er sagte, dass wir „bessere und schnellere Impfstoffe“ herstellen können und dass Dringlichkeit und Disruption notwendig seien, um die gezielte und beschleunigte Entwicklung eines solchen Impfstoffs zu erreichen. SpĂ€ter auf dem Podium sagte Bright, der beste Weg, um die Impfstoffbranche zugunsten „schnellerer“ Impfstoffe „aufzumischen“, wĂ€re die Entstehung „einer aufregenden EntitĂ€t da draußen, die total zerstörerisch ist, die sich nicht an bĂŒrokratische Regeln und Prozesse halten muss“. SpĂ€ter sagte er ganz direkt, dass er mit „schnelleren“ Impfstoffen mRNA-Impfstoffe meinte.

Die von Bright geleitete BARDA und das von Fauci geleitete NIAID wurden innerhalb weniger Monate zu den grĂ¶ĂŸten Förderern des Moderna Covid-19-Impfstoffs, indem sie Milliarden investierten bzw. den Impfstoff gemeinsam mit dem Unternehmen entwickelten. Wie in Teil II dieser Serie erlĂ€utert wird, wurde die Partnerschaft zwischen Moderna und dem NIH zur gemeinsamen Entwicklung des COVID-19-Impfstoffs von Moderna bereits am 7. Januar 2020 geschmiedet, also lange vor der offiziellen ErklĂ€rung der COVID-19-Krise zur Pandemie und bevor ein Impfstoff von Behörden und anderen Personen fĂŒr notwendig erklĂ€rt wurde. Der COVID-19-Impfstoff wurde nicht nur schnell zur Antwort auf fast alle Probleme von Moderna, sondern er lieferte auch das nötige disruptive Szenario, um die öffentliche Wahrnehmung eines Impfstoffs zu verĂ€ndern und die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen und die BĂŒrokratie bei der Zulassung von Impfstoffen aus dem Weg zu rĂ€umen. (Hier gibt es ein Video der Veranstaltung zum weltweiten Grippeimpfstoff 2019.)

Wie Teil II dieser Serie zeigen wird, war es eine Mischung aus „GlĂŒck und Weitsicht“ von StĂ©phane Bancel von Moderna und Barney Graham von den NIH, die Moderna im „Warp Speed“-Rennen um den Covid-19-Impfstoff an die Spitze gebracht hat. Diese Partnerschaft und die durchschlagende Wirkung der COVID-19-Krise fĂŒhrten zu dem „Hail Mary“-Erfolg, auf den Moderna seit mindestens 2017 verzweifelt gewartet hatte, und machten die meisten Moderna-FĂŒhrungskrĂ€fte innerhalb weniger Monate zu MilliardĂ€ren und MultimillionĂ€ren.

Modernas „Hail Mary“ wird jedoch nicht von Dauer sein – es sei denn, die massenhafte Verabreichung des Impfstoffs gegen COVID-19 wird zu einer alljĂ€hrlichen Angelegenheit fĂŒr Millionen von Menschen weltweit. Auch wenn die Daten aus der Praxis seit Beginn der Verabreichung die Notwendigkeit, Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs in Frage stellen, können Moderna und seine Interessenvertreter es sich nicht leisten, diese Chance ungenutzt verstreichen zu lassen. Dies wĂŒrde das Ende des sorgfĂ€ltig aufgebauten Kartenhauses von Moderna bedeuten.
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Anmerkung der Verfasserin: Dr. Michael Palmer, Dr. Meryl Nass und Catherine Austin Fitts haben uns wertvolle Hinweise und RatschlĂ€ge zu diesem Artikel gegeben. Ein besonderer Dank geht an Katy M. fĂŒr die Hilfe beim Lektorat.

Die Biopolitik der globalen Gesundheit: Leben und Tod im Zeitalter des Neoliberalismus

Katherine E. Kenny, University of California, San Diego, USA
Journal of Sociology, 2015, Vol. 51(1) 9–27

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts hat sich der Begriff „globale Gesundheit“ [Global Health] als bevorzugte Bezeichnung fĂŒr die Versuche durchgesetzt, die Gesundheitsbedingungen der Weltbevölkerung zu regeln [„to govern the health of the global population“]. In diesem Artikel verorte ich die erkenntnistheoretischen UrsprĂŒnge der globalen Gesundheit in der EinfĂŒhrung der DALY-Metrik (Disability Adjusted Life Year) im Bericht „Investing in Health“ der Weltbank. Ich argumentiere, dass die DALY-Metrik eine Ökonomisierung des Lebens erreicht, indem sie die Lebenszeit in einzelne Zeiteinheiten zerlegt und das Leben als Einkommensstrom neu zusammensetzt, der durch Praktiken der Selbstinvestition in die eigene Gesundheit – hier als Humankapital konfiguriert – maximiert werden soll. Das Leben wird als Zeit und das Individuum als neoliberaler homo oeconomicus neu konzipiert: als Unternehmer des Selbst. Ich behaupte, dass die DALY-Metrik am besten als biopolitische Machttechnologie zu verstehen ist, die das gegenwĂ€rtige neoliberale globale Gesundheitsregime untermauert.

Bericht der Weltbank zur globalen Gesundheit: 1993 war nicht das Ende der Geschichte,
dafĂŒr aber der Beginn eines Wettrennens um die Ökonomisierung des menschlichen Lebens

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts war der kometenhafte Aufstieg der ‚globalen Gesundheit‘ zu beobachten. Im Gegensatz zu frĂŒheren Bezeichnungen wie ‚internationale öffentliche Gesundheit‘ oder ‚Tropenmedizin‘ hat sich ‚Global Health‘ in den letzten Jahrzehnten zum bevorzugten und maßgeblichen Begriff fĂŒr Versuche entwickelt, Fragen der Gesundheit und Krankheit auf transnationaler Ebene zu behandeln. Globale Gesundheit wird von Organisationen wie UniversitĂ€ten und Forschungseinrichtungen, philanthropischen Stiftungen und Regierungsstellen aufgegriffen und umfasst verschiedene, manchmal konkurrierende Ziele wie Gesundheitsförderung, Wirtschaftswachstum und ArmutsbekĂ€mpfung, Erhöhung der inneren Sicherheit und strategische Außenpolitik. Die VielfĂ€ltigkeit der globalen Gesundheit macht es schwierig, ihre Entstehung und ihren spĂ€teren Aufstieg zu beschreiben. Ein quantitatives Maß ist jedoch bezeichnend: die Verweise auf global health in der Datenbank PubMed.

Die von der National Library of Medicine des National Institute of Health der Vereinigten Staaten betriebene PubMed-Datenbank enthĂ€lt ĂŒber 23 Millionen Zitate aus der US-amerikanischen und internationalen Literatur zu Biomedizin, Biowissenschaften und öffentlicher Gesundheit. Bei der Suche nach Varianten des Begriffs ‚globale Gesundheit‘ zeigt sich folgende Tendenz: Nachdem der Begriff Ende der 1980er Jahre aufkam, nahmen die Verweise auf globale Gesundheit in den 1990er Jahren stetig zu, bevor sie in den 2000er Jahren einen Aufschwung erlebten (siehe Abbildung 1). In den ersten vier Jahren dieses Jahrzehnts wurde der Begriff ‚globale Gesundheit‘ genauso oft zitiert wie im gesamten vorangegangenen Jahrzehnt, und in den ersten 14 Jahren dieses Jahrhunderts wurde er mehr als fĂŒnfmal so oft zitiert wie in der gesamten zweiten HĂ€lfte des letzten Jahrhunderts (siehe Tabelle 1).

Abbildung 1. Verweise auf ‚global health‘ (globale Gesundheit) in der Datenbank PubMed.

WĂ€hrend der Wandel der Terminologie an sich schon interessant ist, haben die damit einhergehenden historischen und organisatorischen VerĂ€nderungen in der Wissenschaft mehr Aufmerksamkeit gefunden. Diese VerĂ€nderungen, einschließlich der abnehmenden Rolle der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die auf die Haushaltssperren der 1980er Jahre zurĂŒckgeht, und des relativen Aufstiegs der Weltbank und der mit ihr verbundenen Strukturanpassungspolitik in weltweiten Gesundheitsangelegenheiten, werden in der Regel auf Prozesse der neoliberalen Globalisierung zurĂŒckgefĂŒhrt, insbesondere auf den Aufstieg einer Reihe neoliberaler wirtschaftspolitischer Maßnahmen, die unter dem Namen Washingtoner Konsens bekannt sind. Weitere wichtige Merkmale dieses Wandels sind die Verbreitung von öffentlich-privaten Partnerschaften, Philanthrokapitalismus im Stile von Bill Gates und eine besondere Betonung von Gesundheitsbedrohungen, die ĂŒber nationale Grenzen hinausgehen, wie HIV/AIDs, SARS oder Grippepandemien.

Tabelle 1. Verweise auf ‚ global health‘ nach Jahrzehnt, erstellt mit Daten aus PubMed.

Die Veröffentlichung des Weltentwicklungsberichts der Weltbank im Jahr 1993, Investing in Health, wird hĂ€ufig als SchlĂŒsselmoment dieses historischen Wandels bezeichnet. Das VermĂ€chtnis von Investing in Health ist heftig umstritten; es wird sowohl gelobt, weil es eine ‚beispiellose Ära des Wachstums und der Innovation in der Entwicklungshilfe fĂŒr die Gesundheit‘ eingeleitet hat, als auch geschmĂ€ht, weil es ein Programm zur neoliberalen Reform der Gesundheitssysteme ausgelöst hat, das oft zu Lasten der Gesundheit der Armen in den EntwicklungslĂ€ndern geht. Beide BewertungsansĂ€tze, so widersprĂŒchlich sie auch sein mögen, konzentrieren sich jedoch auf die Auswirkungen des Berichts auf die Struktur des Weltgesundheitsbereichs, d. h. auf die dominierenden institutionellen Akteure, die Strukturen der globalen Gesundheitsversorgung und die Finanzierung der Gesundheitsdienste. HĂ€ufig wird in diesen Darstellungen die epistemologische Bedeutung von Investing in Health [zum Download, 8 MB] außer Acht gelassen, d. h. die Art und Weise, wie der Bericht die Denkweise geprĂ€gt hat, mit der die Gesundheit der Weltbevölkerung als wissenschaftliches und politisches Problem angegangen wird. Diese neue Betrachtungsweise lĂ€sst sich an einer weniger bekannten, aber ebenso wichtigen Dimension des Investing in Health-Berichts ablesen: der EinfĂŒhrung der DALY-Metrik.

Das DALY-Maß ist ein zusammenfassendes Maß fĂŒr die Gesundheit der Bevölkerung, das entwickelt wurde, um die Inzidenz von Gesundheit und Krankheit auf globaler Ebene zu berechnen; die so genannte „globale Krankheitslast“ Es ist ein dekrementelles Maß, das den Verlust eines Lebensjahres in perfekter Gesundheit beschreibt. Die DALY-Kennzahl wurde entwickelt, um zwei Hauptzwecke zu erfĂŒllen. Erstens sollte der „vollstĂ€ndige Verlust an gesundem Leben“ nicht nur durch Tod, sondern auch durch Krankheit und Behinderung berĂŒcksichtigt werden, indem sowohl MortalitĂ€t als auch MorbiditĂ€t in derselben Analyseeinheit gemessen werden. Zweitens sollte es die Anwendung von Kosten-Nutzen-Analysen bei der Priorisierung potenzieller Gesundheitsmaßnahmen in der Einheit der Ausgaben pro gewonnenem DALY erleichtern. Auf diese Weise wĂŒrde die DALY-Metrik die Optimierung der globalen Gesundheit nach der Logik der wirtschaftlichen Maximierung erleichtern. Ich behaupte jedoch, dass die DALY-Metrik weit mehr als nur die Kosten-Nutzen-Kalkulation erleichtert, sondern dass sie eine Ökonomisierung des Lebens bewirkt, indem sie Gesundheit als eine Form von Humankapital und, wie der Titel des Weltbankberichts nahelegt, als einen Ort der Investition begreift. Investitionen in die Gesundheit werden dann zu einem wirtschaftlichen Projekt, das auf die spekulative Zukunft ausgerichtet ist, das durch eine Reihe von Prognosetechniken bekannt ist und bei dem es darum geht, die Renditen fĂŒr Investitionen in das Leben selbst zu optimieren, insbesondere durch Praktiken der Selbstinvestition. Entscheidend ist, dass die Logik der Investition in die Gesundheit jenen Public-Health-Strategien Vorrang einrĂ€umt, die versuchen, in das Gesundheitsverhalten des Einzelnen einzugreifen, um es gesundheitsförderlicher zu gestalten. Ich behaupte, dass neben semantischen Verschiebungen und neoliberalen Strukturreformen diese neue Art, die Gesundheit der Weltbevölkerung zu erfassen und zu steuern, der SchlĂŒssel zum VerstĂ€ndnis des Übergangs von der internationalen zur globalen Gesundheit am Ende des 20. Jahrhunderts ist. Anders ausgedrĂŒckt: Die EinfĂŒhrung des DALY-Maßstabs durch den Bericht Investing in Health stellt sowohl eine AusprĂ€gung eines neoliberalen RationalitĂ€tsmodus als auch die Schaffung einer neuen biopolitischen Machttechnologie dar, die die Steuerung der globalen Gesundheit in den letzten 25 Jahren umgestaltet hat.

Um dieses Argument vorzubringen, werde ich in drei Schritten vorgehen. ZunĂ€chst werde ich Foucaults Werk ĂŒber Biopolitik, GouvernementalitĂ€t und Neoliberalismus durchgehen, um zu verdeutlichen, wie ich diese Ideen hier aufgreife. Dann wende ich mich dem DALY-Fall zu und erklĂ€re zunĂ€chst die besonderen Probleme, fĂŒr die die DALY-Metrik als Lösung vorgeschlagen wurde, bevor ich durch eine Diskussion der technischen Dimensionen der Metrik die Ökonomisierung des Lebens veranschauliche, die die DALY-Berechnungen bewirken. Drittens gehe ich nĂ€her auf die politische RationalitĂ€t ein, die den DALY-Berechnungen zugrunde liegt. Ich argumentiere, dass die DALY-Metrik das Leben in eindeutig ökonomischen Begriffen abbildet: In der DALY-Logik wird das Leben ontologisch in einzelne Zeiteinheiten zerlegt und als Einkommensstrom wieder zusammengesetzt, dessen Dauer die potenzielle Rendite von Investitionen in Humankapital bestimmt. Die Verantwortung fĂŒr die Maximierung von Leben/Zeit liegt bei jedem Einzelnen, der hier als selbstmaximierender, dekontextualisierter und universalisierter homo oeconomicus, als Unternehmer des Selbst, vorgestellt wird.

Biopolitik, GouvernementalitÀt, Neoliberalismus

In seinen Vorlesungen am CollĂšge de France in den Jahren 1978-9 schlug der französische Philosoph Michel Foucault vor, eine Genealogie seiner analytischen Kategorie „Biopolitik“ zu entwickeln. Doch schon bald wandte sich seine Analyse dem Liberalismus und Neoliberalismus zu, wobei er den Begriff „GouvernementalitĂ€t“ als Leitbegriff verwendete. WĂ€hrend diese Verschiebung oft als eine Änderung des Schwerpunkts interpretiert wird, hat Stephen J. Collier argumentiert, dass Foucaults Analysen der Biopolitik und des Liberalismus grundlegend miteinander verknĂŒpft sind: Foucault fand im Liberalismus die erste Artikulation einer „neuen Art von staatlicher Vernunft, die Individuen und Kollektive nicht als Rechtssubjekte (der SouverĂ€nitĂ€t) oder gefĂŒgige Körper (der disziplinĂ€ren Macht), sondern als lebende Wesen“ verstand. Die Biopolitik, so schlussfolgert Collier, ist weder eine Form der staatlichen Vernunft noch eine Logik der Macht, sondern ein neuartiger „Problembereich“, auf den die politische Vernunft des Liberalismus einwirkt: ein Problembereich, der sich mit den vitalen Eigenschaften von Bevölkerungen befasst.

Im Mittelpunkt von Foucaults Analyse des Liberalismus steht das Konzept der „GouvernementalitĂ€t“. In seinem Kern umfasst die GouvernementalitĂ€t zwei miteinander verbundene Ideen. Die erste besagt, dass Machttechniken und Wissensformen sich gegenseitig konstituieren – dass sie die Existenz des jeweils anderen mitbestimmen. Diese gegenseitige Verflechtung wird in Foucaults Verwendung des Begriffs „Macht-Wissen“, aber auch in seiner Idee einer „politischen RationalitĂ€t“ erfasst. Wie Thomas Lemke es ausdrĂŒckt, „ist eine politische RationalitĂ€t kein reines, neutrales Wissen, das die herrschende RealitĂ€t einfach ‚wiedergibt‘, sondern sie konstituiert selbst die intellektuelle Verarbeitung der RealitĂ€t, die dann von den politischen Technologien angegangen werden kann“. Daraus ergibt sich, dass es nicht möglich ist, eine bestimmte Machttechnologie oder Wissensform zu untersuchen, ohne auch die damit verbundene Art des Denkens oder der Regierungstechnik zu analysieren. Der zweite zentrale Gedanke hinter der GouvernementalitĂ€t ist, dass in modernen Gesellschaften „Regierung“ nicht ausschließlich durch den Staat erfolgt – obwohl der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch hĂ€ufig so verwendet wird – sondern auch durch Prozesse der Selbstverwaltung. So definiert Foucault „Regierung“ als alles von der Produktion von Wissen ĂŒber lebende Subjekte bis hin zur Regierung des Selbst.

WĂ€hrend er in seinen Vorlesungen von 1978 die Genealogie der GouvernementalitĂ€t bis zu den alten Griechen zurĂŒckverfolgte, wandte er 1979 seine Aufmerksamkeit der neoliberalen GouvernementalitĂ€t zu. Die neoliberale Form, so argumentierte er, beinhaltet eine eindeutig amerikanische Version, die durch die Arbeit einer Reihe von Ökonomen der Chicagoer Schule artikuliert wurde, vor allem aber durch Theodore Schultz und Gary Becker. Foucault zufolge ist der Neoliberalismus Chicagoer PrĂ€gung durch die konsequente Ausweitung und Anwendung des ökonomischen Denkens auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gekennzeichnet. Der amerikanische Neoliberalismus, so Foucault weiter, „versucht … die RationalitĂ€t des Marktes, die von ihm angebotenen Analyseschemata und die von ihm vorgeschlagenen Entscheidungskriterien auf Bereiche auszudehnen, die nicht ausschließlich oder nicht in erster Linie wirtschaftlich sind: die Familie und die Geburtenrate zum Beispiel oder die KriminalitĂ€t und die Strafrechtspolitik“. Anstatt die Wirtschaft als einen Bereich unter vielen zu betrachten, beruht der amerikanische Neoliberalismus auf der Anwendung eines ökonomischen Blickwinkels auf die Gesamtheit der menschlichen Existenz, einschließlich des biopolitischen Bereichs der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Im Rahmen einer neoliberalen politischen RationalitĂ€t ist der primĂ€re Modus der EntschlĂŒsselung der Welt, d.h. die Art und Weise, wie die RealitĂ€t, die soziale AktivitĂ€t und das menschliche Handeln sowohl verstĂ€ndlich als auch regierbar gemacht werden, ökonomisch.

Diese Ausweitung der ökonomischen Dimension hat nicht nur Folgen fĂŒr die Objekte der neoliberalen GouvernementalitĂ€t, sondern auch fĂŒr ihre Subjekte, fĂŒr die spezifische Vorstellung vom Menschen, die sie entwirft. So wie alle Bereiche der sozialen AktivitĂ€t und des menschlichen Lebens durch eine ökonomische Linse entschlĂŒsselt werden, wird auch das Individuum in erster Linie als wirtschaftlicher Akteur gesehen. Im neoliberalen Denken der Chicagoer Schule wird das menschliche Handeln jedoch nicht als von den unmittelbaren Gewinnen des wirtschaftlichen Austauschs getrieben angesehen, wie dies beim homo oeconomicus der klassischen Wirtschaftswissenschaften der Fall war. Stattdessen beinhaltet die neoliberale Vision rationalen Handelns eine neu gestaltete Zeitlichkeit, so dass zukĂŒnftige Vorteile durch eine Logik der Selbst-Investition in die gegenwĂ€rtige Gewichtung von Kosten und Nutzen einbezogen werden. Der Ort der Selbstinvestition ist das eigene Humankapital, das von Gary Becker als die verkörperten Eigenschaften von Individuen definiert wird, die sie wirtschaftlich produktiv machen. Anders als der Arbeiter in der klassischen Ökonomie, der seine abstrakte Arbeitskraft fĂŒr einen Lohn verkauft, investiert der TrĂ€ger von Humankapital in sein eigenes verkörpertes Wissen, in seine FĂ€higkeiten und, was fĂŒr meine AusfĂŒhrungen wichtig ist, in seine Gesundheit, um sich eine zukĂŒnftige Rendite in Form eines Einkommenszuflusses zu sichern. Gesellschaftliche AktivitĂ€ten werden immer noch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, menschliches Verhalten basiert immer noch auf Kosten-Nutzen-Kalkulationen rationaler Akteure, aber unter der Logik des Neoliberalismus wird der homo oeconomicus zu einem zukunftsorientierten, in sich selbst investierenden Unternehmer, der darauf bedacht ist, die Rendite seiner Investitionen in sein eigenes verkörpertes Humankapital zu optimieren.

Die Steuerung des Verhaltens dieses neoliberalen homo oeconomicus besteht also darin, Kosten und Nutzen so zu verĂ€ndern, dass die gewĂŒnschte Form des zukunftsorientierten, selbstoptimierenden Verhaltens ‚rational‘ wird. NatĂŒrlich haben staatliche RationalitĂ€ten schon immer bestimmte Vorschriften fĂŒr das Verhalten von Bevölkerungen beinhaltet, daher die berĂŒhmte Definition von GouvernementalitĂ€t als „Verhalten des Verhaltens“. Das Besondere an der neoliberalen GouvernementalitĂ€t ist die Übereinstimmung zwischen ihren Vorschriften fĂŒr das individuelle Verhalten und ihren Vorschriften fĂŒr die staatliche Mindestversorgung. Der Neoliberalismus als politische RationalitĂ€t konfiguriert also das Selbst als Unternehmer sowie den Staat als Unternehmen und schreibt das Verhalten fĂŒr beide gemĂ€ĂŸ einer Logik der Optimierung zukĂŒnftiger Renditen vor, insbesondere durch Praktiken der Selbstinvestition. Im biopolitischen Bereich bedeutet dies, dass der Schwerpunkt auf (kostenwirksame) Gesundheitsmaßnahmen gelegt wird, die den Einzelnen zu gesundheitsfördernden Verhaltensweisen anregen sollen.

In den folgenden Abschnitten analysiere ich die DALY-Metrik als eine AusprĂ€gung dieser neoliberalen politischen RationalitĂ€t. Ich zeige, wie die DALY-Metrik selbst eine Machttechnologie ist, die eine neoliberale politische RationalitĂ€t in die Evidenzbasis des gegenwĂ€rtigen globalen Gesundheitsregimes einschreibt. ZunĂ€chst erklĂ€re ich den besonderen historischen Kontext, aus dem die DALY-Metrik entstanden ist, und die Probleme, fĂŒr die sie als Lösung vorgeschlagen wurde. Dann wende ich mich den technischen Dimensionen der Metrik zu, um zu veranschaulichen, wie DALY-Berechnungen nicht nur die globale Krankheitslast quantifizieren, sondern auch eine Ökonomisierung des Lebens bewirken. Anschließend gehe ich nĂ€her auf die politische Kalkulation ein, die den DALY-Berechnungen zugrunde liegt, und konzentriere mich dabei auf die Umdeutung von Leben als Leben/Zeit [Leben pro Zeit, Lebenszeit] und auf das damit verbundene Bild des Menschen als homo oeconomicus.

Die Weltbank und die Weltgesundheit

In den 1980er und 1990er Jahren war der Bereich der internationalen Gesundheit von einer Reihe von Spannungen geprĂ€gt: Debatten ĂŒber umfassende vs. selektive medizinische Grundversorgung, vertikale vs. horizontale AnsĂ€tze fĂŒr Gesundheitsmaßnahmen, Haushaltskrisen sowie Legitimationskrisen der WHO. Vor diesem Hintergrund „trat die Weltbank selbstbewusst in das von der zunehmend ineffektiven WHO geschaffene Vakuum ein“ und markierte damit den Beginn des Übergangs von der internationalen zur globalen Gesundheitspolitik. Obwohl sich das Interesse der Weltbank an der Gesundheit zunĂ€chst nur auf die Begrenzung des Bevölkerungswachstums erstreckte, begann die neu gegrĂŒndete Abteilung fĂŒr Bevölkerung, Gesundheit und ErnĂ€hrung in den frĂŒhen 1980er Jahren mit der Kreditvergabe fĂŒr eigenstĂ€ndige Gesundheitsprogramme mit der BegrĂŒndung, dass eine bessere Gesundheit und ErnĂ€hrung zu einem höheren Wirtschaftswachstum fĂŒhren wĂŒrde. Mit den Geldern der Weltbank kam jedoch auch die damit verbundene Strukturanpassungspolitik, die sich im Gesundheitsbereich auf eine effizientere Nutzung der verfĂŒgbaren Ressourcen und eine stĂ€rkere Rolle des Privatsektors bei der Finanzierung von Gesundheitsdiensten konzentrierte. Auch wenn dieser Ansatz viel Kritik auf sich zog, so konnte diese den Einfluss der Weltbank nicht eindĂ€mmen, und bis 1990 ĂŒberstieg die Kreditvergabe der Weltbank fĂŒr das Gesundheitswesen den gesamten Haushalt der WHO. Von Ende der 1980er bis Ende der 1990er Jahre versiebenfachte sich die Kreditvergabe der Weltbank fĂŒr Projekte in den Bereichen Gesundheit, ErnĂ€hrung und Bevölkerung, wobei ein wachsender Anteil dieser Kredite mit der ausdrĂŒcklichen Absicht vergeben wurde, die Struktur der Gesundheitssysteme zu reformieren.

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Kurs zur vorgeburtlichen GesundheitsaufklĂ€rung fĂŒr Frauen in Sri Lanka.
Siehe The Changing Role of the WORLD BANK in Global Health (Am J Public Health. 2005)

Die sich verĂ€ndernde strukturelle Organisation des Weltgesundheitswesens fiel zeitlich mit einem Wandel in der Konzeptualisierung der primĂ€ren Ziele des Fachgebiets infolge des „epidemiologischen Umbruch“ zusammen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Entwicklungsdemographen weitgehend auf Vorstellungen ĂŒber den demographischen Umbruch, insbesondere auf die VerknĂŒpfung von Geburtenkontrolle, RĂŒckgang der Geburtenrate und „Modernisierung“. In den 1980er und frĂŒhen 1990er Jahren waren in vielen postkolonialen LĂ€ndern erhebliche Eingriffe in die demografischen Profile vorgenommen worden. Die Fruchtbarkeit ging weitgehend zurĂŒck und die Überlebensrate von Kindern stieg. Diese Erfolge gaben jedoch Anlass zur Sorge ĂŒber den bevorstehenden „epidemiologischen“ oder „gesundheitlichen Umbruch“. Man ging davon aus, dass das bisherige von hoher FertilitĂ€t und hoher Sterblichkeit geprĂ€gte Umfeld ĂŒbergehen wĂŒrde in ein Bevölkerungsprofil mit niedriger Sterblichkeit und geringer FertilitĂ€t, mit einer damit einhergehenden Verlagerung des Krankheitsprofils von Infektionspandemien zu (weitaus kostspieligeren) nicht ĂŒbertragbaren Krankheiten. Dieser Wandel wurde als Vorbote einer neuen Ära angesehen, die neue Wege der Kenntnis und Verwaltung des Lebens und der Gesundheit der Weltbevölkerung erfordern wĂŒrde. WĂ€hrend der gesundheitliche Wandel allgemeine Auswirkungen auf die Ausrichtung der Weltgesundheitsagenda hatte – fort von der Geburtenkontrolle und hin zu Alterskrankheiten, waren die konkreten Folgen des Wandels fĂŒr das weltweite Auftreten von Krankheiten und prĂ€ventiven Gesundheitsmaßnahmen noch unbekannt. Die Weltbank fĂŒhrte daher eine umfassende ÜberprĂŒfung der PrioritĂ€ten des Gesundheitssektors durch, die zu einer Reihe von Studien in den Bereichen deskriptive Epidemiologie, Planung von Gesundheitssystemen und Wirtschaftsprognosen fĂŒhrte, in der Hoffnung, die Ungewissheit des bevorstehenden Übergangs zu verringern. Die wichtigsten dieser Studien – das Disease Control Priorities Project (DCPP) und die Global Burden of Disease Study (GBD) – dienten als Grundlage fĂŒr den wegweisenden World Development Report 1993: Investing in Health. Was fĂŒr meine Untersuchung hier von Bedeutung ist: Dieser von der Weltbank publizierte Weltentwicklungsbericht ĂŒber Investitionen in die Gesundheit fĂŒhrte auch das DALY-Maß ein, .

Die Quantifizierung von Gesundheit und Krankheit

Auch wenn die ÜberprĂŒfung der PrioritĂ€ten des Gesundheitssektors durch die Weltbank bereits in den spĂ€ten 1980er Jahren begann, so wurde ihr doch unter der Amtszeit von Lawrence Summers als Chefökonom der Weltbank ab 1991 verstĂ€rkte Aufmerksamkeit zuteil. Der Leiter der Abteilung fĂŒr Gesundheit, ErnĂ€hrung und Bevölkerung der Bank, der US-amerikanische Gesundheitsökonom Dean Jamison, wurde daraufhin als Hauptautor des Investing in Health-Reports beauftragt, und der rekrutierte in der Folge seinen Landsmann, den Gesundheitsökonomen Christopher Murray, sowie den australischen Statistiker Alan Lopez, um eine Studie ĂŒber die HĂ€ufigkeit von Krankheiten weltweit durchzufĂŒhren. Der unmittelbare Zweck der Studie bestand darin, die ‚globale Krankheitslast‘ zu ermitteln, doch das ĂŒbergeordnete Ziel war es, die Evidenzbasis zu schaffen, die fĂŒr die Gestaltung neuer Gesundheitssysteme nach einer Logik ökonomischer Optimierung erforderlich war.

Um die globale Krankheitslast zu messen, haben Murray und Lopez eine innovative Methode entwickelt. Sie verfolgten damit zwei Ziele: den ‚vollstĂ€ndigen Verlust an gesundem Leben‘ aufgrund von Krankheit, Tod und Behinderung auf globaler Ebene zu erfassen und eine Evidenzbasis fĂŒr die Festlegung globaler GesundheitsprioritĂ€ten auf der Grundlage von Kosten-Nutzen-Analysen zu schaffen. FrĂŒhere groß angelegte Studien zur deskriptiven Epidemiologie verwendeten MortalitĂ€tsstatistiken, KrankheitsprĂ€valenzraten oder Berechnungen des Sterberisikos, um die Zahl der TodesfĂ€lle aufgrund verschiedener Krankheiten zu ermitteln. Im Gegensatz dazu wurde mit der DALY-Metrik versucht, auch die Auswirkungen von Krankheiten und ZustĂ€nden zu berĂŒcksichtigen, die zwar nicht tödlich sind, aber aufgrund ihrer Dauer und ihrer behindernden Auswirkungen zu Verlusten in Form von ProduktivitĂ€tseinbußen und Belastungen fĂŒr die Gesundheitssysteme beitragen. Die DALY-Metrik verwendet daher ‚Lebensjahre‘ als eine im Vergleich zu Berechnungen ganzer Menschenleben kleinere Einheit, und als eine Einheit, die sich modifizieren lĂ€sst, um unterschiedlichen Schweregraden von Krankheiten Rechnung zu tragen. Die DALY-Metrik verwendet daher ‚Lebensjahre‘ als eine kleinere Einheit gegenĂŒber Berechnungen einzelner Menschenleben, und als eine Einheit die modifiziert werden kann um unterschiedlichen Schweregraden von Krankheiten Rechnung zu tragen.

In seiner einfachsten Darstellung drĂŒckt das DALY-Maß ‚die durch vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre und die mit einer Behinderung von bestimmter Schwere und Dauer gelebten Jahre aus‘. Dies bedeutet:

DALYs = YLL + YLD

wobei YLL die durch vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre und YLD die mit einer Behinderung gelebten Lebensjahre sind. Ein DALY entspricht einem Jahr gesunden Lebens, das entweder ganz durch vorzeitigen Tod oder zu einem Teil durch Krankheit oder Behinderung verloren geht. DALYs sind ein degressives Maß oder ein Maß fĂŒr die GesundheitslĂŒcke, das den Verlust an Gesundheit gegenĂŒber einem imaginĂ€ren Idealzustand misst. Sie sind also ein globaler Gesundheitsschaden, der addiert und hoffentlich minimiert werden kann.

[Es gehört jedoch nicht allzu viel genozidale Fantasie dazu sich vorzustellen, dass die Erfassung dieses Faktors sich auch als nĂŒtzlich erweisen könnte fĂŒr die Erfolgskontrolle sinistrer Vorhaben wie einer verdeckten, absichtsvollen globalen Bevölkerungsreduktion; der Übersetzer.]

DALYs stellen ein international standardisiertes Lebensquantum dar, das in einer Zeiteinheit, d. h. in Lebensjahren, gemessen wird. Im Gegensatz zu Ă€lteren Gesundheitsstatistiken, die entweder PrĂ€valenzdaten oder Inzidenzraten zur Bestimmung der gesamten Krankheitsinzidenz verwendeten, verwendet die DALY-Metrik die Zeit, entweder in Tagen oder Jahren, um nicht nur die Inzidenz von Tod und Krankheit, sondern auch deren relative Belastung anschaulich zu machen. Im Gegensatz zu den Lebensstatistiken, die das Leben als eine kohĂ€rente Einheit von der Geburt ĂŒber das Jugend- und Erwachsenenalter bis zum Tod messen, messen die DALYs den Verlust von Leben als den Verlust seiner einzelnen Zeiteinheiten. Anstelle von Menschenleben messen die DALYs Leben/Zeit; Leben als Zeit in der Einheit einzelner Lebensjahre. Und im Gegensatz zu Sterblichkeitsstatistiken, die nur schwer in Kosten-Nutzen-Kalkulationen einbezogen werden konnten, ohne das Tabu zu brechen, das Leben selbst in Dollar zu beziffern, wurden DALYs entwickelt, um Kosten-Nutzen-Analysen in der Einheit der gewonnenen DALYs pro ausgegebenem Dollar zu ermöglichen.

Die DALY-Metrik zerlegt also die zeitliche KohĂ€renz von Lebenszeiten in verhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Lebens-/Zeiteinheiten. Die DALYs beinhalten jedoch auch auf andere Weise eine ĂŒberarbeitete Zeitlichkeit, indem sie vorgeben, die zukĂŒnftigen Auswirkungen der durch Tod und Krankheit verlorenen Lebens-/Zeiteinheiten in Form ihres Gegenwartswerts zu messen. Nach der ursprĂŒnglichen Darstellung im Investing in Health-Report messen DALYs ‚den Gegenwartswert des zukĂŒnftigen Stroms an behinderungsfreiem Leben, das durch Tod, Krankheit oder Verletzung verloren geht‘. Das Leben wird hier in eindeutig ökonomischen Begriffen vorgestellt, als etwas, dessen Wesen sowohl durch seinen Gegenwartswert erfasst werden kann, als auch als in der spekulativen Zukunft liegend. Die vorausschauende Bestimmung des Gegenwartswerts kĂŒnftiger Verluste an Lebensjahren hĂ€ngt von zwei miteinander verbundenen Schritten ab. Erstens muss man das Ideal bestimmen, an dem Tod und Krankheit als Verluste gemessen werden können. Wie Murray und Lopez es ausdrĂŒcken, ‚ist die Krankheitslast in der Tat die LĂŒcke zwischen dem tatsĂ€chlichen Gesundheitszustand einer Bevölkerung und einem „Ideal-“ oder Referenzzustand‘. Bei der Bestimmung dieses idealen Gesundheitszustands gingen Murray und Lopez von dem weitgehend egalitĂ€ren Grundsatz aus, dass Gesundheit ein universelles Gut ist. Nur Geschlecht und Alter werden als Variablen bei der Berechnung der Krankheitslast berĂŒcksichtigt; die ideale Lebenserwartung wird fĂŒr die gesamte Weltbevölkerung als gleich angenommen. Zweitens muss der Gegenwartswert kĂŒnftiger Verluste an Lebensjahren quantifiziert und berechnet werden. Diese Ziele werden durch eine Reihe von technischen Berechnungen erreicht, die in die DALY-Metrik einfließen: eine Altersgewichtungsfunktion, eine zeitbasierte Diskontierungsfunktion, eine Reihe von Gewichtungen des Schweregrads der Behinderung und die Verwendung einer international standardisierten Lebenserwartung. Ich gehe nacheinander auf jede dieser Berechnungen ein.

Altersgewichtung

Die Altersgewichtung erfolgt nach einer Funktion, die den in den verschiedenen Phasen des Lebensverlaufs verlorenen Lebensjahren einen unterschiedlichen Wert beimisst. Sie wurde von Murray und Lopez als „Konsensauffassung“ eingefĂŒhrt, um die Vorstellung widerzuspiegeln, dass ‚die meisten Gesellschaften dem Lebensjahr eines jungen oder mittelalten Erwachsenen mehr Bedeutung beimessen als dem Lebensjahr eines Kindes oder einer Ă€lteren Person‘. Doch selbst wenn man dem Leben in jedem Alter den gleichen Wert beimessen wĂŒrde, könnte man, wie sie weiter ausfĂŒhren, ‚den Jahren des produktiven Erwachsenenlebens eine grĂ¶ĂŸere Bedeutung beimessen‘, weil Erwachsene als ‚Nettoproduzenten‘ wichtig sind, d. h. wegen ihres höheren Humankapitals und ihres daraus resultierenden grĂ¶ĂŸeren Beitrags zum Wirtschaftswachstum. Die verschiedenen Altersgewichte werden durch die Exponentialfunktion ka^(-ÎČa) definiert, wobei a das Alter, ÎČ der konstante Wert 0,04 und die Konstante k so gewĂ€hlt ist, dass die Gesamtzahl der DALYs, die sich aus der Berechnung ergibt, dieselbe ist, als ob einheitliche Altersgewichte verwendet worden wĂ€ren. Infolge dieser Funktion steigt der relative Wert des Lebens steil von Null bei der Geburt bis zu seinem Höhepunkt im Alter von 25 Jahren an, bevor er mit zunehmendem Alter allmĂ€hlich abnimmt (siehe Abbildung 2). Sie bewirkt eine Umverteilung der DALY-Belastung weg von den frĂŒhen und spĂ€teren Lebensjahren hin zu den mittleren, wirtschaftlich produktiven Lebensjahren, also den Jahren, die fĂŒr das von der Weltbank priorisierte Wirtschaftswachstum am wichtigsten sind.

Abbildung 2. Altersspezifische Verteilung von Altersgewichtung und DALY-Verlusten.
Quelle: Nach einer Darstellung der Weltbank (1993: 26)
Abzinsung

ZusĂ€tzlich zur Altersgewichtung enthĂ€lt die DALY-Metrik einen Diskontsatz von 3 Prozent, um der zeitlichen Dimension der Messung des Gegenwartswerts kĂŒnftiger GesundheitszustĂ€nde Rechnung zu tragen. KĂŒnftige gesunde Lebensjahre werden gemĂ€ĂŸ einer exponentiellen Abklingfunktion mit immer niedrigeren Werten veranschlagt. Die Abzinsung wurde vorgenommen, um die so genannte ‚allgemeine gesellschaftliche PrĂ€ferenz‘ und die in der Wirtschaft ĂŒbliche Konvention widerzuspiegeln, wonach der unmittelbare Gewinn dem kĂŒnftigen Gewinn vorgezogen wird, indem die Zukunft mit einer konstanten Rate abgezinst wird. Wie Murray und Lopez erlĂ€utern, ‚ziehen es Gesellschaften in der Regel vor, eine bestimmte Menge an Konsum heute zu haben und nicht erst morgen‘. Die BerĂŒcksichtigung dieses vermeintlich typischen gesellschaftlichen Wertes hat jedoch auch Konsequenzen fĂŒr die Verteilung der Krankheitslast. In Kombination mit der Altersgewichtung fĂŒhrt die Diskontierung zu einer relativ höheren Bewertung der wirtschaftlich produktiven mittleren Lebensjahre. Da der zukĂŒnftige Lebensstrom, der durch TodesfĂ€lle im Kindesalter verloren geht, ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum abgezinst wird, zĂ€hlen die zusĂ€tzlichen Jahre wenig, da jedes zusĂ€tzliche Jahr stĂ€rker abgezinst wird. Der Beitrag von TodesfĂ€llen im Kindesalter zur globalen Krankheitslast wird daher im Vergleich zu TodesfĂ€llen im mittleren Lebensalter weniger stark gewichtet als ohne Abzinsung. Wie Murray und Lopez einrĂ€umen, ‚verringern höhere AbzinsungssĂ€tze die Bedeutung vorzeitiger TodesfĂ€lle in jungen Jahren im VerhĂ€ltnis zu denen in Ă€lteren Jahren‘.

Die Einbeziehung von Abzinsungsfunktionen in die DALY-Metrik verstĂ€rkt den Effekt der Altersgewichtung, so dass der Beitrag von TodesfĂ€llen im Kindesalter zur globalen Krankheitslast weiter minimiert wird, und zwar auf Kosten der mittleren wirtschaftlich produktiven Lebensjahre – genau jener Jahre, die von der Weltbank als am wichtigsten fĂŒr die Steigerung des Wirtschaftswachstums angesehen werden. Abbildung 2 veranschaulicht die Funktion der Altersgewichtung und die kombinierte Auswirkung von Altersgewichtung und Abzinsung der sich daraus ergebenden DALYs fĂŒr TodesfĂ€lle im Lebensverlauf.

Gewichtung des InvaliditÀtsgrades

Die dritte technische Dimension der DALY-Metrik ist die Gewichtung der Schwere der Behinderung. Diese wurden eingefĂŒhrt, um den Beitrag der MorbiditĂ€t zur globalen Krankheitslast zu erfassen, zusĂ€tzlich zu den traditionelleren Maßen der MortalitĂ€t. Die Gewichtung des InvaliditĂ€tsgrads reicht von Null, was eine perfekte Gesundheit widerspiegelt, bis zu Eins, was eine dem Tod gleichkommende totale Behinderung bedeutet. Die anteilige Gewichtung der beeintrĂ€chtigten GesundheitszustĂ€nde fĂŒhrt dazu, dass die mit Behinderung gelebten Lebensjahre geringer bewertet werden als die in perfekter Gesundheit gelebten Jahre. Das Merkmal der Gewichtung von Behinderungen in der DALY-Metrik wurde heftig kritisiert – was zu den so genannten ‚DALY-Kriegen‘ fĂŒhrte –, weil es buchstĂ€blich die Leben (oder zumindest die Lebensjahre) von Behinderten nicht berĂŒcksichtigt. Diese Kritik wurde auf verschiedene Weise geĂ€ußert: als Universalisierung einer bestimmten (westlichen) Konzeptualisierung des Leidens, als Dekontextualisierung von Gesundheit und Krankheit gegenĂŒber höchst unterschiedlichen sozialen Bedingungen und als Verletzung der von den Vereinten Nationen sanktionierten Rechte von Menschen mit Behinderungen. Was fĂŒr die hier vorgebrachten Argumente am wichtigsten ist, geht aus den Definitionen der Schweregrade von Behinderungen selbst hervor: Neben den AktivitĂ€ten des tĂ€glichen Lebens (z. B. Ankleiden, Essen, Baden, Toilettengang) werden die Dimensionen Freizeit, Bildung, Fortpflanzung und Beruf als relevant angesehen. Durch die Einbeziehung von Bildung und Beruf – und damit indirekt auch der ProduktivitĂ€t – werden diese Gewichtungen der Behinderungsschwere an den potenziellen Beitrag zum Wirtschaftswachstum gekoppelt (siehe Abbildung 3). Das Leben wird in dem Maße abgewertet, wie es in seinem wirtschaftlich produktiven Potenzial beeintrĂ€chtigt ist.

Abbildung 3. Definitionen von InvaliditÀtsgewichtungen.
Quelle: Reproduziert aus Murray und Lopez (1996a: 40).
Standardlebenserwartung

Schließlich beinhaltet die DALY-Metrik die Verwendung einer Standard-Lebenserwartungstabelle zur Berechnung der verlorenen Lebensjahre in einem bestimmten Alter. Bei der Messung des ‚vorzeitigen Todes‘ muss man eine natĂŒrliche Grenze des Lebens oder einen Punkt definieren, an dem der Tod nicht mehr vorzeitig ist. Anstatt jedoch die tatsĂ€chliche Lebenserwartung zu verwenden – die von Ort zu Ort sehr unterschiedlich ist – wurde in der Studie zur globalen Krankheitslast eine Standard-Lebenszeittabelle fĂŒr alle Bevölkerungsgruppen verwendet, die eine Lebenserwartung bei der Geburt von 82,5 Jahren fĂŒr Frauen und 80 Jahren fĂŒr MĂ€nner vorsieht. Wie bereits erwĂ€hnt, war der Grund fĂŒr die Verwendung der Standardlebenserwartung der egalitĂ€re Grundsatz, dass TodesfĂ€lle und Krankheiten, die in einem bestimmten Alter auftreten, gleichermaßen zur globalen Krankheitslast beitragen sollten, unabhĂ€ngig davon, wo sie auftreten. Das heißt, der Tod einer Frau im Alter von, sagen wir, 57 Jahren sollte gleichermaßen zur Krankheitslast beitragen, egal ob diese Frau in San Diego oder in Soweto stirbt. Durch die Universalisierung einer Standardlebenserwartung entkoppelt die DALY-Metrik jedoch die Berechnung der globalen Krankheitslast (gemessen in DALYs) von den tatsĂ€chlichen Gesundheitsbedingungen der Bevölkerung in den verschiedenen Teilen der Welt. Der Grund dafĂŒr ist zwar weitgehend egalitĂ€r, aber die Folgen sind möglicherweise deutlich weniger egalitĂ€r, worauf ich noch zurĂŒckkommen werde. Der wichtigste Punkt fĂŒr meine Erörterungen hier ist jedoch, dass das Leben und die durch den Tod erfahrene Begrenzung des Lebens aus dem Bereich der tatsĂ€chlich existierenden materiellen Bedingungen herausgenommen und stattdessen in der spekulativen Zukunft des potenziellen Lebens/Zeit angesiedelt wird.

Kombiniert man diese technischen Dimensionen der DALY-Metrik, ergibt sich die in Abbildung 4 dargestellte Formel.

Die verschiedenen Feinheiten dieser Funktionen sind weniger wichtig als die Tatsache, dass ihre Einbeziehung in die DALY-Berechnungen die Anwendung einer ausdrĂŒcklich ökonomischen Linse auf die Quantifizierung der globalen Krankheitslast demonstriert. DarĂŒber hinaus wird die Ökonomisierung des Lebens, die durch die DALY-Metrik erreicht wird – durch ihre eindeutig ökonomische Darstellung von Gesundheit, Krankheit, Tod und Leben selbst – durch die scheinbare ObjektivitĂ€t der Zahlen verdeckt, wenn die DALY-Metrik in ihrer einfachsten Form als ZĂ€hlung und Addition der durch vorzeitigen Tod, Krankheit und Behinderung verlorenen Lebensjahre dargestellt wird.

Die Ökonomisierung des Lebens

Jeder der technischen Dimensionen der DALY-Metrik liegt eine generelle Auffassung von Gesundheit als einer Form von ‚Humankapital‘ zugrunde; dieses Konzept, das mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, wurde von Theodore Schultz und Gary Becker von der Chicagoer Schule am umfassendsten entwickelt. Obwohl die Humankapital-Theorie bei ihrer anfĂ€nglichen EinfĂŒhrung und Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren auf Widerstand und Kontroversen stieß, wurde sie in den 1990er Jahren zu einem zentralen Grundsatz sowohl der mikro- als auch der makroökonomischen Theorie und zum SchlĂŒssel fĂŒr die rasche Ausdehnung des Wirtschaftsbereichs durch den so genannten Wirtschaftsimperialismus.

Abbildung 4. DALY-Formel einschließlich technischer Dimensionen.
Quelle: In Anlehnung an PrĂŒss-ĂŒstĂŒn et al. (2003)

Becker definierte Humankapital als ‚AktivitĂ€ten, die das kĂŒnftige Realeinkommen durch die Einbettung von Ressourcen in die Menschen beeinflussen‘, einschließlich des Wissens, der FĂ€higkeiten, der Veranlagungen und der Gesundheit, die in den Menschen verkörpert sind und sie wirtschaftlich produktiv machen. Zu den Möglichkeiten, in das eigene Humankapital zu investieren, gehören laut Becker ‚Schulbildung, betriebliche Weiterbildung, medizinische Versorgung, Vitaminkonsum und der Erwerb von Informationen ĂŒber das Wirtschaftssystem‘. Diese Investitionen unterscheiden sich in ihren relativen Auswirkungen auf das Einkommen, d. h. in ihrer relativen Kapitalrendite. ‚Doch alle verbessern die körperlichen und geistigen FĂ€higkeiten der Menschen und erhöhen damit die realen Einkommensaussichten‘. Die theoretischen Grundlagen der Humankapitaltheorie beschwören also unweigerlich eine neoliberale politische RationalitĂ€t herauf, wonach die gesamte menschliche Existenz durch eine ökonomische Brille betrachtet wird und, was besonders wichtig ist, Praktiken der individuellen Selbstinvestition bevorzugt werden gegenĂŒber wohlfahrtsstaatlichen Leistungen.

WĂ€hrend Becker die Bedeutung der Gesundheit als eine Form des Humankapitals anerkannte, wurde das Konzept von Beckers SchĂŒler Michael Grossman theoretisch vertieft. Er verstand Gesundheit als etwas, das die Verbraucher aus zwei GrĂŒnden nachfragen. Erstens geht sie als Konsumgut in ihre PrĂ€ferenzfunktionen ein, d. h. die Menschen ziehen einen gesunden Zustand einem kranken Zustand vor. Zweitens, und das ist fĂŒr die folgenden AusfĂŒhrungen wichtig, wird Gesundheit als Investitionsgut betrachtet, weil sie ‚die gesamte fĂŒr Markt- und NichtmarktaktivitĂ€ten zur VerfĂŒgung stehende Zeit bestimmt … [so dass] eine Erhöhung des Gesundheitszustands die fĂŒr diese AktivitĂ€ten verlorene Zeit verringert‘ (d. h. die Zeit, die nicht fĂŒr Markt- und NichtmarktaktivitĂ€ten zur VerfĂŒgung steht). Gesundheit als Ort der Investition bringt Leben, hier als eine Form von Zeit konfiguriert. Die Rendite der Investition in Gesundheit als Humankapital ist eine erhöhte Zeitdividende. Der monetĂ€re Wert der verlĂ€ngerten Lebenszeit oder umgekehrt der ‚monetĂ€re Wert der Reduzierung [der verlorenen produktiven Zeit]‘, so Grossman weiter, ‚ist ein Index fĂŒr die Rendite einer Investition in Gesundheit‘. Investitionen in die Gesundheit verlĂ€ngern die Dauer der möglichen Teilnahme an Markt- und NichtmarktaktivitĂ€ten und maximieren den Zeitraum, in dem Investitionen in das eigene Humankapital realisiert werden können. Ein vorzeitiger Tod bedeutet eine VerkĂŒrzung der Investitionsdauer. Gesundheit hingegen verlĂ€ngert das Leben. Die Betrachtung der Gesundheit als eine Form des Humankapitals fĂŒhrt jedoch zu einer Neukonzipierung des Lebens als Einkommensstrom.

Mit Gesundheit als Humankapital und der Zerlegung der Lebenszeit in Leben/Zeit wird das Leben als Einkommensstrom neu zusammengesetzt. Noch besorgniserregender ist jedoch, dass der vorzeitige Tod nicht nur eine VerkĂŒrzung der Zeit bedeutet, sondern auch eine Form von Fehlinvestition oder, genauer gesagt, ein Versagen bei der Selbstinvestition. Grossman erklĂ€rt:

[Es] wird davon ausgegangen, dass Individuen einen anfĂ€nglichen Bestand an Gesundheit erben, der sich im Laufe der Zeit – zumindest ab einem bestimmten Stadium des Lebenszyklus – mit zunehmender Geschwindigkeit abbaut und der durch Investitionen wieder erhöht werden kann. Der Tod tritt ein, wenn der Bestand unter ein bestimmtes Niveau fĂ€llt, und eines der neuen Merkmale des Modells besteht darin, dass die Individuen ihre LebenslĂ€nge ‚wĂ€hlen‘.

Wenn man sich die Gesundheit als eine Form des Humankapitals vorstellt, wird die LĂ€nge des eigenen Lebens zum Ergebnis von Investitionen in die eigene Gesundheit bzw. deren Unterlassung. Der Tod ist nicht mehr das Ergebnis einer Krankheit, sondern wird zu einem Entscheidungsergebnis, das der zukunftsorientierte, risikominimierende und ökonomisch maximierende rationale Akteur offensichtlich durch selbstoptimierende Praktiken der Investition in die eigene Gesundheit vermeiden sollte. Diese Darstellung von Gesundheit als Humankapital, die Zerlegung von Menschenleben in Leben/Zeit und die Wiederzusammensetzung von Leben als Einkommensstrom setzt einen neoliberalen homo oeconomicus voraus, der seine eigene Gesundheit in der Gegenwart optimieren muss, um zukĂŒnftige Lebenszeit zu sichern.

Diese Sichtweise der LebenslĂ€nge als einer Entscheidung des Endverbrauchers zeigt sich in der Verwendung einer Standard-Lebenserwartungstabelle in der DALY-Metrik. Trotz des egalitĂ€ren Prinzips, das der Standardlebenserwartung zugrunde liegt, werden ganze Bevölkerungsgruppen mit hoher Sterblichkeit als gescheiterte Investoren dargestellt, die nicht ausreichend in ihren eigenen Bestand an Gesundheitskapital investiert haben. NatĂŒrlich wĂ€hlt der Einzelne seine LebenslĂ€nge in etwa demselben Maße, wie er seinen Geburtsort wĂ€hlt. Jeder rationale Akteur wĂŒrde sich dafĂŒr entscheiden, inmitten einer Bevölkerung mit niedriger Sterblichkeit geboren zu werden; jeder homo oeconomicus sollte in seine eigene Gesundheit investieren, um eine maximale Lebenserwartung zu gewĂ€hrleisten. Wenn man jedoch die Lebenserwartung als eine Investitionsentscheidung betrachtet, wird sie fest im Bereich des individuellen Handelns verortet, mit dem Ergebnis, dass Individuen, die inmitten von Bevölkerungen mit hoher Sterblichkeit geboren werden, umgehend als gescheiterte Investoren gelten. Vor dem Hintergrund der Humankapitaltheorie erscheint das ‚‘egalitĂ€re Prinzip‚‘, das mit der Verwendung einer Standard-Lebenszeittabelle in der DALY-Metrik verbunden ist, weit weniger egalitĂ€r.

Die DALY-Metrik wurde in einem weitgehend egalitĂ€ren Geist konzipiert und fĂŒr die DurchfĂŒhrung von Kosten-Nutzen-Analysen potenzieller Gesundheitsinterventionen entwickelt, um die entstehenden Gesundheitssysteme nach einer Logik der wirtschaftlichen Optimierung zu gestalten. Die DALY-Metrik dient jedoch nicht nur der Erleichterung von Kosten-Nutzen-Analysen, sondern bewirkt auch eine Ökonomisierung des Lebens selbst, indem sie die Lebenszeit in einzelne Einheiten von Leben als Zeit zerlegt und das Leben als Einkommensstrom wieder zusammensetzt, der durch Praktiken der Selbstinvestition in die eigene Gesundheit, die hier als Humankapital konfiguriert wird, maximiert werden soll. Der Tod hingegen ist das Ergebnis eines VersĂ€umnisses, angemessen in die eigene Gesundheit zu investieren; er ist kein Ergebnis einer Krankheit, sondern eher ein Ergebnis einer Entscheidung. In der Logik der DALY-Metrik ist der Tod das Ergebnis eines erfolglosen unternehmerischen Managements des Selbst, das ultimative Versagen des neoliberalen homo oeconomicus.

Fazit

Der World Development Report 1993: Investing in Health der Weltbank wird hĂ€ufig als SchlĂŒsselmoment beim Übergang von der internationalen zur globalen Gesundheitspolitik bezeichnet. In diesem Artikel habe ich die erkenntnistheoretischen UrsprĂŒnge dieses historischen Wandels in einem weniger bekannten Aspekt des Investing in Health-Berichts verortet: der EinfĂŒhrung der DALY-Metrik. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Geschichte bedeutet jedoch nicht, ihre materiellen Auswirkungen zu vernachlĂ€ssigen: Die EinfĂŒhrung der DALY-Metrik hat das Terrain der globalen Gesundheit in den letzten 25 Jahren tiefgreifend geprĂ€gt. So beschloss beispielsweise Bill Gates nach der LektĂŒre des World Development Report 1993: Investing in Health, seine philanthropischen Milliarden in die globale Gesundheit zu investieren. Und es geschah gemĂ€ĂŸ der Logik der DALY-Berechnungen, dass die Gates-Stiftung ihren eigenen Ausgaben fĂŒr die globale Gesundheit PrioritĂ€t einrĂ€umte. Nach ihrer Wahl zur Generaldirektorin der WHO im Jahr 1998 machte Dr. Gro Harlem Brundtland Investitionen in die Gesundheit zu ihrem „Fahrplan“ fĂŒr die Reform der WHO, um deren zentralen Platz in der neuen neoliberalen globalen Gesundheitslandschaft wieder zu behaupten. Die PrioritĂ€ten der WHO wurden in der Zwischenzeit von der globalen Krankheitslast, die in DALYs berechnet wird, sowie von der VerfĂŒgbarkeit kosteneffizienter Interventionen geprĂ€gt. Beispiele hierfĂŒr sind die Schaffung des WHO-RahmenĂŒbereinkommens zur EindĂ€mmung des Tabakkonsums, des weltweit ersten rechtsverbindlichen Vertrags im Bereich der öffentlichen Gesundheit, und die verstĂ€rkte Aufmerksamkeit fĂŒr die Belastung durch nicht ĂŒbertragbare Krankheiten im Allgemeinen (Kenny, in Vorbereitung).

Die DALY-Metrik war ursprĂŒnglich als neues zusammenfassendes Maß fĂŒr die Gesundheit der Bevölkerung gedacht, das sowohl die MortalitĂ€t als auch die MorbiditĂ€t in einer einzigen Analyseeinheit zusammenfassen und Kosten-Nutzen-Analysen fĂŒr die Gestaltung von Gesundheitssystemen nach der Logik der wirtschaftlichen Maximierung erleichtern sollte. Aber, wie ich hier dargelegt habe, bewirkt die DALY-Metrik eine Ökonomisierung des Lebens, indem sie die Lebenszeit in einzelne Zeiteinheiten zerlegt und das Leben als einen Einkommensstrom neu zusammensetzt, der durch Praktiken der Selbstinvestition in die eigene Gesundheit – hier als Humankapital konfiguriert – maximiert werden soll. Das Leben wird als Zeit und das Individuum als neoliberaler homo oeconomicus, als Unternehmer des Selbst, neu konzipiert. Der Tod wird von einem Krankheits- zu einem Entscheidungsproblem umgedeutet und stellt das persönliche Scheitern eines neoliberalen homo oeconomicus dar. Im Gegensatz zu ihrer scheinbar objektiven, einfachen Darstellung ist die DALY-Metrik meiner Meinung nach am besten als biopolitische Machttechnologie zu verstehen, auf der das heutige neoliberale globale Gesundheitsregime beruht.

[Quellen + Zitationen]

Der Moment des Impfstoffs

Teil 1: An den Tagen der Offenbarung

von Paul Kingsnorth [engl. Originaltext]

Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Essays ĂŒber den Virus und die Maschine.
Teil zwei folgt nÀchste Woche, danach wird der normale Dienst wieder aufgenommen.

Vielleicht liegt es daran, dass ich EnglĂ€nder bin, vielleicht liegt es an meinem Alter, vielleicht ist es auch nur ein blindes Vorurteil, aber wenn ich aufwache und erfahre, dass die österreichische Regierung ein ganzes Drittel der Bevölkerung als ‚Gefahr fĂŒr die öffentliche Gesundheit‘ interniert hat, lĂ€uft mir ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken.

Österreich, denke ich bei mir. Aha.

Ich sehe die Nachrichtenbilder von bewaffneten, maskierten, schwarz gekleideten Polizisten, die Menschen auf der Straße anhalten, um sie nach ihren digitalen Papieren zu fragen, und ich lese Geschichten von anderen, die verhaftet wurden, weil sie ihr Haus mehr als das erlaubte eine Mal am Tag verlassen haben, und ich höre österreichische Politiker, die sagen, dass diejenigen, die sich weigern, sich der Spritze zu unterziehen, gemieden und zu SĂŒndenböcken gemacht werden sollen, bis sie sich fĂŒgen. Dann sehe ich Interviews mit „normalen Menschen“ , und sie sagen, dass die ‚Ungeimpften‘ es verdient hĂ€tten. Einige von ihnen sagen, dass man sie alle ins GefĂ€ngnis stecken sollte, diese Volksfeinde. Im besten Fall sind die ‚Anti-Vaxxer‘ paranoid und falsch informiert. Im schlimmsten Fall sind sie bösartig und sollten bestraft werden.

Ein paar Tage spĂ€ter wache ich auf und höre eine weitere Nachricht ĂŒber Österreich: Ab dem nĂ€chsten Jahr wird allen Menschen in diesem Land eine Covid-Impfung vom Staat aufgezwungen, die ihr Recht auf das außer Kraft setzt, was bestimmte Leute, die in letzter Zeit sehr still geworden sind, frĂŒher als ‚körperliche Autonomie‘ bezeichnet haben.

Dann schaue ich ĂŒber die Grenze nach Deutschland. Ich sehe, dass in Deutschland die Politiker auch darĂŒber nachdenken, die ‚Impfverweigerer‘ zu internieren, und derzeit darĂŒber diskutieren, jedem BĂŒrger die Impfung aufzuzwingen. Bis zum Ende des Winters, so erklĂ€rt der erfrischend ehrliche deutsche Gesundheitsminister, werden die Deutschen ‚geimpft, geheilt oder tot‘ sein. Eine vierte Möglichkeit gibt es offenbar nicht.

In Deutschland sind sie fleißig. KĂŒrzlich wurden in Hamburg ZĂ€une aufgestellt, um die ‚bösen Ungeimpften‘ von den ‚guten Geimpften‘ auf den WeihnachtsmĂ€rkten zu trennen. Draußen. Vielleicht versorgen sie die Guten auch mit Steinen, die sie ĂŒber diese ZĂ€une werfen können. Wenn ich Karikaturen wie die oben auf dieser Seite sehe, die vor kurzem in einer großen deutschen Zeitung erschienen ist, denke ich, dass es damit vielleicht nicht weit her ist. Hier hat sich der Mann auf dem Sofa ein Ego-Shooter-Spiel gekauft, in dem er sich einen Spaß daraus machen kann, ungeimpfte Menschen zu töten. Das werde, so der Karikaturist, ‚ein großer Hit unter dem Weihnachtsbaum‘ sein.

Ha ha ha, denke ich. Deutschland. ZÀune. Internierung. Zwangsweise Injektionen. Bewaffnete Polizei. Scannen Sie Ihren Code. Tötet die Unvaxxed.

Ha ha ha.

Ich beobachte das alles von Irland aus, dem Land mit der höchsten Impfquote bei Erwachsenen in Westeuropa, nĂ€mlich ĂŒber 94 % der Bevölkerung. Gleichzeitig haben wir merkwĂŒrdigerweise auch eine der höchsten Covid-Infektionsraten in Westeuropa. Die Regierung ist nicht in der Lage, diese Tatsache zu erklĂ€ren, aber es handelt sich um einen Trend, der in letzter Zeit auch in einigen anderen LĂ€ndern mit hoher Impfrate zu beobachten ist: Gibraltar, Israel, Westflandern. Eine hohe Durchimpfungsrate scheint nicht mit einer niedrigen Krankheitsrate einherzugehen, oft ist sogar das Gegenteil der Fall.

Auch in anderen Teilen der Welt geschehen seltsame Dinge. Afrika, zum Beispiel. Die Bevölkerung Afrikas ist die grĂ¶ĂŸte, am schnellsten wachsende und materiell Ă€rmste aller Kontinente. Nur wenige Regierungen dort können es sich leisten, ihre Bevölkerung mit den teuren Unternehmensimpfstoffen zu versorgen, auf die wir im Westen unsere Nationen gesetzt haben. Nur 6 % der afrikanischen Bevölkerung sind geimpft, und vielerorts gibt es kaum nationale Gesundheitssysteme, dennoch bezeichnet die WHO den Kontinent als eine der am wenigsten vom Virus betroffenen Regionen der Welt“. TatsĂ€chlich scheinen die reicheren, ‚entwickelteren‘ Teile der Welt am stĂ€rksten unter der Pandemie zu leiden.

Niemand scheint in der Lage zu sein, dies zu erklĂ€ren, aber das hat die offizielle Marschrichtung nicht geĂ€ndert. In Irland bleibt das Drehbuch dasselbe. Seit sechs Monaten leben wir mit einer Impf-Apartheid, bei der die ‚Ungeimpften‘ von einem Großteil der Gesellschaft ausgeschlossen sind, aber es hat nicht funktioniert. Mit dem Wintereinbruch schießen die Infektionsraten in die Höhe – wie man es bei einem Atemwegsvirus erwarten kann. KĂŒrzlich wurden wir alle aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten, und ein weiterer Lockdown steht bevor. Vor kurzem wurde eine Mitternachts–Sperrstunde fĂŒr Kneipen und Nachtclubs verhĂ€ngt. Das ist seltsam, denn seit Monaten dĂŒrfen nur geimpfte Personen in diese Lokale gehen, und uns wurde wiederholt versichert, dass geimpfte Personen in ihrer NĂ€he sicher sind.

In einer ehrlichen Gesellschaft wĂ€re dies alles Gegenstand einer soliden öffentlichen Debatte gewesen. Wir hĂ€tten gesehen, wie Wissenschaftler aller Richtungen im Fernsehen, im Radio und in der Presse offen debattiert hĂ€tten; wie Meinungen aller Art in den sozialen Medien geĂ€ußert worden wĂ€ren; wie Journalisten Berichte ĂŒber Impferfolge und Impfgefahren grĂŒndlich recherchiert hĂ€tten; wie ernsthaft alternative Behandlungsmethoden erforscht worden wĂ€ren; wie öffentliche Debatten ĂŒber das Gleichgewicht zwischen bĂŒrgerlichen Freiheiten und öffentlicher Gesundheit gefĂŒhrt worden wĂ€ren und was ‚öffentliche Gesundheit‘ ĂŒberhaupt bedeutet. Aber das haben wir nicht gesehen und werden es auch nicht sehen, denn die Debatte ist ebenso wie der Dissens aus der Mode gekommen. Die Medien hier in Irland haben seit mindestens eineinhalb Jahren keine kritischen Fragen mehr an die Verantwortlichen gestellt. Die Algorithmen von Google sind damit beschĂ€ftigt, unbequeme Daten zu begraben, wĂ€hrend die sozialen MedienkanĂ€le, ĂŒber die die meisten Menschen ihr Weltbild beziehen, kritische Meinungen entfernen oder unterdrĂŒcken, selbst wenn sie von Virologen oder Redakteuren des British Medical Journal stammen.

Tag fĂŒr Tag bin ich aufgewacht und habe mich gefragt: Was ist hier los?


Internierung. Verordnete Medikamente. Segregation ganzer Gesellschaftsgruppen. Massenentlassungen. Ein medialer Konsens im Paukenschlag. Die systematische Zensur von Andersdenkenden. Die bewusste Schaffung eines Klimas der Angst und des Misstrauens durch den Staat und die Presse. Wodurch könnte dies gerechtfertigt sein? Vielleicht die Kombination aus einer schrecklichen Pandemie, die einen großen Prozentsatz der Infizierten tötete oder verstĂŒmmelte, und der Existenz eines sicheren und zuverlĂ€ssigen Medikaments, das nachweislich die Ausbreitung der Pandemie verhindert. Das ist natĂŒrlich das, was wir angeblich gerade erleben. Das ist die ErzĂ€hlung.

Aber es ist inzwischen klar genug, dass dieses Narrativ nicht wahr ist. Covid-19 ist eine unangenehme Krankheit, die ernst genommen werden sollte, vor allem von denjenigen, die besonders anfĂ€llig dafĂŒr sind. Aber sie ist bei weitem nicht gefĂ€hrlich genug – wenn ĂŒberhaupt etwas –, um die Schaffung eines globalen Polizeistaats zu rechtfertigen. Was die Impfstoffe angeht – nun, geben wir einfach zu, dass Impfungen zu einem Thema geworden sind, ĂŒber das es praktisch unmöglich ist, in aller Ruhe und Klarheit zu diskutieren, zumindest in der Öffentlichkeit. Wie bei fast jedem anderen großen Thema im Westen sind die Meinungen entlang von Stammesgrenzen gespalten und werden durch den fauligen Sumpf der antisozialen Medien gefiltert, um dann ungeheuerlich und tropfend ans Licht zu kommen.

Oft ist das, worĂŒber die Menschen zu streiten glauben, nicht das eigentliche Thema der Meinungsverschiedenheit, das tiefer liegt und oft unausgesprochen ist, wenn es ĂŒberhaupt verstanden wird. So ist es auch hier. Bei den Spaltungen, die sich in der Gesellschaft ĂŒber die Covid-Impfstoffe aufgetan haben, geht es eigentlich gar nicht um die Covid-Impfstoffe, sondern darum, was das Impfen in diesem Moment symbolisiert. Was es bedeutet, ‚vaxxed‘ oder ‚unvaxxed‘ zu sein, sicher oder gefĂ€hrlich, sauber oder schmutzig, vernĂŒnftig oder unverantwortlich, gefĂŒgig oder unabhĂ€ngig: das sind Fragen darĂŒber, was es bedeutet, ein gutes Mitglied der Gesellschaft zu sein, und was die Gesellschaft ĂŒberhaupt ist, und sie explodieren wie Sprengladungen unter der OberflĂ€che der Kultur.

Das soll nicht heißen, dass die oberflĂ€chlichen Meinungsverschiedenheiten keine Rolle spielen. Das tun sie. Es gibt viele gute GrĂŒnde, um ĂŒber diese Medikamente und ihre erzwungene Anwendung besorgt zu sein. Wir haben es hier mit einer neuartigen Technologie zu tun, die noch nie zuvor in diesem Umfang oder zu diesem Zweck eingesetzt wurde, um eine Reihe von Impfstoffen zu entwickeln, die bereits an Millionen von Menschen ausgegeben wurden, bevor die klinischen Studien ĂŒberhaupt abgeschlossen waren. Dies ist eine unvorhergesehene Situation – ebenso wie die Impfung gegen ein Atemwegsvirus mitten in einer Pandemie, vor der einige Fachleute warnen, dass sie die Situation eher verschlimmern als beenden könnte. Die Unternehmen, die diese Dinge herstellen, machen stĂŒndlich ebenso beispiellose Gewinne, und ihre lange Geschichte von Unehrlichkeit und Vertuschung sowie die Tatsache, dass sie rechtlich gegen jegliche Haftung fĂŒr Probleme, die durch diese Impfstoffe entstehen, immun sind, macht es unmöglich, ihre Zusicherungen der Sicherheit ernst zu nehmen. Und wenn wir Zeuge einer aktiven staatlichen und medialen Kampagne gegen die frĂŒhzeitige Behandlung einer Krankheit werden – das genaue Gegenteil von dem, was jedem Arzt an der medizinischen FakultĂ€t beigebracht wird –, zusammen mit der Weigerung, ĂŒber die sich hĂ€ufenden Beweise fĂŒr kurzfristige Nebenwirkungen zu berichten, sollte klar sein, dass etwas passiert, was nicht durch die Geschichte, die uns erzĂ€hlt wird, erklĂ€rt werden kann.

Aus all diesen und weiteren GrĂŒnden habe ich mich nicht gegen Covid impfen lassen, und ich habe auch nicht vor, mich impfen zu lassen. Das macht mich nicht zu einem ‚Impfgegner‘ – eine Kategorie, die dazu gedacht ist, in das stĂ€ndige Narrativ des Kulturkampfes einzugreifen, das die guten von den schlechten Menschen trennt und beide Seiten in diesem Krieg dazu bringt, die andere zu dĂ€monisieren. Ich bin nicht gegen das Impfen, und ich wĂŒrde mir sicher nicht einbilden, dass ich das Recht hĂ€tte, anderen vorzuschreiben, was sie mit ihrem Körper tun sollen. Ich glaube nicht, dass die verfĂŒgbaren Covid-Impfstoffe unwirksam sind – auch wenn sie nicht das tun, was man uns weismachen will –, und ich sehe viele GrĂŒnde dafĂŒr, dass Menschen, insbesondere gefĂ€hrdete Menschen, sie nehmen, wenn sie sich dafĂŒr entscheiden.

Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Aufsatzes mit mir ĂŒber meine Entscheidung streiten könnten, wenn ihnen danach ist, und ich gehe davon aus, dass ich ihnen widersprechen könnte. Das ist es, was ein Großteil der Welt getan hat, seit diese Impfstoffe auf der BildflĂ€che erschienen sind. Wir könnten uns alle gegenseitig mit von Experten begutachteten Studien bewerfen, die wir nicht wirklich verstehen, und sie wĂŒrden alle am Ziel vorbeigehen, denn es geht nicht um den Impfstoff. Es geht um das, was er symbolisiert – und um das, was mit ihm aufgebaut werden soll.

Ich bin ein Schriftsteller. Ich weiß, wie man Geschichten konstruiert. Ich weiß, was sie erfolgreich macht oder scheitern lĂ€sst, und ich habe ein GespĂŒr dafĂŒr, wenn eine Geschichte nicht zusammenpasst. Der Covid-Narrativ ist genau solch eine Geschichte. Sie passt nicht zusammen, nicht einmal aus sich selbst heraus. Irgendetwas stimmt nicht. Die OberflĂ€che der Geschichte spiegelt nicht wider, was darunter liegt. Und was darunter liegt, ist das, was mich hier interessiert.

Wir leben in einer apokalyptischen Zeit, im ursprĂŒnglichen Sinne des griechischen Wortes apokalypsis: EnthĂŒllung. Was an der OberflĂ€che geschieht, offenbart, was schon immer darunter lag, aber in normalen Zeiten verborgen ist. Das ganze Geschehen spielt sich jetzt in der Unterwelt ab. Unter den Streitereien darĂŒber, ob man einen Impfstoff nehmen soll oder nicht, der möglicherweise nicht sicher wirkt, gleitet etwas Älteres, Tieferes, Langsameres: etwas, das alle Zeit der Welt hat. Ein großer Geist, dessen Werk es ist, diese zerbrochenen Zeiten zu nutzen, um uns allen zu offenbaren, was wir sehen mĂŒssen: Dinge, die seit der GrĂŒndung der modernen Welt verborgen sind.

Covid ist eine Offenbarung. Es hat BrĂŒche im sozialen GefĂŒge aufgedeckt, die schon immer da waren, aber in besseren Zeiten ignoriert werden konnten. Es hat die WillfĂ€hrigkeit der alten Medien und die Macht des Silicon Valley offenbart, das öffentliche GesprĂ€ch zu kuratieren und zu kontrollieren. Es bestĂ€tigt die hinterhĂ€ltige Unehrlichkeit der politischen FĂŒhrer und ihre ultimative Unterwerfung unter die Macht der Unternehmen. Es hat „die Wissenschaft“ als jene kompromittierte Ideologie entlarvt, die sie ist.

Vor allem aber hat sie die autoritĂ€re Ader offenbart, die so vielen Menschen zugrunde liegt und die in Zeiten der Angst immer zum Vorschein kommt. Allein im vergangenen Monat habe ich beobachtet, wie Medienkommentatoren zur Zensur ihrer politischen Gegner aufriefen, Philosophieprofessoren Masseninternierungen rechtfertigten und Menschenrechtslobbygruppen zum Thema ‚Impfpass‘ schwiegen. Ich habe beobachtet, wie ein Großteil der politischen Linken sich offen in die autoritĂ€re Bewegung verwandelt hat, die sie wahrscheinlich schon immer war, und wie zahllose ‚Liberale‘ Kampagnen gegen die Freiheit gefĂŒhrt haben. WĂ€hrend mir eine Freiheit nach der anderen genommen wurde, habe ich beobachtet, wie ein Intellektueller nach dem anderen dies alles rechtfertigte. Ich wurde daran erinnert, was ich schon immer wusste: Klugheit hat nichts mit Weisheit zu tun.

In den letzten zwei Jahren habe ich mehr ĂŒber die menschliche Natur gelernt als in den siebenundvierzig Jahren zuvor. Ich habe auch einiges ĂŒber mich selbst gelernt, und das gefĂ€llt mir auch nicht besonders. Ich habe bemerkt, dass ich immer wieder versucht bin, Partei zu ergreifen: diejenigen zu verurteilen, die auf der anderen Seite der Frage stehen – diese SchĂ€fchen, diese böswilligen Feinde der Wahrheit. Ich habe bemerkt, dass ich dazu neige, nur Informationsquellen aufzusuchen, die meine Überzeugungen bestĂ€tigen. Offenbarung ist nie bequem.

Vor allem aber hat mir die Covid-Apokalypse gezeigt, dass die Menschen, wenn sie Angst haben, leicht zu kontrollieren sind.

Kontrolle: das ist das Thema der Stunde. Überall auf der Welt erleben wir, wie die KrĂ€fte des Staates im BĂŒndnis mit den KrĂ€ften des Unternehmenskapitals einen noch nie dagewesenen Anspruch auf Kontrolle ĂŒber Ihr und mein Leben erheben. All dies lĂ€uft auf das offenkundige Symbol unseres Zeitalters hinaus: den QR-Code auf dem Smartphone, der mit beĂ€ngstigender Geschwindigkeit und fast gerĂ€uschlos zum neuen Pass fĂŒr ein erfĂŒlltes menschliches Leben geworden ist. Wie immer haben sich unsere Werkzeuge gegen uns gewandt. Eine weitere EnthĂŒllung: Es waren nie unsere Werkzeuge, mit denen wir angefangen haben. Wir waren die ihren.

Aus der riesigen Schar umstrittener Fakten, die wie ein Schwarm Stare um das Virus kreisen, den Himmel verdunkeln und den Verstand verwirren, ragt eine Tatsache heraus. Es ist die einzige Tatsache, die ein kathedralenförmiges Loch in die derzeit von den Regierungen verfolgte Strategie reißt und einen Blick in die Krypta ermöglicht. Es ist die Tatsache, dass diese Impfstoffe, unabhĂ€ngig von ihrer Wirksamkeit in anderen Bereichen, die Übertragung des Virus nicht verhindern.

Diese einzelne Tatsache – die seit langem bekannt ist, aber kaum je erwĂ€hnt wird – macht die Argumente fĂŒr ImpfpĂ€sse, Segregation, das Einsperren von ‚Ungeimpften‘ und Ă€hnliche Maßnahmen zu Makulatur. Selbst wenn man glaubt (oder so tut), dass dieses Virus gefĂ€hrlich genug ist, um die radikalen neuen Formen des Autoritarismus zu rechtfertigen, die um es herum entstanden sind – und das tue ich gewiss nicht –, werden diese Maßnahmen ohnehin scheitern, wenn sowohl geimpfte als auch ungeimpfte Menschen das Virus verbreiten können; und wir wissen, dass sie das können.

Wie lĂ€sst sich dann das System der technologischen Kontrolle und Überwachung rechtfertigen, das sich im letzten Jahr mit seltsamer Geschwindigkeit und Leichtigkeit um uns herum entwickelt hat? Und wie lĂ€sst sich die seltsam einheitliche Sprache erklĂ€ren, mit der die Regierungen der Welt dieses System erklĂ€ren und rechtfertigen, das so viele auf Ă€hnliche Weise mit Ă€hnlichen Technologien in Ă€hnlichen ZeitrĂ€umen eingefĂŒhrt haben? Dass die ‚Ungeimpften‘ eine Gefahr fĂŒr die Gesellschaft sind und die ‚Geimpften‘ vor ihnen geschĂŒtzt werden mĂŒssen, ist der Vorwand. Aber wie wir in Irland sehen, ist dieser Vorwand unbegrĂŒndet.

WĂŒrden wir, wie wir vorgeben zu sein, auf der Grundlage der Vernunft handeln – wĂŒrden wir wirklich ‚der Wissenschaft folgen‘ – dann wĂŒrden wir diese Systeme jetzt abbauen. Stattdessen bewegen wir uns immer tiefer in sie hinein. Wir werden in eine Zukunft getrieben, in der das Einscannen eines Codes zum Nachweis, dass man ein sicheres und gehorsames Mitglied der Gesellschaft ist, ein fester Bestandteil des Lebens sein wird, so unhinterfragt wie Kreditkarten und FĂŒhrerscheine. Wir bewegen uns auf eine Zwangsimpfung ganzer Bevölkerungsgruppen zu – auch von Kindern – und auf GefĂ€ngnisstrafen fĂŒr diejenigen, die sich weigern. Bis zum Ende des Winters könnten wir in einer Welt leben, in welcher der Staat die volle Kontrolle ĂŒber unseren Körper ĂŒbernommen hat und unsere einzige Chance, ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu bleiben, darin besteht, dass wir uns allen seinen Anweisungen unterwerfen und einer stĂ€ndigen digitalen Überwachung zustimmen, um zu beweisen, dass wir sie befolgen.

Vor achtzehn Monaten wĂ€re jeder, der diese Richtung vorschlug, als der Virus in die Stadt kam, als paranoider David-Icke-Fanboy abgetan worden. Aber in diesen achtzehn Monaten sind wir nahtlos von ‚zwei Wochen, um die Kurve abzuflachen‘ zu ‚obligatorischen Injektionen, um GefĂ€ngnis zu vermeiden‘ ĂŒbergegangen. Wir haben das normalisiert und akzeptiert. Wir haben keine Fragen gestellt. Diejenigen, die widersprochen haben, wurden zensiert, zum Schweigen gebracht, schikaniert und misshandelt.

Noch wĂ€hrend ich diesen Aufsatz schrieb, wurde die Situation in Deutschland und Österreich durch Nachrichten aus Down Under in den Schatten gestellt. An diesem Wochenende hat die australische Armee damit begonnen, Covid-infizierte Menschen in staatliche Lager zu verlegen. In Teilen der australischen Northern Territories wurden ein ‚Hard Lockdown‘ verordnet, in dem niemand mehr sein Haus verlassen darf, es sei denn, er benötigt dringend medizinische Hilfe. Diejenigen, die sich mit dem Virus angesteckt haben oder auch nur mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen sind, werden nun von Soldaten unter Zwang in ein staatliches Lager ‚verlegt‘ [Link hinzugefĂŒgt, d. Übers.], wo sie so lange festgehalten werden, bis der Staat verfĂŒgt, dass sie als sicher genug fĂŒr eine Entlassung gelten.

Diese ‚obligatorischen, ĂŒberwachten QuarantĂ€neeinrichtungen‘ wurden im letzten Jahr zur QuarantĂ€ne von einreisenden Reisenden genutzt. Jetzt werden sie genutzt, um australische StaatsbĂŒrger ‚einzudĂ€mmen‘ [engl. contain]. Die AnkĂŒndigung dieser Maßnahme durch die Regierung können Sie hier verfolgen. Wie ein weiterer australischer Politiker ĂŒber die ‚Unvaxxed‘ schwadroniert und was er mit ihnen machen möchte, können Sie hier sehen. Wenn Sie danach nicht voller dunkler Vorahnungen sind, dann weiß ich nicht, wie ich Ihnen helfen kann.

Nomen est omen: der Regierungschef des australischen Northern Territory, Michael Gunner

Meine eigene Vorahnung vertieft sich tĂ€glich. Unter der OberflĂ€che, tief in diesen AbgrĂŒnden, bin ich bei weitem nicht der Einzige, der sehen kann, was sich abzeichnet. Die ErzĂ€hlung ergibt keinen Zusammenhang, die Geschichte geht nicht auf, aber sie erfĂŒllt dennoch ihren Zweck. Sie wird benutzt, um eine noch nie dagewesene autoritĂ€re Technokratie heraufzubeschwören und zu rechtfertigen, die uns alle einsperrt, ohne Zustimmung, ohne Debatte und ohne das Recht, auszusteigen.

Das ist aus uns geworden, in zwei kurzen, aber folgenschweren Jahren. Wir im Westen, die wir Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte damit verbracht haben, den Rest der Welt ĂŒber ‚Freiheit‘ zu belehren, die wir manchmal sogar mit Bomben fĂŒr unsere Freiheit argumentiert haben. Wir, die wir diese Sache namens ‚Liberalismus‘ erfunden haben; wir, die wir sie jetzt begraben. Es brauchte nicht viel, dass unsere Worte sich als hohl entlarven, oder?


Vor fast einem Jahrzehnt schrieb ich einen Essay mit dem Titel The Barcode Moment. Er ist in meinem Buch ‚Confessions of a Recovering Environmentalist‘ [Bekenntnisse eines sich erholenden UmweltschĂŒtzers] enthalten, aber Sie können auch die Originalversion in drei Teilen hier, hier und hier lesen. Darin ging es um den Vormarsch aufdringlicher Technologien, und die Frage, die sich darin stellte, lautete: Wo ziehst du deine Grenze? Ich habe versucht, fĂŒr mich selbst eine Antwort auf diese Frage zu finden, die mich schon seit Jahren quĂ€lt: Wann wird die Richtung, in die sich die Maschine bewegt, so offensichtlich, so unertrĂ€glich, so beĂ€ngstigend, dass man sich nicht mehr damit abfinden kann? Was ist die Sollbruchstelle? FĂŒr einige Menschen waren es die Smartphones. FĂŒr andere mögen es die sozialen Medien gewesen sein. Heute denke ich, dass die wirklich klugen Leute bei den Einwahlmodems aus dem Karussell ausgestiegen sind und sich still und leise in die WĂ€lder zurĂŒckgezogen haben.

Jener Essay war einfach zu schreiben, im Gegensatz zu diesem. Vor zehn Jahren erschauderte ich beim Anblick von Googles neuer Glass-Technologie, die sich im RĂŒckblich als frĂŒher Versuch eines Prototyps eines Metaversums erweist, und sinnierte darĂŒber, was sich damit ankĂŒndigen könnte. Wie sich herausstellt, ist es dutzendfach einfacher, ĂŒber eine möglicherweise bevorstehende Zukunft der technologischen Kontrolle zu schreiben, als darĂŒber, wie sie sich um einen herum manifestiert.

Aber genau dies geschieht heute. In den letzten sechs Monaten habe ich ĂŒber die Entwicklung des riesigen Netzes technologischer Kontrolle geschrieben, das ich die Maschine nenne: woher sie kommt, was sie antreibt, wie wir sie in unserer Kultur und in unserem individuellen Leben manifestieren. In den nĂ€chsten Monaten hatte ich vor, darĂŒber zu schreiben, wie sie sich im Hier und Jetzt, in unserer Politik, Gesellschaft und Kultur manifestiert. Das werde ich auch weiterhin tun, aber ich merke, dass ich von den Ereignissen ĂŒberholt werde. Wenn ich diese AufsĂ€tze zu Ende geschrieben habe, werden wir in einer ganz anderen Welt leben als zu dem Zeitpunkt, als ich sie begonnen habe. Dies ist bereits der Fall.

Essay von Paul Kingsnorth: Blasse Sonne, geblendeter Mensch: Die Vorahnung der Maschine, Teil eins

Die Covid-Pandemie hat sich als perfektes kontrolliertes Experiment fĂŒr die EinfĂŒhrung der nĂ€chsten Stufe der Evolution der Maschine erwiesen. Dies ist das fehlende Teil des Puzzles, ohne das der Rest nicht entschlĂŒsselt werden kann. Die ErzĂ€hlung ergibt erst dann einen Sinn, wenn wir verstehen, dass wir eine neue, radikale Form des Techno-Autoritarismus vor unseren Augen entstehen sehen. Das ist kein Zufall, und es ist nicht vorĂŒbergehend. In der EU sind Smartphone-gestĂŒtzte ImpfpĂ€sse seit mindestens 2018 vorgesehen [‚Fahrplan fĂŒr die Umsetzung der Maßnahmen der EuropĂ€ischen Kommission auf Basis der Mitteilung der Kommission sowie der Empfehlung des Rates zur verstĂ€rkten Zusammenarbeit bei der BekĂ€mpfung von durch Impfungen vermeidbaren Krankheiten‘]. Das gesamte Pandemie-Szenario wurde zuvor durchgespielt, weniger als ein Jahr bevor es sich entfaltete. Die Technologie war bereit, und das Anziehen der Ratsche war von langer Hand geplant. Alles, was nötig war, war ein auslösendes Ereignis. Wie ich in meinem letzten Aufsatz hier schrieb, ist die Zukunft in einer kollabierenden Gesellschaft eine Kombination aus Zusammenbruch und Niederschlagung. Also beginnt es.

Es bedarf keiner ‚Verschwörungstheorie‘, damit dies wahr ist. Es bedeutet nicht, dass der Virus nicht real oder gefĂ€hrlich ist oder dass Bill Gates Ihnen Mikrochips einpflanzen will (nun, das wĂŒrde er womöglich gern tun, aber das ist ein anderes Thema …) Es bedarf keiner versteckten Kabale von Menschen, die alles kontrollieren. Die Leute, die die Kontrolle haben – oder es zumindest anstreben –, sind offen sichtbar, und das schon seit Jahren, und die meisten von uns bemerken es entweder nicht, oder es ist ihnen egal. Wir sind viel zu sehr damit beschĂ€ftigt, mit dem Spielzeug zu spielen, das sie fĂŒr uns basteln. Und wo ist die Grenze zwischen ihnen und uns, und wie verschwommen ist sie?

Wir beobachten, dass die Maschine das tut, was sie immer tut; was ich wĂ€hrend der letzten sechs Monate in ihrer Geschichte verfolgt habe. Sie nutzt Geschehnisse aus, um ihre Vorherrschaft zu festigen. Sie kolonisiert unsere Gesellschaften, unsere Körper und unseren Geist. Sie ersetzt die Natur durch Technologie und die Kultur durch den Handel. Sie macht uns zu Teilen ihrer operativen Matrix, und sie benutzt unsere Angst, um ihren immer festeren Griff zu rechtfertigen. Wenn wir Angst haben, befĂŒrworten wir Kontrolle, wir befĂŒrworten Autoritarismus, wir befĂŒrworten starke FĂŒhrer, die uns retten, indem sie die Anderen ausschließen. Wir geben bereitwillig unsere Freiheit auf, um Sicherheit zu erlangen, und am Ende haben wir nichts von beidem. Unsere Angst fĂŒhrt uns an der Hand zur nĂ€chsten Etappe unserer langen Reise, weg von der Erde und in die KĂŒnstlichkeit, weg von der menschlichen Freiheit und in das digitale Netz.

Vielleicht denken Sie, das klingt ĂŒbertrieben. Hysterisch, sogar. Noch vor ein paar Monaten hĂ€tte ich dem vielleicht zugestimmt. Vor einem Jahr hĂ€tte ich das ganz sicher getan. Aber vor einem Jahr hatte ich noch nicht gesehen, was ich jetzt gesehen habe. Ich hatte noch nicht die Smartphone-PĂ€sse, die QR-Scanner, die willfĂ€hrige Zustimmung der Öffentlichkeit, das absichtliche SchĂŒren von Angst und Hass durch die politischen FĂŒhrer gesehen. Ich hatte die Anordnungen von Zwangsimpfungen nicht gesehen. Ich hatte die Lager noch nicht gesehen.

NĂ€chste Woche werde ich mehr darĂŒber schreiben, was ich sehe und wohin die Reise geht. Aber fĂŒr den Moment reicht es zu sagen, dass mein persönlicher Impf-Moment gekommen ist. Wo ich frĂŒher noch unentschlossen war, bin ich jetzt fest entschlossen. Selbst wenn ich davon ĂŒberzeugt wĂ€re, dass diese Impfstoffe sicher wirken, könnte ich mir niemals einen Impfpass besorgen und mich mit der technologischen Segregation der Gesellschaft abfinden. Ich könnte niemals meinen Code scannen, ohne zu zittern. Ich kann da nicht mitmachen.

Wir alle haben eine Sollbruchstelle, und das ist auch richtig so, denn dies ist das Mittel, mit dem unsere menschliche Intuition uns zu verstehen gibt, dass etwas nicht stimmt. Das hier ist die meine. Ich werde bei dem, was gerade vor sich geht, nicht mitmachen. Ich werde das, was sich abzeichnet, nicht anerkennen. Ich werde mich dagegen wehren. Ich werde Stellung beziehen.

Interessanterweise sind gerade in den letzten Tagen, in denen ich mit mir gerungen habe, wie ich mich hier artikulieren soll, sehr viele Menschen auf die Straße gegangen, um das Gleiche zu sagen: Es reicht. Wenn der Druck zunimmt, kommt es zu Explosionen. Nach den weit verbreiteten Arbeitsniederlegungen und Streiks in den USA in den letzten Wochen haben Hunderttausende von Menschen in ganz Europa begonnen, auf die Straße zu gehen, um sich gegen die Umzingelung durch das Technium zu wehren. Nur wenige dieser riesigen Demonstrationen wurden in den Mainstream-Medien erwĂ€hnt – noch ein Fakt, der, wenn die Welt das wĂ€re, was sie vorgibt zu sein, die Alarmglocken lĂ€uten lassen wĂŒrde, an die wir uns aber im Zeitalter des Spektakels gewöhnt haben.

Doch irgendetwas passiert da draußen. Es ist, als ob der Impfstoff-Moment eine Art Gedankenform ist, die durch die Luft schwebt und sich wie ein sanfter Regen auf Millionen von uns gleichzeitig niederlĂ€sst. Vielleicht ist es aber auch eher so, dass sich der Nebel plötzlich gelichtet hat. Vielleicht erkennen immer mehr Menschen, dass das, was jetzt geschieht, der Rubikon unserer Zeit ist. Danach wird nichts mehr so sein wie vorher, und das soll auch nicht so sein. Wenn wir nicht wollen, dass die Zukunft fĂŒr immer wie ein QR-Code aussieht, der ĂŒber ein menschliches Gesicht flackert, dann werden wir etwas dagegen unternehmen mĂŒssen.


Paul Kingsnorth ist Autor von neun BĂŒchern – drei Romanen, zwei GedichtbĂ€nden und vier SachbĂŒchern –, die alle die gleiche Geschichte erzĂ€hlen: wie wir uns von der wilden Welt entfernt haben und wie wir, wenn möglich, wieder heimfinden könnten – so seine Kurzvita beim ‚Dark Mountain Project‘, dessen MitbegrĂŒnder er ist.

Hier kann man den Substack von Paul Kingsnorth abonnieren.

Waren die ersten PĂ€pste Nachfahren von Moses?

Eine radikale Neuuntersuchung der westlichen Geschichte legt nahe: Nachkommen von Moses waren die Architekten des Aufstiegs der römischen Kirche und die Vorfahren der europÀischen Aristokratie

Nach dem Buch Exodus verschwinden die beiden Söhne des Moses und zahlreiche Nachkommen aus der Bibel. Flavio Barbieros Untersuchung dieser seltsamen Abwesenheit und seine Studie ĂŒber den jahrhundertelangen Machtkampf zwischen den Priesterfamilien, die um die Kontrolle des Tempels von Jerusalem kĂ€mpften, beginnt mit der Rebellion gegen Rom – und dem Auftauchen von Josephus Flavius, einem der Nachkommen Moses’, auf der WeltbĂŒhne. Im Jahr 70 n. Chr., als der Tempel in Jerusalem von Titus Flavius zerstört und Tausende von jĂŒdischen Priestern umgebracht wurden, folgte Josephus, der nun den Nachnamen seines Förderers trug, Titus Flavius mit mindestens 250 Verwandten und Freunden nach Rom. Hier wurden sie zu römischen BĂŒrgern ernannt, verschwanden dann aber aus der ĂŒberlieferten Geschichtsschreibung.

Barbieros sorgfĂ€ltige Studie ĂŒber das frĂŒhe Christentum stellt nun die These auf, dass es diesen ĂŒberlebenden Mitgliedern von Moses’ Hohepriesterlinie gelang, die Kontrolle ĂŒber die entstehende römische Kirche zu ĂŒbernehmen und sie zu deren erstaunlichen Erfolg zu fĂŒhren. Unter Verwendung einer breiten Palette von Belegen aus so unterschiedlichen Bereichen wie ArchĂ€ologie, Heraldik und Genetik zeigt Barbiero, wie diese Nachkommen des Moses den Mithraskult nutzten, um schließlich auch die Kontrolle ĂŒber die weltliche römische AutoritĂ€t zu ĂŒbernehmen. Er verfolgt dann Schritt fĂŒr Schritt die Ausbreitung der Mitglieder dieser geheimen priesterlichen Elite in die spĂ€tere Aristokratie des mittelalterlichen Europas und wie ihr Einfluss bis heute in modernen Geheimgesellschaften wie der Freimaurerei zu spĂŒren ist.

Der folgende Artikel (English version) Barbieros widmet sich innerhalb dieser drei Millennien dem Zeitfenster der SpĂ€tantike, als das Christentum zur Staatsreligion in Rom gemacht und das Papsttum etabliert wurde.

Der Titel des Buches von Flavio Barbiero lautet ĂŒbersetzt «Die Geheimgesellschaft von Moses. Die Mosaische Blutlinie und eine drei Jahrtausende ĂŒberspannende Verschwörung» (hier als Druck).

Flavio Barbiero ist ein italienischer Ingenieur, Schriftsteller und Entdecker, ehemaliger Admiral der italienischen Marine. Neben diesem bislang in italienischer und in englischer Sprache publizierten Titel sind von ihm diverse weitere Titel auf dem Markt.

Bereits 1988 erschien von Barbiero «La Bibbia senza segreti»; als E-Buch ist eine deutsche Übersetzung fĂŒr knapp vier Euro hier erhĂ€ltlich.

Mit «Le radici giudaico-cristiane dell’Europa» (2020, hier) vertieft Barbiero die hier behandelte Thematik mit neuen Quellen, die ihn bis weit in die Neuzeit fĂŒhren. Eine Übersetzung ist mir nicht bekannt – abgesehen von meiner privaten

Mithras und Jesus: Zwei Seiten derselben Medaille

von Flavio Barbiero

Im Jahr 384 n. Chr. starb in Rom Vettius Agorius Praetextatus, der letzte „Papa“ (Akronym aus den Worten Pater Patrum = Vater des Vaters) des so genannten Mithraskultes. Inschriften mit seinem Namen und seinen religiösen und politischen Ernennungen sind in den Gewölben unterhalb des Petersdoms erhalten, zusammen mit den Namen einer langen Liste anderer römischer Senatoren, die sich ĂŒber einen Zeitraum von 305 bis 390 erstreckt. Das einzige, was sie gemeinsam haben, ist, dass sie alle patres des Mithras sind. Nicht weniger als neun von ihnen tragen den höchsten Titel Pater Patrum, ein klarer Beleg dafĂŒr, dass hier, im Vatikan, der oberste FĂŒhrer der mithraischen Organisation residierte, am Ort der heiligsten Basilika des Christentums, errichtet von Konstantin dem Großen im Jahr 320 n. Chr. Mindestens siebzig Jahre lang lebten die obersten FĂŒhrer zweier „Religionen“, die immer als Konkurrenten, wenn nicht gar als Todfeinde galten, friedlich und in perfekter Harmonie Seite an Seite. Es war derselbe Praetextatus, der als PrĂ€fekt der Stadt im Jahre 367 Damasus gegen seine Gegner verteidigte und ihn als Bischof von Rom bestĂ€tigte.

Praetextatus erklĂ€rte oft, dass er gerne die Taufe angenommen hĂ€tte, wenn ihm der Stuhl des heiligen Petrus angeboten worden wĂ€re. Nach seinem Tod geschah jedoch das Gegenteil. Der Titel des Pater Patrum fiel (heute wĂŒrden wir sagen: standardmĂ€ĂŸig) auf Damasus’ Nachfolger, den Bischof Siricius, der als erster in der Kirchengeschichte den Titel papa (Papst) annahm. Zusammen mit ihm nahm er auch eine lange Reihe anderer Vorrechte, Titel, Symbole, GegenstĂ€nde und BesitztĂŒmer auf sich, die massenhaft vom Mithraismus zum Christentum ĂŒbergingen.

Dieser auf das Jahr 387 datierte Marmoraltar erwÀhnt Vettius Agrorius Praetextatus als Pater Sacrorum und Patrum und seine Frau Aconia Fabia Paulina. Er trÀgt die Inschrift:

„Der Mann. Vettius Agorius Praetextatus, Augur, Pontifex der Vesta, Pontifex des Sol, Mitglied des Rates der FĂŒnfzehn, Priester des Herkules, eingeweiht in die Mysterien des Liber und der eleusinischen Götter, EinfĂŒhrer in den heiligen Dienst, Tempelaufseher, eingeweiht in das Stieropfer, Vater des Vaters der VĂ€ter [im Mithraskult], aber in der Gemeinschaft QuĂ€stor als Kandidat des Kaisers, PrĂ€tor Urbanus, Korrektor von Etrurien und Umbrien, Konsulargouverneur von Lusitanien, Prokonsul von Achaia, StadtprĂ€fekt, siebenmal als Legat des Senats [zum Kaiser nach Konstantinopel] gesandt, PrĂ€torianerprĂ€fekt von Italien und Illyrien, zum regulĂ€ren Konsul ernannt und Aconia

Fabia Paulina, Hekate von Aegina, eingeweiht in das Stieropfer, eingeweiht in den heiligen Gottesdienst. Die beiden leben seit 40 Jahren zusammen.“

Es war eine echte Übergabe vom mithrĂ€ischen zum christlichen Papst, die wir nur im Lichte dessen verstehen können, was im Jahr zuvor, 383, geschehen war. An diesem Tag stimmte der Senat fast einstimmig fĂŒr die Abschaffung des Heidentums und aller seiner Symbole in Rom und im gesamten westlichen Reich. Ein Votum, das den Historikern immer RĂ€tsel aufgab, denn ihrer Meinung nach war die Mehrheit der Senatoren Heiden und reprĂ€sentierte die letzte Bastion des Heidentums gegen den unwiderstehlichen Vormarsch des Christentums. Diese Meinung steht jedoch in völligem Widerspruch zu dem, was in jenen Jahren der Bischof von Mailand, Ambrosius, zu verkĂŒnden pflegte, dass die Christen die Mehrheit im Senat hatten. Wer hat Recht, Ambrosius oder die modernen Historiker?

Der Bischof von Mailand stammte aus einer großen Senatorenfamilie und verfolgte die römischen Ereignisse genau; es ist also unwahrscheinlich, dass er sich in einer solchen Angelegenheit irren könnte. Andererseits können wir die Historiker nicht LĂŒgen strafen, denn schriftliche und archĂ€ologische Beweise bestĂ€tigen, dass die Mehrheit der römischen Senatoren zu dieser Zeit patres des Sol Invictus Mithras (der unbesiegbaren Sonne Mithras) waren, und daher, nach allgemeiner Meinung, definitiv heidnisch. Was jedoch niemand verstanden zu haben scheint, ist, dass die beiden ZustĂ€nde, die Zugehörigkeit zu Mithras und die zum Christentum, durchaus vereinbar waren. Es gibt keinen Mangel an historischen Beweisen, die das belegen.

Das bedeutendste von vielen möglichen Beispielen ist Kaiser Konstantin der Große. Er war ein Angehöriger des Sol Invictus Mithras und hat dies nie verleugnet, auch nicht, als er sich offen zum Christentum bekannte und sich selbst zum „Diener Gottes“ und einer Art „Universalbischof“ erklĂ€rte. Sein Biograph Eusebius preist ihn als den „neuen Moses“, doch Konstantin ließ sich erst auf dem Sterbebett taufen, und er hörte nie auf, MĂŒnzen mit mithraischen Symbolen auf der einen und christlichen auf der anderen Seite zu prĂ€gen; er errichtete sogar in Konstantinopel eine kolossale Statue von sich selbst, die in mithraische Symbole gehĂŒllt war.

Konstantin baute Byzanz großzĂŒgig als imperiale Hauptstadt Nova Roma aus (das nach seinem Tod in Konstantinopel umbenannt wurde). Im Jahr 330 wurde im Zentrum des Konstantin-Forums ein Monument eingeweiht, dessen Gestaltung Historikern RĂ€tsel aufgibt: Obwohl der Kaiser u.a. mit der «konstantinischen Wende» den Aufstieg des Christentums zur wichtigsten Religion im Imperium Romanum eingeletet hatte, bildete den Abschluss der SĂ€ule eine Statue in Gestalt des Apollo/Sol invictus mit Sonnenkrone. Auf dem heutigen Cemberlitas-Platz in Istanbul steht nur noch der Unterbau: Die KonstantinsĂ€ule.


Was die römischen Senatoren betrifft, so bestĂ€tigen mehrere zeitgenössische Quellen, beginnend mit dem Heiligen Hieronymus, dass die meisten ihrer Frauen und Töchter Christen waren. Ein ĂŒberliefertes Beispiel ist der heilige Ambrosius, selbst ein Heide und der Sohn eines mithraischen Heiden (Ambrosius, PrĂ€fekt von Gallien), laut den Historikern, obwohl es keinen Zweifel [naja …] daran gibt, dass seine Familie christlich war und in einer zutiefst christlichen Umgebung lebte. In der Tat liebte Ambrosius von Kindheit an die Rolle eines Bischofs, und im Jahr 353 erhielt seine Schwester Marcellina, noch ein junges MĂ€dchen, in St. Peter von Papst Liberius persönlich den Schleier der geweihten Jungfrauen. Formal blieb er jedoch ein Heide, bis er zum Bischof von Mailand ernannt wurde. TatsĂ€chlich wurde er nur fĂŒnfzehn Tage vor seiner Bischofsweihe getauft. Fakt ist, dass in dieser Zeit Christen, die fĂŒr eine öffentliche Laufbahn bestimmt waren, nur im Moment des Todes getauft wurden, oder wenn sie sich aus dem einen oder anderen Grund entschieden, die kirchliche Laufbahn einzuschlagen. Dies war die normale Praxis. Der Senator Nektarius, der vom Konzil von Konstantinopel 381 zum Bischof von Antiochia ernannt wurde, musste die Weihezeremonie verschieben, weil er erst seine eigene Taufe organisieren musste.

Nach der Abschaffung des Heidentums wurden alle römischen Senatoren ĂŒber Nacht Christen, angefangen von jenem Symmachus, der fĂŒr seine strenge Verteidigung „heidnischer“ Traditionen vor Kaiser Valentinian in die Geschichte einging. Einige Jahre spĂ€ter ernannte ihn Kaiser Teodosius, der fanatischste Verfolger von HĂ€retikern und Heiden, zum Konsul, der höchsten Position in der römischen BĂŒrokratie.

Wie ist es möglich, könnte man fragen, dass Menschen zwei verschiedenen Religionen zur gleichen Zeit folgen konnten? Das ist der springende Punkt: Es gibt ein enormes und unglaubliches MissverstĂ€ndnis (das in gewisser Weise absichtlich sein könnte) ĂŒber den so genannten „Kult“ des Sol Invictus Mithras, der immer als eine „Religion“ dargestellt wird, die parallel zum Christentum und in Konkurrenz zu ihm entstanden ist. Einige Historiker gehen sogar so weit zu behaupten, dass diese Religion so populĂ€r und tief in der römischen Gesellschaft verwurzelt war, dass sie den Wettlauf mit dem Christentum beinahe gewonnen hĂ€tte.

Es gibt jedoch absolute Beweise dafĂŒr, dass der so genannte „Kult“ des Mithras in Rom keine Religion war, sondern eine esoterische Organisation mit mehreren Einweihungsstufen, die von der orientalischen Religion nur den Namen und einige Ă€ußere Symbole ĂŒbernommen hatte. Was Inhalt, Umfang und operative AblĂ€ufe betrifft, hatte der römische Mithras jedoch nichts mit dem persischen Gott gemein.

Die römische Mithras-Institution kann in keiner Weise als eine der Anbetung der Sonne gewidmete Religion definiert werden – ebenso wenig wie die moderne Freimaurerei als eine der Anbetung des Großen Architekten des Universums (G:.A:.O:.T:.U:.) gewidmete Religion definiert werden kann. Der Vergleich mit der modernen Freimaurerei ist durchaus angebracht und sehr hilfreich fĂŒr das VerstĂ€ndnis, ĂŒber welche Art von Organisation wir sprechen. TatsĂ€chlich sind sich die beiden Institutionen in ihrem wesentlichen Merkmal recht Ă€hnlich. Von den Adepten der Freimaurerei wird nicht verlangt, dass sie sich zu einem bestimmten Glaubensbekenntnis bekennen, sondern nur, dass sie an die Existenz eines höchsten Wesens glauben, wie auch immer definiert. Dieses Wesen wird in allen freimaurerischen Tempeln als die Sonne dargestellt, eingefĂŒgt in ein Dreieck und mit einem Namen (Großer Architekt des Universums), der derselbe ist, den die PythagorĂ€er der Sonne gaben. In diesen Tempeln werden Zeremonien verschiedener Art und Rituale durchgefĂŒhrt, die niemals einen religiösen Charakter haben. Die Religion ist in den freimaurerischen Tempeln ausdrĂŒcklich verboten, aber in seinem Privatleben steht es jedem Adepten frei, welchem Glaubensbekenntnis er folgen möchte.

Eine Verbindung zwischen den mithraischen und den freimaurerischen Institutionen ist alles andere als unwahrscheinlich, da es tiefe Ähnlichkeiten in der Architektur und Dekoration der jeweiligen Tempel, in den Symbolen, Ritualen usw. gibt; aber das ist ein Thema, das den Rahmen dieses Artikels sprengen wĂŒrde. Der Vergleich wurde nur angestellt, um den Punkt zu betonen, dass der Mithraismus keine Religion war, die der Anbetung einer bestimmten Gottheit gewidmet war, sondern eine geheime Vereinigung zur gegenseitigen UnterstĂŒtzung, deren Mitglieder in ihrem öffentlichen Leben frei waren, jeden Gott anzubeten, den sie wollten.

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Eine 1560 gedruckte Edition der Saturnalia von Macrobius

Und doch teilten alle Adepten des Mithras offenbar eine gemeinsame Einstellung zur Religion. Dies ist eine wohlbekannte Tatsache. Es ist derselbe Praetextatus, der in dem von Macrobius um 430 n. Chr. (also lange nach der Abschaffung des Heidentums) geschriebenen Buch Saturnalia die Philosophie seiner Organisation erschöpfend darlegt. In einem langen GesprĂ€ch mit anderen großen mithraischen Senatoren, wie Symmachus und Flavianus, bekrĂ€ftigt Praetextatus, dass all die verschiedenen Götter der heidnischen Religion nur verschiedene Manifestationen (oder sogar verschiedene Namen) einer einzigen höchsten EntitĂ€t sind, die von der Sonne, dem großen Architekten des Universums, reprĂ€sentiert wird. Diese synkretistische Vision ist mit vollem Recht als „monotheistisches Heidentum“ definiert worden.

Die meisten Historiker sind sich einig, dass die AnhĂ€nger des Mithras Monotheisten waren; sie versĂ€umen jedoch herauszustellen, dass ihre besondere synkretistische Vision es den Mithraisten erlaubte, den Kult (und die Einnahmen) aller heidnischen Gottheiten zu „infiltrieren“ und in den Griff zu bekommen. In der Tat beherbergten alle mithraischen Grotten (genau wie die Freimaurertempel von heute) eine Schar heidnischer Götter wie Saturn, Athene, Venus, Herkules und so weiter, und die Adepten des Mithras waren in ihrem öffentlichen Leben Priester im Dienst nicht nur der Sonne (die in öffentlichen Tempeln verehrt wurde, die nichts mit den mithraischen Grotten zu tun hatten), sondern auch aller anderen römischen Götter.


TatsĂ€chlich hatten alle Senatoren, die in den Inschriften in den Kellergewölben des Petersdoms auftauchen, neben den Titeln vir clarissimus (Senator), pater oder pater patrum im Kult des Sol Invictus Mithras auch eine lange Reihe anderer religiöser Positionen inne: sacerdos, hierophanta, archibucolus der Brontes oder von Hekate, Isis und Liberius; maior augur, quindecimvir sacris faciundis und sogar pontifex verschiedener heidnischer Kulte. Sie waren auch fĂŒr das Kollegium der Vestalinnen und fĂŒr das heilige Feuer der Vesta zustĂ€ndig. Im Senat gab es keine Kultveranstaltung, die mit der heidnischen Tradition verbunden war, die nicht von einem Senator zelebriert wurde, der dem Sol Invictus Mithras anhing. Derselbe Senator wurde zumeist von einer christlichen Familie unterstĂŒtzt.

Also, was waren sie, heidnisch oder christlich? Die verfĂŒgbaren Beweise zu diesem Punkt sind mehrdeutig. Auch die Figur des Mithras selbst, wie sie von christlichen Schriftstellern dargestellt wird, ist absolut zweideutig. Es gibt eine lange Reihe von Analogien zwischen ihm und Jesus. Mithras wurde am 25. Dezember in einem Stall von einer Jungfrau geboren, umgeben von Hirten, die Geschenke brachten. Er wurde am Tag der Sonne (Sonntag) verehrt. Er trug einen Heiligenschein um sein Haupt. Er feierte ein letztes Abendmahl mit seinen treuen AnhĂ€ngern, bevor er zu seinem Vater zurĂŒckkehrte. Man sagte, er sei nicht gestorben, sondern in den Himmel aufgefahren, von wo er in den letzten Tagen zurĂŒckkehren wĂŒrde, um die Toten aufzuerwecken und sie zu richten, indem er die Guten ins Paradies und die Bösen in die Hölle schickte. Er garantierte seinen AnhĂ€ngern nach der Taufe Unsterblichkeit.

Außerdem glaubten die AnhĂ€nger des Mithras an die Unsterblichkeit der Seele, das letzte Gericht und die Auferstehung der Toten am Ende der Welt. Sie feierten den SĂŒhnetod eines Erlösers, der an einem Sonntag auferstanden war. Sie feierten eine Zeremonie, die der katholischen Messe entsprach, wĂ€hrend der sie geweihtes Brot und Wein in Erinnerung an das letzte Abendmahl des Mithras verzehrten – und wĂ€hrend der Zeremonie verwendeten sie Hymnen, Glocken, Kerzen und Weihwasser. In der Tat teilten sie mit den Christen eine lange Reihe von anderen Glaubensvorstellungen und rituellen Praktiken, bis zu dem Punkt, dass sie in den Augen der Heiden und auch vieler Christen praktisch nicht voneinander zu unterscheiden waren.

Die Existenz einer Verbindung zwischen dem Christentum und dem Sonnenkult aus der frĂŒhesten Zeit wird auch von den KirchenvĂ€tern anerkannt. Tertullian schreibt, dass die Heiden „… glauben, dass der christliche Gott die Sonne ist, denn es ist bekannt, dass wir beten, indem wir uns der aufgehenden Sonne zuwenden, und dass wir uns am Sonnentag dem Jubel hingeben“ (Tertullian, Ad Nationes 1, 13). Er versucht, diese wesentliche Gemeinsamkeit in den Augen der christlichen GlĂ€ubigen zu rechtfertigen, indem er sie dem Plagiat der heiligsten Riten und Glaubensvorstellungen der christlichen Religion durch Satan zuschreibt.

Konstantin glaubte, dass Jesus Christus und Sol Invictus Mithras beide Aspekte der gleichen ĂŒbergeordneten Gottheit waren. Er war sicherlich nicht der Einzige, der diese Überzeugung hatte. Der Neuplatonismus behauptete, dass die Religion der Sonne eine „BrĂŒcke“ zwischen dem Heidentum und dem Christentum darstellte. Jesus wurde oft mit dem Namen Sol Justitiae (Sonne der Gerechtigkeit) bezeichnet und wurde durch Statuen dargestellt, die dem jungen Apollo Ă€hnelten. Clemens von Alexandria beschreibt Jesus, wie er den Wagen der Sonne ĂŒber den Himmel fĂ€hrt, und ein Mosaik aus dem vierten Jahrhundert zeigt ihn auf dem Wagen, wĂ€hrend er zum Himmel aufsteigt, dargestellt durch die Sonne. Auf einigen MĂŒnzen des vierten Jahrhunderts steht auf dem christlichen Banner an der Spitze „Sol Invictus“. Ein großer Teil der römischen Bevölkerung glaubte, dass das Christentum und die Anbetung der Sonne eng miteinander verbunden, wenn nicht sogar ein und dasselbe waren.

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Ausschnitt eines Mosaiks an der Decke des Grabes von Julli in der vatikanischen Nekropole in Rom. Es ist byzantinischen Ursprungs und reprĂ€sentativ fĂŒr die frĂŒhchristliche Kunst. Christus wird dargestellt als der Sonnengott Sol Invictus in einem von zwei weißen Pferden gezogenen Wagen. Die Anlehnung an die Sonnensymbolik ist bedeutsam, denn mit Sonnenunter- und -aufgang reprĂ€sentiert sie sowohl den Tod als auch die Auferstehung. ganz Ă€hnlich wie bei Christus, der, so der Glaube, fĂŒr die SĂŒnden der GlĂ€ubigen starb, um dann aufzuerstehen und in den Himmel aufzufahren.

FĂŒr eine sehr lange Zeit hielten die Römer an der Verehrung sowohl der Sonne als auch Christi fest. Im Jahr 410 genehmigte Papst Innocentius die Wiederaufnahme von Zeremonien zu Ehren der Sonne, in der Hoffnung, damit Rom vor den Westgoten zu retten. Und 460 schrieb Papst Leo der Große: „Die meisten Christen wenden sich vor dem Betreten der Basilika St. Peter der Sonne zu und verneigen sich ihr zu Ehren“. Der Bischof von Troja [gewiss nicht; in Barbieros italienischem Originaltext, der mir nicht vorliegt, ist wohl einer der Bischöfe des (bei Reims gelegenen) Bistums Troyes gemeint] bekannte sich noch wĂ€hrend seines Episkopats offen zur Anbetung der Sonne. Ein weiteres wichtiges Beispiel in diesem Sinne ist das des Synesios von Kyrene, eines SchĂŒlers der berĂŒhmten neuplatonischen Philosophin Hypatia [im Artikel wie im englischsprachigen Buch ist ein (durch die Endung als mĂ€nnlich ausgewiesener) nicht existenter Philosoph „Apathias“ genannt – nur als Übersetzungsfehler aus dem Italienischen erklĂ€rbar], die 415 in Alexandria vom Mob getötet wurde. Synesius, der noch nicht getauft war, wurde zum Bischof von Ptolemais und zum Metropolitanbischof der Kyrenaika gewĂ€hlt, aber er nahm das Amt nur unter der Bedingung an, dass er seine neuplatonischen Ideen nicht zurĂŒcknehmen oder seiner Sonnenverehrung abschwören musste.

Wie sollten wir in Anbetracht all dessen die Position der Mithraisten gegenĂŒber dem Christentum betrachten? Konkurrenten oder Kooperateure? Freunde oder Feinde? Den vielleicht besten Hinweis geben die MĂŒnzen, die Kaiser Konstantin bis 320 n. Chr. prĂ€gen ließ, mit christlichen Symbolen auf der einen Seite, mithraischen Symbolen auf der anderen.

Waren Jesus und Mithras zwei Seiten der gleichen Medaille?

Constantinus I.

Alleinherrscher des römischen Reiches, Förderer des Christentums – doch aus heutiger (!) Sicht auffallend, dass der „erste christliche Kaiser“ auf seinen MĂŒnzen nicht Christus, sondern den Sonnengott Sol Invictus (mit Sonnenkrone, Globus) abbildete, wie auf dieser GoldmĂŒnze.


Die UrsprĂŒnge von Mithraismus und Christentum

Um die enge Beziehung zwischen Christentum und Mithraismus zu erklĂ€ren, mĂŒssen wir zu ihren UrsprĂŒngen zurĂŒckgehen.

Das Christentum, wie wir es kennen, ist nach allgemeiner Auffassung eine Schöpfung des PharisĂ€ers Paulus, der um 61 n. Chr. nach Rom geschickt wurde, wo er die erste christliche Gemeinde der Hauptstadt grĂŒndete. Die Religion, die Paulus in Rom verbreitete, unterschied sich deutlich von jener, die von Jesus in PalĂ€stina gepredigt und von Jakobus dem Gerechten, dem spĂ€teren Leiter der christlichen Gemeinde in Jerusalem, in die Praxis umgesetzt wurde. Die Predigt Jesu entsprach der Lebens- und Denkweise der als Essener bekannten Sekte. Die Lehrinhalte des Christentums, wie es sich in Rom am Ende des 1. Jahrhunderts herausbildete, stehen dagegen denen der Sekte der PharisĂ€er, zu der Paulus gehörte, außerordentlich nahe.

Paulus wurde wahrscheinlich im Jahr 67 von Nero hingerichtet, zusammen mit den meisten seiner AnhĂ€nger. Die römische Christengemeinde wurde durch Neros Verfolgung praktisch ausgelöscht. Wir haben nicht die geringsten Informationen darĂŒber, was in den folgenden 30 Jahren in dieser Gemeinschaft geschah; eine sehr beunruhigende Nachrichtensperre, denn in dieser Zeit geschah etwas sehr Wichtiges in Rom. TatsĂ€chlich bekehrten sich einige der bedeutendsten BĂŒrger der Hauptstadt, wie der Konsul Flavius Clemens, Cousin des Kaisers Domitian; außerdem nahm die römische Kirche eine monarchische Struktur an und zwang ihre FĂŒhrung allen christlichen Gemeinden des Reiches auf, die ihre Struktur und ihre Lehre entsprechend anpassen mussten. Dies belegt ein langer Brief des Papstes Clemens an die Korinther, der gegen Ende der Herrschaft Domitians geschrieben wurde, in dem seine FĂŒhrung klar zum Ausdruck kommt.

Das bedeutet, dass in den Jahren des Blackouts jemand, der Zugang zum kaiserlichen Haus hatte, die römische christliche Gemeinde so weit wiederbelebt hatte, dass sie ihre AutoritĂ€t allen anderen christlichen Gemeinden aufzwingen konnte. Und es war „jemand“, der die Lehre und das Denken des Paulus genau kannte, ein 100%iger PharisĂ€er.

Auch die mithraische Organisation entstand in der gleichen Zeit und in der gleichen Umgebung. Angesichts des Mangels an schriftlichen Dokumenten zu diesem Thema sind uns der Ursprung und die Verbreitung des Mithraskults fast ausschließlich aus archĂ€ologischen Zeugnissen bekannt (Überreste von MithrĂ€en, Widmungsinschriften, Ikonographie und Statuen des Gottes, Reliefs, Malereien und Mosaiken), die in großen Mengen im gesamten römischen Reich erhalten geblieben sind. Diese archĂ€ologischen Zeugnisse beweisen schlĂŒssig, dass es, abgesehen vom gemeinsamen Namen, keinerlei Beziehung zwischen dem römischen Mithraskult und der orientalischen Religion gab, von der er angeblich abstammt. In der Tat gibt es in der gesamten persischen Welt nichts, was mit einem römischen MithrĂ€um verglichen werden könnte. Fast alle mithraischen Monumente lassen sich relativ genau datieren und tragen Widmungsinschriften. Dadurch sind uns die Zeiten und die UmstĂ€nde der Verbreitung des Sol Invictus Mithras (diese drei Namen sind in allen Inschriften untrennbar miteinander verbunden, so dass kein Zweifel besteht, dass sie sich auf dieselbe und einzige Institution beziehen) mit einiger Sicherheit bekannt. Ebenfalls bekannt sind die Namen, Berufe und Verantwortlichkeiten einer großen Anzahl von Personen, die mit ihr in Verbindung standen.

Das erste entdeckte MithrĂ€um wurde in Rom zur Zeit Domitians errichtet, und es gibt genaue Hinweise darauf, dass es von Personen besucht wurde, die der kaiserlichen Familie nahe standen, insbesondere von jĂŒdischen Freigelassenen. Das MithrĂ€um wurde in der Tat von einem gewissen Titus Flavius Hyginus Ephebianus eingeweiht, einem Freigelassenen des Kaisers Titus Flavius und daher mit ziemlicher Sicherheit ein romanisierter Jude. Von Rom aus verbreitete sich die mithraische Organisation im Laufe des folgenden Jahrhunderts ĂŒber das ganze westliche Imperium.


Es gibt noch ein drittes Ereignis, das sich in derselben Zeit ereignete, das irgendwie mit der kaiserlichen Familie und dem jĂŒdischen Umfeld zusammenhing, dem die Historiker aber nie besondere Aufmerksamkeit schenkten: die Ankunft einer bedeutenden Gruppe von Personen, fĂŒnfzehn jĂŒdische Hohepriester, mit ihren Familien und Verwandten in Rom. Sie gehörten zu einer priesterlichen Klasse, die Jerusalem ein halbes Jahrtausend lang beherrscht hatte, seit der RĂŒckkehr aus dem babylonischen Exil, als 24 priesterliche Linien untereinander einen Bund geschlossen und eine geheime Organisation geschaffen hatten, deren Ziel es war, das Vermögen der Familien durch den exklusiven Besitz des Tempels und die exklusive Verwaltung der Priesterschaft zu sichern.

Die römische Herrschaft ĂŒber JudĂ€a war von leidenschaftlichen Spannungen auf religiöser Ebene geprĂ€gt, die eine Reihe von AufstĂ€nden provozierten, von denen der letzte, im Jahr 66 n. Chr., fĂŒr die jĂŒdische Nation und die Priesterfamilie fatal war. Mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus Flavius [dem Sohn und spĂ€teren Nachfolger von Kaiser Vespasian] im Jahr 70 n. Chr. wurde der Tempel, das Machtinstrument der Familie, dem Erdboden gleichgemacht und nie wieder aufgebaut, und die Priester wurden zu Tausenden getötet.

NatĂŒrlich gab es Überlebende, insbesondere eine Gruppe von 15 Hohepriestern, die sich auf die Seite der Römer geschlagen hatten, indem sie Titus den Schatz des Tempels ĂŒbergaben, weshalb sie ihre BesitztĂŒmer behalten hatten und das römische BĂŒrgerrecht erhielten. Sie folgten dann Titus nach Rom, wo sie anscheinend von der BĂŒhne der Geschichte verschwanden, um nie wieder eine sichtbare Rolle zu spielen – abgesehen von demjenigen, der zweifellos der AnfĂŒhrer dieser Gruppe war, Josephus Flavius.

Josephus war ein Priester, der der ersten der 24 priesterlichen Familienlinien angehörte. Zur Zeit des Aufstandes gegen Rom hatte er eine fĂŒhrende Rolle bei den Ereignissen gespielt, die PalĂ€stina erschĂŒtterten. Vom Jerusalemer Sanhedrin als Gouverneur von GalilĂ€a entsandt, war er der erste, der gegen die Legionen des römischen Generals Titus Flavius Vespasianus [dem spateren Kaiser Vespasian] kĂ€mpfte, der von Nero beauftragt worden war, den Aufstand niederzuschlagen. In der Festung Jotapata verbarrikadiert, widerstand er tapfer der Belagerung durch die römischen Truppen. Als die Stadt schließlich kapitulierte, ergab er sich und bat um eine persönliche Audienz bei Vespasian (Geschichte des jĂŒdischen Krieges, III, 8,9). Diese Begegnung fĂŒhrte zu einem Aufschwung sowohl fĂŒr Vespasian als auch fĂŒr Josephus: Ersterer wurde in KĂŒrze Kaiser in Rom, wĂ€hrend Letzterer nicht nur verschont wurde, sondern wenig spĂ€ter in die Familie des Kaisers „adoptiert“ wurde und den Namen Flavius annahm. Er erhielt daraufhin das römische BĂŒrgerrecht, eine Patriziervilla in Rom, ein Lebenseinkommen und ein riesiges Vermögen. Der Preis fĂŒr seinen Verrat.

Die Priester dieser Gruppe hatten eines gemeinsam: Sie alle waren VerrĂ€ter an ihrem Volk und deshalb sicher aus der jĂŒdischen Gemeinde verbannt. Aber sie gehörten alle zu einer jahrhundertealten Familienlinie, die durch die von Esra geschaffene Geheimorganisation miteinander verbunden waren und eine einzigartige Spezialisierung und Erfahrung in der FĂŒhrung einer Religion und eines Landes besaßen. Die verstreuten Überreste der römischen Christengemeinde boten ihnen eine wunderbare Gelegenheit, von ihrer tausendjĂ€hrigen Erfahrung zu profitieren.

Wir wissen nichts ĂŒber ihre TĂ€tigkeit in Rom, aber wir haben deutliche Hinweise darauf durch die Schriften von Josephus Flavius. Nach einigen Jahren begann er, die Geschichte der Ereignisse, deren Protagonist er gewesen war, niederzuschreiben, offenbar mit dem Ziel, seinen Verrat und den seiner GefĂ€hrten zu rechtfertigen. Es sei Gottes Wille gewesen, behauptet er, der ihn berufen habe, einen geistlichen Tempel zu bauen, anstelle des materiellen, der von Titus zerstört worden war. Diese Worte waren sicherlich nicht an jĂŒdische Ohren gerichtet, sondern an christliche. Die meisten Historiker stehen der Tatsache, dass Josephus ein Christ war, skeptisch gegenĂŒber, und doch sind die Beweise in seinen Schriften zwingend. In einer berĂŒhmten Passage (dem so genannten Testimonium Flavianum) in seinem Buch JĂŒdische AltertĂŒmer offenbart er seine Akzeptanz zweier grundlegender Punkte, der Auferstehung Jesu und seiner Identifikation mit dem Messias der Prophezeiungen, die notwendige und hinreichende Bedingung dafĂŒr sind, dass ein Jude jener Zeit als Christ gelten kann. Die christlichen Sympathien des Josephus gehen auch deutlich aus anderen Passagen desselben Werkes hervor, wo er mit großer Bewunderung von Johannes dem TĂ€ufer sowie von Jakobus, dem Bruder Jesu, spricht.


Josephus Flavius und der hl. Paulus

Die Argumente, die Josephus Flavius benutzt, um seinen eigenen Verrat und den seiner BrĂŒder zu rechtfertigen, scheinen die Worte des heiligen Paulus wiederzugeben. Die beiden scheinen sich in ihrer Haltung gegenĂŒber der römischen Welt vollkommen einig zu sein. Paulus zum Beispiel sah es als seine Aufgabe an, die Kirche Jesu aus der Enge des Judentums und aus dem Land JudĂ€a zu befreien und sie universal zu machen, indem er sie mit Rom verband. Auch in anderen wichtigen Punkten sind sie sich einig: So bekennen sich beide zu den Lehren der PharisĂ€er, die von der römischen Kirche vollstĂ€ndig ĂŒbernommen wurden.

Es gibt genĂŒgend historische Indizien, die uns dazu veranlassen, es als sicher anzusehen, dass die beiden einander kannten und durch eine starke Freundschaft verbunden waren. In der Apostelgeschichte lesen wir, dass Paulus, nachdem er Jerusalem erreicht hatte, vor die Hohepriester und den Sanhedrin gebracht wurde, um verurteilt zu werden (Apg 22,30). Er verteidigte sich:

„BrĂŒder, ich bin ein PharisĂ€er, ein Sohn von PharisĂ€ern. Wegen Hoffnung auch auf die Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht!“ Als er dies gesagt hatte, gab es zwischen den PharisĂ€ern und SadduzĂ€ern eine Auseinandersetzung, und die Versammlung spaltete sich. Denn die SadduzĂ€er behaupten, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geist; die PharisĂ€er dagegen bekennen sich zu dem allen. Es entstand ein großes Geschrei, und einige der Schriftgelehrten von der Partei der PharisĂ€er standen auf und verfochten ihre Ansicht. Sie sagten: „Wir finden an diesem Menschen nichts Böses. Vielleicht hat ein Geist zu ihm geredet oder ein Engel?“

Als aber ein großer Tumult entstand, befĂŒrchtete der Tribun, Paulus könnte von ihnen zerrissen werden, und befahl der Truppe herabzukommen, ihn rasch aus ihrer Mitte herauszufĂŒhren und in die Kaserne zu bringen.

Apostelgeschichte Apg 23,6-9 und Apg 23,10

Josephus war ein hochrangiger Priester und er war zu dieser Zeit in Jerusalem; er war sicherlich bei dieser Versammlung anwesend. Er war im Alter von neunzehn Jahren der Sekte der PharisĂ€er beigetreten, und so muss er unter den Priestern gewesen sein, die sich zur Verteidigung des Paulus erhoben. Der Apostel wurde dann dem römischen Statthalter Felix ĂŒbergeben, der ihn fĂŒr einige Zeit unter Arrest hielt, bis er zusammen mit einigen anderen Gefangenen nach Rom geschickt wurde (Apg 27,1), um vom Kaiser gerichtet zu werden, an den Paulus als römischer BĂŒrger appelliert hatte. In Rom verbrachte er zwei Jahre im GefĂ€ngnis (Apg. 28,39), bevor er 63 oder 64 n. Chr. freigelassen wurde.

[ Hier kann ich Barbiero nicht ganz folgen: Apostelgeschichte 28,39 existiert m. W. nicht; in Apg 28,16 heißt es: „ Als wir dann nach Rom hineinkamen, erhielt (der) Paulus die Erlaubnis, fĂŒr sich [allein] zu wohnen, zusammen mit dem Soldaten, der ihn bewachte.“ Und in Apg 28,30: „Er aber blieb zwei volle Jahre in einer eigenen Mietwohnung und empfing alle, die zu ihm hereinkamen.“ Man kann sich dies als priveligierten Arrest vorstellen, recht Ă€hnlich wie bei einer anderen historischen Figur Jahrhunderte nach Paulus. Der Übersetzer]

In seiner Autobiographie (Leben, 3.13) sagt Josephus:

Nach Vollendung meines sechsundzwanzigsten Lebensjahres fiel es mir zu, eine Schiffsreise nach Rom zu machen, und zwar aus folgendem Grund: Zu der Zeit als Felix Statthalter von JudĂ€a war, sandte er einige mir bekannte Priester – EhrenmĂ€nner -, die er aus geringem und hergeholtem Anlass hatte verhaften lassen, nach Rom, damit sie dem Kaiser Rede und Antwort stĂŒnden. Um Mittel und Wege zu finden, diese zu retten, (…), kam ich nach vielen auf dem Meere bestandenen Gefahren nach Rom.

Flavius Josephus: Aus meinem Leben (Vita). Kritische Ausgabe, Übersetzung und Kommentar (2001) [Download, PDF 19 MB] Seite 27 + 29

Irgendwie gelang es Josephus, Rom zu erreichen, wo er sich mit Aliturus anfreundete, einem jĂŒdischen Mimen, der von Nero geschĂ€tzt wurde. Dank Aliturus wurde er Poppaea, der Frau des Kaisers, vorgestellt, und durch ihre Vermittlung gelang es ihm, die Priester zu befreien (Leben, 3.16 [S. 29 ebd.]).

Die Übereinstimmung von Daten, Fakten und beteiligten Personen ist so perfekt, dass man sich nur schwer der Schlussfolgerung entziehen kann, dass Josephus auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten eigens nach Rom reiste, um Paulus und seine GefĂ€hrten zu befreien, und dass es seiner Intervention zu verdanken war, dass der Apostel freigelassen wurde. Dies setzt voraus, dass die Beziehung zwischen den beiden viel enger war als die einer einfachen Gelegenheitsbekanntschaft. Josephus muss also viel mehr ĂŒber das Christentum gewusst haben, als aus seinen Werken ersichtlich ist, und sein Wissen stammte direkt aus der Lehre des Paulus, von dem er höchstwahrscheinlich ein SchĂŒler war.

Als Josepus im Jahr 70 n. Chr. nach Rom zurĂŒckkehrte, war sein Herr hingerichtet worden, zusammen mit den meisten der Christen, die er bekehrt hatte, sein Vaterland war vernichtet, der Tempel zerstört, die Priesterfamilie ausgerottet, sein Ruf durch den Makel des Verrats befleckt. Er muss von sehr starken SehnsĂŒchten nach Erlösung und Rache beseelt gewesen sein. Außerdem fĂŒhlte er sich wahrscheinlich fĂŒr die Schicksale der gedemĂŒtigten Überreste einer der grĂ¶ĂŸten Familien der Welt verantwortlich, der fĂŒnfzehn Hohepriester, die den gleichen Zustand wie er teilten. Es gibt Informationen ĂŒber ein Treffen unter dem Vorsitz von Josephus Flavius, der zweifellos stĂ€rksten und wichtigsten Persönlichkeit in dieser Gruppe, in dessen Verlauf die Priester die Situation ihrer Familie analysierten und eine Strategie zur Besserung ihres Schicksals beschlossen. Josephus ersann in aller Klarheit einen Plan, der unter diesen UmstĂ€nden jedem anderen als die grĂ¶ĂŸte Torheit erschienen wĂ€re. Dieser Mann, der inmitten der rauchenden Ruinen dessen saß, was sein Vaterland gewesen war, umgeben von ein paar gedemĂŒtigten, trostlosen Überlebenden, die von ihren Landsleuten verstoßen worden waren, strebte nach nichts Geringerem als der Eroberung jenes riesigen, mĂ€chtigen Reiches, das ihn besiegt hatte, und der Etablierung seiner Nachkommen und derjenigen der MĂ€nner um ihn herum als herrschende Klasse dieses Reiches.

Der erste Schritt in dieser Strategie bestand darin, die Kontrolle ĂŒber die neugeborene christliche Religion zu ĂŒbernehmen und sie in eine solide Machtbasis fĂŒr die priesterliche Familie zu verwandeln. Da sie im Gefolge des Titus nach Rom gekommen waren und somit unter dem Schutz des Kaisers standen und wirtschaftlich gut aufgestellt waren, konnte es fĂŒr diese Priester keine großen Probleme geben, die FĂŒhrung der winzigen Gruppe von Christen zu ĂŒbernehmen, die Neros Verfolgung ĂŒberlebt hatten, legitimiert durch die Beziehung des Josephus Flavius zu Paulus.

Es waren erst sechs Jahre vergangen, seit er sich um die Befreiung des Paulus aus der römischen Gefangenschaft bemĂŒht hatte. Der Apostel der Völker muss mindestens drei Jahre zuvor gestorben sein. Josephus muss sich moralisch verpflichtet gefĂŒhlt haben, die Taten seines einstigen Meisters, dessen Lehre er genau kannte, fortzufĂŒhren, und da er ihr Potenzial zur Verbreitung in der römischen Welt spĂŒrte, widmete er sich und seine Organisation von Priestern ihrer praktischen Umsetzung. Sobald er eine starke christliche Gemeinschaft in der Hauptstadt geschaffen hatte, konnte es fĂŒr die Priester nicht schwierig sein, ihre AutoritĂ€t auch in den anderen christlichen Gemeinschaften, die ĂŒber das ganze Reich verstreut waren, durchzusetzen – vor allem in denen, die von Paulus selbst gegrĂŒndet oder katechisiert worden waren.

Josephus Flavius und der Sol Invictus Mithras

Josephus Flavius wusste nur zu gut, dass keine Religion eine Zukunft hat, wenn sie nicht ein integraler Bestandteil eines politischen Machtsystems ist. Es war ein Konzept, das sozusagen in der DNA der Priester von Juda verankert war, dass Religion und politische Macht in einer Symbiose zusammenleben und sich gegenseitig stĂŒtzen sollten. Es ist unvorstellbar, dass er denken konnte, dass sich die neue Religion unabhĂ€ngig oder gar im Gegensatz zur politischen Macht im ganzen Reich verbreiten wĂŒrde. Sein erstes Ziel war daher die Machtergreifung. Nicht nur dank der tausendjĂ€hrigen Erfahrung seiner Familie, sondern auch dank seiner eigenen Lebenserfahrung wusste Josephus nur zu gut, dass politische Macht, besonders in einem gigantischen Organismus wie dem Römischen Reich, auf militĂ€rischer Macht beruhte, und militĂ€rische Macht beruhte auf wirtschaftlicher Macht, und wirtschaftliche Macht auf der FĂ€higkeit, den finanziellen Hebel des Landes zu beeinflussen und zu kontrollieren. Sein Plan muss vorgesehen haben, dass die priesterliche Familie frĂŒher oder spĂ€ter die Kontrolle ĂŒber diese Hebel ĂŒbernehmen wĂŒrde. Dann wĂŒrde das Reich in seinen HĂ€nden sein, und die neue Religion wĂŒrde das Hauptinstrument sein, um die Kontrolle darĂŒber zu behalten.

Was war Josephus‘ Plan, um dieses ehrgeizige Projekt zu erreichen? Er musste nichts erfinden; das Modell war da: die von Esra ein paar Jahrhunderte zuvor geschaffene Geheimorganisation, die den Priesterfamilien ein halbes Jahrtausend lang Macht und Wohlstand gesichert hatte. Er musste nur ein paar Änderungen vornehmen, um diese Institution in der heidnischen Welt als eine Mysterienreligion zu tarnen, die dem griechischen Gott Helios, der Sonne, gewidmet war, wegen seiner unzweifelhaften Assonanz mit dem jĂŒdischen Gott El Elyon. Er wurde als unbesiegbar dargestellt, der Sol Invictus, um die Moral seiner Adepten anzuspornen, und an seine Seite wurde als untrennbarer GefĂ€hrte eine Sonnengottheit aus demselben Mesopotamien gestellt, aus dem die Juden hervorgegangen waren, Mithras, der Gesandte der Sonne auf der Erde, um die Menschheit zu erlösen; und ĂŒberall um sie herum, in den Mithraea, die Statuen verschiedener Gottheiten, Athene, Herkules, Venus und so weiter. Ein klarer Hinweis auf den göttlichen Vater und seinen Abgesandten auf Erden, Jesus, umgeben von ihren Attributen der Weisheit, StĂ€rke, Schönheit und so weiter, was von den Christen gut verstanden wurde, aber fĂŒr ein heidnisches Auge vollkommen heidnisch war.

Diese Organisation hatte keinen religiösen Zweck: ihr Ziel war es, die Verbindung zwischen den Priesterfamilien zu erhalten und ihre Sicherheit und ihren Reichtum zu gewĂ€hrleisten, durch gegenseitige UnterstĂŒtzung und eine gemeinsame Strategie, die darauf abzielte, alle Machtpositionen in der römischen Gesellschaft zu unterwandern.

Es war ein Geheimbund. Obwohl sie drei Jahrhunderte lang bestand und Tausende von Mitgliedern hatte, die meisten von ihnen sehr kultivierte MĂ€nner, gibt es kein einziges geschriebenes Wort von einem Mitglied darĂŒber, was bei den Treffen der mithraischen Institution vor sich ging, welche Entscheidungen getroffen wurden und so weiter. Das bedeutet, dass ĂŒber die Werke, die in einem MithrĂ€um aufbewahrt wurden, immer absolute Geheimhaltung herrschte.

Der Zugang war offensichtlich den Nachkommen von Priesterfamilien vorbehalten, zumindest auf der operativen Ebene, ab dem dritten Grad aufwĂ€rts (gelegentlich konnten Personen anderer Herkunft in die ersten beiden Grade aufgenommen werden, wie im Fall des Kaisers Commodus). Dieses System der Rekrutierung steht in perfekter Übereinstimmung mit den historischen und archĂ€ologischen Beweisen. Selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht und Verbreitung scheint der Sol Invictus Mithras eine elitĂ€re Institution mit einer sehr begrenzten Anzahl von Mitgliedern zu sein. Die meisten MithrĂ€en waren sehr klein und konnten nicht mehr als 20 Personen beherbergen. Es handelte sich definitiv nicht um eine Massenreligion, sondern um eine Organisation, zu der nur die obersten FĂŒhrer der Armee und der kaiserlichen BĂŒrokratie zugelassen waren. Dennoch wissen wir nichts ĂŒber die Rekrutierungspolitik der Sol Invictus Mithras. Rekrutierte sie ihre Mitglieder unter den hohen RĂ€ngen der römischen Gesellschaft, oder war das Gegenteil der Fall – dass die Mitglieder dieser Organisation alle Machtpositionen dieser Gesellschaft „infiltrierten“? Historische Beweise begĂŒnstigen die Hypothese, dass die Mitgliedschaft in der Institution auf ethnischer Basis reserviert war. Der Zugang zu ihr, zumindest auf der operativen Ebene, war höchstwahrscheinlich den Nachkommen der Gruppe der jĂŒdischen Priester vorbehalten, die nach der Zerstörung Jerusalems nach Rom kamen.

Der Sol Invictus Mithras erobert das römische Imperium

Schriftliche Quellen und die archĂ€ologischen Zeugnisse belegen, dass Rom ab Domitian stets das wichtigste Zentrum der Institution des Sol Invictus Mithras blieb, die sich im Herzen der kaiserlichen Verwaltung, sowohl im Palast als auch bei der PrĂ€torianergarde, fest verankert hatte. Von Rom aus breitete sich die Organisation sehr bald auf das nahe gelegene Ostia aus, den Hafen mit dem grĂ¶ĂŸten Handelsvolumen der Welt, da Waren und Lebensmittel aus allen Teilen des Reiches eintrafen, um den unersĂ€ttlichen Appetit der Hauptstadt zu stillen. Im Laufe des zweiten und dritten Jahrhunderts wurden dort fast vierzig MithrĂ€en errichtet, ein klarer Beweis dafĂŒr, dass die Mitglieder der Institution die Kontrolle ĂŒber die HandelsaktivitĂ€ten ĂŒbernommen hatten, Quelle unvergleichlicher Einkommen und wirtschaftlicher Macht.

In der Folgezeit verbreitete sie sich auch im Rest des Reiches. Die ersten MithrĂ€en, die außerhalb des römischen Kreises entstanden, wurden kurz vor 110 n. Chr. in Pannonien gebaut, in Poetovium, dem Hauptzollzentrum der Region, dann in der MilitĂ€rgarnison Carnuntum und bald darauf in allen Danubischen Provinzen (RĂ€tien, Noricum, Pannonien, Mesien und Dakien). Zu den AnhĂ€ngern des Mithraskultes gehörten die Zöllner, die eine Steuer auf jede Art von Transport eintrieben, der von Italien nach Mitteleuropa und umgekehrt geschickt wurde; die kaiserlichen FunktionĂ€re, die das Transportwesen, die Post, die Finanz- und Bergwerksverwaltung kontrollierten; und schließlich die militĂ€rischen Truppen der entlang der Grenze verstreuten Garnisonen. Fast zur gleichen Zeit wie im Donauraum begann der Mithraskult im Rheingebiet, bei Bonn und Trier, zu erscheinen. Es folgten Britannien, Spanien und Nordafrika, wo Mithras in den ersten Jahrzehnten des zweiten Jahrhunderts auftauchte, immer in Verbindung mit Verwaltungszentren und MilitĂ€rgarnisonen.

ArchĂ€ologische Funde belegen schlĂŒssig, dass die Mitglieder des Sol Invictus Mithras wĂ€hrend des gesamten zweiten Jahrhunderts n. Chr. die wichtigsten Positionen in der öffentlichen Verwaltung besetzten und zur dominierenden Klasse in den entlegenen Provinzen des Reiches wurden – vor allem in Mittel- und Nordeuropa. Wir haben gesehen, dass die Mitglieder von Sol Invictus Mithras auch die heidnische Religion infiltriert hatten und die Kontrolle ĂŒber den Kult der wichtigsten Gottheiten ĂŒbernahmen, angefangen mit der Sonne.

Der siegreiche Schachzug jedoch, der den Erfolg der mithraischen Institution unwiderstehlich machte, war die Übernahme der Kontrolle ĂŒber die Armee. Josephus Flavius wusste aus direkter Erfahrung, dass die Armee zum Schiedsrichter des kaiserlichen Throns werden konnte. Wer die Armee kontrollierte, kontrollierte das Reich. Das von ihm festgelegte Hauptziel der mithraischen Organisation muss also darin bestanden haben, die Armee zu infiltrieren und die Kontrolle ĂŒber sie zu ĂŒbernehmen.

Bald entstanden ĂŒberall dort, wo römische Garnisonen stationiert waren, Mithraea. Innerhalb eines Jahrhunderts war es dem Mithraskult gelungen, alle römischen Legionen, die in den Provinzen und entlang der Grenzen stationiert waren, zu kontrollieren, bis zu einem Ausmaß, dass die Verehrung des Sol Invictus Mithras von Historikern oft als die typische „Religion“ der römischen Soldaten angesehen wird.

Noch vor dem Heer konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Sol Invictus jedoch auf die PrĂ€torianergarde, die persönliche Garde des Kaisers. Es ist kein Zufall, dass die zweite bekannte Widmungsinschrift mithraischen Charakters einen Kommandanten des Praetoriums betrifft und dass die Konzentration von Mithraea in der Umgebung der PrĂ€torianerkaserne besonders hoch war. Die Infiltration dieser Körperschaft muss unter den flavischen Kaisern begonnen haben. Sie konnten auf die bedingungslose LoyalitĂ€t vieler jĂŒdischer Freigelassener zĂ€hlen, die ihnen alles verdankten – ihr Leben, ihre Sicherheit und ihr Wohlergehen. Die römischen Kaiser waren etwas zurĂŒckhaltend, ihre persönliche Sicherheit Offizieren anzuvertrauen, die aus den Reihen des römischen Senats kamen, ihrem politischen Hauptgegner, und so wurden die RĂ€nge ihrer persönlichen Garde hauptsĂ€chlich mit Freigelassenen und Mitgliedern der Reiterklasse besetzt. Dies muss den Sol Invictus begĂŒnstigt haben, der das PrĂ€torium ab dem Beginn des zweiten Jahrhunderts zu seinem unangefochtenen Lehen machte.

Sobald er die Kontrolle ĂŒber das PrĂ€torium und die Armee erlangt hatte, konnte der Sol Invictus Mithras auch das kaiserliche Amt in die HĂ€nde spielen. Dies geschah tatsĂ€chlich im Jahr 193 n. Chr., als Septimius Severus vom Heer zum Kaiser ausgerufen wurde. Geboren in Leptis Magna, in Nordafrika, in einer Reiterfamilie von hochrangigen BĂŒrokraten, war er sicherlich ein Mitglied der mithrasischen Organisation, da er Julia Domna, die Schwester von Bassianus, einem Hohepriester des Sol Invictus, geheiratet hatte. Von da an war das kaiserliche Amt ein Vorrecht des Sol Invictus Mithras, da alle Kaiser vom Heer oder von der PrĂ€torianergarde proklamiert und/oder abgesetzt wurden.

Soweit wir das im Nachhinein beurteilen können, war das Endziel der von Josephus Flavius erdachten Strategie die vollstĂ€ndige Ersetzung der herrschenden Klasse des Römischen Reiches durch Mitglieder des Sol Invictus Mithras. Dieses Ergebnis wurde in weniger als zwei Jahrhunderten erreicht, dank der Politik, die von den mithrasischen Kaisern durchgesetzt wurde. Das RĂŒckgrat der römischen kaiserlichen Verwaltung wurde von neuen Familien unbekannter Herkunft gebildet, die am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Jahrhunderts in Opposition zur senatorischen Aristokratie, die traditionell gegen die kaiserliche Macht eingestellt war, entstanden waren. Sie bildeten den so genannten „Reiterorden“, der bald zum unangefochtenen Lehen des Sol Invictus Mithras wurde. Mit Sicherheit gehörten die meisten Familien der 15 jĂŒdischen Priester aus dem Gefolge des Josephus Flavius, die reich und gut vernetzt waren und die kaiserliche Gunst genossen, zu diesem Orden.

Die Sol Invictus-Kaiser gehörten alle dem Reiterorden an und regierten in offener Opposition zum Senat, demĂŒtigten ihn, beraubten ihn seiner Vorrechte und seines Reichtums und schlugen ihn physisch mit der Verbannung und Hinrichtung einer großen Anzahl seiner hochrangigen Mitglieder. Zur gleichen Zeit begannen sie, Reiterfamilien in den Senat einzufĂŒhren. Diese Politik war von Septimius Severus initiiert und von Gallienus (der, wie wir uns erinnern mĂŒssen, auch der Autor des ersten Toleranzedikts gegenĂŒber dem Christentum war) weiterentwickelt worden, der per Dekret festlegte, dass alle, die das Amt eines Provinzgouverneurs oder eines PrĂ€fekten der PrĂ€torianergarde bekleidet hatten – beides Ernennungen, die dem Reiterstand vorbehalten waren – von Rechts wegen in die Reihen des Senats eintreten wĂŒrden. Dieses Recht wurde spĂ€ter auf andere FunktionĂ€rskategorien, große BĂŒrokraten und hochrangige Armeeoffiziere (allesamt Mitglieder der mithraischen Institution) ausgedehnt. Infolgedessen gelangte innerhalb weniger Jahrzehnte praktisch die gesamte Reiterklasse in die Reihen des Senats und ĂŒbertraf die Familien der ursprĂŒnglichen italischen und römischen Aristokratie.

In der Zwischenzeit schritt die Ausbreitung des Christentums im gesamten Imperium in einem stetigen Tempo voran. Wo immer die Vertreter des Mithras ankamen, entstand sofort eine christliche Gemeinde. Am Ende des zweiten Jahrhunderts gab es bereits mindestens vier Bischofssitze in Britannien, sechzehn in Gallien, sechzehn in Spanien und einen in praktisch jeder großen Stadt in Nordafrika und im Nahen Osten. Im Jahr 261 wurde das Christentum vom mithraischen Gallienus als rechtmĂ€ĂŸige Religion anerkannt und zu Beginn des vierten Jahrhunderts vom mithraischen Konstantin zur offiziellen Religion des Reiches erklĂ€rt, obwohl es in der römischen Gesellschaft noch in der Minderheit war. Sie wurde dann allmĂ€hlich der Bevölkerung des Reiches aufgezwungen, mit einer Reihe von Maßnahmen, die am Ende des vierten Jahrhunderts in der Abschaffung der heidnischen Religionen und der massenhaften „Bekehrung“ des römischen Senats gipfelten.

Die endgĂŒltige Situation in Bezug auf die herrschende Klasse des westlichen Imperiums war die folgende: der alte Adel heidnischen Ursprungs war praktisch verschwunden und der neue große Adel, der sich mit der senatorischen Klasse der Grundbesitzer identifizierte, bestand aus ehemaligen Mitgliedern der Sol Invictus Mitras. Auf religiöser Ebene war das Heidentum beseitigt und das Christentum war zur Religion aller Bewohner des Reiches geworden; es wurde von kirchlichen Hierarchien kontrolliert, die vollstĂ€ndig aus der senatorischen Klasse stammten und mit unermesslichem Grundbesitz und quasi-königlichen Befugnissen innerhalb ihrer Sitze ausgestattet waren.

Die Priesterfamilien waren die absoluten Herren desselben Reiches geworden, das Israel und den Tempel von Jerusalem zerstört hatte. Alle hohen Ämter, sowohl die zivilen als auch die religiösen, und der gesamte Reichtum lagen in ihren HĂ€nden, und die oberste Macht war auf ewig und mit göttlichem Recht dem berĂŒhmtesten der PriesterstĂ€mme, der „Gens Flavia“, anvertraut worden (seit Konstantin trugen alle römischen Kaiser den Namen Flavius), aller Wahrscheinlichkeit nach Nachkommen von Josephus Flavius.

Drei Jahrhunderte zuvor hatte Josephus mit Stolz geschrieben: „Meine Familie ist nicht obskur, im Gegenteil, sie ist von priesterlicher Abstammung: Wie es bei allen Völkern eine unterschiedliche GrĂŒndung des Adels gibt, so wird bei uns die Vortrefflichkeit der Linie durch ihre Zugehörigkeit zum Priesterstand bestĂ€tigt“ (Leben 1.1). Am Ende des vierten Jahrhunderts hatten seine Nachkommen jedes Recht, dieselben Worte auf das Römische Reich anzuwenden.

Zu diesem Zeitpunkt war die Institution des Sol Invictus Mithras nicht mehr notwendig, um den Reichtum der Priesterfamilie zu steigern, und sie wurde entsorgt. Sie war das Instrument der erfolgreichsten Verschwörung der Geschichte gewesen.

Behandlung von „Long COVID“ und Linderung der ToxizitĂ€t der mRNA-Impfstoffe durch Neutralisierung des Spike-Proteins

Ein Kommentar von Thomas E. Levy, MD, JD.
Veröffentlicht am 21. Juni 21 im Orthomolecular Medicine News Service als:
Resolving „Long-Haul COVID“ and Vaccine Toxicity: Neutralizing the Spike Protein
Keine GewĂ€hr fĂŒr die Richtigkeit der Übersetzung!

(OMNS 21. Juni 2021) Auch wenn die Mainstream-Medien Ihnen etwas anderes weismachen wollen: Die Impfstoffe, die im Zuge der COVID-Pandemie verabreicht werden, erweisen sich selbst als sehr bedeutsame Quellen von MorbiditĂ€t und MortalitĂ€t. Über das Ausmaß dieser negativen Folgen der COVID-Impfstoffe lĂ€sst sich zwar streiten, doch steht außer Frage, dass bereits genug Krankheiten und TodesfĂ€lle aufgetreten sind, um die Einstellung der Verabreichung dieser Impfstoffe zu rechtfertigen. Und zwar so lange, bis zusĂ€tzliche, vollstĂ€ndig wissenschaftlich fundierte Forschungen eine AbwĂ€gung ermöglichen zwischen den mittlerweile eindeutigen Nebenwirkungen und der potenziellen (und noch nicht eindeutig bewiesenen) FĂ€higkeit, neue COVID-Infektionen zu verhindern.

Nichtsdestotrotz wurden bereits genug Impfungen verabreicht, um die Sorge zu rechtfertigen, dass eine neue „Pandemie“ von Krankheiten und TodesfĂ€llen durch die Nebenwirkungen, die weiterhin in stetig steigender Zahl dokumentiert werden, entstehen könnte. Der impfstoffinduzierte „Schuldige“, der jetzt die meiste Aufmerksamkeit erhĂ€lt und im Mittelpunkt vieler neuer Forschungen steht, ist das COVID-Virusfragment, das als Spike-Protein bekannt ist. Seine physiologische Wirkung scheint weit mehr Schaden als Nutzen anzurichten (COVID-Antikörperinduktion), und die Art und Weise, wie es eingefĂŒhrt wurde, scheint seine fortlaufende Replikation mit einer andauernden PrĂ€senz im Körper fĂŒr eine unbestimmte Zeit zu fördern.

Das physische Erscheinungsbild des COVID-Virus kann als eine zentrale Kugel aus viralen Proteinen beschrieben werden, die vollstĂ€ndig von speerartigen AnhĂ€ngseln umgeben ist. Sie werden als Spike-Proteine bezeichnet und sind sehr analog zu den Stacheln, die ein Stachelschwein umgeben. Und genau wie das Stachelschwein sein Opfer sticht, dringen diese Spike-Proteine in die Zellmembranen im ganzen Körper ein. Nach diesem Eindringen werden proteinauflösende Enzyme [Proteasen] aktiviert, die Zellmembran bricht zusammen, die Virenkugel gelangt durch diesen Membranbruch in das Zytoplasma, und der Stoffwechsel der Zelle wird anschließend „gekapert“, um weitere Viruspartikel herzustellen. Diese Spike-Proteine stehen im Mittelpunkt zahlreicher aktueller Forschungen, die sich mit den Nebenwirkungen von Impfstoffen beschĂ€ftigen (Belouzard et al., 2012; Shang et al., 2020).

Das Spike-Protein bindet zunĂ€chst an ACE2-Rezeptoren (Angiotensin Converting Enzyme 2) in den Zellmembranen (Pillay, 2020). Dieser erste Bindungsschritt ist entscheidend fĂŒr die Auslösung der nachfolgenden Sequenz von Ereignissen, die das Virus ins Innere der Zelle bringen. Wenn diese Bindung durch Konkurrenz oder eine frĂŒhzeitige VerdrĂ€ngung durch ein geeignetes Therapeutikum blockiert wird, kann das Virus nicht in die Zelle eindringen, der infektiöse Prozess wird effektiv gestoppt, und die Immunabwehr des Körpers wird entlastet, um die viralen Erreger oder nur das Spike-Protein allein, wenn es frei ist und nicht mehr an ein virales Partikel gebunden ist, aufzusammeln, zu metabolisieren und zu eliminieren.

Obwohl ACE2 in vielen verschiedenen Zellen im ganzen Körper zu finden ist, ist es insbesondere hervorzuheben, dass die Epithelzellen, die die Atemwege auskleiden, nach der Inhalation des Erregers das erste Ziel des Coronavirus sind (Hoffmann et al., 2020). Auch die ACE2-Expression (Konzentration) ist auf Lungen-Alveolarepithelzellen besonders hoch (Alifano et al., 2020). Dieses zellmembrangebundene Virus kann dann den Prozess in Gang setzen, der schließlich zu dem schweren akuten respiratorischen Syndrom (SARS) fĂŒhrt, das bei klinisch fortgeschrittenen COVID-Infektionen zu beobachten ist (Perrotta et al., 2020; Saponaro et al., 2020). Die SARS-PrĂ€sentation manifestiert sich am deutlichsten, wenn der Grad des oxidativen Stresses in der Lunge sehr hoch ist. Dieses Stadium des mit der COVID-Infektion verbundenen extremen oxidativen Stresses wird in der Literatur oft als Zytokinsturm bezeichnet, der unkontrolliert immer zum Tod fĂŒhrt (Hu et al., 2021).

Zunehmende Besorgnis erregt die Tatsache, dass das Spike-Protein nach der COVID-Impfung weiterhin im Blut vorhanden ist, ohne an ein Virion gebunden zu sein. Die Spike-Protein-Injektionen, die angeblich eine Immunantwort gegen das gesamte Viruspartikel auslösen sollen, verbreiten sich im ganzen Körper, anstatt an der Impfstelle im Oberarm zu verbleiben, wĂ€hrend sich die Immunantwort gegen das Protein entwickelt. Außerdem scheint es, dass diese zirkulierenden Spike-Proteine selbstĂ€ndig in Zellen eindringen und sich ohne angehĂ€ngte Viruspartikel vermehren können. Dies richtet nicht nur in diesen Zellen Schaden an, sondern trĂ€gt auch dazu bei, dass das Spike-Protein auf unbestimmte Zeit im ganzen Körper vorhanden ist.

Es wurde auch vermutet, dass große Mengen des Spike-Proteins nur an ACE2-Rezeptoren andocken und nicht weiter in die Zelle vordringen, wodurch die normale ACE2-Funktion in einem bestimmten Gewebe effektiv blockiert oder ausgeschaltet wird. Wenn das Spike-Protein an eine Zellwand bindet und dort „hĂ€ngen bleibt“, dient das Spike-Protein außerdem als Hapten (Antigen), das dann eine Autoimmunreaktion (Antikörper oder Antikörper-Ă€hnliche Reaktion) gegen die Zelle selbst auslösen kann, anstatt gegen das Viruspartikel, an das es normalerweise gebunden ist. AbhĂ€ngig von den Zelltypen, an die solche Spike-Proteine binden, kann es zu einer Vielzahl von Krankheiten mit AutoimmunqualitĂ€ten kommen.

Schließlich besteht eine weitere sehr besorgniserregende Eigenschaft des Spike-Proteins, welche fĂŒr sich allein betrachtet schon sehr bedenklich wĂ€re, darin, dass das Spike-Protein selbst hoch toxisch zu sein scheint. Diese intrinsische ToxizitĂ€t, zusammen mit der offensichtlichen FĂ€higkeit des Spike-Proteins, sich in den Zellen, in die es eindringt, unbegrenzt zu replizieren, stellt wahrscheinlich die Art und Weise dar, wie der Impfstoff seinen schlimmsten langfristigen Schaden anrichten kann, da die Produktion dieses Toxins unbegrenzt fortgesetzt werden kann, ohne dass andere externe Faktoren im Spiel sind.

TatsÀchlich stellt das COVID-Langzeitsyndrom wahrscheinlich eine niedriggradige, ungelöste, schwelende COVID-Infektion mit der gleichen Art von Spike-Protein-Persistenz und klinischen Auswirkungen dar, wie sie bei vielen Personen nach ihren COVID-Impfungen beobachtet werden (Mendelson et al., 2020; Aucott und Rebman, 2021; Raveendran, 2021).

Obwohl die Gesamtheit der beteiligten Mechanismen noch lange nicht vollstĂ€ndig verstanden und ausgearbeitet ist, so zeigt das zunehmende Auftreten von klinischen Komplikationen nach einer Impfung doch sehr deutlich, dass hier so schnell und effektiv wie möglich gehandelt werden muss. Allein die Störung der ACE2-Rezeptorfunktion in so vielen Bereichen des Körpers hat zu einer Reihe von unterschiedlichen Nebenwirkungen gefĂŒhrt (Ashraf et al., 2021). Solche klinischen Komplikationen, die in verschiedenen Organsystemen und Körperbereichen auftreten, können alle in den folgenden drei klinischen Situationen auftreten. Alle drei sind „Spike-Protein-Syndrome“, wobei bei der akuten Infektion immer die Gesamtheit der Viruspartikel zusammen mit dem Spike-Protein in den Anfangsphasen der Infektion vorhanden ist.

a) Bei einer aktiven COVID-19-Infektion,

b) wÀhrend des langanhaltenden COVID-Syndroms, oder

c) als Reaktion auf einen mit Spike-Protein beladenen Impfstoff, darunter die folgenden:

  • Herzinsuffizienz, Herzverletzung, Herzinfarkt, Myokarditis (Chen et al., 2020; Sawalha et al., 2021)
  • Pulmonale Hypertonie, pulmonale Thromboembolien und Thrombosen, SchĂ€digung des Lungengewebes, mögliche Lungenfibrose (McDonald, 2020; Mishra et al., 2020; Pasqualetto et al., 2020; Potus et al., 2020; Dhawan et al., 2021)
  • Erhöhte venöse und arterielle thromboembolische Ereignisse (Ali und Spinler, 2021)
  • Diabetes (Yang et al., 2010; Lima-Martinez et al., 2021)
  • Neurologische Komplikationen, einschließlich Enzephalopathie, KrampfanfĂ€lle, Kopfschmerzen und neuromuskulĂ€re Erkrankungen. Außerdem HyperkoagulabilitĂ€t und Schlaganfall (AboTaleb, 2020; Bobker und Robbins, 2020; Hassett et al., 2020; Hess et al., 2020)
  • Darmdysbiose, entzĂŒndliche Darmerkrankungen und Leaky Gut (Perisetti et al., 2020; Zeppa et al., 2020; Hunt et al., 2021)
  • NierenschĂ€den (Han und Ye, 2021)
  • BeeintrĂ€chtigung der mĂ€nnlichen FortpflanzungsfĂ€higkeit (Seymen, 2021)
  • HautlĂ€sionen und andere kutane Manifestationen (Galli et al., 2020)
  • Allgemeine Autoimmunerkrankungen, autoimmune hĂ€molytische AnĂ€mie (Jacobs und Eichbaum, 2021; Liu et al., 2021)
  • LeberschĂ€digung (Roth et al., 2021)

Bei der Ausarbeitung eines klinischen Protokolls zur Beendigung der verheerenden Auswirkungen der fortdauernden Anwesenheit von Spike-Proteinen im Körper ist es zunĂ€chst wichtig zu erkennen, dass das Protokoll in der Lage sein sollte, jeden Aspekt der COVID-Infektion wirksam zu behandeln, einschließlich der ZeitrĂ€ume wĂ€hrend der aktiven Infektion, nach der „aktiven“ Infektion (COVID auf lange Sicht) und wĂ€hrend des fortdauernden Vorhandenseins von Spike-Proteinen als Folge einer „chronischen“ COVID-Infektion oder als Folge der Verabreichung von COVID-Impfstoffen.

Wie bei jeder Behandlung fĂŒr jede Erkrankung spielen Faktoren wie Kosten, VerfĂŒgbarkeit und Patienten-Compliance immer eine Rolle bei der Entscheidung, welcher Behandlung sich ein bestimmter Patient ĂŒber einen bestimmten Zeitraum tatsĂ€chlich unterziehen wird. Es gibt also kein spezifisches Protokoll, das fĂŒr alle Patienten geeignet ist, selbst wenn die gleiche Pathologie vorliegt. Im Idealfall ist es natĂŒrlich das beste Protokoll, alle unten besprochenen Optionen zu verwenden. Wenn die Gesamtheit des Protokolls nicht möglich oder durchfĂŒhrbar ist, was meistens der Fall ist, dann stellt eine Kombination aus H2O2-Vernebelung, hochdosiertem Vitamin C und angemessen dosiertem Ivermectin eine hervorragende Möglichkeit dar, COVID und persistierende Spike-Protein-Syndrome ĂŒber lange ZeitrĂ€ume effektiv zu behandeln.

Ein großer Teil der Logik der Protokolle basiert auf dem, was ĂŒber das Spike-Protein bekannt ist und wie es anscheinend seinen Schaden zufĂŒgt. Die folgenden Aspekte der Pathophysiologie des Spike-Proteins mĂŒssen alle bei der Erstellung eines optimalen Behandlungsprotokolls berĂŒcksichtigt werden:

  • Die laufende Produktion des Spike-Proteins durch die vom Impfstoff gelieferte mRNA in den Zellen, um die Produktion neutralisierender Antikörper zu stimulieren (Khehra et al., 2021)
  • Die Bindung des Spike-Proteins, mit oder ohne angehĂ€ngtem Virion, an eine ACE2-Bindungsstelle an der Zellwand, als erster Schritt zur Auflösung dieses Teils der Zellwand, wodurch das Spike-Protein (und das angehĂ€ngte Viruspartikel, falls vorhanden) in die Zelle gelangen kann
  • Die Bindung des Spike-Proteins an eine ACE2-Bindungsstelle, die aber nur an diese Stelle gebunden bleibt und keinen enzymatischen Abbau der Zellwand initiiert, mit oder ohne angehĂ€ngtem Virion
  • Das Ausmaß, in dem zirkulierendes Spike-Protein im Blut vorhanden ist und sich aktiv im Körper ausbreitet
  • Die Tatsache, dass das Spike-Protein an sich toxisch (pro-oxidativ) ist und in der Lage ist, krankheitsverursachenden oxidativen Stress im ganzen Körper zu erzeugen. Dies wird am direktesten durch anhaltendes und hochdosiertes Vitamin C angegangen.

Therapeutische Wirkstoffe und ihre Mechanismen

Eine betrĂ€chtliche Anzahl von Wirkstoffen hat sich bereits als hochwirksam bei der Beseitigung von COVID-Infektionen erwiesen, und es werden noch mehr entdeckt, da sich die weltweiten ForschungsbemĂŒhungen so intensiv auf die Heilung dieser Infektion konzentriert haben (Levy, 2020). Einige der effektivsten Wirkstoffe und ihre Wirkungsmechanismen sind die folgenden:

1. Vernebelung von Wasserstoffperoxid (H2O2). Richtig angewandt, eliminiert diese Behandlung die akute Anwesenheit von COVID-Erregern und alle anderen chronischen Erregerbesiedlungen, die im Aerodigestivtrakt [obere Luft- und Speisewege] bestehen. Auch ein positiver Heileffekt auf den unteren Verdauungstrakt ist typischerweise zu beobachten, da weniger Krankheitserreger und die mit ihnen verbundenen pro-oxidativen Toxine chronisch verschluckt werden. Es gibt bereits verblĂŒffende anekdotische Belege, die die FĂ€higkeit der H2O2-Vernebelung dokumentieren, selbst fortgeschrittene COVID-Infektionen (20 von 20 FĂ€llen) als Monotherapie zu heilen. (Levy, 2021). Die gesamte begleitende Forschung, die wissenschaftliche Analyse und die praktischen VorschlĂ€ge zu dieser Therapie sind als kostenloser eBook-Download verfĂŒgbar [Rapid Virus Recovery] (Levy, 2021).

2. Vitamin C. Vitamin C wirkt synergistisch mit H2O2 bei der Ausrottung von Krankheitserregern. Es bietet eine starke allgemeine UnterstĂŒtzung des Immunsystems, wĂ€hrend es gleichzeitig die optimale Heilung von geschĂ€digten Zellen und Geweben unterstĂŒtzt. Klinisch gesehen ist es das stĂ€rkste Antitoxin, das jemals in der Literatur beschrieben wurde, und es gibt keine Berichte darĂŒber, dass es bei angemessener Verabreichung keine akute Intoxikation neutralisieren konnte. Die kontinuierliche und hochdosierte Gabe von Vitamin C in allen seinen Formen wird sich als die nĂŒtzlichste Intervention erweisen, wenn eine große Menge an zirkulierendem toxischem Spike-Protein vorhanden ist. Intravenöse, regulĂ€re orale Formen und liposomal eingekapselte orale Formen sind alle sehr nĂŒtzlich, um jede Infektion zu lösen und jedes Toxin zu neutralisieren (Levy, 2002). Es gibt auch eine ErgĂ€nzung auf Polyphenolbasis, die es einigen Menschen zu ermöglichen scheint, ihr eigenes Vitamin C zu synthetisieren, was sich bei COVID-Patienten und ImpfstoffempfĂ€ngern als enorme Schutz- und HeilungsfĂ€higkeit erweisen könnte. (https://formula216.com/).

3. Ivermectin. Dieser Wirkstoff hat starke antiparasitĂ€re und antivirale Eigenschaften. Es gibt Hinweise darauf, dass Ivermectin die ACE2-Rezeptorstelle bindet, an die das Spike-Protein binden muss, um mit dem Eintritt in die Zelle und der Replikation des viralen Proteins fortzufahren (Lehrer und Rheinstein, 2020; Eweas et al., 2021). Außerdem aktiviert die Bindung des Spike-Proteins an den ACE2-Rezeptor unter bestimmten UmstĂ€nden nicht die Enzyme, die fĂŒr den Eintritt in die Zelle benötigt werden. Möglicherweise verdrĂ€ngt Ivermectin bei ausreichender Dosis auch kompetitiv solch gebundenes Spike-Protein aus den ZellwĂ€nden. Es hat auch den Anschein, dass zirkulierendes Spike-Protein direkt von Ivermectin gebunden werden kann, wodurch es inaktiv wird und fĂŒr die metabolische Verarbeitung und Ausscheidung zugĂ€nglich wird (Saha und Raihan, 2021). Dort, wo in Afrika Ivermectin massenhaft gegen Parasitenerkrankungen verabreicht wurde, wurde auch eine deutlich geringere Inzidenz von COVID-19-Infektionen festgestellt (Hellwig und Maia, 2021). Ivermectin ist bei sachgemĂ€ĂŸer Verabreichung auch sehr sicher (Munoz et al., 2018).

4. Hydroxychloroquin (HCQ) und Chloroquin (CQ). Sowohl HCQ als auch CQ haben sich als sehr wirksame Mittel zur Behebung akuter COVID-19-Infektionen erwiesen. Beide haben sich auch als Zink-Ionophore erwiesen, die den intrazellulĂ€ren Zinkspiegel erhöhen können, der dann die fĂŒr die virale Replikation notwendige EnzymaktivitĂ€t hemmen kann. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass sowohl HCQ als auch CQ die Bindung der Spike-Proteine des COVID-Virus an die ACE2-Rezeptoren blockieren, die benötigt werden, um das Eindringen des Virus in die Zellen zu initiieren, was ihre NĂŒtzlichkeit als direktere BeeintrĂ€chtigung der Spike-Protein-AktivitĂ€t unterstĂŒtzt, bevor das Virus ĂŒberhaupt in die Zelle eindringt (Fantini et al., 2020; Sehailia und Chemat, 2020; Wang et al., 2020).

5. Quercetin. Ähnlich wie HCQ und CQ dient auch Quercetin als Zink-Ionophor. Und wie HCQ und CQ scheint Quercetin auch die Bindung der Spike-Proteine des COVID-Virus an die ACE2-Rezeptoren zu blockieren und so den Eintritt des Spike-Proteins in die Zelle zu behindern bzw. den Eintritt des Spike-Proteins allein zu verhindern (Pan et al., 2020; Derosa et al., 2021). Viele andere Phytochemikalien und Bioflavonoide zeigen ebenfalls diese ACE2-BindungsfĂ€higkeit (Pandey et al., 2020; Maiti und Banerjee, 2021).

6. Andere bio-oxidative Therapien. Dazu gehören Ozon, ultraviolette Blutbestrahlung und die hyperbare Sauerstofftherapie (zusĂ€tzlich zu Wasserstoffperoxid und Vitamin C). Diese drei Therapien sind bei Patienten mit akuten COVID-Infektionen hochwirksam. Es ist weniger klar, wie wirksam sie bei einem langwierigen COVID-Syndrom und bei Patienten sind, die an einem andauernden, durch den Impfstoff verursachten Spike-Protein-Syndrom leiden. Das heißt aber nicht, dass sich alle drei nicht genauso gut fĂŒr den Umgang mit dem Spike-Protein eignen wĂŒrden wie mit dem intakten Virus. Es muss nur noch festgestellt werden.

7. Baseline Vital Immune Support Supplementation. Es gibt mit Sicherheit Hunderte, vielleicht Tausende von hochwertigen Vitamin-, Mineral- und NĂ€hrstoffprĂ€paraten, die alle in der Lage sind, einen gewissen Beitrag zum Erreichen und zur Aufrechterhaltung einer optimalen Gesundheit zu leisten und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, sich mit irgendeiner Art von Infektionskrankheit anzustecken. Ein Grundschema fĂŒr die Einnahme von NahrungsergĂ€nzungsmitteln, das die Kosten, die Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit und die Bequemlichkeit berĂŒcksichtigt, sollte Vitamin C, Vitamin D3, Magnesiumchlorid (andere Formen sind gut, aber die Chloridform ist optimal fĂŒr die antivirale Wirkung), Vitamin K2, Zink und ein JodprĂ€parat wie Lugolsche Lösung oder Jodoral enthalten. Eine genauere Anleitung zur Dosierung finden Sie in Anhang A von Hidden Epidemic, das auch als kostenloser eBook-Download verfĂŒgbar ist (Levy, 2017). Spezifische Hinweise zum Anmischen einer Lösung von Magnesiumchlorid zur regelmĂ€ĂŸigen Supplementierung sind ebenfalls verfĂŒgbar (Levy, 2020).

[Weitere Details zu den oben genannten Therapeutika finden Sie in Kapitel 10 von Rapid Virus Recovery.]

Der vorgeschlagene optimale Weg, um mit akuter COVID umzugehen, die sich zu einer Langzeit-COVID entwickelt hat, oder mit Symptomen, die mit den toxischen Effekten des zirkulierenden Spike-Proteins nach der Impfung ĂŒbereinstimmen, ist immer die Beseitigung aller aktiven oder chronischen Bereiche der Erregervermehrung mit H2O2-Vernebelung. Gleichzeitig sollte die Vitamin-C-Supplementierung optimiert werden. 50-Gramm-Infusionen mit Natriumascorbat sollten mindestens mehrmals wöchentlich verabreicht werden, solange eine Symptomatik besteht, die auf langanhaltende COVID und zirkulierendes Spike-Protein zurĂŒckzufĂŒhren ist. AnfĂ€nglich sollte sich eine dreimal tĂ€glich verabreichte 25-Gramm-Infusion von Natriumascorbat als noch wirksamer erweisen, da zirkulierendes Vitamin C schnell ausgeschieden wird. Eine orale Vitamin-C-Supplementierung sollte ebenfalls erfolgen, entweder als mehrere Gramm liposomal verkapseltes Vitamin C tĂ€glich oder als ein Teelöffel Natriumascorbatpulver mehrmals tĂ€glich. Dazu kann auch tĂ€glich eine Kapsel der Formel 216 eingenommen werden.

Mit dem „Fundament“ aus H2O2-Vernebelung und Vitamin-C-Supplementierung wĂ€ren die besten verschreibungspflichtigen Medikamente zur BekĂ€mpfung von Langstrecken-COVID und zirkulierendem Spike-Protein zunĂ€chst Ivermectin und dann HCQ oder HQ, wenn die klinische Reaktion nicht akzeptabel ist. Die Dosierung mĂŒsste vom verschreibenden Arzt festgelegt werden.

Zusammen mit den oben erwĂ€hnten Basistherapeutika zur UnterstĂŒtzung des Immunsystems sollte auch Quercetin in einer Dosierung von 500 bis 1.000 mg tĂ€glich eingenommen werden.

Alle oben genannten Empfehlungen sollten unter Anleitung eines vertrauenswĂŒrdigen Arztes oder eines anderen entsprechend geschulten Gesundheitsexperten durchgefĂŒhrt werden.

Zusammenfassung

Auch wenn die COVID-Pandemie langsam abzuklingen scheint, sind viele Personen jetzt chronisch krank mit COVID auf der Langstrecke und/oder mit den Nebenwirkungen einer COVID-Impfung. Es scheint, dass beide klinischen Situationen in erster Linie durch das anhaltende Vorhandensein des Spike-Proteins und dessen negative Auswirkungen auf verschiedene Gewebe und Organe gekennzeichnet sind.

Die Behandlung zielt darauf ab, die direkte toxische Wirkung des Spike-Proteins zu neutralisieren und gleichzeitig seine FĂ€higkeit zu blockieren, die Rezeptoren zu binden, die benötigt werden, um den Stoffwechsel der Zelle zur Herstellung neuer Viren und/oder weiterer Spike-Proteine zu entfĂŒhren. Gleichzeitig werden Behandlungsmaßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass eine aktive oder schwelende COVID-Infektion, die im Patienten verbleibt, möglichst vollstĂ€ndig eliminiert wird.

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ErnÀhrungsmedizin ist Orthomolekulare Medizin

Die Orthomolekulare Medizin nutzt eine sichere und effektive ErnÀhrungstherapie zur BekÀmpfung von Krankheiten. Mehr Informationen unter: www.orthomolecular.org


Das Internet zerstört unsere Gehirne, doch wir kommen nicht davon los. Es ist eine Fabrik, in der wir arbeiten, ohne dafĂŒr bezahlt zu werden

von P.E. Moskowitz  |  19. Juni 2021 via Business Insider India
The internet is destroying our brains, but we can't quit. It's a factory we're forced to work in without any pay.
  • Laut Studien ist das Internet schlecht fĂŒr unsere geistige Gesundheit, und immer mehr Menschen werden sich dieser SchĂ€den bewusst
  • Internet-Gurus ermutigen uns, soziale Medien aufzugeben, und Tech-Manager schicken ihre Kinder auf Anti-Internet-Schulen
  • Doch wir brauchen eine systemischere Lösung fĂŒr den Einfluss des Internets auf unser Leben; wir mĂŒssen das Internet als eine Fabrik betrachten
  • P.E. Moskowitz ist Autor und betreibt Mental Hellth, einen Newsletter ĂŒber Kapitalismus und Psychologie

In diesem Jahr scheint die Stimmung der Social-Media-Nutzer gegenĂŒber dem Internet an einem Wendepunkt angelangt zu sein. Einst als eine befreiende Technologie angesehen, die eine Ära der KreativitĂ€t und neuer Verbindungen auf der ganzen Welt versprach, haben sich viele – von gelegentlichen Twitter-Nutzern bis hin zu professionellen Content-Erstellern – gegen diese Technologie gewandt.

Sie können den Stimmungsumschwung an unserem Medienoutput ablesen: Da gibt es die beliebte, dystopische Reality-Show „The Circle“ von Netflix, in der die Teilnehmer mit oft gefaketen Internet-IdentitĂ€ten auf zynische Weise um Geld kĂ€mpfen. Einer der populĂ€rsten Dokumentarfilme des Streamingdienstes im letzten Jahr war „The Social Dilemma“, der die Zuschauer mit seinen ErklĂ€rungen zu Facebooks Datenschutz-Fauxpas in seinen Bann zog. Und auch einige der meistbeachteten Romane dieses Jahres handeln von den Schattenseiten des Internets, wie Lauren Oylers „Fake Accounts“ [Interview der Berliner Zeitung mit der Autorin] und Patricia Lockwoods „No One Is Talking About This“.

The Social Dilemma (2020) auf Vimeo anschauen

Aus gutem Grund bewerten wir alle unsere Beziehung zum Internet neu, aber wir haben falsch definiert, was diese Beziehung wirklich ist. Es ist nicht wie eine unglĂŒckliche Beziehung, bei der man einfach Schluss machen kann, und es ist nicht wie Junk Food, bei dem man sich entscheiden kann, einfach weniger zu essen – es ist eine allumfassende Technologie, unser wichtigster Wirtschaftsmotor, das Werkzeug, das wir zu benutzen gezwungen sind, um andere zu treffen und unser gesamtes Leben zu organisieren.

Eine Lösung fĂŒr unsere aktuelle Internet-Nutzungskrise kann nicht auf individueller Ebene erfolgen, ebenso wenig wie es eine Lösung fĂŒr die schlechten Arbeitsbedingungen des Kapitalismus wĂ€re, wenn eine einzelne Person ihren Job kĂŒndigen wĂŒrde. Wenn wir darauf hoffen wollen, dass das Internet weniger stressig, weniger belastend und stattdessen bereichernd wird, dann mĂŒssen sich die Ersteller von Inhalten, die BeschĂ€ftigten in der Gig-Economy und sogar die Gelegenheitsnutzer des Internets fĂŒr eine systemische Lösung einsetzen.

Wir wissen, dass das Internet unsere Gehirne verkommen lÀsst

Eine wachsende Zahl von Erkenntnissen legt nahe, dass das Internet wirklich verheerende Auswirkungen auf uns hat. Eine 2018 durchgefĂŒhrte Studie mit College-Studenten fand heraus, dass die BeschrĂ€nkung der Nutzung sozialer Medien auf 10 Minuten pro Tag die Ängste der Teilnehmer deutlich reduzierte. Eine Studie aus dem Jahr 2019 fand heraus, dass Teenager, die mehr Zeit online verbrachten, eher an psychischen Erkrankungen litten. Andere Studien zeigen, dass sich Social-Media-Nutzer am Ende einsamer, isolierter und weniger selbstbewusst fĂŒhlen.

Es ist mittlerweile eine eigene Branche entstanden, die Kapital aus der Erkenntnis der Menschen schlĂ€gt, dass das Internet schlecht fĂŒr sie ist. Das Internet ist ĂŒbersĂ€t mit Anleitungen, wie man eine Pause von den sozialen Medien einlegt, und es wurden SelbsthilfebĂŒcher geschrieben, die uns ermutigen, den Stecker zu ziehen. Es gibt mehrere populĂ€re TED-Talks von ehemaligen Internet-Ingenieuren und FĂŒhrungskrĂ€ften, die den Menschen erklĂ€ren, dass das Internet schlecht fĂŒr sie ist und sie die sozialen Medien links liegen lassen sollten. Es sind RĂŒckzugsorte fĂŒr Wohlhabende entstanden, die Telefone und Computer verbieten, und, was vielleicht am beunruhigendsten ist, genau die Leute, die diese Technologie entwickeln, schicken ihre Kinder in Schulen, in denen die Technologie verboten ist – ein stillschweigendes EingestĂ€ndnis ihres Potenzials, dem Verstand der Menschen zu schaden.

Wir werden permanent daran erinnert, dass das Internet schlecht fĂŒr uns ist, und doch ist die Nutzung sozialer Medien so hoch wie nie zuvor, im Durchschnitt 145 Minuten pro Person und Tag weltweit. Wir stecken in einem Kreislauf fest, von dem wir wissen, dass irgendetwas daran nicht gut fĂŒr uns ist, wir wollen damit aufhören, und dennoch gelingt es uns anscheinend nicht.

Das Internet als eine Fabrik, in der wir unbezahlt arbeiten

Wir können nicht mit dem Internet aufhören, weil wir das Problem völlig falsch konzeptualisiert haben. Social Media ist keine individuelle Sucht, die auf individueller Ebene angegangen werden kann – es ist ein gesellschaftliches Problem, das einer gesellschaftlichen Lösung bedarf. Wir mĂŒssen das Internet weniger als ein Werkzeug betrachten, von dem wir alle irgendwie nicht lassen können, sondern eher als eine Fabrik, in der wir sein mĂŒssen. Unsere gesamte Gesellschaft hat sich um das Internet herum neu formiert, so wie die Gesellschaft zu Zeiten der industriellen Revolution um die Fabrik herum zentriert war. Wenn es einen Ausfall von Amazon Web Services gibt, funktioniert ein Großteil unserer Gesellschaft nicht mehr. Ohne das Internet könnten wir keine Jobs finden – und derzeit nicht einmal mehr Freunde.

Die „Gig-Economy“ – die oft unterbezahlte und ausbeuterische Arbeit, die von Uber-Fahrern und Instacart-EinkĂ€ufern verrichtet wird – wurde durch das Internet ermöglicht, und mittlerweile ist mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer in den USA in irgendeiner Form an dieser Wirtschaft beteiligt. WĂ€hrend der Pandemie waren BĂŒroangestellte nur durch das Internet in der Lage, ihre geforderten Arbeitsaufgaben zu erfĂŒllen, und College-Studenten gaben ihr gesamtes Schulgeld fĂŒr das Privileg aus, jeden Tag stundenlang auf Zoom zu starren.

Wir alle mĂŒssen hier – online – sein, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber selbst wenn wir nicht hier sein mĂŒssen, versuchen die Unternehmen, dafĂŒr zu sorgen, dass wir trotzdem online sind: Dieselben wissenschaftlichen Erkenntnisse, die seit langem angewendet werden, um die Spieler in Las Vegas an den Spielautomaten festhalten, nutzen auch App- und Spieleentwickler, um uns an unsere Bildschirme zu fesseln.

Wie die Kultur- und Medientheoretikerin McKenzie Wark in ihrem Buch „Capital is Dead: Is This Something Worse?“ [ausfĂŒhrliche Buchvorstellung aus marxistischer Sicht, YouTube, deutsch] schreibt, nutzt das Internet unsere Arbeit, ohne dass wir es wirklich wissen. Anders als in der Broadcast-Ära der Medien, in der die Besitzer von Fernsehsendern und Filmstudios zumindest die Inhalte erstellen mussten, um sie an uns zu verkaufen, erstellen wir jetzt alle Inhalte fĂŒr uns selbst, meist ohne dafĂŒr bezahlt zu werden.

„[Social-Media-Unternehmen wie Facebook] machen sich nicht einmal die MĂŒhe, Unterhaltung zu bieten“, schreibt Wark. „Wir mĂŒssen uns gegenseitig unterhalten, wĂ€hrend sie die Miete kassieren, und sie kassieren sie in jeder Social-Media-Zeit, öffentlich oder privat, bei der Arbeit oder in der Freizeit, und (wenn Sie Ihr FitBit anlassen) sogar, wĂ€hrend Sie schlafen.“

McKenzie Wark stellt fest, dass die Information eine neue Art von herrschender Klasse an die Macht gebracht hat. Durch den Besitz und die Kontrolle von Informationen dominiert diese aufstrebende Klasse nicht nur die Arbeit, sondern auch das Kapital im traditionellen Sinne. WĂ€hrend techno-utopische Apologeten diese Innovationen immer noch als eine Verbesserung des Kapitalismus feiern, verschlechtern sie die die Situation fĂŒr die einfachen Leute – und den Planeten.

Wir produzieren die Memes, Tweets, Posts und Bilder, die uns an das Internet fesseln, und dann wird dieser Inhalt in Form von Werbung monetarisiert – Einnahmen, die die Nutzer mitproduzieren, von denen sie aber in der Regel keinen Pfennig sehen.

Obwohl eine recht ĂŒberschaubare Anzahl von Internetnutzern fĂŒr ihre Arbeit bezahlt wird – z. B. Influencer oder populĂ€re YouTuber – werden die meisten von uns nicht dafĂŒr bezahlt. Das Internet kann man sich als eine Fabrik vorstellen, in der die große Mehrheit der Menschen unbezahlt schuftet. Stattdessen kĂ€mpfen die Nutzer oft miteinander um eine nicht-monetĂ€re Bezahlung in Form von Einfluss – die Anerkennung, dass wir die meisten und besten Inhalte umsonst produzieren können.

„In manchen Bereichen [der Gesellschaft] hat diese affektive WĂ€hrung die Löhne der Industrialisierung ersetzt, vor allem fĂŒr Fachleute, die frĂŒher einen geregelten Lebensunterhalt mit bezahlten Inhalten erwirtschafteten, und die heute ihre Stichwörter [bylines] ĂŒberall verbreiten in der Hoffnung, sich durch die Bekanntheit ihres Namens ein Nischendasein zu sichern“, schreibt der Soziologe Andrew Ross.

Diese kostenlose oder billige Arbeit hat die Einkommensungleichheit massiv vergrĂ¶ĂŸert, so die Meinung einiger Theoretiker. Wir kĂ€mpfen um Follower, Retweets und Likes, und das alles quasi zum Nulltarif, wĂ€hrend die Plattformen, auf denen wir uns bewegen, massiv profitieren. Und nur wenige, große Unternehmen kassieren diese Gewinne; fast 70 % aller digitalen Werbeausgaben gehen entweder an Google, Facebook oder Amazon.

Wie Yasha Levine in seinem Buch „Surveillance Valley“ [FAZ-Rezension] schreibt, war das Internet nie als benutzerfreundlicher Ort gedacht – es wurde vom US-MilitĂ€r entwickelt, um im Krieg Menschen auszuspionieren, und dann auch eingesetzt, um die Amerikaner zu Hause auszuspionieren. Ein Teil der Anfangsfinanzierung von Google stammte aus ZuschĂŒssen von US-Spionageagenturen. Als die Infrastruktur des Internets von der US-Regierung an private Unternehmen verkauft wurde, förderten die Leute, die von dieser Privatisierung profitierten, Zeitschriften, Anzeigen und Lobbyarbeit, um das Internet von einem Überwachungsinstrument zu einem Mittel umzugestalten, das uns kulturell befreien könnte. Wie Levine detailliert ausfĂŒhrt, war Louis Rossetto – der GrĂŒnder des Wired Magazins, dem grĂ¶ĂŸten Megaphon fĂŒr die Evangelisierung des neuen, privatisierten Internets in den 1990er Jahren – ein Fan von Ayn Rand, der glaubte, das Internet wĂŒrde die Notwendigkeit einer Regierung ersetzen.

„Ich war ’67, ’68, ’69 und ’71 an der Columbia, und von diesen vier Jahren am College wurden zwei durch Eruptionen im FrĂŒhjahr ausgelöscht. Es fĂŒhlte sich an, als ob die Welt aus den Fugen geraten wĂŒrde. Und wenn man Augen hatte, konnte man erkennen, dass es Probleme in der Gesellschaft gab, die nicht in Ordnung waren. Aber die Analyse der Linken schien einfach falsch zu sein. Es war wie ein wiederaufgebackener Marxismus und dieser Schwachsinn ĂŒber koloniale MissstĂ€nde und all das war so unauthentisch und ihre Rezepte – was sie wollten, dass es passiert – so falsch! Also fing ich an, nach anderen Sachen zu suchen. Und ich glaube, ich habe Ayn Rand gelesen, und da wurde mir klar, dass da mehr ist als nur der Objektivismus. Es gibt diesen libertĂ€ren Strang und dann merkt man, dass der Libertarismus wirklich tiefgrĂŒndig ist. Er geht zurĂŒck auf Pierre-Joseph Proudhon und darĂŒber hinaus und hat alle möglichen anderen Erscheinungsformen in der amerikanischen Geschichte. Und ich bin einfach immer weiter in das hineingeraten und habe gemerkt, dass das eine gute Art ist, ĂŒber Dinge nachzudenken.“
—Louis Rossetto zitiert in Valley of Genius: The Uncensored History of Silicon Valley, as Told by the Hackers, Founders, and Freaks Who Made It Boom

Heute leben wir in dieser libertÀren Vision des Internets, in der Unternehmen weitgehend unreguliert existieren, unterbesteuert sind und tun können, was sie wollen, ohne sich Sorgen zu machen, dass die Regierung eingreift.

Was können wir also tun?

Doch nun scheinen mehr und mehr Menschen den Hype zu durchschauen. Die Frage ist also, was wie mit dieser neuen, kollektiven Erkenntnis umgehen. Falls das Internet so etwas wie eine Fabrik ist, sollten wir es vielleicht auch wie eine solche behandeln. Die KĂŒnstlerin Laurel Ptak hat 2014 ein Manifest mit dem Titel „Wages for Facebook“ [Artikel in Dissent] verfasst, worin sie fordert, dass Facebook die Nutzer fĂŒr ihre Inhalte bezahlen sollte:

https://digitalmanifesto.s3.amazonaws.com/img/2f8a44fb45e6c0c2d6e6b608f12312d5.png

» Sie sagen, es sei Freundschaft. Wir sagen, es ist unbezahlte Arbeit. Mit jedem Like, Chat, Tag oder Poke macht unsere SubjektivitĂ€t Profit fĂŒr sie. Sie nennen es Sharing. Wir nennen es Diebstahl. «

Auch wenn Ptaks Arbeit ein Kunstwerk ist und keine Strategie zur VerĂ€nderung des Webs, könnte sie ein Ausgangspunkt sein. Vielleicht können wir als Internetnutzer uns zusammenschließen, um nicht lĂ€nger unser Herz und unseren Verstand kostenlos zu verschenken, damit einige wenige davon profitieren können. So wie Gewerkschaftsorganisatoren darauf gedrĂ€ngt haben, andere Industrien weniger ausbeuterisch zu machen, brauchen wir vielleicht eine Bewegung, um das Gleiche mit dem Internet zu tun.

Wie Levine schreibt, versammelten sich 1969 Hunderte von Studenten in Harvard, um gegen die Beteiligung der UniversitĂ€t an der Schaffung des ARPANET zu protestieren, dem VorlĂ€ufer des modernen Internets. Die Studenten sahen darin eine gefĂ€hrliche Technologie, die zur Überwachung der ganzen Welt eingesetzt werden wĂŒrde. Wenn das Schadenspotenzial der Technologie schon zu Beginn des Internets fĂŒr einige offensichtlich war, gibt es keinen Grund, warum es nicht auch fĂŒr uns offensichtlich werden kann. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis genug von uns „genug“ sagen und gegen den totalisierenden Zugriff des Internets auf unsere Arbeit und unser Leben protestieren.

Das nackte Leben und die Impfung

von Giorgio Agamben, als La nuda vita e il vaccino erschienen am 16.4.2021

In meinen bisherigen BeitrĂ€gen habe ich mehrfach die Figur des „nackten Lebens“ herangezogen. Es scheint mir in der Tat so zu sein, dass die Epidemie ohne jeden Zweifel zeigt, dass die Menschheit an nichts mehr glaubt, außer an die nackte Existenz, die als solche um jeden Preis erhalten werden soll. Die christliche Religion mit ihren Werken der Liebe und Barmherzigkeit und mit ihrem Glauben bis hin zum Martyrium, die politische Ideologie mit ihrer bedingungslosen SolidaritĂ€t, selbst der Glaube an Arbeit und Geld scheinen in den Hintergrund zu treten, sobald das nackte Leben bedroht ist, und sei es in Form eines Risikos, dessen statistische GrĂ¶ĂŸenordnung flĂŒchtig und bewusst unbestimmt ist.

Es ist an der Zeit, die Bedeutung und den Ursprung dieses Begriffs zu klĂ€ren. Es ist notwendig, sich daran zu erinnern, dass der Mensch nicht etwas ist, das ein fĂŒr alle Mal definiert werden kann. Vielmehr ist es der Ort einer unaufhörlich aktualisierten historischen Entscheidung, die jedes Mal die Grenze festlegt, die den Menschen vom Tier trennt, das Menschliche im Menschen von dem, was nicht menschlich ist, in ihm und außerhalb von ihm. Als Carl von LinnĂ© nach einem Merkmal suchte, das den Menschen von den Primaten unterschied, musste er zusich eingestehen, dass er keines finden konnte, und stellte neben den Gattungsnamen homo schließlich nur den alten philosophischen Spruch: nosce te ipsum, erkenne dich selbst. Das ist die Bedeutung des Begriffs sapiens, den LinnĂ© in der zehnten Auflage seiner Systema NaturĂŠ hinzufĂŒgen sollte: Der Mensch ist das Tier, das sich selbst als menschlich erkennen muss, um es zu sein, und daher unterscheiden – entscheiden – muss, was menschlich ist und was nicht.

Das Mittel, mit dem diese Entscheidung historisch umgesetzt wird, kann man als anthropologische Maschine bezeichnen. Die Maschine funktioniert, indem sie das tierische Leben vom Menschen ausschließt und durch diesen Ausschluss den Menschen produziert. Aber damit die Maschine funktioniert, ist es notwendig, dass der Ausschluss auch ein Einschluss ist, dass es zwischen den beiden Polen – dem Tier und dem Menschen – ein Gelenk und eine Schwelle gibt, die sie sowohl trennt als auch verbindet. Diese Artikulation ist das nackte Leben, d.h. ein Leben, das weder richtig tierisch noch richtig menschlich ist, sondern in dem jedes Mal die Entscheidung zwischen dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen getroffen wird. Diese Schwelle, die notwendigerweise im Menschen verlĂ€uft und in ihm das biologische Leben vom sozialen Leben trennt, ist eine Abstraktion und eine VirtualitĂ€t, aber eine Abstraktion, die real wird, indem sie sich jedes Mal in konkreten und politisch bestimmten historischen Figuren verkörpert: der Sklave, der Barbar, der homo sacer, den jeder töten kann, ohne ein Verbrechen zu begehen, in der Antike; der enfant-sauvage, der Wolfsmensch und der homo alalus als fehlendes Glied zwischen Affe und Mensch zwischen der AufklĂ€rung und dem 19. Jahrhundert; der BĂŒrger im Ausnahmezustand, der Jude im Lager, der Überkomatöse in der Reanimationskammer und der zur Organentnahme konservierte Körper im 20. Jahrhundert.

Was ist die Figur des nackten Lebens, um die es heute bei der BewĂ€ltigung der Pandemie geht? Es ist nicht so sehr der Kranke, der isoliert und behandelt wird, wie noch nie ein Patient in der Geschichte der Medizin behandelt wurde; es ist vielmehr der Infizierte oder – wie es mit einer widersprĂŒchlichen Formel definiert wird – der asymptomatische Kranke, also etwas, das jeder Mensch quasi ist, auch ohne es zu wissen. Es geht nicht so sehr um die Gesundheit, sondern um ein Leben, das weder gesund noch krank ist, das als solches, weil es potentiell pathogen ist, seiner Freiheiten beraubt und Verboten und Kontrollen aller Art unterworfen werden kann. Alle Menschen sind in diesem Sinne quasi asymptomatisch Erkrankte. Die einzige IdentitĂ€t dieses zwischen Krankheit und Gesundheit schwankenden Lebens ist die des EmpfĂ€ngers des Tupfers und des Impfstoffs, die wie die Taufe einer neuen Religion die umgekehrte Gestalt dessen definieren, was einmal BĂŒrgerschaft genannt wurde. Diese Taufe ist jedoch nicht mehr unauslöschlich, sondern notwendigerweise provisorisch und erneuerbar, denn der Neu-BĂŒrger, der sich mit seinem Zertifikat permanent legitimieren muss, hat nicht mehr unverĂ€ußerliche und unwiderrufliche Rechte, sondern nur noch Pflichten, die unaufhörlich beschlossen und angepasst werden mĂŒssen.

Der zweite Begriff, der austauschbar mit „Postgenderismus“ verwendet wird, ist ein Begriff, der gerade in unserer Gesellschaft sehr gelĂ€ufig ist, und dieser Begriff ist „Transgender“. Die BefĂŒrworter der postgenderistischen Bewegung sehen Transgenderismus als eine Übergangsphase vom binĂ€ren Geschlecht zu etwas Höherem, etwas Besserem als den BeschrĂ€nkungen des biologischen Geschlechts, einem Daseinszustand jenseits von mĂ€nnlich und weiblich, einem Zustand jenseits des Menschlichen. Die Transgender-Bewegung ist ein Einfallstor und ein Sprungbrett zum Transhumanismus. Dies ist aus den Schriften derjenigen ersichtlich, die diese Transgender-Ideologie unterstĂŒtzen, gestalten und verkĂŒnden. Es ist eine Social-Engineering-Kampagne, um die ahnungslosen Massen direkt in die transhumanistische SingularitĂ€t zu fĂŒhren.

Die Revolution des Transhumanismus: als Befreiung getarnte UnterdrĂŒckung

von Libby Emmons

Transhumanismus ist eine Ideologie, die davon ausgeht, dass die Menschen den technologischen Fortschritt nutzen mĂŒssen, um eine aktive, intelligente Rolle in unserer eigenen Evolution und der Evolution unserer Spezies zu ĂŒbernehmen. Wenn wir als Gesellschaft ĂŒber diese Entwicklungen nachdenken, neigen wir dazu, sie in Bezug auf die Verbesserung der menschlichen Rasse als Ganzes zu betrachten. Wir mĂŒssen jedoch beginnen, die tiefgreifenden Auswirkungen auf die SouverĂ€nitĂ€t des Individuums und die ursprĂŒngliche Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, zu bedenken.

Als die transhumanistische Bewegung vor einigen Jahrzehnten begann, hatten ihre Ideen mehr mit spekulativer Science-Fiction als mit der RealitĂ€t gemein. Doch inspiriert von der Darwinschen Theorie hat sich parallel zu den jĂŒngsten technologischen Entwicklungen die Vorstellung einer vom Menschen gesteuerten, intelligenten Evolution durchgesetzt. Die transhumanistische Perspektive besteht darauf, dass der Mensch einen eindeutig voneinander getrennten Geist und Körper hat, und dass das, was mit dem einen geschieht, den anderen nicht beeinflussen muss. So verstanden, entpuppen sich scheinbar nicht zusammenhĂ€ngende Bewegungen in den Bereichen Biotechnologie, Technik und soziale Gerechtigkeit als Teil desselben transhumanistischen Projekts und verfolgen das gleiche Ziel: die Befreiung des Menschen von den BeschrĂ€nkungen des Körpers.

Die Loslösung des Bewusstseins vom Gehirn erfordert ein richtiges VerstĂ€ndnis dessen, was Bewusstsein ist, und die Gewissheit, dass es unabhĂ€ngig vom Geist, aus dem es hervorgeht, funktionieren kann. Philosophen und Wissenschaftler sind sich vorerst einig, dass diese Voraussetzungen außerhalb unserer Reichweite liegen. Doch die Forschung schreitet schnell voran. Experimente zur Wiederbelebung von Gehirnen geschlachteter Schweine werden von Neurowissenschaftlern in Yale durchgefĂŒhrt. Untersuchungen zur Erstellung eines vollstĂ€ndigen Diagramms der Signale und Verbindungen des Gehirns mit dem Ziel, GedĂ€chtnis und persönliche IdentitĂ€t zu kodieren und diese Informationen in ein kĂŒnstliches neuronales Netzwerk zu kopieren, sind im Gange. Mit der Zeit hofft man, dass dies ein Duplikat der Erinnerungen und Erfahrungen eines Individuums ermöglicht, das den Tod seines materiellen Körpers ĂŒberlebt.

Das alles scheint weit hergeholt zu sein – und das sollte es auch. Aber so ist es bei jeder großen menschlichen Innovation am Anfang. Es sollte nicht ĂŒberraschen, dass wir unsere Technologie schließlich auf uns selbst anwenden. So vieles davon ist bereits möglich oder steht kurz davor: die mentale Steuerung kĂŒnstlicher Prothesen, die nicht mit dem Körper verbunden sind, der Empfang von Textnachrichten direkt im Gehirn, Stammzellen- und mitochondriale DNA-Forschung zur LebensverlĂ€ngerung, Organe aus dem 3-D-Drucker, Turing-Test-taugliche Chatbots, Nanoroboter aus gefalteten DNA-StrĂ€ngen, die den Körper minimalinvasiv reparieren sollen, Genom-Editierung und so viele weitere Beispiele.

Eine hirngesteuerte Hand- und Armprothese, die gemeinsam vom
Applied Physics Laboratory und der Federal Drug Administration entwickelt wurde

All diese Technik klingt sehr cool und aufregend, und das ist sie auch. Sie ist phantasievoll, kreativ und leistungsstark, doch wir mĂŒssen uns mit der Tragweite ihrer Auswirkungen auseinandersetzen. Falls Fortschritte der Vergangenheit zum Vergleich herangezogen werden können, dann werden wir bereitwillig einen Teil unserer Autonomie im Namen des Fortschritts opfern. Diejenigen, die ihren neurologischen Verstand kopieren und in ein synthetisches, biotechnisches Nervensystem hochladen wollen, werden sich wohl kaum von der Aussicht abschrecken lassen, einen Teil ihrer bestehenden FĂ€higkeiten aufzugeben. Dem Drang nach Unsterblichkeit folgend, bekommen wir Kinder, entwickeln religiöse Vorstellungen, die ewiges Leben versprechen, und streben nach jener Form von Anerkennung, die unseren Namen noch lange nach unserem Tod am Leben erhĂ€lt. Doch mit jeder Freiheit, die wir durch die Technik gewinnen, opfern wir auch ein StĂŒck Autonomie. Smartphones gewĂ€hren uns Zugang zu einer Welt der Straßenkarten und machen die Selbstorientierung ĂŒberflĂŒssig. Das menschliche GedĂ€chtnis muss nicht mehr viel speichern oder abrufen, da riesige Informationsressourcen nur einen Mausklick entfernt sind. Wir haben bereits freiwillig so viel im Namen des Zugangs und der Bequemlichkeit aufgegeben, dass wir kaum bemerken, wenn wir jedes Mal aufgefordert werden, ein wenig mehr aufzugeben.

Der transhumanistische Vorstoß in Richtung einer Neuinterpretation des Menschen, der Menschheit und unserer gemeinsamen Zukunft ist ein Hauptbestandteil dreier wachsender kultureller Trends: kĂŒnstliche Intelligenz, Steigerung der menschlichen LeistungsfĂ€higkeit und das Transgender-PhĂ€nomen. Die Mittel, die diese transformativen Entwicklungen bewirken, sind rein technisch und versprechen die Befreiung von der Reproduktion, die Befreiung von Krankheit und Sterblichkeit und die Befreiung vom Körper selbst.

Theoretisch soll die kĂŒnstliche Intelligenz (KI) den Speicher fĂŒr ein befreites Bewusstsein bereitstellen. Obwohl wir lĂ€ngst noch nicht komplett begriffen haben, was Bewusstsein ist, wird das nicht die experimentellen Versuche verhindern, es zu isolieren und zu ĂŒbertragen, es zu benutzen, um Körper zu kontrollieren, die nicht unsere eigenen sind, und es mit Biotech oder Hardtech zu erweitern. Sobald diese Ziele erreichbar werden, wird KI das Mittel zur Umsetzung sein. Bei der KI geht es um mehr als die Schaffung von Faksimiles kognitiver Wesen, es geht um die Erweiterung und ErgĂ€nzung der ursprĂŒnglichen menschlichen Form. Das HinzufĂŒgen menschlicher Elemente zur Technik und der Technik zum Menschen ist Teil desselben Projekts. Man hofft, dass die KI Wege schafft, um den Verstand mit der Cloud zu verbinden, um einem KI-augmentierten Gehirn sofortigen Zugang zu riesigen InformationsbestĂ€nden zu geben. Umgekehrt wird dadurch auch der Verstand fĂŒr andere zugĂ€nglich, was die Erfahrung mentaler Telepathie und das Entstehen eines kollektiven Bewusstseins ermöglicht.

Die KI macht bereits jetzt rasante Fortschritte in der menschlichen Gesellschaft. Einsame Ă€ltere Menschen lieben robotische Haustiere und nutzen sie als EmpfĂ€nger von Liebe und Zuneigung, die kein menschlicher Begleiter regelmĂ€ĂŸig zu erhalten wĂŒnscht, und das ohne jede praktische Verantwortung. Die Nachfrage nach Sex-Robotern wĂ€chst bestĂ€ndig, da Menschen, denen es an IntimitĂ€t mangelt oder die obskuren Fetischen nachgehen wollen, danach verlangen, dass ihre BedĂŒrfnisse befriedigt werden. Kybernetische PflegekrĂ€fte können helfen, den Mangel an Krankenschwestern zu beheben. KI-gestĂŒtzte Waffen können in gefĂ€hrliches Terrain vorstoßen, und so weiter.

Die Steigerung der menschlichen LeistungsfĂ€higkeit, auch bekannt als „Biohacking“, hat sich aus einer Kombination der Ästhetik von Körpermodifikationen und neuen biomedizinischen Entwicklungen entwickelt. Auf den ersten Blick Ă€hnelt Biohacking einer gegenkulturellen Modeerscheinung, die aus Trends wie TĂ€towieren, Piercing oder Zungenspalten entstanden ist. Aber die Implikationen sind mehr als nur oberflĂ€chlich, da Biohacker versuchen, ihren Körper proaktiv mit Technologie zu erweitern.

„Skinput“-System, mit dem die Haut wie ein Touchscreen genutzt werden kann
(Chris Harrison, Scott Saponas, Desney Tan, Dan Morris – Microsoft Research)

Radio-Frequenz-Identifikations-Chips (RFID) können jetzt subdermal implantiert und zur Identifikation, fĂŒr elektronische Zahlungen, zum Öffnen von SicherheitstĂŒren oder zum Auslesen von Informationen wie z. B. Krankenakten verwendet werden. Auf diese Weise wird der Körper zum SchlĂŒssel, zur Debitkarte und zum BehĂ€lter fĂŒr Informationen, die der Verstand nicht behalten kann. Magnetische Implantate geben dem TrĂ€ger die zusĂ€tzliche sensorische Wahrnehmung von Magnetfeldern oder die FĂ€higkeit, Partytricks wie das Anziehen von BĂŒroklammern und Flaschendeckeln an eine Fingerspitze durchzufĂŒhren. Die Gemeinschaft der „Grinder“, wie sie sich selbst nennen, bevorzugt Selbstexperimente und das Ausprobieren neuer Körperhacks an willigen Teilnehmern, so wie Jonas Salk seinen weltverĂ€ndernden Polio-Impfstoff zuerst an sich selbst getestet hat.

Die Möglichkeiten in diesem Forschungs- und Anwendungsbereich sind grenzenlos: der Ersatz gesunder Gliedmaßen durch besser funktionierende Prothesen oder von Organen durch kĂŒnstlich gezĂŒchtete Herzen, Lungen, Lebern anstelle von Kadaverteilen. Im Gegensatz zu den fleischlichen Gliedmaßen und Organen, mit denen wir geboren werden, werden diese Prothesen und Ersatzteile an eine drahtlose Überwachung angeschlossen werden können, so dass ihre Wirksamkeit ĂŒberprĂŒft und gesteuert werden kann. Wenn diese GerĂ€te miteinander verbunden werden, wird der menschliche Körper Teil des „Internets der Dinge“. Genauso wie kĂŒnstlich intelligente Wesen miteinander vernetzt sein werden, werden auch menschliche Körper mit anderen Menschen und Maschinen vernetzt sein.

WĂ€hrend DIY-Bodyhacker ihre Fleischmaschinen austĂŒfteln, treiben Technologien wie CRISPR-Gen-Editing-Software und kĂŒnstliche GebĂ€rmĂŒtter die gezielte Biomechanisierung des menschlichen Körpers voran. In einem Labor werden Menschen auf genetischer Ebene editiert – von der Isolierung mitochondrialer DNA zum Zwecke der LebensverlĂ€ngerung bis hin zur Ausmerzung genetischer Missbildungen, Krankheiten und der ErfĂŒllung elterlicher PrĂ€ferenzen – und in einem anderen werden Menschen kĂŒnstlich gezeugt.

Beide Konzepte sprechen von einer dramatischen VerĂ€nderung unserer Beziehung zu unserem Körper und unseren Kindern. Die Befreiung des Körpers von der Fortpflanzung befreit die Menschheit von unserer eigenen körperlichen FortfĂŒhrung. Auf den ersten Blick mögen die BefĂŒrworter der Fortpflanzung dies als Fortschritt anpreisen, doch die Trennung der Fortpflanzung von unserer Körperlichkeit befreit uns nicht nur vom Körper, sondern sie unterwirft uns zugleich der Tyrannei des Geistes. Den Körper aus der Fortpflanzung herauszulösen, bedeutet in erster Linie, die Frauen aus dem Prozess der Erschaffung menschlicher Wesen zu eliminieren. Die Befreiung von der Reproduktion ist die Befreiung vom Geschlecht, sowohl im Akt als auch in der Biologie. An diesem Punkt gerĂ€t das Geschlecht wirklich zur Mode und entbehrt jeglicher Grundlage in der menschlichen Entstehungsgeschichte.

Aktivistn bei einer Kundgebung fĂŒr Transgender-Rechte 2013 in Washington DC

Transgender-Aktivisten werden entgegenhalten, dass wir mehr Geist als Körper sind, und eben dies macht die Transgender-Ideologie zu einem wesentlichen Bestandteil des Strebens nach transhumanistischer Akzeptanz – ob Transgender-BefĂŒrworter diese Verbindung nun erkennen oder nicht (eine Twitter-Suche zeigt, dass viele dies tun). Das stĂ€ndige Bestreben, die Sprache zu Ă€ndern und „mĂ€nnlich“ und „weiblich“ neu zu definieren, so dass sie sich auf etwas anderes als Geschlechtsdimorphismus beziehen, zielt darauf ab, einen kartesianischen Geist-Körper-Dualismus zu etablieren, in dem der Geist den Körper in einem solchen Ausmaß dominieren kann, dass die persönliche SubjektivitĂ€t der biologischen RealitĂ€t entscheidend widersprechen kann. Die Transgender-Praxis ist der ultimative Biohack. Die Behauptung, dass man in den „falschen“ Körper hineingeboren wurde, bedeutet eine totale Ablehnung der Geist-Körper-Einheit und impliziert, dass Geist und Körper so ungleich sein können, dass der Körper grĂŒndlich verĂ€ndert werden muss, um dem zu entsprechen, wie er der Wahrnehmung des Geistes nach sein sollte.

Entgegen der landlĂ€ufigen Meinung und einem Großteil der eigenen Rhetorik der Transgender-Bewegung geht es bei Transgender-Aktivismus nicht um MitgefĂŒhl und WĂŒrde. Obwohl die Transgender-Bewegung in der Sprache der UnterdrĂŒckung und der IdentitĂ€t daherkommt, ist die Vorstellung, dass sie lediglich die neueste Facette eines andauernden BĂŒrgerrechtskampfes ist, ein MissverstĂ€ndnis. Im gegenwĂ€rtigen kulturellen Klima ist die Infragestellung des Konzepts des Transgenderismus gleichbedeutend mit der Infragestellung des Existenzrechts von Trans-Personen. Es ist eine Ă€ußerst effektive Strategie, welche die Skeptiker davon abhĂ€lt, sich mit dieser Ideologie auseinanderzusetzen, weil sie dafĂŒr als bigott abgestempelt werden. Aber die Implikationen des Transgenderismus sind so ernst und weitreichend, dass Fragen gestellt werden mĂŒssen. Es geht nicht einfach um die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit alternativen Ansichten oder Lebensstilen, sondern um ganz fundamentale Aspekte dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Es ist keine Anomalie, dass die Bewegung in der Debatte um Pronomen ihren kulturellen Höhepunkt erreicht. Der erste Schritt, um zu Ă€ndern, wie wir ĂŒber unsere Körper denken und was es bedeutet, ein Mensch zu sein, besteht darin, zu Ă€ndern, wie wir ĂŒber diese Dinge sprechen. Transgender-Sprachcodes verlangen, dass wir die biologische Grundlage unserer Körper aufgeben und sie stattdessen als Konstrukte willkĂŒrlicher (und irgendwie ungerechter) gesellschaftlicher Erwartungen betrachten. Wir sollen nicht ĂŒber „Mutter“ und „Vater“ als reproduktive Begriffe nachdenken, sondern als kulturell spezifizierte Beziehungen. Dieser aggressive Versuch, den Sprachgebrauch zu verĂ€ndern und zu kontrollieren und Begriffe wie „mĂ€nnlich“ und „weiblich“ neu zu definieren, um die fĂŒr alle SĂ€ugetiere charakteristische sexuelle Differenz zu leugnen, soll den Geist vom Körper und den Menschen von der evolutionĂ€ren und reproduktiven Logik abkoppeln. Stattdessen soll eine Ideologie der Emotionen die Herrschaft ĂŒber die biologische RealitĂ€t erhalten.

Mit der weit verbreiteten Akzeptanz der Steigerung von menschlicher LeistungsfĂ€higkeit durch Bio-Hacking, Biotechnologie, KI und Transgenderismus entziehen wir dem menschlichen Körper die HandlungsfĂ€higkeit und ĂŒberlassen sie ganz dem Geist. Aber unsere Menschlichkeit liegt nicht in unserem Bewusstsein, sondern in den biologischen Körpern, aus denen dieses Bewusstsein hervorgeht. Es sind unsere Körper, die Schmerzen und spektakulĂ€re Empfindungen erleiden und die unseren Verstand mit Daten ĂŒber die Außenwelt und unsere Beziehung zu ihr fĂŒttern. In seinen verschiedenen Formen ist der Transhumanismus ein Versuch, einen illusionĂ€ren Geist-Körper-Dualismus zu verdinglichen, der Konsequenzen weit ĂŒber das hinaus haben wird, was wir uns derzeit vorstellen können. Dies ist eine Idee, die ohne eine AnhĂ€ngerschaft auf dem Vormarsch ist. Solange die Transhumanisten die einzigen sind, die sich auf das Thema konzentrieren, können sie enorme VerĂ€nderungen bewirken, auch wenn es keine große Basis von UnterstĂŒtzern gibt, weil die ethischen Diskussionen hinter den großen Fortschritten in der Technik und der IdentitĂ€tspolitik zurĂŒckbleiben.

Doch Anliegen, die wir als am Rande der Kultur oder als esoterisch und nur vage relevant fĂŒr eine ferne Zukunft wahrnehmen, sind in Wirklichkeit Teil einer gigantischen, ideologisch motivierten Neudefinition der Menschheit. Wenn wir uns nicht mit diesen Debatten und ihren Implikationen beschĂ€ftigen, werden wir eines Tages aufwachen und feststellen, dass uns die Entwicklungen ĂŒberholt haben, dass es zu spĂ€t ist und dass unser Körper keine Bedeutung mehr hat. Was wir dabei vergessen, ist, dass der Verstand der Menschlichkeit des Körpers zu dienen hat – dem Leiden, der Freude, dem VergnĂŒgen, dem Schmerz, dem Kitzeln, dem Jucken und sogar dem Tod. Ohne diese Unterwerfung ist der Verstand nichts als ein Ego, ohne jegliche Kontrolle seiner Macht oder seines Einflusses. Ein Geist ohne Körper zu sein, bedeutet, keine Beziehung zur physischen Welt und keinen Anteil an ihr zu haben. Wenn wir uns selbst und andere als körperlose Geister wahrnehmen, die Fleischmaschinen steuern – Körper aus bloßer Materie, die keine Bedeutung haben –, welchen Schrecken werden wir dann den Körpern anderer zuzufĂŒgen imstande sein? Wenn wir unsere Menschlichkeit aufgeben, vergessen wir, was es bedeutet, Schmerz zuzufĂŒgen und zu leiden.

Die freie Wahl, der entscheidende Faktor, liegt allein bei jedem Einzelnen. Zumindest in einem Punkt haben die Transhumanisten recht: Die Verantwortung fĂŒr die Menschlichkeit liegt nicht beim Staat, auch nicht bei einer NGO, sondern bei jedem von uns. Indem wir dem Geist die vollstĂ€ndige Macht und AutoritĂ€t ĂŒber das Fleisch zusprechen, befreien wir uns nicht selbst, sondern unterwerfen uns der UnterdrĂŒckung durch ein Bewusstsein, das wir noch nicht richtig verstehen. Das Risiko besteht darin, dass wir erst spĂ€t erkennen, dass der Transhumanismus bloß als Befreiung getarnte UnterdrĂŒckung ist.

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Im Original erschienen am 11. Juli 2018 auf Quillette

Libby Emmons lebt als Autorin und Theatermacherin in New York. Sie ist MitbegrĂŒnderin der Sticky-Serie und des neu gegrĂŒndeten Puss Collective und bloggt unter li88yinc.com. Sie können ihr auf Twitter folgen @li88yinc