Das Zeitalter der Dystopien

Von Andrea Zhok | Originaltitel: L’era delle distopie | Quelle

1) Kollisionskurse

In der heutigen Zeit erleben wir eine verschärfte Neuauflage des Systems der Widersprüche, welches für die kapitalistische Ordnung von Beginn an kennzeichnend war. Das mit der kapitalistischen Produktionsweise verbundene strukturelle Problem ist ihr „beständig zunehmender exponentieller“ Charakter, d.h. die ihr innewohnende Tendenz, Prozesse der „positiven Rückkopplung“, des „Zinseszinses“ und des unbegrenzten Wachstums zu fördern.

Anders ausgedrückt: Der Mechanismus des durch seine eigene Vermehrung funktionierenden Kapitals neigt dazu, alle Produktionsfaktoren ständig in die gleiche Richtung zu treiben, wodurch ein systembedingtes Ungleichgewicht entsteht. Das System treibt also das unbegrenzte Wachstum der Produktion, das unbegrenzte Wachstum der Kapitalakkumulation auf die Spitze, das unbegrenzte Wachstum der Ausbeutung der Menschen, das unbegrenzte Wachstum der Ausbeutung der Natur.

Das haben Marxisten früher unter „Widersprüche des Kapitalismus“ verstanden. Jede dieser Tendenzen gerät systembedingt in Konflikt mit den sozial, menschlich und ökologisch ausgewogenen Ordnungen: die Kluft zwischen oben und unten in der sozialen Pyramide wird immer breiter, Verbrauch und Verschwendung von Ressourcen steigen an, die Verflüssigung von kollektiven Organisationsformen (Familien, Gemeinschaften, Staaten usw.) und persönlichen Identitäten nimmt zu. Während man sich die Welt und das Leben nach dem organischen Modell von Systemen mit negativer Rückkopplung vorstellen kann, in denen Störungen des Gleichgewichts wiederhergestellt und korrigiert werden, funktioniert der Kapitalismus als unbegrenzte und unkontrollierte Ausbreitung, buchstäblich als ontologisches Krebsgeschwür.

Da Marx als erster die Natur des Problems erfasst hat, verbindet man diese Erkenntnis historisch bedingt mit der Suche nach Lösungen „antikapitalistischer“, sozialistischer, kommunistischer oder ähnlicher Art. Daher wird häufig davon ausgegangen, dass „die Menschen“ bei diesen Analysen an erster Stelle stehen sollten. Diese Sichtweise übersieht eine tatsächliche Realität: Diejenigen, die die Marxschen und postmarxistischen Analysen am ernstesten nehmen, sind seit langem die Mächtigen innerhalb des Systems, die sich am intensivsten damit befassen, was ihre Position untergraben könnte: Es sind die Kapitalisten, die „Herren des Dampfes“, die sich heute am intensivsten mit den Problemen des Kapitalismus befassen.

2) Die „Dampfmacher“

Wenn wir allgemein von „Kapitalisten“, „Oligarchien“, „Eliten“ usw. sprechen, erweckt das unweigerlich den Verdacht einer übermäßigen Vagheit der Begriffe. Wer ist gemeint? Man würde gerne das Subjekt der Macht benennen können, so wie man es in der vormodernen Welt tun konnte, indem man den König, den Papst, den Kaiser, diesen Feudalherrn, jenen Höfling usw. benannte. Heute jedoch ist die Nennung von Namen eine Verfälschung der Realität. So wichtig die Menschen auch sind, das System hat eine enorme Fähigkeit, seine Mitglieder auf jeder Ebene zu ersetzen, auch an der Spitze. Zu wissen, wer der CEO von BlackRock oder Vanguard ist, bringt uns nicht näher an das Verständnis, wer die Macht ausübt, denn es geht nicht darum, wie bestimmte Personen ihre Funktionen ausüben.

Im Original verwendet Andrea Zhok die Redewendung i padroni del vapore die Herren,
Meister oder Eigentümer des Dampfes. Hier wird der Begriff mit „Dampfmacher“ übersetzt.

Ein weiterer Fehler, in den wir nicht verfallen dürfen, ist die – von der Ideologie der Macht selbst genährte – Annahme, dass die Existenz einer Vielzahl von „Dampfmachern“ und nicht eines einzigen „Herrschers“ irgendwie eine Diversifizierung der Interessen und Projekte und damit eine gewisse „Demokratisierung“ des Systems garantiert (z.B.: „die Existenz verschiedener Kapitalisten impliziert verschiedene Herren der Zeitungen und damit eine Pluralität der Informationen“). Das ist eine große Naivität. An dem Tag, an dem der CEO von BlackRock den zapatistischen Geist und die Sehnsucht, die Befreiung von Chiapas zu unterstützen, wiederentdeckt, würde er aufhören, CEO zu sein und ersetzt werden (mit Abfindung, natürlich). Die Grundlagen lassen sich nicht ändern, und sie haben nur ein einziges Ziel: die Aufrechterhaltung der Macht derjenigen, die sie besitzen. Man sollte sich auch nicht auf eine bestimmte „kapitalistische“ Orthodoxie fixieren. Die Finanzoligarchien sind nicht „kapitalistisch“ aus ideeller Liebe zum Kapitalismus: Er ist kein Religionsersatz. Das ist einfach nur die äußere Form, in der sie ihre Macht ausüben. Wenn der Verzicht auf diesen oder jenen ideologischen Aspekt den Erhalt und die Konsolidierung der Macht begünstigt, steht dem nichts im Wege.

Aber wer sind diese „Dampfmacher“ eigentlich? So etwas wie die heutige Konzentration von Macht ist in der Geschichte ohne Beispiel: ein paar hundert Menschen halten die Zügel der größten (angloamerikanischen) Finanzkonzerne der Welt und dessen, was Eisenhower den amerikanischen „militärisch-industriellen Komplex“ nannte. Diese Gruppen verfügen über alle grundlegenden Hebel der Macht, sind in der Lage, die politischen Entscheidungen in ihren Heimatländern (in erster Linie die USA) zu steuern und wirken kaskadenartig auf alle Staaten ein, die ihnen untergeordnet sind oder bei denen sie verschuldet sind. Es gibt keine solchen Gegenmächte außerhalb der westlichen Welt, denn sie entziehen sich dem Einfluss der ersteren, da die Macht anderswo, selbst die unflexibelste, in jedem Fall von politisch motivierten Instanzen beherrscht wird ( in erster Linie Nationalismus).

Diese westlichen Spitzeneliten werden durch die Motivation der Erhaltung einer wirtschaftlich basierten Macht zusammengehalten und verfügen über Koordinationskapazitäten, die jeder anderen Interessengruppe immens überlegen sind: Sie haben institutionelle und nicht-institutionelle Treffpunkte und Modalitäten, sie verfügen über Ressourcen, die eine Vielzahl von Absprachen und Kommunikationen auf verschiedenen, inoffiziellen oder klandestinen Wegen ermöglichen.

Wer erwartet, eine Liste der Herrscher und Thronfolger zu erhalten, um einen Angriff auf den „Winterpalast“ zu planen, und in Ermangelung einer solchen Liste das Problem lieber als Vermutung oder Verschwörungstheorie abtut, ist leider ein unwissender Komplize der Macht.

Nur selten streben Angehörige der Spitzeneliten nach öffentlicher Prominenz, und die wenigen, die dies tun, sind Opfer ihrer eigenen Ideologien und haben sich selbst davon überzeugt, dass sie „paternalistische Erlösungsmaßnahmen“ durchführen (die üblichen Namen, die kursieren, sind Schwab, Soros, Gates usw.). Die intelligentesten unter ihnen wissen sehr genau, dass ihre Macht nicht durch einen öffentlichen Konsens entsteht und dass ihr öffentliches Auftreten sie nicht stärkt, sondern sie entlarven und schwächen würde.

Es ergibt sich also folgendes Bild: Eine kleine Gruppe von Individuen, die im zeitgenössischen Kapitalismus eine herausragende Stellung eingenommen hat, verfügt über eine nie dagewesene Machtkonzentration und bewegt und koordiniert sich (unter Berücksichtigung persönlicher Besonderheiten) mit dem Ziel, diese Macht zu erhalten und zu festigen. Zugleich ist sich diese exklusive Spitzengruppe der krisenhaften Tendenzen des Systems, an dessen Spitze sie steht, vollkommen bewusst. Wir müssen aufhören, uns den Kapitalisten als Lebemann vorzustellen, der sich Sexgespielinnen, Yachten und edle Weine gönnt. In diesem hedonistischen Horizont bewegen sich typischerweise Menschen aus der Mittelschicht und Neureiche. Das konsolidierte Kapital („altes Geld“) schmiedet andere Menschentypen, die entweder über eine angemessene Ausbildung verfügen, um die Probleme des Systems zu verstehen, oder daran gewöhnt sind, Think Tanks zu bezahlen, die diese Arbeit für sie erledigen.

3) Die Perspektiven der Spitzeneliten

Wir müssen daher die Annahme ins Zentrum rücken, dass die Konfliktlinien innerhalb des Systems des Kapitals den „Dampfmachern“ sehr wohl bekannt sind. Es sind nur ihre liberalistischen Laufburschen, die mit ihrem „perfekten Markt“, dem „langfristig erzielten allgemeinen Gleichgewicht“ und anderen Verlockungen weiterhin Nebelkerzen werfen. Diese üppig finanzierten intellektuellen Hilfskräfte besetzen oft prestigeträchtige akademische Posten, und ihre Funktion besteht darin, einen dichten ideologischen Nebel zu erzeugen, der hundert Jahre alt ist, um die Energien der Kritiker zu zerstreuen. Es handelt sich um einen Verteidigungskampf von Infanteristen in vorderster Linie, die versuchen, ihre Gegner von der eigentlichen Front fernzuhalten. Die meisten sind zu dumm, um zu begreifen, dass sie lediglich als Scheinziele fungieren.

Dass der beschleunigte Ersatz von Arbeitern durch Maschinen zu einem strukturellen Ungleichgewicht im Produktionssystem führt, mit einem Überschuss an potenziellem Produkt gegenüber dem Verbrauch und einem Überschuss an ohnmächtiger Nachfrage (Konsumenten ohne Kaufkraft) gegenüber einem überbordenden Angebot, ist völlig klar und offensichtlich.

Dass dies zur Existenz einer riesigen überflüssigen Bevölkerung führt – und es wäre übertrieben, sie als „Reservearmee des Kapitals“ zu betrachten –, zu einer Vielzahl von Mäulern, die es zu füttern gilt, und zu unzufriedenen Menschen mit Aufregungspotenzial, das ist ebenfalls einleuchtend.

Dass ein System des grenzenlosen Wachstums am Ende das gesamte System in dem wir leben – das ökologische wie das gesellschaftliche– untergräbt, ist ebenso klar.

Die vorrangigen Bruchlinien, auf die die Eliten achten, sind daher: 1) soziale Verwerfungen (Gefahr von Revolten); 2) ökologische Verwerfungen (Gefahr der Destabilisierung des ökologischen Gleichgewichts); 3) finanzielle Verwerfungen (endgültiger Zusammenbruch der Wachstumserwartungen und damit der Annahmen des Systems).

Der Irrtum der Erben der ersten Linie der kritischen Analyse, nämlich des Marxismus, besteht darin anzunehmen, dass das Erkennen dieser Tendenzen an sich ein Eintreten für eine Perspektive der „Überwindung des Kapitalismus“ impliziert, mit der Suche nach sozialen Formen, in denen Entmenschlichung und Entfremdung vermieden werden, und die ein Gleichgewicht des Systems wiederherstellen („jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“).

Dies zeugt von großer Blauäugigkeit. Die Spitzeneliten des heutigen Systems wissen um die Widersprüche des Systems, aber das bedeutet keineswegs, dass sie es aufgeben wollen. Das ist nicht verwunderlich, denn kein Machtblock in der Geschichte hat jemals spontan die Macht abgegeben. Es geht hier darum, gut zu verstehen, welche Perspektiven diese Macht eröffnet, denn dies kann uns das Spektrum der abgründigen Risiken in der heutigen Zeit aufzeigen (jene Risiken, die oft in Form von „Verschwörungstheorien“ verwirrt ausgedrückt und daher diskreditiert werden).

3.1) Sich Zeit lassen mit Marktlösungen

Die erste Perspektive ist die am wenigsten radikale und die schwächste, aber sie ist auch diejenige, die offen und ohne Bedenken geäußert werden kann. Es geht darum, die Idee zu vermitteln, dass es für jedes Problem potenziell eine Antwort gibt, die durch technologische Entwicklungen auf dem Markt gegeben werden kann. Diese Idee wird den Medien-Schwätzern als eine realistische Option suggeriert, während sie tatsächlich bloß dazu dient, gewisse Entwicklungen zu verlangsamen, wodurch eine weitere Kapitalakkumulation ermöglicht wird. So wird in den Token-Medien immer wieder die rettende Aussicht auf Elektroautos, Atomkraft, Euro 7 usw. als Antwort auf ein einziges, sorgfältig ausgewähltes Umweltproblem (die globale Erwärmung?) propagiert. Diese selektive Fokussierung erweckt den Eindruck, dass es stets um die Lösung eines übergeordneten Problems geht, was die Suche nach technischen Lösungen plausibel erscheinen lässt. Auf diese Weise lässt sich in diesen Sektoren Zeit gewinnen, die öffentliche Aufmerksamkeit durch das Wecken von Hoffnungen ablenken und die öffentliche Politik gewinnbringend steuern.

Natürlich tragen diese sektoralen Aktivitäten, die alle das strukturelle Streben nach immerwährender Innovation und immerwährendem Produktionswachstum gemein haben, bloß noch mehr zum Prozess der systemischen Destabilisierung bei. Im besten Fall können technologische Ad-hoc-Lösungen ein Problem vorübergehend lösen, während gleichzeitig zehn weitere in Form von systemischen Externalitäten entstehen.

3.2) Krieg als Welthygiene

Die zweite Perspektive ist ein klassischer, radikalerer Lösungsansatz, der es ermöglicht, den Schaden entlang mehrerer Verwerfungslinien vorübergehend einzudämmen. Wenn ein Krieg angezettelt werden kann, ist er, zumindest für die betroffenen Länder, eine wirksame Lösung, da er gleichzeitig: die Bevölkerung im Zaum hält und soziale Proteste blockiert; einen Raum des rasenden Konsums (und damit der Kapitalrente) schafft, ohne der Bevölkerung Kaufkraft zu verleihen; andere soziale Prozesse verlangsamt, den menschlichen „ökologischen Fußabdruck“ verringert und im besten Fall auch die Bevölkerung reduziert. Diese Lösung funktioniert im Idealfall umso besser, je mehr Länder beteiligt sind. Wenn ein Konflikt militärisch begrenzt ist, wird er keine Auswirkungen auf die Bevölkerungszahlen haben, aber er wird dennoch in anderer Hinsicht wirksam sein (Reglementierung und soziale Disziplinierung + wirtschaftliche Auszehrung in einem postmodernen „Potlatch“, bei dem riesige Ressourcen verbrannt werden, um die Konsummaschinerie in Gang zu setzen).

Ein dauerhafter Weltkrieg von niedriger Intensität wäre in der Tat eine perfekte Lösung: Er würde es idealerweise ermöglichen: 1) jeden Widerstand oder jede soziale Revolte im Namen der heiligen Opposition gegen den äußeren Feind zu brechen; 2) die Energien in einer unendlichen Produktion zu konzentrieren, die auf einen unendlichen Konsum abzielt, der jede Marktsättigung ignoriert; 3) die Bevölkerung schrittweise zu reduzieren.

Diese Perspektive ist jedoch höchst instabil und selbst für die Spitzeneliten, so mächtig sie auch sein mögen, nicht leicht zu kontrollieren. Es ist relativ einfach, eine Reihe von Konflikten in ohnehin konfliktbeladenen und politisch schwachen Gebieten zu provozieren, aber ein Zustand dauerhafter weltweiter Kriege mit niedriger Intensität lässt sich nicht so ohne weiteres orchestrieren und birgt die ständige Gefahr, entweder im Sande zu verlaufen oder eine nukleare Eskalation auszulösen, in die am Ende sogar die Spitzeneliten in gewissem Maße verwickelt würden.

3.3) Kontrollgesellschaft

Die dritte Perspektive ist seit langem offenkundig und dreht sich um die Umwandlung des liberalen ideologischen Modells in ein autoritäres Modell, ohne dass sich sein Erscheinungsbild um ein Jota ändert. Die heutige westliche (aber nicht nur die westliche) Gesellschaft ist stärker reguliert, mit Gesetzen belegt und überwacht als jede andere Gesellschaft in der Geschichte. Es gibt nicht nur mehr und detailliertere Gesetze als in der Vergangenheit zu Verhaltensweisen, die in der vormodernen Welt nicht Gegenstand der Gesetzgebung waren, sondern die gesteigerten technologischen Möglichkeiten ermöglichen auch ein noch nie dagewesenes Maß an Umsetzung und Kontrolle dieser Normen.

Da jede Macht einen intrinsischen Anreiz hat, ihre Fähigkeit zur Kontrolle zu erhöhen, geschieht dies in der liberalen Welt auf paradoxe Weise auf der Grundlage des Anspruchs, sich für die „Förderung der Freiheit“ einzusetzen. Um eine Ideologie der Freiheit in eine Ideologie der Kontrolle umzuwandeln, nutzt der Neoliberalismus systematisch die Idee der „Viktimisierung“ oder „Verletzlichkeit“ einer Gruppe. Sobald eine bestimmte Gruppe als potenziell beleidigt oder als in ihren natürlichen Rechten oder Menschenrechten verletzt identifiziert worden ist, können Zwangsmaßnahmen im Namen dieser „Opfer“ ergriffen werden, etwa um ihre potenzielle Viktimisierung zu verhindern. Dieser Mechanismus funktioniert sowohl innerhalb einer Gesellschaft als auch international. Man kann zwangsweise in die Meinungsfreiheit unter dem Vorwand des „Schutzes der Empfindlichkeiten“ dieser oder jener Gruppe eingreifen, man kann mit Zwangsmedikalisierung (oder Impfpässen) eingreifen, um „die Schwachen zu schützen“, genauso wie man als „internationale Polizei“ eingreifen kann, um „die Menschenrechte“ in dieser oder jener Region der Welt zu verteidigen. Die gleiche Logik erlaubt die Verbreitung von Überwachungskameras an jedem öffentlich zugänglichen Ort oder die Verletzung jeder privaten Kommunikation im Namen des „Sicherheitsschutzes“ usw.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass die heute verfügbaren Kontrolltechnologien außerordentlich ausgeklügelt sind und dass die Möglichkeiten der Überwachung (und der Sanktionierung) nahezu grenzenlos sind, sobald der Damm der gesetzlichen Rechtfertigung gebrochen ist.

Das Interesse der Spitzeneliten an einem umfassenden System der Überwachung, der Steuerung und der Sanktionierung liegt auf der Hand. Es wird stets als „Verteidigung der Schwachen“ dargestellt werden, während es in Wirklichkeit ein Ansatz ist, der den Schwachen und Machtlosen jede Möglichkeit nimmt, zu einer Bedrohung für diejenigen zu werden, die an der Macht sind.

3.4) Entvölkerung

Während Überwachung und Kontrolle die von der Unzufriedenheit der Massen ausgehende Gefahr entschärfen können (eine Unzufriedenheit, die, solange sie sich auf einem niedrigen Niveau bewegt, noch mittels einfacher Zerstreuungs- und Unterhaltungsmaßnahmen eingedämmt werden kann), birgt das Problem der wirtschaftlich „nutzlosen und schädlichen“ Überschussbevölkerung eine ganz andere Versuchung, die man nicht unterschätzen sollte, nur weil sie „skandalös“ klingt. Länder ohne einen liberalen ideologischen Rahmen, wie China, können es sich leisten, sich offen mit Fragen der demografischen Kontrolle auseinanderzusetzen, wie es bei der „Ein-Kind-Politik“ der Fall war. Im liberalen Westen ist diese Möglichkeit einer offenen Diskussion ausgeschlossen. Denn dies würde bedeuten, dass auch für die Eliten peinliche Themen (angefangen beim „protzigen Konsum“) ins Bewusstsein zu gelangen drohten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Versuchung, von oben zu intervenieren, nicht vorhanden wäre.

In dieser Frage ist es nicht möglich, über Vermutungen und Mutmaßungen hinauszugehen, aber man sollte nicht die Verlockung unterschätzen, heimlich technologische Lösungen einzusetzen, um die Fruchtbarkeit einzuschränken oder die Sterblichkeit zu erhöhen (vorzugsweise für diejenigen, die nicht mehr im arbeitsfähigen Alter sind).

3.5) Neo-Feudalismus oder Nazismus 2.0?

Alle bisherigen „Lösungen“ bleiben innerhalb des kapitalistischen Rahmens mit den ihm innewohnenden Mechanismen und Widersprüchen. Das bedeutet, dass es sich im Wesentlichen immer um Vorstöße handelt, die darauf abzielen, Zeit zu gewinnen, indem bestimmte Prozesse verlangsamt oder die Zeiger der historischen Uhr zurückgedreht werden. Ein radikaler Ausstieg der kapitalistischen Herrschaft aus dem kapitalistischen Modell ist nur mit dem Versprechen denkbar, die gegenwärtigen Machtverhältnisse zu kristallisieren (ein Ausstieg in Richtung einer sozialistischen Demokratie ist daher nicht sonderlich beliebt).

Im Rahmen eines Finanzkapitalismus wie dem heutigen können die Konkretisierungen der Macht schwach sein, denn eine gewisse Kapitalisierung hängt in erster Linie von den Erwartungen des Konsums ab. Diejenigen, die große Mengen an liquiden Mitteln besitzen, verfügen über eine potenzielle Kaufkraft, die ganz von den Aussichten auf die Verfügbarkeit von Vermögenswerten und dem öffentlichen Vertrauen in Kreditsicherheiten abhängt. Diese Macht ist dieselbe, die eine Banknote ausübt, ein virtuelles Objekt, das in dem Moment zu Altpapier werden kann, in dem man es nicht mehr für geeignet hält, die Lieferung von Waren zu vermitteln. Aus diesem Grund und wegen der Notwendigkeit, den Schein und die Erwartungen zu wahren, muss der Finanzkapitalismus der Steuerung des Medienapparats besondere Aufmerksamkeit schenken. Aber in jedem Fall sind der Steuerung von Erwartungen Grenzen gesetzt, da die Mechanismen des wirtschaftlichen Wettbewerbs selbst ständig destabilisierende Verwerfungen hervorrufen.

In der kapitalistischen Welt ist die „flüssige“ Macht weitaus mächtiger (aufgrund ihrer maximalen Mobilität und Wandelbarkeit) als jede „feste“ Macht (das Eigentum an realen Gütern). Allerdings verleihen Sachwerte eine langfristige Stabilität, die liquides Kapital nicht bieten kann. Daher ist die Aussicht auf einen möglichen „postapokalyptischen“ Ausstieg aus dem kapitalistischen Modell mit seinen Widersprüchen für die Spitzeneliten nur denkbar im Rahmen eines Übergangs zu einer Art „Neo-Feudalismus“, in dem liquide Macht wieder in materielles Eigentum (Land, Immobilien, Rüstung, Technologie usw.) umgewandelt wird.

Allerdings taucht hier ein Problem auf, das das Bild völlig verändert. Der historische Feudalismus funktionierte auf der Grundlage eines Systems der Legitimation (einschließlich der Legitimation zum Eigentum), das von Tradition und Religion abhängig war. In der heutigen Welt sind diese beiden Faktoren als Legitimationsgrundlage weggefegt worden. Die Frage ist also: Wie könnte ein System der Legitimation von Macht und Eigentum in einem „Neo-Feudalismus“ ohne Tradition und Religion funktionieren?

Macht war in der Geschichte der Menschheit schon immer, selbst in den autoritärsten Kulturen, von der allgemeinen Anerkennung der Legitimität der Macht bestimmt. Solange die meisten die Legitimität einer Macht anerkannten oder zumindest nicht in Frage stellten, blieb sie funktionsfähig. Diese Macht funktionierte, indem sie sich kontinuierlich über Zwischenstufen von oben nach unten übertrug (vom König zu den Vasallen, von den Feudalherren zu den Rittern, von den Bauern zu den Leibeigenen). Diese Form der Macht hat also immer einen menschlichen Bezug, und zwar im Bereich der Anerkennung. Aber wenn die eigentliche Legitimationsgrundlage verloren geht, wie kann dann die Macht von oben nach unten ausgeübt werden? In einem kapitalistischen System ist Reichtum Macht, ohne dass es einer Anerkennung bedarf, denn Macht wird als Kaufkraft anerkannt, die durch das Wirtschaftssystem garantiert wird. Wenn das System zusammenbricht, bricht diese Form der Anerkennung der unpersönlichen Macht zusammen. Wie könnte eine neue Macht ohne Anerkennung der Legitimität funktionieren?

Technisch gesehen ist die Antwort einfach: Sie müsste die Macht des „Mittels“, das durch das Geld repräsentiert wird, durch ein anderes externes Mittel ersetzen, das für diesen Zweck geeignet ist. Konkret ist die plausibelste Aussicht, dass dies durch die Manipulation von Mitteln geschieht, die Angst einflößen, eine Angst, die die Wenigen den Vielen direkt einflößen können müssen.

Eine solche Aussicht war in der Vergangenheit unerreichbar, aber der technologische Fortschritt hat diese Möglichkeit seit langem stetig gefördert, nämlich die Möglichkeit, dass sich ein abgegrenztes Zentrum durch die Verstärkung von Effekten der Masse aufdrängt. Ein Schwert kann sich gegen vielleicht fünf unbewaffnete Menschen durchsetzen, eine Pistole gegen zehn, eine Bombe gegen tausend. Und mit der technischen Steigerung der Macht hat auch die Schwierigkeit, sie einzusetzen, abgenommen: Es ist heute leichter, eine Bombe zu zünden, als früher ein Schwert zu schwingen. Aber wir dürfen uns technologische Macht nicht einfach als die Ausübung roher Gewalt vorstellen. Denken wir lieber an eine aktuelle Situation wie die Existenz von gentechnisch verändertem Saatgut, bei dem das Saatgut für die nächste Ernte nicht mehr nachgepflanzt werden kann, sondern bei einem zentralen Anbieter gekauft werden muss. Die Quintessenz dieses Machtmechanismus ist einfach: Es geht darum, eine Gruppe strukturell und existenziell vom Zugang zu einer Technologie abhängig zu machen, die nicht eigenständig reproduzierbar ist, sondern zentral verwaltet wird. Es können zahlreiche Mechanismen dieser Art erfunden werden, es reicht aus, die Menschen von einem technologisch knappen und nicht autonom reproduzierbaren Gut (einer Therapie?) abhängig zu machen. Ein solcher Mechanismus kann im Prinzip eine direkte, „neo-feudale“ Machtausübung ermöglichen, ohne dass Vermittlungs- und Legitimationsmechanismen erforderlich sind.

The 3rd Letter – Kurzfilm aus dem Jahr 2010

Eine letzte Bemerkung: Hier von „Neo-Feudalismus“ zu sprechen, ist ein irreführender Ausdruck. Wir haben es mit einem System zu tun, in dem wir es zwar mit einer geschlossenen hierarchischen Gesellschaft zu tun haben, ähnlich dem Feudalismus, die auf realer und nicht auf flüssiger Macht und Eigentum beruht, aber alle anderen Aspekte sind grundlegend anders, und zwar nicht im positiven Sinne. Es wäre eine Welt, in der eine höhere Kaste ihre Macht durch Furcht ausübt, da sie als ultimative Quelle der Autorität das, was im Feudalismus Gott war, durch die Technologie ersetzt hat. Es wäre eine Gesellschaft der direkten Befehlsgewalt, ohne Vermittlung durch eine ideologische Bindungskraft, eine Gesellschaft, in der die technische Effizienz angebetet wird und die Untermenschen außerhalb der oberen Kaste als Rohmaterial betrachtet werden, über das man nach Belieben verfügen kann.

Dieses Bild erinnert in der Tat nicht an den Feudalismus, sondern an eine Erfahrung, die uns viel näher liegt, nämlich den Nationalsozialismus. Der Nationalsozialismus war, abgesehen von seinen esoterischen und heidnischen Untertönen, im Wesentlichen eine Verehrung direkter Gewalt, die einer überlegenen Kaste zugeschrieben und mit rigoroser Produktivität und Effizienz ausgeübt wurde, wobei der Mensch selbst als manipulierbares Mittel (Eugenik) oder versklavte Ressource (KZ) betrachtet wurde.

So könnten wir eines schönen Tages entdecken, dass das Dutzend Jahre, in denen der Nationalsozialismus seinen kurzen und unrühmlichen Auftritt in der Geschichte hatte, nur die erste Erprobung von Instanzen und Tendenzen war, die ein Jahrhundert später eine ganz andere Festigkeit erlangen sollten.

Deutschlands Position in Amerikas neuer Weltordnung

Von Michael Hudson | 2. November 2022 | Übernahme von michael-hudson.com

Deutschland ist zu einem wirtschaftlichen Satelliten von Amerikas Neuem Kalten Krieg mit Russland, China und dem Rest Eurasiens geworden. Deutschland und andere NATO-Länder wurden aufgefordert, sich selbst Handels- und Investitionssanktionen aufzuerlegen, die den heutigen Stellvertreterkrieg in der Ukraine überdauern werden. US-Präsident Biden und die Sprecher des Außenministeriums haben erklärt, dass die Ukraine nur der erste Schauplatz einer viel umfassenderen Dynamik ist, die die Welt in zwei gegensätzliche Gruppen von Wirtschaftsbündnissen spaltet. Dieser globale Bruch verspricht ein zehn- oder zwanzigjähriger Kampf zu werden, bei dem es darum geht, ob die Weltwirtschaft eine unipolare, auf den Dollar ausgerichtete Wirtschaft oder eine multipolare Welt mit mehreren Währungen sein wird, die sich auf das eurasische Kernland mit gemischten öffentlichen/privaten Wirtschaften konzentriert.

Präsident Biden hat diese Spaltung als eine zwischen Demokratien und Autokratien bezeichnet. Die Terminologie ist typisches Orwellsches double-speak. Mit „Demokratien“ meint er die USA und die verbündeten westlichen Finanzoligarchien. Ihr Ziel ist es, die Wirtschaftsplanung aus den Händen gewählter Regierungen an die Wall Street und andere Finanzzentren unter US-Kontrolle zu verlagern. US-Diplomaten nutzen den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank, um die Privatisierung der weltweiten Infrastruktur und die Abhängigkeit von US-amerikanischen Technologie-, Öl- und Lebensmittelexporten zu fordern.

Mit „Autokratie“ meint Biden Länder, die sich dieser Finanzialisierung und Privatisierung widersetzen. In der Praxis bedeutet die US-Rhetorik, das eigene Wirtschaftswachstum und den eigenen Lebensstandard zu fördern und das Finanz- und Bankwesen als öffentliche Versorgungseinrichtungen zu erhalten. Im Grunde geht es darum, ob Volkswirtschaften von Bankenzentren geplant werden, um finanziellen Reichtum zu schaffen – durch die Privatisierung grundlegender Infrastrukturen, öffentlicher Versorgungseinrichtungen und sozialer Dienste wie der Gesundheitsfürsorge in Monopole – oder ob Lebensstandard und Wohlstand erhöht werden, indem Bankwesen und Geldschöpfung, öffentliche Gesundheit, Bildung, Transport und Kommunikation in öffentlicher Hand bleiben.

Das Land, das bei diesem globalen Bruch den größten „Kollateralschaden“ erleidet, ist Deutschland. Als Europas fortschrittlichste Industrienation ist Deutschland bei Stahl, Chemie, Maschinen, Automobilen und anderen Konsumgütern am stärksten von Importen russischen Gases, Öls und Metallen wie Aluminium, Titan und Palladium abhängig. Doch trotz zweier Nord-Stream-Pipelines, die gebaut wurden, um Deutschland mit preiswerter Energie zu versorgen, wurde Deutschland aufgefordert, sich vom russischen Gas abzuschneiden und zu deindustrialisieren. Dies bedeutet das Ende seiner wirtschaftlichen Vormachtstellung. Der Schlüssel zum BIP-Wachstum in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, ist der Energieverbrauch pro Arbeitnehmer.

Diese antirussischen Sanktionen machen den heutigen Neuen Kalten Krieg von Natur aus antideutsch. US-Außenminister Anthony Blinken hat gesagt, dass Deutschland günstiges russisches Pipelinegas durch hochpreisiges amerikanisches LNG-Gas ersetzen sollte. Um dieses Gas zu importieren, muss Deutschland schnell über 5 Milliarden Dollar ausgeben, um Hafenkapazitäten für den Umschlag von LNG-Tankern zu schaffen. Das wird dazu führen, dass die deutsche Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Insolvenzen werden sich ausbreiten, die Beschäftigung wird zurückgehen und Deutschlands NATO-freundliche Führer werden eine chronische Depression und einen sinkenden Lebensstandard herbeiführen.

Die meisten politischen Theorien gehen davon aus, dass Nationen in ihrem eigenen Interesse handeln werden. Andernfalls sind sie Satellitenstaaten, die ihr Schicksal nicht selbst in der Hand haben. Deutschland ordnet seine Industrie und seinen Lebensstandard dem Diktat der US-Diplomatie und dem Eigeninteresse des amerikanischen Öl- und Gassektors unter. Es tut dies freiwillig – nicht aufgrund militärischer Gewalt, sondern aus der ideologischen Überzeugung heraus, dass die Weltwirtschaft von den US-Planern des Kalten Krieges gesteuert werden sollte.

Manchmal ist es einfacher, die heutige Dynamik zu verstehen, wenn man die eigene Situation hinter sich lässt und sich historische Beispiele für die Art von politischer Diplomatie ansieht, die die Welt von heute spaltet. Die beste Parallele, die ich finden kann, ist der Kampf des römischen Papsttums gegen die deutschen Könige – die Heiligen Römischen Kaiser – im 13. Dieser Konflikt spaltete Europa entlang ähnlicher Linien wie heute. Eine Reihe von Päpsten exkommunizierte Friedrich II. und andere deutsche Könige und mobilisierte Verbündete für den Kampf gegen Deutschland und dessen Kontrolle über Süditalien und Sizilien.

Der Antagonismus des Westens gegen den Osten wurde durch die Kreuzzüge (1095-1291) angestachelt, so wie der heutige Kalte Krieg ein Kreuzzug gegen Volkswirtschaften ist, die die Vorherrschaft der USA in der Welt bedrohen. Im mittelalterlichen Krieg gegen Deutschland ging es darum, wer das christliche Europa beherrschen sollte: das Papsttum, wobei die Päpste zu weltlichen Kaisern wurden, oder die weltlichen Herrscher der einzelnen Königreiche, indem sie die Macht beanspruchten, diese moralisch zu legitimieren und zu akzeptieren.

Die Entsprechung des mittelalterlichen Europas zu Amerikas Neuem Kalten Krieg gegen China und Russland war das Große Schisma im Jahr 1054. Leo IX. verlangte die unipolare Kontrolle über die Christenheit und exkommunizierte die orthodoxe Kirche in Konstantinopel und die gesamte christliche Bevölkerung, die zu ihr gehörte. Ein einziges Bistum, Rom, trennte sich von der gesamten christlichen Welt jener Zeit, einschließlich der alten Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, Konstantinopel und Jerusalem.

Diese Abspaltung stellte die römische Diplomatie vor ein politisches Problem: Wie konnte es alle westeuropäischen Königreiche unter seiner Kontrolle halten und von ihnen das Recht auf finanzielle Unterstützung einfordern? Dazu mussten die weltlichen Könige der päpstlichen religiösen Autorität untergeordnet werden. Im Jahr 1074 verkündete Gregor VII., Hildebrand, 27 päpstliche Diktate, in denen er die Verwaltungsstrategie Roms darlegte, um seine Macht über Europa zu sichern.

Diese päpstlichen Forderungen weisen auffallende Parallelen zur heutigen US-Diplomatie auf. In beiden Fällen erfordern militärische und weltliche Interessen eine Sublimierung in Form eines ideologischen Kreuzzugsgeistes, um das Gefühl der Solidarität zu festigen, das jedes System imperialer Herrschaft erfordert. Die Logik ist zeitlos und universell.

Die päpstlichen Diktate waren in zweierlei Hinsicht radikal. Erstens erhob es den Bischof von Rom über alle anderen Bistümer und schuf damit das moderne Papsttum. Klausel 3 legte fest, dass allein der Papst die Macht hat, Bischöfe zu ernennen, abzusetzen oder wieder einzusetzen. Um dies zu bekräftigen, gab Klausel 25 dem Papst das Recht, Bischöfe zu ernennen (oder abzusetzen), und nicht den lokalen Herrschern. Und Klausel 12 gab dem Papst das Recht, Kaiser abzusetzen und folgte damit Klausel 9, die alle Fürsten dazu verpflichtete, „dem Papst allein die Füße zu küssen“, um als rechtmäßige Herrscher zu gelten.

Auch heute beanspruchen die US-Diplomaten das Recht, zu bestimmen, wer als Staatsoberhaupt eines Landes anerkannt werden soll. Im Jahr 1953 stürzten sie den gewählten Führer des Iran und ersetzten ihn durch die Militärdiktatur des Schahs. Dieses Prinzip gibt den US-Diplomaten das Recht, „farbige Revolutionen“ für Regimewechsel zu sponsern, wie z. B. die Unterstützung lateinamerikanischer Militärdiktaturen, die Klientel-Oligarchien im Dienste der US-amerikanischen Unternehmens- und Finanzinteressen schaffen. Der Staatsstreich in der Ukraine im Jahr 2014 ist nur die jüngste Ausübung dieses Rechts der USA, Staatsführer zu ernennen und abzusetzen.

In jüngster Zeit haben US-Diplomaten Juan Guaidó anstelle des gewählten Präsidenten zum Staatsoberhaupt Venezuelas ernannt und ihm die Goldreserven des Landes überlassen. Präsident Biden hat darauf bestanden, dass Russland Putin absetzen und einen US-freundlicheren Führer an seine Stelle setzen muss. Dieses „Recht“, Staatsoberhäupter auszuwählen, ist eine Konstante in der Politik der USA, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg immer wieder in die politischen Angelegenheiten Europas einmischt.

Das zweite radikale Merkmal der päpstlichen Diktate war der Ausschluss jeglicher Ideologie und Politik, die von der päpstlichen Autorität abwich. Klausel 2 besagt, dass nur der Papst „universal“ genannt werden kann. Jede abweichende Meinung war per Definition ketzerisch. Klausel 17 besagt, dass kein Kapitel oder Buch ohne päpstliche Autorität als kanonisch angesehen werden kann.

Eine ähnliche Forderung erhebt die heutige von den USA geförderte Ideologie der finanzialisierten und privatisierten „freien Märkte“, was so viel bedeutet wie eine Deregulierung der staatlichen Macht, um die Wirtschaft im Sinne der Interessen US-amerikanischer Finanz- und Unternehmenseliten zu gestalten.

Die Forderung nach Universalität im heutigen Neuen Kalten Krieg ist in die Sprache der „Demokratie“ gehüllt. Aber die Definition von Demokratie im heutigen Neuen Kalten Krieg ist einfach „pro-amerikanisch“, und insbesondere die neoliberale Privatisierung als die von den USA geförderte neue Wirtschaftsreligion. Diese Ethik wird als „Wissenschaft“ angesehen, wie der Quasi-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften zeigt. Das ist der moderne Euphemismus für neoliberalen Wirtschaftsmüll der Chicagoer Schule, IWF-Sparprogramme und Steuerbegünstigung für die Reichen.

Die päpstlichen Diktate legten eine Strategie zur Sicherung der unipolaren Kontrolle über die weltlichen Reiche fest. Sie machten den päpstlichen Vorrang gegenüber weltlichen Königen geltend, vor allem gegenüber den deutschen Kaisern des Heiligen Römischen Reiches. Klausel 26 ermächtigte die Päpste, jeden zu exkommunizieren, der „nicht im Frieden mit der römischen Kirche“ war. Dieser Grundsatz implizierte die abschließende Klausel 27, die es dem Papst ermöglichte, „Untertanen von ihrer Lehnstreue gegenüber gottlosen Menschen zu befreien“. Dies förderte die mittelalterliche Version der „farbigen Revolutionen“, um einen Regimewechsel herbeizuführen.

Was die Länder in dieser Solidarität einte, war die Feindschaft gegenüber Gesellschaften , die nicht der zentralisierten päpstlichen Kontrolle unterlagen – die muslimischen Ungläubigen, die Jerusalem besaßen, und auch die französischen Katharer und alle anderen, die als Ketzer galten. Vor allem aber gab es eine Feindschaft gegenüber Regionen, die stark genug waren, um sich den päpstlichen Forderungen nach finanziellen Tributen zu widersetzen.

Das heutige Gegenstück zu einer solchen ideologischen Macht, Ketzer zu exkommunizieren, die sich den Forderungen nach Gehorsam und Tribut widersetzen, wäre die Welthandelsorganisation, die Weltbank und der IWF, die wirtschaftliche Praktiken diktieren und „Bedingungen“ festlegen, denen alle Mitgliedsregierungen unter Androhung von US-Sanktionen Folge leisten müssen – die moderne Version der Exkommunikation von Ländern, die die Oberherrschaft der USA nicht akzeptieren. Klausel 19 der Diktate besagte, dass der Papst von niemandem verurteilt werden durfte – so wie sich die Vereinigten Staaten heute weigern, ihre Handlungen den Urteilen des Weltgerichtshofs zu unterwerfen. Ebenso wird heute erwartet, dass die US-Satelliten dem Diktat der NATO und anderer Institutionen (wie dem IWF und der Weltbank) bedingungslos folgen. Wie Margaret Thatcher über ihre neoliberale Privatisierung sagte, die den öffentlichen Sektor Großbritanniens zerstörte: There Is No Alternative (TINA).

Damit möchte ich die Analogie zu den heutigen US-Sanktionen gegen alle Länder hervorheben, die den diplomatischen Forderungen der USA nicht nachkommen. Handelssanktionen sind eine Form der Exkommunikation. Sie kehren den Grundsatz des Westfälischen Friedens von 1648 um, der jedes Land und seine Herrscher unabhängig von fremder Einmischung machte. Präsident Biden bezeichnet die Einmischung der USA als Gewährleistung seines neuen Gegensatzes zwischen „Demokratie“ und „Autokratie“. Mit Demokratie meint er eine Klientel-Oligarchie unter US-Kontrolle, die finanziellen Reichtum schafft, indem sie den Lebensstandard der Arbeitnehmer senkt, im Gegensatz zu einer gemischten öffentlich-privaten Wirtschaft, die auf die Förderung des Lebensstandards und der sozialen Solidarität abzielt.

Wie ich bereits erwähnt habe, schuf das Große Schisma durch die Exkommunikation der orthodoxen Kirche in Konstantinopel und ihrer christlichen Bevölkerung die verhängnisvolle religiöse Trennlinie, die „den Westen“ seit einem Jahrtausend vom Osten trennt. Diese Spaltung war so wichtig, dass Wladimir Putin sie in seiner Rede vom 30. September 2022 zitierte, in der er die heutige Abkehr von den westlichen Volkswirtschaften mit den USA und der NATO im Zentrum beschrieb.

Im 12. und13. Jahrhundert protestierten die normannischen Eroberer Englands, Frankreichs und anderer Länder sowie die deutschen Könige wiederholt, wurden wiederholt exkommuniziert und beugten sich schließlich doch den päpstlichen Forderungen. Es dauerte bis zum16. Jahrhundert, bis Martin Luther, Zwingli und Heinrich VIII. schließlich eine protestantische Alternative zu Rom schufen und das westliche Christentum multipolar machten.

Warum hat es so lange gedauert? Die Antwort ist, dass die Kreuzzüge eine organisierende ideologische Schwerkraft darstellten. Das war die mittelalterliche Analogie zum heutigen Neuen Kalten Krieg zwischen Ost und West. Die Kreuzzüge schufen einen geistigen Brennpunkt für „moralische Reformen“, indem sie den Hass gegen „den Anderen“ mobilisierten – den muslimischen Osten und zunehmend auch gegen Juden und europäische Christen, die sich der römischen Kontrolle entzogen. Das war die mittelalterliche Analogie zu den heutigen neoliberalen Doktrinen des „freien Marktes“ der amerikanischen Finanzoligarchie und ihrer Feindseligkeit gegenüber China, Russland und anderen Nationen, die dieser Ideologie nicht folgen. Im heutigen Neuen Kalten Krieg mobilisiert die neoliberale Ideologie des Westens Angst und Hass auf „die Anderen“ und dämonisiert Nationen, die einen unabhängigen Weg verfolgen, als „autokratische Regime“. Es wird unverhohlener Rassismus gegenüber ganzen Völkern gefördert, wie die Russophobie und die „Cancel Culture“ zeigen, die derzeit im Westen grassieren.

So wie der multipolare Übergang des westlichen Christentums die protestantische Alternative des16. Jahrhunderts erforderte, muss der Bruch des eurasischen Kernlandes mit dem bankenzentrierten NATO-Westen durch eine alternative Ideologie gefestigt werden, wie gemischte öffentlich-private Volkswirtschaften und ihre Finanzinfrastruktur zu organisieren sind.

Die mittelalterlichen Kirchen im Westen wurden ihrer Alimente und Schenkungen beraubt, um den Peterspfennig und andere Subventionen an das Papsttum für die Kriege zu zahlen, die es gegen jene Herrscher führte, die sich den päpstlichen Forderungen widersetzten. England spielte die Rolle des Hauptopfers, die Deutschland heute zufällt. Die enormen Steuerzahlungen Englands, vorgeblich zur Finanzierung der Kreuzzüge, wurden umgeleitet, um Friedrich II, Konrad und Manfred in Sizilien zu bekämpfen. Diese Abzweigungen wurden von päpstlichen Bankiers aus Norditalien (Lombarden und Cahorsins) finanziert und wurden zu königlichen Schulden, die auf die gesamte Wirtschaft übertragen wurden. In den 1260er Jahren führten die englischen Barone einen Bürgerkrieg gegen Heinrich II. und beendeten damit seine Komplizenschaft bei der Opferung der Wirtschaft zugunsten päpstlicher Ansprüche.

Mit dem Ende des Krieges gegen den Osten endete auch die Macht des Papsttums über andere Länder. Als die Kreuzfahrer 1291 Akkon, die Hauptstadt Jerusalems, verloren, verlor das Papsttum seine Kontrolle über die Christenheit. Es gab kein „Böses“ mehr, das es zu bekämpfen galt, und das „Gute“ hatte sein Gravitationszentrum und seinen Zusammenhalt verloren. 1307 beschlagnahmte der französische König Philipp IV. („der Schöne“) den Reichtum des großen militärischen Bankordens der Kirche, nämlich den der Templer im Pariser Tempel. Auch andere Herrscher verstaatlichten die Templer, und das Geldsystem wurde der Kirche entzogen. Ohne einen gemeinsamen Feind, der von Rom definiert und mobilisiert wurde, verlor das Papsttum seine unipolare ideologische Macht über Westeuropa.

Das moderne Äquivalent zur Ablehnung der Templer und des päpstlichen Finanzwesens wäre, wenn sich die Länder aus Amerikas Neuem Kalten Krieg zurückziehen würden. Sie würden den Dollarstandard und das US-amerikanische Banken- und Finanzsystem ablehnen. Das geschieht derzeit, da immer mehr Länder Russland und China nicht als Gegner sehen, sondern als große Chancen für gegenseitige wirtschaftliche Vorteile.

Das gebrochene Versprechen des gegenseitigen Vorteils zwischen Deutschland und Russland

Die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 versprach ein Ende des Kalten Krieges. Der Warschauer Pakt wurde aufgelöst, Deutschland wurde wiedervereinigt und amerikanische Diplomaten versprachen ein Ende der NATO, weil es keine sowjetische militärische Bedrohung mehr gab. Die russische Führung gab sich der Hoffnung hin, dass, wie Präsident Putin es ausdrückte, eine neue gesamteuropäische Wirtschaft von Lissabon bis Wladiwostok entstehen würde. Vor allem von Deutschland wurde erwartet, dass es bei den Investitionen in Russland und der Umstrukturierung der Industrie nach effizienteren Gesichtspunkten die Führung übernehmen würde. Russland würde für diesen Technologietransfer bezahlen, indem es Gas und Öl sowie Nickel, Aluminium, Titan und Palladium liefert.

Es gab keine Vorahnung davon, dass die NATO erweitert werden würde, um einen neuen Kalten Krieg zu riskieren, und schon gar nicht, dass die NATO die Ukraine, die als korrupteste Kleptokratie in Europa gilt, unter der Führung von extremistischen Parteien, die sich mit deutschen Nazi-Insignien schmücken, unterstützen würde.

Wie ist es zu erklären, dass das scheinbar logische Potenzial des gegenseitigen Vorteils zwischen Westeuropa und den ehemaligen sowjetischen Volkswirtschaften zu einer Förderung oligarchischer Kleptokratien wurde? Die Zerstörung der Nord Stream-Pipeline bringt die Dynamik auf den Punkt. Seit fast einem Jahrzehnt fordern die USA immer wieder, dass Deutschland seine Abhängigkeit von russischer Energie aufgibt. Diese Forderungen wurden von Gerhard Schröder, Angela Merkel und deutschen Wirtschaftsführern abgelehnt. Sie verwiesen auf die offensichtliche wirtschaftliche Logik des gegenseitigen Handels von deutschen Produkten mit russischen Rohstoffen.

Das Problem für die USA bestand darin, wie sie Deutschland davon abhalten konnten, die Nord Stream 2-Pipeline zu genehmigen. Victoria Nuland, Präsident Biden und andere US-Diplomaten zeigten, dass der Weg dorthin darin bestand, den Hass auf Russland zu schüren. Der Neue Kalte Krieg wurde als ein neuer Kreuzzug dargestellt. So hatte George W. Bush den Angriff der USA auf den Irak beschrieben, um dessen Ölquellen zu erobern. Der von den USA unterstützte Putsch von 2014 schuf ein ukrainisches Marionettenregime, das acht Jahre lang die russischsprachigen Ostprovinzen bombardiert hat. Die NATO stachelte damit eine russische militärische Antwort an. Die Aufstachelung war erfolgreich und die gewünschte russische Antwort wurde als unprovozierte Gräueltat bezeichnet. Der Schutz der Zivilbevölkerung wurde in den von der NATO gesponserten Medien als so anstößig dargestellt, dass die seit Februar verhängten Handels- und Investitionssanktionen gerechtfertigt sind. Genau das bezeichnet man als einen Kreuzzug.

Dies hat dazu geführt, dass sich die Welt in zwei Lager spaltet: die US-zentrierte NATO und die entstehende eurasische Koalition. Ein Nebeneffekt dieser Dynamik ist, dass Deutschland nicht mehr in der Lage ist, eine Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die auf gegenseitig vorteilhaften Handels- und Investitionsbeziehungen mit Russland (und vielleicht auch China) beruht. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz reist diese Woche nach China, um das Land aufzufordern, seinen öffentlichen Sektor abzubauen und die Subventionierung seiner Wirtschaft einzustellen, andernfalls werden Deutschland und Europa Sanktionen gegen den Handel mit China verhängen. China wird dieser lächerlichen Forderung auf keinen Fall nachkommen, genauso wenig wie die Vereinigten Staaten oder andere Industrienationen ihre Subventionen für Computerchips und andere Schlüsselbereiche einstellen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik ist ein neoliberaler, „libertärer“ Arm der NATO, der die Deindustrialisierung Deutschlands und die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten fordert und China, Russland und deren Verbündete ausschließt. Dies könnte der letzte Nagel in Deutschlands wirtschaftlichem Sarg sein.

Ein weiteres Nebenprodukt von Amerikas Neuem Kalten Krieg ist das Ende aller internationalen Pläne zur Eindämmung der globalen Erwärmung. Ein Grundpfeiler der US-Wirtschaftsdiplomatie ist es, dass die Ölkonzerne der USA und ihrer NATO-Verbündeten die weltweite Öl- und Gasversorgung kontrollieren – das heißt, die Abhängigkeit von kohlenstoffhaltigen Brennstoffen verringern. Darum ging es bei den NATO-Kriegen im Irak, in Libyen, Syrien, Afghanistan und der Ukraine. Er ist nicht so abstrakt wie „Demokratien gegen Autokratien“. Es geht um die Fähigkeit der USA, anderen Ländern zu schaden, indem sie deren Zugang zu Energie und anderen Grundbedürfnissen unterbrechen.

Ohne das „Gut gegen Böse“-Narrativ des Neuen Kalten Krieges würden die US-Sanktionen in diesem Angriff der USA auf den Umweltschutz und auf den gegenseitigen Handel zwischen Westeuropa und Russland und China ihre Rechtfertigungsgrundlage verlieren. Das ist der Hintergrund für den heutigen Kampf in der Ukraine, der nur der erste Schritt in dem auf 20 Jahre angelegten Kampf der USA gegen eine multipolare Welt sein wird. Dieser Prozess wird Deutschland und Europa in die Abhängigkeit von den US-amerikanischen LNG-Lieferungen treiben.

Der Trick besteht darin, Deutschland davon zu überzeugen, dass es in Bezug auf seine militärische Sicherheit von den Vereinigten Staaten abhängig ist. Wovor Deutschland wirklich Schutz braucht, ist der Krieg der USA gegen China und Russland, der Europa an den Rand drängt und „ukrainisiert“.

Es hat keine Aufrufe westlicher Regierungen gegeben, diesen Krieg auf dem Verhandlungsweg zu beenden, weil in der Ukraine niemand einen Krieg erklärt hat. Die Vereinigten Staaten erklären niemandem den Krieg, denn dafür wäre nach der US-Verfassung eine Erklärung des Kongresses erforderlich. Also bombardieren die Armeen der USA und der NATO, organisieren Farbrevolutionen, mischen sich in die Innenpolitik ein (und machen die Westfälischen Verträge von 1648 damit obsolet) und verhängen Sanktionen, die Deutschland und seine europäischen Nachbarn auseinanderreißen.

Wie können Verhandlungen einen Krieg „beenden“, für den es keine Kriegserklärung gibt und der eine langfristige Strategie der totalen unipolaren Weltherrschaft ist?

Die Antwort ist, dass es kein Ende geben kann, bevor nicht eine Alternative zu den derzeitigen US-zentrierten internationalen Institutionen geschaffen wird. Dazu müssen neue Institutionen geschaffen werden, die eine Alternative zu der neoliberalen, bankenzentrierten Sichtweise darstellen, dass die Wirtschaft privatisiert und von den Finanzzentren zentral geplant werden sollte. Rosa Luxemburg bezeichnete die Wahl als die zwischen Sozialismus und Barbarei. In meinem kürzlich erschienenen Buch The Destiny of Civilization (Das Schicksal der Zivilisation) habe ich die politische Dynamik einer solchen Alternative skizziert.

Der militärisch-industrielle Medien-Komplex schlägt erneut zu

Von Eve Ottenberg | 28. Oktober 2022 | Übernahme von CounterPunch

Zehntausende protestierten am 16. Oktober in Frankreich unter der Führung des Linkspolitikers Jean Luc Melenchon gegen die explodierenden Lebenshaltungskosten und gegen Macron, doch in den USA gab es nur wenige Schlagzeilen auf der Titelseite oder in den Schlagzeilen der ersten Stunde. Am selben Tag fanden in Rom riesige Proteste statt, um ein Ende der Beteiligung Italiens an der NATO zu fordern, doch auf der westlichen Seite des Atlantiks wurde nicht darüber berichtet. Tausende protestieren am 22. Oktober in Paris gegen die NATO, aber kaum Beachtung in Nordamerika. Massive Proteste gegen die NATO und die Inflation aufgrund der Sanktionen gegen russische Energie in Frankreich, Deutschland und Österreich im September, doch kaum Nachrichten darüber hier im Herzen des Imperiums. Die deutsche Polizei hat in der Woche vom 17. Oktober Bürger verprügelt, die gegen Energieknappheit und eine rekordhohe Inflation protestierten, die beide auf die Russland-Sanktionen zurückzuführen sind, doch darüber wurde in den USA nicht berichtet. Siebzigtausend Tschechen protestierten am 3. September in Prag gegen das NATO-Engagement in der Ukraine und forderten Gas aus Russland (bevor irgendein mysteriöser imperialer Jemand mit Mitteln und Motiven Nordstream 1 und 2 in die Luft sprengte, wahrscheinlich um die politischen Auswirkungen dieser Proteste im Keim zu ersticken) und die Beendigung des Krieges, doch darüber wurde in den US-Medien kaum berichtet.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass es Dinge gibt, die unsere Medien vor uns verheimlichen? Hmm. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum die enormen Proteste gegen die Politik des Exzeptionellen Imperiums und seines Kampfhundes, der NATO, anscheinend, ähm, heruntergespielt werden? Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass sich unsere Konzernnachrichten eher wie der Propagandaarm unseres neokonservativen Außenministeriums und Militärs verhalten als wie eine freie Presse? Nun, wenn dem so ist, dann sind Sie womöglich auf der richtigen Spur.

Viele Europäer sind unglücklich über die NATO, den Ukraine-Krieg, die Sanktionen gegen Russland und die wilde Inflation und Deindustrialisierung – die zu einer gigantischen Arbeitslosigkeit führen wird – die durch diese Sanktionen verursacht wurden. Die Europäer wissen, wer die Schuld daran trägt, nämlich ihr vermeintlich großer Verbündeter jenseits des Atlantiks, und viele sind über ihr sogenanntes Bündnis mit dem Hegemon verärgert, während ihr Lebensstandard in den Keller geht. Aber das scheint Washington nicht zu interessieren. Sollen die Europäer doch pleite gehen und protestieren. Das Wichtigste ist, dass diese Nachricht nicht an das amerikanische Volk weitergegeben wird, das, wenn es davon erfahren würde, eine subtile Ahnung davon bekommen könnte, dass sich seine Regierung nicht ganz ehrenhaft verhalten hat.

Unterdessen wimmelt es überall von Lügen. Manche unabsichtlich, andere nicht. Erst kürzlich hat der Vorsitzende des US-Generalstabs, Mark Milley, behauptet, dass die derzeitige Weltordnung zusammenbrechen würde, wenn die Ukraine fällt. Leider ist das Unsinn. Was zusammenbrechen wird, sind die geschwollenen Egos der amerikanischen und europäischen Politiker und Militärs. Es überrascht nicht, dass sie das mit der Weltordnung vermengen. Aber es gibt noch andere, weitaus unheilvollere Gründe für solche schrillen, aufrührerischen Äußerungen, nämlich die amerikanische Bevölkerung auf das Undenkbare vorzubereiten – und es ist undenkbar, denn wenn die USA Russland mit Atomwaffen angreifen, werden sowohl die USA als auch Russland ausgelöscht. Werden Biden und seine Generäle einen Atomkrieg bekommen? Unklar. Eines ist jedenfalls sonnenklar: Die Amerikaner laufen wie Lemminge in ihr Verderben, dank der Lügengeschichten ihrer Herrscher und Medien.

Irgendwie werden alle großen Nachrichten verdrängt. Wie zum Beispiel der Vorgang, dass China US-Staatsanleihen im Wert von 100 Milliarden Dollar abstößt, und was das bedeutet, falls sich dies zu einem Trend auswächst (ich sage Ihnen, was es bedeutet: Wir sind mit 30 Billionen Dollar verschuldet und können das nicht zurückzahlen. Wenn wir demnächst SUVs voller Bargeld zum Supermarkt karren, werden wir die Weimarer Schubkarren zierlich aussehen lassen). Oder wie die Sanktionen gegen die russische Energiewirtschaft nach hinten losgingen und eine ruinöse Inflation in Europa und eine ziemlich furchtbare Inflation hier in den USA auslösten und den gesamten Westen in die Rezession … oder vielleicht sogar in die Depression trieben. Oder wie Bidens immer rücksichtslosere Sanktionen gegen China uns alle in den Ruin treiben könnten. Immerhin ist China der wichtigste Handelspartner der USA. Wenn Sie China sanktionieren, wie Biden es kürzlich mit dem Chip- und Halbleitersektor des Landes getan hat, explodieren die Preise für alles nach oben.

Aber Geld ist nicht alles. Was ist mit Bidens Nach-mir-die-Sintflut-Haltung gegenüber dem Fortbestand des menschlichen Lebens auf diesem Planeten, das er gefährdet, wann immer er den Mund aufmacht , wenn er schwadroniert, dass die USA ihr Militär in den Kampf werfen werden, sollten Taiwan und China in einen Krieg ziehen? Es stimmt, Bidens kriegerische Äußerungen machen Schlagzeilen – schließlich ist er der Herrscher über eines der gewalttätigsten Reiche der Menschheitsgeschichte – aber Details über ihre globalen Auswirkungen auf Leben und Tod, nämlich dass sie uns alle töten könnten? Eher nicht.

Nein, diese Nachricht ist für die großen Redakteure, die uns sagen, was wir denken sollen, nicht von Interesse. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, unsere Köpfe mit Kaugummi für das Gehirn zu füllen, wie z.B. mit Müll über Tik Tok oder mit Promi-Gelaber oder was auch immer – Hauptsache dumm genug, um Zuschauer und Leser zu verblöden. Damit sie nicht merken, dass sich ihre Stromrechnungen in den letzten Monaten verdoppelt haben oder ihre Lebensmittelrechnungen um viele Prozentpunkte in die Höhe geschossen sind oder dass die Welt näher an einer nuklearen Apokalypse ist als je zuvor.

Aber sie merken es trotzdem. Und auch wenn sie vielleicht nicht das fein abgestimmte mentale Rahmenwerk haben, um das alles zusammenzufügen, haben viele Menschen dank ihres Nachrichtenkonsums begonnen zu begreifen, dass Washingtons Idiotie sie in die Luft jagen könnte und sie in der Zwischenzeit ausbluten lässt und sehr bald noch mehr ausbluten lassen wird. Daher die wachsende Abneigung der Öffentlichkeit, der Ukraine, dem korruptesten Land Europas, weiterhin Blankoschecks auszustellen. Die GOP ist sogar auf den Zug aufgesprungen und hat angekündigt, dass sie diesen unsinnigen Krieg nicht finanzieren wird, wenn sie den Kongress wieder gewinnt. Ich für meinen Teil wäre erstaunt, wenn die Republikaner das Rückgrat hätten, dieses Versprechen zu halten. Wie dem auch sei, Biden plant, diesem Schwur zuvorzukommen, indem er Kiew jetzt schon weitere Milliarden überweist. Das wird den Demokraten, ähm, nicht helfen, worauf die Republikaner wahrscheinlich zählen. Aber dann kann Biden so tun, als sei er ein Mann mit Prinzipien (die Show muss weitergehen), während der Rest von uns pleite geht und seine Distanz zum atomaren Ground Zero berechnet. Die Amerikaner kämpfen mit Stromrechnungen, Lebensmittel- und Gaspreisen, Schulden bei Ärzten und Bildungseinrichtungen. Sie haben es nicht nötig, Rüstungsunternehmen mit Milliarden von Dollar zu finanzieren, damit sich Ukrainer und Russen am anderen Ende der Welt gegenseitig umbringen können. Und schon gar nicht brauchen sie einen Krieg, der die Menschheit an den Rand des nuklearen Armageddon bringt.

Als überraschende gute Nachricht meldete die Washington Post am 24. Oktober, dass etwa 30 Mitglieder des progressiven Fraktionsvorstandes Biden aufgefordert hätten, die Diplomatie zur Beendigung des Krieges ins Rollen zu bringen. Am nächsten Tag ruderten sie zurück und widerriefen. Dies war das erste Mal, dass Demokraten den Mut hatten, nicht für mehr Blutvergießen und mehr Krieg gegen Moskau zu plädieren. Was diesen anfänglichen Sinneswandel ausgelöst hat, weiß ich nicht. Aber es war eine gute Nachricht. Besser spät als nie, wie es schien. Es schien zu bedeuten, dass einige der so genannten Linken in Washington endlich zur Vernunft gekommen waren und sich vielleicht nicht mehr so schändlich verhalten würden wie so viele europäische Sozialisten am Beginn des Ersten Weltkriegs, als sie ihren einstigen Pazifismus aufgaben. Lange Zeit sah es ehrlich gesagt so aus, als ob dies das Erbe war, das die progressiven Demokraten antreten wollten, ein Erbe, das nicht nur Schande und Massenmord, sondern – sollte sich der Ukraine-Krieg zum Dritten Weltkrieg ausweiten – die Auslöschung der Menschheit bedeutet.

Für weniger als einen Tag schien die Sonne der Vernunft und des Guten. Kurzzeitig beschlossen die Menschen, die sich selbst als links bezeichnen, dass diese Gefahr einer Massenhinrichtung der Menschheit es wert ist, dass man sich dazu äußert und dass Diplomatie für den Frieden der einzig vernünftige Weg aus dem Fiasko ist. Aber dann haben sie am nächsten Tag gekniffen und sich doch nicht dem Blutrausch ihrer Partei widersetzt. Selbst diese zaghafte Geste war zu viel von ihnen verlangt. Diese Leute sind keine Linken. Sie sind Feiglinge. Sie sind eine Schande für die Linke. Wenn sich jemals wieder jemand in der progressiven Fraktion für Diplomatie ausspricht, werde ich sehr beeindruckt sein.

Apropos beeindruckt: Wie wäre es, wenn die Washington Post diese Geschichte über die Progressiven, die zur Diplomatie aufrufen, tatsächlich groß herausbringen würde, anstatt sie zu begraben? Das wäre, gelinde gesagt, eine Überraschung. Denn es ist schon lange offensichtlich, dass unsere Mainstream-Medien nur eine Seite der Geschichte zeigen: die NATO, Washington, die imperiale, kriegstreiberische Seite. Und das tun sie schon seit einer Generation, schamlos. (Das haben sie auch schon früher getan, aber mit einer gewissen peinlichen Verlegenheit, wenn sie darauf hingewiesen wurden.) Erinnern Sie sich an die berüchtigten Massenvernichtungswaffen des Irak? Die Redakteure, die diese Lüge monatelang hochgespielt haben, sind zu größeren und besseren Dingen übergegangen, ebenso wie die Politiker – Biden wurde sogar Präsident! –, während ein ganzes Land, der Irak, auf der Grundlage einer verlogenen Berichterstattung und politischer Schikanen in Schutt und Asche gebombt wurde und nun, Jahrzehnte später, einfach den Bach hinuntergeht.

Und wer kann die Aufregung vergessen, die zur Rechtfertigung der kriminellen Bombardierung Serbiens durch die NATO im Jahr 1999 geschürt wurde? Heutzutage wollen Biden und NATO-Chef Jens Stoltenberg Ihnen weismachen, die NATO sei eine „defensive“ Organisation. Nach allem, was Serbien angetan wurde, hätte man diesen Irrtum längst auf den Müllhaufen der Geschichte werfen müssen. Stattdessen besteht der Fehler (nicht zufällig) fort. Als Russland auf die Möglichkeit eines NATO-Beitritts der Ukraine und damit auf die Anwesenheit einer feindlich gesinnten Allianz in Bombenstimmung an seinen Grenzen reagierte, protestierten die westlichen Machthaber, die NATO sei doch bloß „defensiv“. So schreien auch unsere Medien und weichen aus, so wie sie es jedes Mal tun, wenn sie das US-Verteidigungsministerium erwähnen, das diesen Namen ablegen und zu dem früheren, ehrlicheren „Kriegsministerium“ zurückkehren sollte.

Man weiß, dass die Lage ernst ist, wenn absurde Witzfiguren wie der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi diejenigen sind, die der Realität am nächsten kommen. Das tat er am 20. Oktober mit seinen Äußerungen, die Ukraine habe Russland zu seiner Invasion provoziert. Man könnte argumentieren, dass Kiew dies getan hat, indem es seit 2014 14.000 russischsprachige Menschen im Donbass abgeschlachtet und dann im letzten Winter eine große Zahl von Truppen an der Grenze dieser Region zusammengezogen hat, um das vorzubereiten, was Moskau für einen Völkermord hielt. Aber in Wirklichkeit hatte die angebliche Anstiftung der Ukraine massig Beihilfe. Es wäre zutreffender gewesen, wenn Berlusconi gesagt hätte, dass der Marionettenspieler der Ukraine, die USA, Moskau mit seiner ununterbrochenen Aufstachelung durch die Ausweitung der NATO nach Osten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion provoziert hat, wie zahlreiche amerikanische Experten und Diplomaten – von der Koryphäe des Kalten Krieges, George Kennan, über den ehemaligen Botschafter in der UdSSR, Jack Matlock, bis hin zum CIA-Chef William Burns und dem Experten für Großmachtpolitik, John Mearsheimer, und anderen – gewarnt hatten, und in jüngster Zeit Moskau mit dem Putsch in Kiew 2014 und den darauf folgenden acht Jahren gewalttätigen Unsinns zum Angriff angestachelt hat, und dass Washington dies mit der Absicht tat, die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und Europa zu zerstören; aber nichtsdestotrotz hat Berlusconi mit seinem verbalen Dartpfeil das Schwarze Brett getroffen. Und wenn Sie Berlusconi um einen fundierten Kommentar bitten müssen, haben Sie ein Problem, denn er hat sich kürzlich für eine Seite in der italienischen Regierung entschieden, und zwar für die faschistische. Jetzt ist es also so schlimm, dass Faschisten zu den Leuten gehören, die gegen die imperiale Propaganda protestieren. Lustige Zeiten.

Aber wir haben das gleiche katastrophale Chaos hier in den USA, wo die nächste Präsidentschaftswahl zu einer Wahl zwischen Trumps Faschismus oder Bidens Atomkrieg werden könnte. Wahl? Ho, ho. Das ist keine Wahl. Das ist der Tod auf Ratenzahlung oder der sofortige Tod. So oder so ist es eine Katastrophe für die einfachen Menschen, denn entweder beendet der Trumpismus die Zivilisation in Amerika, was schlimme, globale, weil imperiale Auswirkungen hat, oder der Bidenismus beendet direkt die Zivilisation auf der Erde.

Zu Beginn des Ukraine-Krieges versprach Biden, keinen Dritten Weltkrieg auszulösen. Er brach dieses Versprechen, indem er die Ukraine mit Waffen, CIA-Agenten und einigen Spezialeinheiten überschwemmte. Dies als rücksichtslos zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Bidens Weigerung, sein beträchtliches Gewicht in den Dienst von Friedensverhandlungen zu stellen, hat Tausende von Ukrainern und Russen das Leben gekostet und wird wahrscheinlich noch viele weitere Opfer fordern. Außerdem gefährdet er das Leben von Milliarden anderer Menschen weltweit – 5,3 Milliarden, die im atomaren Winter einen langsamen, qualvollen Hungertod sterben würden. Und ich spreche nicht von der Behauptung, dass Russland einen Atomsprengsatz mit geringer Sprengkraft auf dem Schlachtfeld einsetzen könnte. Ich spreche davon, dass Moskau und Washington feststellen, dass sie sich wirklich in einem heißen Krieg befinden, und dass die atomaren Langstreckenraketen mit hoher Sprengkraft dann zu fliegen beginnen könnten.

Bidens alleinige Aufgabe ist es, dies zu verhindern. Sein Wunsch, als der neue FDR, als Freund der Gewerkschaften, als eine Art Sozialdemokrat gesehen zu werden, bedeutet nichts, wenn er diesen Krieg mit Moskau nicht deeskalieren kann. Wenn Biden ein anderes Erbe antreten will als das des Zerstörers der Erde, der der Menschheit einen kalten, verkohlten und radioaktiven Planeten hinterlässt, dann muss er sofort mit seinem kriegstreiberischen Geschwätz aufhören und sich mit seinem ganzen präsidialen Gewicht für Friedensverhandlungen mit Moskau einsetzen. Und Washington selbst muss als Verhandlungspartei beteiligt sein. Andernfalls wird alles andere, was er tut, als Makulatur in die Annalen der Geschichte eingehen – falls es denn überhaupt noch eine Geschichte geben sollte.

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Eve Ottenberg ist Romanautorin und Journalistin. Ihr neuestes Buch ist Hope Deferred. Sie ist über ihre Website zu erreichen.

Jenseits des Gartens

🖋 Andrea Zhok
Professor für Moralphilosophie (Uni Mailand) | 14.10.2022 | Original in italienischer Sprache

Gestern hat der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell in einem Interview erklärt, dass es in Europa „die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt gibt, die die Menschheit je geschaffen hat: alle drei zusammen“, und verglich Europa mit „einem Garten“ und den Rest der Welt mit einem „Dschungel, der in den Garten eindringen könnte“. Aus diesem Grund müssten die Europäer „in den Dschungel gehen“, müssten „sich viel stärker beim Rest der Welt einmischen. Ansonsten wird die restliche Welt bei uns einfallen“.

Diese Rede verrät in ihrer ideologischen Unverblümtheit weit mehr über die Situation, in der wir uns befinden, als jede subtile geopolitische Analyse. Natürlich wird es Strategen geben, die hinter den Kulissen agieren und die Realität mit kaltem Realismus in Bezug auf pure Machtfragen in wirtschaftlicher wie militärischer Hinsicht betrachten, aber jede Ära, jede Zivilisation beruht immer auf einer grundlegenden Vision, an die sich die meisten halten, die außerhalb des „Kontrollraums“ agieren. Borrells Worte erinnern uns an die Extreme dieser grundlegenden Vision, die dem gegenwärtigen hybriden Weltkonflikt zugrunde liegt (wir befinden uns bereits im Dritten Weltkrieg, aber in einer hybriden Form, wobei die Komponenten Wirtschaft und kognitive Manipulation mindestens so wichtig sind wie die militärischen).

Borrell erinnert uns ungewollt daran, wie der Westen über die letzten zwei Jahrhunderte sein Selbstverständnis als „fortschrittlich“ aufgebaut hat (das wohlgemerkt auch von denjenigen geteilt wird, die sich politisch als „konservativ“ verstehen), eine Vorstellung, in der die Welt „voranschreitet“ und Individuen und Völker in „fortgeschritten“ und „rückständig“ unterschieden werden.

Wir im Westen, als Fortgeschrittene und Fortschrittliche, können in unseren Augen jeden Missbrauch und jede Ausflucht gegen die Rückständigen grundsätzlich legitimieren, da der Fortschritt als moralische Rechtfertigungshilfe dient. Der westliche Progressivismus ist in Wirklichkeit eine Form von kulturellem Rassismus, außerordentlich arrogant und aggressiv, der das primitive „Gesetz des Stärkeren“ mit ideologischen Ausschmückungen auf höchstem moralischen Niveau (Menschenrechte, Bürgerrechte usw.) überzieht.

Der gesamte intellektuelle und propagandistische Apparat, der sich dieser Vision verschrieben hat, produziert ständig Ad-hoc-Rechtfertigungen für jede Art von Gewalt und Missbrauch und bedient sich dabei systematisch einer bewundernswerten Doppelmoral und hyperbolischer Spitzfindigkeiten (von Belgisch-Kongo bis Wounded Knee, von der Shoah bis Hiroshima, von Vietnam bis Irak usw. handelt es sich um ein Buch des Schreckens, das mit Appellen an den Fortschritt durchsetzt ist). Dem Ganzen liegt eine felsenfeste Annahme zugrunde, das einzig wirklich Stabile und Kompromisslose: unser Gefühl der Überlegenheit. Jeder der endlosen Beweise für den aggressiven, räuberischen, entmenschlichenden Charakter der zeitgenössischen westlichen Zivilisation wird vom Apparat automatisch als Irrtum des Weges, als unwesentlicher Unfall, als Kollateralschaden auf dem Weg nach vorne, zum mehr, zum besseren, zum Fortschritt gelesen.

Wir, die Eloi, leben im Garten, die anderen, die Morlocks, im Dschungel

Interessanterweise beruht die gesamte historische Grundlage dieses Überlegenheitsgefühls ausschließlich auf technologischer, militärischer und später industrieller Überlegenheit, die in den letzten beiden Jahrhunderten voll ausgereift ist. Erst mit der industriellen Revolution und der Fähigkeit, große Mengen tödlicher Waffen in Massenproduktion herzustellen, wird das Gefühl der Überlegenheit und des Fortschritts vollends überzeugend.

Weder auf der spirituellen Ebene, noch auf der Ebene der Harmonie der Lebensformen, noch auf der Ebene des Glücks, noch auf der Ebene der künstlerischen Raffinesse, noch auf irgendeiner anderen Ebene hat der Westen sein Selbstbewusstsein der Überlegenheit reifen lassen, sondern lediglich auf der Ebene der technologisch gestützten Macht. Wir haben sozusagen nichts entwickelt, was mit den körperlichen und geistigen Techniken vergleichbar wäre, die wir in der indischen, chinesischen, japanischen usw. Kultur finden – aber wir hatten Maschinengewehre, sie nicht.

In der Tat ist das Einzige, was einen Standard des „Fortschritts“ nährt und ermöglicht, die Anhäufung von technologischer Macht. Ob japanische Lyrik besser, „fortschrittlicher“ ist, oder deutsche Lyrik, das würde kein vernünftiger Mensch ernsthaft debattieren, aber dass die deutsche Technologie in den späten 1800er Jahren überlegen war, war vor Ort nachweisbar, und das veranlasste zum Beispiel Japan (trotz großer Widerstände), sich an europäische Standards anzupassen.

Der Westen ist somit die historische Kraft, die die Welt in Richtung eines endlosen, unbegrenzten Wettbewerbs getrieben hat, da er ein Spielfeld geschaffen hat, auf dem es keine Gnade für diejenigen gab, die „zurückgeblieben“ sind. Der Westen hat den Planeten zu einem systematischen ‚Wettrüsten‘ im kriegerischen wie im wirtschaftlichen Sinne getrieben, angetrieben von seiner ureigen, progressivistischen Sichtweise eines unterjochenden Fortschritts.

Zugleich hat sich der Westen (der nicht mit der europäischen Kultur bzw. den Kulturen übereinstimmt) von Anfang an und mit zunehmender Intensität in immer neuen Krisen der Autophagie, Destabilisierung und Selbstzerstörung verstrickt. Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg sind für den Gelehrten von kultureller Faszination, denn sie weisen eine außergewöhnliche, beharrliche Ausarbeitung des Themas der Verzweiflung, der Dekadenz und des Nihilismus auf (und zwar exakt parallel zum zeitgleichen Aufkommen des positivistischen Lobes des Fortschritts, des elektrischen Lichts, der neuen „Annehmlichkeiten“). Die beiden Weltkriege – die zerstörerischsten Ereignisse, die in der Geschichte der Menschheit bis heute aufgezeichnet wurden – haben die Zeiger der Geschichtsuhr einfach um ein halbes Zifferblatt zurückgedreht: und seit den 1980er Jahren beginnt die gleiche Dynamik wie ein Jahrhundert zuvor zu entstehen.

Wir befinden uns in der zweiten Generation, die in einem Zustand der ständigen Krise geboren wird und aufwächst, in totaler Orientierungslosigkeit, Entwurzelung, Verflüssigung von Beziehungen, Zuneigungen, Identitäten und der Unfähigkeit, sich mit irgendeinem überindividuellen Prozess zu identifizieren, sei er historisch oder transzendent.

Dieser Zustand der sozialen und anthropologischen Degradierung wird ideologisch getarnt, indem jede Wunde in eine Prahlerei, jede Narbe in eine Dekoration verwandelt wird: Instabilität ist „Dynamik“, Entwurzelung ist „Freiheit“, Identitätsauflösung ist freudige „Fluidität“, usw. Der Schmerz des Lebens in den jüngeren Generationen, die traditionell eher zur Anfechtung und zum Protest bereit sind, wird durch die Verfügbarkeit eines ständig wachsenden Marktes standardisierter Unterhaltung unter Kontrolle gehalten, die dazu dient, den Geist von jeder dauerhaften Form des Selbstbewusstseins oder des allgemeinen Bewusstseins abzulenken. Was einst der Gin aus den unterirdischen Destillerien für die Arbeiter der industriellen Revolution war, wird heute in Form von Home-Entertainment auf einer Vielzahl von Bildschirmen angeboten. Auch das ist ein Fortschritt: Auf diese Weise bleibt die Arbeitskraft länger erhalten.

Indem wir uns selbst in einer überlegenen und fortschrittlichen Position verorten, erlaubt uns diese Sichtweise, alle Beschwerden von vornherein zu delegitimieren, da man sich per definitionem all die anderen Elenden an anderen Orten oder zu anderen Zeiten vor Augen führt, auch wenn man selbst schon im ersten Schuljahr Probleme hatte. Also hören Sie auf zu jammern und gehen Sie wieder an die Arbeit.

Diese allumfassende Vorstellung, in die wir bis in eine fast unergründliche Tiefe eintauchen, stellt eine Blase dar, jenseits derer wir uns nicht vorstellen können, dass es eine Welt gibt, die es wert ist, bewohnt zu werden (es gibt nur die Dunkelheit des „Dschungels“). Aus diesem Grund wird die Herausforderung, wenn zum ersten Mal seit zwei Jahrhunderten der Schatten von Konkurrenten am Horizont auftaucht, die sich nicht so leicht unterdrücken lassen, für diejenigen, die von dieser Vision beseelt sind, zu etwas absolutem, etwas existenziellem. Wir können nicht nachgeben, denn nachgeben würde bedeuten, einer Relativierung unserer Sichtweise den Weg zu ebnen, und das allein würde die Schleusen der unterdrückten Unzufriedenheit, des unter der Asche schwelenden Unbehagens, der Verzweiflung hinter tausenden Leuchtreklamen öffnen.

Daher ist dies ein besonders gefährlicher Moment: Der Westen, der seine ganze verbliebene psychologische Widerstandskraft aus seinem Bild der Überlegenheit bezieht, ist kulturell nicht in der Lage, sich eine andere Form des Lebens vorzustellen. Daher sind die Oligarchen, die nur die Vorteile der westlichen Lebensform sehen, bereit, jeden letzten Plebejer zu opfern, um nicht nachzugeben, um keine spontane Vegetation im „Garten“ wachsen zu lassen.

Schuldig durch Unterlassen: das Versagen der Journalisten

Unterlassene Hilfeleistung findet auch im Journalismus statt. So wie ein Mediziner oder ein Feuerwehrmann durch seine Ausbildung eine besondere moralische Verpflichtung zur Hilfeleistung hat, wenn Hilfe dringend benötigt wird, so haben auch Intellektuelle die Mittel und die Pflicht.

Und auch Journalisten machen sich schuldig – wobei die Schnittmenge zwischen Intellektuellen und Journalisten so gering wie wohl noch nie ist, was sowohl an der Aufblähung der Medienbranche liegt als auch am Mangel an autonomen Denkern. Ich trage diesen Gedanken schon lange mit mir herum:

Zu den Hauptschuldigen an den Toten in der Ukraine zählen für mich jene Journalisten, die alle Möglichkeiten hätten, die Realität zu erkennen — es aber unterlassen und lieber News-Propaganda betreiben im Interesse derer, zu denen sie so gerne gehören möchten …

Schuldig durch Unterlassung an den Tausenden Toten seit 2014 im Donbass. Schuldig an den zigtausend Toten heute im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Mitschuldig an dem Ungeheuerlichen, was noch kommen mag, weil sie es ermöglichten. Schuldig, indem sie bequeme Erklärungen aus den Baukästen der Einflussorganisationen verwenden – der Redaktionsschluss drängt! – anstatt intensiv zu recherchieren oder auch mal als gesichert geltende Überzeugungen zu hinterfragen.

Wer heute als einflussreicher Journalist gilt, zu dessen Stärken dürften Zweifel und Nachdenklichkeit eher nicht zählen. Die Bereitschaft, seine Sicht – die westliche Sicht – in Frage zu stellen und neugierig und unvoreingenommen das andere, fremde in der Welt zu ergründen und allen näher zu bringen, wurde dieser Profession über Jahrzehnte abgezüchtet. „Der Westen“ und all seine Errungenschaften erscheint ihnen gesetzt und ist nicht zu hinterfragen. Durch Unterlassung tragen sie Mitschuld an der Konstruktion von Feindbildern: durch Projektion der fahrlässig akzeptierten, scheinbaren Wahrheiten von ihren eigenen Hirnen und Herzen in die Hirne und Herzen ihrer Leser und Zuschauer.

Viele sind zu feige. Haben zu viele Kompromisse mit ihrem Gewissen gemacht, sich zu sehr gewöhnt an die vielen kleinen und großen Belohnungen für Wohlverhalten. Sind zu abhängig geworden von den Annehmlichkeiten, die ihnen die Anerkennung ihrer Relevanz, Bedeutung, Wichtigkeit liefert. Süchtig nach den Kicks der Aufmerksamkeit.

Die allermeisten sind aber wohl mittlerweile zu verblendet. Alles fällt leichter, wenn man selbst an das glaubt, was man verbreiten soll.

Milosz Matuschek ist einer, der sich nicht hat verblenden oder vereinnahmen lassen, der ausgestiegen ist. In seiner aktuellen Kolumne schreibt er:

»Es gäbe keinen Krieg ohne … willfährige Medien. …

Verwirrung der Orientation ist ein taktisches Kriegsmittel und wenn es nur darum ginge, muss man feststellen: Wir sind längst im Krieg und das nicht erst seit dem Russland-Ukraine-Konflikt. …

Die letzten Jahre lassen sich mit etwas Distanz unschwer als eine psychologische Massenkonditionierung auf Krieg deuten. Krieg beginnt nicht erst mit Kriegserklärungen oder dem ersten Schuss. Krieg beginnt mit dem Muster der Etablierung eines eindimensionalen Feindbilds sowie dessen permanenter Propagierung. Diese Aufgabe haben die Medien des Westens nur zu gerne übernommen. Der erste Schuss fiel demnach in den Redaktionen, wo bezeichnenderweise auch noch größtenteils Wehrdienstverweigerer sitzen dürften. Die ersten Patronen enthielten Tinte.«

Nord Stream 2 bietet Deutschland eine Verabredung mit dem Schicksal

Von Pepe Escobar | english on PressTV

Die Intrigen und Wechselfälle der Nord-Stream-2-Saga haben zu einer weiteren verblüffenden Wendung geführt.

Es begann damit, dass Gazprom enthüllte, dass die Leitung B von Nord Stream 2 (NS2) intakt ist. Sie ist nicht nur dem Pipeline-Terror entkommen, sondern kann „möglicherweise“ genutzt werden, um Gas nach Deutschland zu pumpen.

Das bestätigt einmal mehr, dass NS2 ein technisches Wunderwerk ist. Und zwar das ganze System: Die Rohre sind so stabil, dass sie nicht gebrochen, sondern nur durchstochen wurden.

Der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Nowak legte nach, mit dem Vorbehalt, dass die Wiederherstellung des gesamten Systems, einschließlich NS [NS1], möglich ist, aber „Zeit und entsprechende Mittel erfordert“. Aber zuerst müssen in Russlands Prioritätenliste die Täter eindeutig identifiziert werden.

Quellen in Moskau bestätigten Gazproms Einschätzung zu NS2. Sogar Bloomberg musste darüber berichten.

Beim OPEC+-Treffen in Wien erklärte Nowak, die Russische Föderation sei „bereit, Gas über die zweite Leitung von Nord Stream 2 zu liefern. Das ist möglich, wenn es erforderlich ist“.

Wir wissen also, dass es möglich ist. Ob „erforderlich“, wird von einer politischen Entscheidung Deutschlands abhängen.

Nowak wies auch scharf darauf hin, dass es weder Russland noch den Nord Stream-Betreibern erlaubt werde, den Pipeline-Terror zu untersuchen. Russland beharrt auf dem Standpunkt, dass die Untersuchung ohne seine Beteiligung unzulänglich ist.

Was auch immer der Modus Operandi des Pipeline-Terrors war, Inkompetenz war Teil dieses Pakets. An Strang B von NS2 wurden keine Sprengladungen angebracht bzw. zur Explosion gebracht.

Das bedeutet, dass er, wie Nowak sagte, praktisch betriebsbereit ist. Strang B kann 27,5 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr pumpen, was der Hälfte der Gesamtkapazität von NS entspricht.

Die Kapazität von NS war aufgrund der endlosen Turbinen-Saga auf 20% reduziert worden, bevor sie komplett abgeschaltet wurde. Entscheidend ist, dass der Strang B von NS2 immer noch das 2,75-fache der Kapazität der kürzlich eingeweihten Baltic Pipe von Norwegen über Dänemark nach Polen pumpen könnte. Anders als bei NS2, das mehrere EU-Kunden beliefert, profitiert allein Polen davon.

Die NATO untersucht die NATO

In einer rationalen Welt würde Berlin den Haufen russischer Sanktionen beiseite wischen und sofort den Start von NS2 anordnen, um den laufenden Prozess der De-Energisierung, De-Industrialisierung und schwerwiegenden sozioökonomischen Krise, den die üblichen Verdächtigen Deutschland auferlegt haben, zumindest abzumildern.

Aber der kollektive Westen bleibt versklavt von geopolitischen Psychopathen, die von Irrationalität geleitet sind. Es ist also unwahrscheinlich, dass dies geschieht.

So mutet die „Untersuchung“ der Umstände des Pipeline-Terrors an, als hätte die NATO etwas von Kafka umgeschrieben.

Die Betreiber von NS und NS2 – die Nord Stream AG und die in der Schweiz ansässige Nord Stream 2 AG – können den Tatort aufgrund absurder Beschränkungen durch die Dänen und Schweden nicht erreichen. Die Betreiber müssen nicht weniger als 20 Arbeitstage warten, bis sie die „Genehmigungen“ erhalten, um ihre eigenen Inspektionen durchzuführen.

Die Kopenhagener Polizei kümmert sich um den Tatort in der Nähe der dänischen ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), parallel zur schwedischen Küstenwacht in der schwedischen AWZ.

Dies erinnert an eine der skandinavischen Noir-Serien, die auf Netflix beliebt sind. Mit einer entscheidenden Pointe: Die NATO ermittelt gegen sich selbst – Schweden steht kurz vor dem Beitritt zur NATO – und die Russen sind nicht zugelassen. Alle wichtigen Arbeitshypothesen zum Pipeline-Terror deuten auf eine NATO-interne schmutzige Operation gegen das NATO-Mitglied Deutschland hin.

So können alle beunruhigenden Beweise, die auf NATO-Akteure hindeuten, während der langen 20 Tage, die nötig sind, um die „Genehmigungen“ zu erteilen, bequem „verschwinden“ oder manipuliert werden.

In der Zwischenzeit werden sich die Auswirkungen des Energiekriegs, den die USA Europa gegen Russland auferlegt haben, weiter summieren und die EU bis zu 1,6 Billionen Euro kosten, so ein Bericht von Yakov & Partners, der ehemaligen Abteilung von McKinsey in Russland.

Wenn die EU ohne NS2 auskommen muss und die Energiepreise auf dem Spotmarkt unaufhörlich steigen, könnte das BIP der EU um bis zu 11,5 % (1,7 Billionen Euro) sinken und etwa 16 Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen.

Der derzeitige hohe Stand der EU-Gasspeicher (90%) bedeutet nicht, dass genügend Gas für den Winter vorhanden ist. Die gesamte Gasspeich-Kapazität entspricht etwa dem Bedarf von 90 Tagen. Der EU könnte schon im März oder sogar noch früher das Gas ausgehen, wenn die Gaslieferungen weiterhin nur spärlich erfolgen.

Das bedeutet, dass die EU ihren Gasverbrauch insgesamt um mindestens 20% senken muss. Dabei darf man nicht vergessen, dass importiertes norwegisches oder amerikanisches Gas unverschämt viel teurer ist als russisches Gas mit festen Verträgen.

Die Rückkehr des Morgenthau-Plans

Der Sanktionswahn hört jedoch nicht auf. Nach Angaben des US-Finanzministeriums wird die G7 in drei weiteren Schritten russisches Rohöl, Diesel und Rohbenzin ins Visier nehmen. Sie bestehen nach wie vor auf einer Ölpreisobergrenze – an die sich weder Russland noch mehrere Abnehmer im Globalen Süden halten werden.

Das große Bild bleibt unverändert: Der Pipeline-Terror war ein verzweifelter Schachzug, um Deutschland davon abzuhalten, mit Russland eine Ausnahmeregelung für die Nord Streams zu vereinbaren.

Ein geheimer Verhandlungskanal war in Kraft. Es ist aufschlussreich, sich vor Augen zu führen, dass alle vorherigen Aktionen von Berlin und Moskau, die den Gasfluss verzögerten und einschränkten, durchgeführt wurden, um das Imperium davon abzuhalten, seine Drohung, NS2 zu beenden, wahr zu machen.

Dann machte das Imperium seinen Zug.

Aus Moskaus Sicht bedeutet dies allerdings keine Veränderung auf dem Großen Schachbrett. Während der Kreml die absolute Verzweiflung Washingtons ausnutzt, das größte außenpolitische Debakel seit Vietnam einzugestehen, verfolgen die Russen weiterhin die Ziele der Speziellen Militärischen Operation (SMO), die sich zu einer Anti-Terror-Operation (ATO) ausweiten wird.

So wie es aussieht, ist Moskau von den miteinander verwobenen Energie-, Brennstoff- und Ressourcenkrisen in Verbindung mit den immensen, weltweiten Unterbrechungen der Lieferketten nicht betroffen.

Die Russen sind im Wesentlichen nur staunende Zuschauer, die die Verlangsamung der Industrieproduktion in der Eurozone in Verbindung mit Kapitalabflüssen, dem Anstieg der Inflation und den kurz vor dem Ausbruch stehenden sozialen Protesten beobachten.

Von jetzt an bis zum G20-Gipfel nächsten Monat auf Bali besteht ein gefährliches Zeitfenster für irrationale imperiale Aktionen. Danach werden wir nicht nur auf den ukrainischen Schlachtfeldern, sondern vor allem in einer verzweifelten EU ein völlig anderes Spiel haben.

Der Morgenthau-Plan wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entworfen, um Deutschland durch die Zerstörung der Kohleminen im Ruhrgebiet buchstäblich auszuhungern. Er weist frappierende Parallelen auf zu dem von den amerikanischen Neokonservativen ausgeheckten, an Leo Strauss erinnernden Plan, Deutschland durch die Bombardierung von NS und NS2 vom russischen Erdgas abzuschneiden.

Der erste Morgenthau-Plan hätte die Deindustrialisierung Deutschlands zur Folge gehabt. Laut Klausel 3 sollte das gesamte Ruhrgebiet „nicht nur von allen bestehenden Industrien befreit, sondern so geschwächt und kontrolliert werden, dass es auf absehbare Zeit kein Industriegebiet werden kann.“

Das Ende Deutschlands als Industriestaat hätte laut Henry Stimson, dem US-Kriegsminister, zu einer massiven, dauerhaften Arbeitslosigkeit geführt, von der 30 Millionen Menschen betroffen gewesen wären. Morgenthau antwortete, dass die überschüssige Bevölkerung in Nordafrika abgeladen werden könnte.

Der US-Geheimdienst war sich der Annäherung zwischen Berlin und Moskau sehr wohl bewusst. Der Angriff auf NS und NS2 trägt die Handschrift eines von den Straußianern und Neocons überarbeiteten Morgenthau-Plans.

Aber vorbei ist es erst, wenn die dicke Lady singt. Kein Grund für Gotterdämmerung: Deutschland hat sein Schicksal vielleicht doch selbst in der Hand. Legt einfach den Schalter bei NS2 um.

Die Sabotage der Nord Stream Pipelines

Übernommen von Monkey Werx | Während ich hier sitze und mir den Kopf zerbreche, nachdem ich in der ersten SITREP-Sendung die Erkenntnisse zu diesem Thema diskutiert habe, bin ich dankbar, dass es auf der ganzen Welt viele Unterstützer der „Monkey Nation“ gibt und dass wir so viele „Verfolger“ haben, die das tun können, was ich tue. Wie heißt es so schön: „Gib einem Mann einen Fisch und er ernährt sich einen Tag lang, lehre einen Mann zu fischen und er ernährt sich ein Leben lang.“ In der Tat habe ich in den letzten zwei Jahren so vielen Enthusiasten auf der ganzen Welt beigebracht, wie man den Himmel über YouTube beobachtet, dass sie niemals damit aufhören könnten. Gott sei Dank ist das so. Außerdem werden die Tools zum Verfolgen immer besser und einfacher z.B. SkyGlass.

Okay, dann wollen wir mal sehen, was wir über dieses Thema wissen. In erster Linie ist alles, was ich gezeigt und entdeckt habe, Open Source das heißt, es ist für jeden auf der Welt verfügbar. Ich weiß nur zufällig, wo ich suchen muss und habe die Werkzeuge, die mir die Möglichkeit geben, die Daten zu finden.

Abgesehen davon haben auch die Russen diese Daten und es hat uns sicher nicht geholfen, dass Biden ihnen gesagt hat, wir würden die Pipeline zerstören, falls die Russen in die Ukraine einmarschieren. Wir haben Biden schon viele „Ausrutscher“ machen gesehen, also ist das keine Überraschung. Man sollte meinen, dass die Pappnasen wenigstens jemanden ins Spiel gebracht hätten, der zumindest die kognitiven Fähigkeiten hat, das Spiel mitzuspielen, aber das ist eindeutig nicht der Fall.

Hier sind ein paar Fakten über die Sabotage:

  1. Biden sagte, dass wir es tun würden
  2. Es geschah „über Nacht“ am 26. September
  3. Eine P8 der US Navy fliegt um 02:10 Uhr GMT von den Vereinigten Staaten zu einem Betankungspunkt über Grudziądz in Polen.
  4. Die beiden Flugzeuge, Rufzeichen N/A [not available = nicht verfügbar], und BART12 synchronisieren sich auf 26.400 Fuß [~8 km] für eine ausgedehnte Betankung über eine Stunde 20 Minuten und trennen die Verbindung um 03:28 Uhr GMT
  5. Die Luftbetankungsmaschine BART12 landet auf dem deutschen Luftwaffenstützpunkt Spangdahlem, und der Flugbericht wurde gelöscht.
  6. Die Navy P8 fliegt dann weiter zum Standort der Nord Stream Pipeline und sinkt um 03:45 Uhr GMT auf eine Höhe von unter 10.000 Fuß [~3 km]
  7. Die Navy P8 verlässt das Gebiet kurz vor 07:00 Uhr und ist während der gesamten Zeit das einzige Flugzeug über dem Gebiet
  8. Um 07:09 Uhr GMT kehrt die Navy P8 zurück in die Vereinigten Staaten. Hinweis: Der HexCode der US Navy P8 lautet AE6851 und ist nicht in der Flugzeugdatenbank aufgeführt. Außerdem flog das Flugzeug als „maskiert“, d.h. es wollte nicht verfolgt werden.
  9. Zur gleichen Zeit wurden in der Gegend Erschütterungen der Stärke 2,3 registriert.
  10. Am nächsten Morgen geben die NATO-Streitkräfte bekannt, dass über Nacht die Nord Stream 2 Pipeline sabotiert wurde.
  11. Ein polnischer Ministerialbeamter bedankt sich in einem Tweet bei den USA für die Ausschaltung der Pipeline [Monkey meint den ehemaligen polnischen Außenminister Radosław ‚Radek‘ Sikorski, der jetzt im EU-Parlament sitzt]
  12. Am 29. September präsentiert ein Sprecher der Russischen Föderation vor dem UN-Sicherheitsrat die bekannten Fakten und konfrontiert den Vertreter der Vereinigten Staaten mit einer direkten Ja/Nein-Frage: „Haben die Vereinigten Staaten die Nord Stream 2-Pipeline ausgeschaltet?“

Bis heute, es ist der 1. Oktober 2022, gibt es keine offizielle Stellungnahme der USA zu den Sabotageakten, obwohl Biden die übliche doppeldeutige Rhetorik an den Tag legt, und wie man so schön sagt: Die beste Verteidigung ist ein guter Angriff. Es gibt jedoch eine offizielle Mitteilung des Weißen Hauses vom Februar 2022, die besagt, dass die Vereinigten Staaten gemeinsam mit Deutschland weitere Maßnahmen ergreifen werden, um die Nord Stream Pipeline 2 zu beenden.

Betrachten wir die Flugdaten logisch … Die USA haben P8-Flugzeuge der Navy in Großbritannien stationiert. Warum also fliegt ein Flugzeug den ganzen Weg aus den USA und landet nicht in Großbritannien, um aufzutanken, sondern schließt sich für mehr als eine Stunde an ein anderes Tankflugzeug der US-Luftwaffe in Deutschland an? Könnte es sein, dass die neue britische Premierministerin solche Aktivitäten nicht duldet? Wir haben bereits gesehen, wie sie Nancy Pelosi beschimpft hat, von der wir wissen, dass sie ein Wackelkopf ist und nicht mit der Neuen Weltordnung übereinstimmt, und wir wissen, dass der neue britische Premierminister in der Tat im Auftrag des WEF handelt, welche Teil der NWO ist. Es ist klar, dass die Vereinigten Staaten aus einem bestimmten Grund nicht in Großbritannien oder anderswo landen wollten. Könnte es vielleicht sein, dass es mit externen Waffen bewaffnet war oder dass man nicht wollte, dass das Flugzeug in der Region registriert wird? Eine Landung würde einen Protokolleintrag nach sich ziehen, und auch wenn wir sehen, dass sie die Flugaufzeichnungsdaten gelöscht haben, ist das Flughafenprotokoll noch vorhanden.

Bei der Boeing P-8 Poseidon handelt es sich um ein Seefernaufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeug der United States Navy.

Wikipedia, de

Reden wir kurz über die Bewaffnung der P8. Die Navy P8 Poseiden hat elf externe Befestigungspunkte für Waffen sowie einen internen Bombenschacht. Eine besondere Waffe ist das High Altitude Anti-Submarine Warfare Weapon Capability (HAAWC) System. Bei HAAWC handelt es sich um ein Allwetter-Zusatzsystem, mit dem der Mk54-Torpedo in der Nähe oder unterhalb der Reiseflughöhe der P8 Poseidon abgeschossen werden kann.

Hinter der Tragfläche öffnet sich ein kurzer Bombenschacht für Torpedos und andere Ladung. Die P-8 soll mit dem High Altitude Anti-Submarine Warfare Weapon Capability (HAAWC) Air Launch Accessory (ALA) ausgestattet werden, das einen Mark 54-Torpedo in eine Gleitbombe verwandelt, die aus einer Höhe von bis zu 9.100 m (30.000 ft) abgeworfen werden kann.

Wikipedia, en

Der Mark 54 Lightweight Torpedo ist ein 12,75-Zoll (324 mm) Standardtorpedo zur U-Boot-Bekämpfung, der von der United States Navy eingesetzt wird.
Die P-8 Poseidon nutzt das GPS-gesteuerte Fallschirmsystem [HAAWWC], um Torpedos aus großer Höhe abzuwerfen

Wikipedia, en

Das bedeutet: Flugbahn und Flughöhe der P8 sind in der Tat geeignet, einen „Bombenangriff“ auf die Nord Stream 2 Pipeline durchzuführen. Schauen wir uns nun die Flugdaten an. Beachte, dass die letzte Flugroute kurz vor dem Verlassen des Gebietes direkt an der Pipeline entlang führt. Dort hätten sie die Bombe abwerfen und ihren Steigflug fortsetzen können, um das Gebiet zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zurückzukehren. Beachte auch den kleinen Buckel kurz vor dem Abflug (roter Pfeil). Das passt zu einer Waffenauslösung. Pitch down, erhöhte AoA, Waffenfreigabe, kleiner Buckel nach oben, dann ein Steigflug (die blaue Linie ist der Anflug desselben Fluges). Beachte auch die Flugbahn. Zunächst kreist die Maschine über dem Gebiet, dann sinkt sie ab und beginnt mit dem ersten Bombenabwurf, bevor sie bei einem letzten Bombenabwurf schnell nachjustiert, die Waffe auslöst und sofort wieder abhebt.

Ich bin kein Freund von Wetten, aber wenn es klingt wie eine Ente, geht und quakt wie eine Ente, dann, Leute, ist es sehr wahrscheinlich eine Ente. Okay, lasst uns über das Motiv sprechen: Warum sollten die Vereinigten Staaten diese Pipeline zerstören? Weil sie eine große Einnahmequelle für Russland ist und die bisherigen Sanktionen nicht gewirkt haben, sondern sich für die USA sogar als Rückschlag erwiesen haben. Beachte auch das Timing: Polen und Norwegen weihten nur wenige Tage nach der Sabotage eine neue Ostseepipeline ein und die EU hat ein Abkommen mit Israel geschlossen, so dass sie bei Gas und Öl nicht mehr auf Russland angewiesen sein wird. Wir haben einfach gewartet, bis alles abgesichert war, und sind dann losgezogen.

Zwischen Minute 10:10 und 19:40 stellt Monkey seine „die P-8 Poseidon war’s“-Hypothese vor.

Ich weiß, dass ich euch mit einer Flut von Informationen überschüttet habe, und ich überlasse es euch, auf der Grundlage dieser Informationen zu entscheiden. Eines ist sicher: In unserem derzeitigen Umfeld war das keine gute Entscheidung und könnte der Funke für dieses ganze Pulverfass sein. Deshalb wie immer: Bleibt frostig und haltet euer Pulver trocken.

Gott behüte,

Monkey out.

US-Nazis für den Export

In den letzten Monaten haben die Vereinigten Staaten immer mehr Waffen in die Ukraine gepumpt, um sicherzustellen, dass die akute Phase des Konflikts so lange wie möglich andauert. Wie es so schön heißt, „bis zum letzten Ukrainer“. Aber das ist bei weitem nicht der einzige und, aus strategischer Sicht, auch nicht der wichtigste amerikanische Export. Washington nährt seit Jahren Nazi-Bewegungen in der Ukraine und versorgt pflichtbewusst einheimische Nationalsozialisten, um ein „Neues Reich“ im Herzen Europas zu schaffen.

Es mag auf den ersten Blick schwer zu glauben sein, aber im Land von BLM und aggressiver Toleranz fühlen sich Nazis ziemlich wohl. So sind Organisationen wie die American Front und das National Socialist Movement (NSM), auch bekannt als amerikanische Nazi-Partei, seit Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten aktiv.

Webseite der National Socialist Movement USA

Die amerikanischen Nazis verstecken ihre Ansichten und Aktivitäten nicht, teilen aktiv Fotos, Videos sowie „pädagogische“ Literatur und sammeln Spenden von Gleichgesinnten.

Fotos vom NSM-Treffen in Phoenix, Arizona und Longview, Texas im Jahr 2021.

Auf den ersten Blick mag man die NSM als eine Randgruppe betrachten, die nur von wenigen beachtet wird. Sie hat keine Konten in den großen amerikanischen sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram, was nicht typisch für eine Organisation ist, die ihre Ideologie an die „Massen“ weitergeben will. Allerdings hat die Partei ihren eigenen Kanal auf Telergam, was ungewollt darauf hindeutet, dass amerikanische Nationalisten an einem „slawischen“ Publikum interessiert sind. Und hier beginnt der interessanteste Teil. Der Kanal selbst ist wenig interessant, aber er hat einen geschlossenen Chatroom, in dem Radikale aus der ganzen Welt, einschließlich der Ukraine, aktiv korrespondieren.

Ausschnitt aus der Liste der Teilnehmer im NSM-Chatroom auf Telegram

Es fällt auf, dass in den Listen des Chatrooms ziemlich viele ukrainische Staatsangehörige zu finden sind. Außerdem berichten viele Teilnehmer, darunter auch Amerikaner, offen über ihre Teilnahme an Feindseligkeiten auf Seiten der ukrainischen Nationalisten. Ich möchte betonen, dass es die Nationalisten sind, nicht die AFU! Wir sprechen vor allem über Asow und den Rechten Sektor. Der Chatroom unterstützt sogar die Rekrutierungskampagne des Regiments.

Nachricht im NSM-Chatroom über die Rekrutierung von Freiwilligen für das Asow-Regiment

Insgesamt spiegelt sich die Haltung dieser Nazi-Internationale zum Konflikt in der Ukraine recht aussagekräftig in einer Umfrage wider, die von Kanalverwalter Derek Von Doom durchgeführt wurde.


Die Umfrage auf dem NSM-Kanal fragte: „Wen unterstützt du im Russland-Ukraine-Krieg?“

Offensichtlich werden die Kiewer Behörden von den Radikalen weder respektiert noch unterstützt. Im Zusammenhang mit Selenskyj sind antisemitische Vorwürfe laut geworden. Im Gegenteil, die Nazis sehen die Ukraine als das „Neue Reich“, dessen Kern Asow bilden soll. Der „Führer“ sollte anscheinend A. Biletsky sein. Diese Idee wird von einem der aktivsten Teilnehmer im Chat geäußert.

Ausschnitt aus einer Nachricht von „Bone Face“ im NSM-Chatroom

Ich zitiere eben diese Nachricht nicht von ungefähr. Sein Autor ist jemand namens „Bone Face“ (Knochengesicht). Wahrscheinlich ist dies eine der Schlüsselfiguren der „US-Nazi-Landungstruppe“ in der Ukraine. Und das nicht nur im Moment. Hinter dem Pseudonym „Bone Face“ verbirgt sich der US-Bürger und erbliche Neofaschist Kent McLellan, der jetzt mit Asow in Mariupol ist. Aber der Reihe nach.

K. McLellan (2010)

Kent Ryan McLellan wurde am 22. April 1990 in St. Cloud, Florida, als Sohn des amerikanischen Neofaschisten Ken McLellan, Anführer der Rockband BRUTAL ATTACK, geboren. Unter dem Einfluss seines Vaters wandte er sich bereits im High-School-Alter der rechten Ideologie zu. Und schon in der High School war er Mitglied der rassistischen Organisation The American Front geworden.

Im Alter von 18 Jahren wurde er im September 2008 zum ersten Mal verhaftet, weil er rassistische Graffiti an eine Kirche und ein Restaurant in Crescent City gesprüht hatte [2012 wg. „paramilitärischen Trainings“ zu vier Jahren auf Bewährung verurteilt]. Im Jahr 2010 saß er wegen Vandalismus und Körperverletzung an Einwanderern im Gefängnis. Im Mai 2012 wurden McLellan und seine Mitstreiter von American Front vom FBI verhaftet, weil sie einen Terroranschlag gegen Minderheiten in Florida vorbereitet hatten.

K. McLellan (2010)

Von diesem Zeitpunkt an begann sich Kents Leben grundlegend zu verändern und er verwandelte sich nach und nach in eben jenes „Bone Face“ [Twitter-User @KentHate bis Ende 2014]. Zunächst begann er, wie die meisten Gleichgesinnten, sein Gesicht und seinen Körper mit Nazi- und Arier-Tattoos zu bedecken. Außerdem wurde der „junge und vielversprechende Mann“ offenbar von den Sicherheitsdiensten aufgegriffen und ihm eine wichtige Rolle im Sicherheitselement des Staatsstreichs in der Ukraine 2014 zugewiesen. Man könnte also sagen, dass McLellan von der Gefängnisbank direkt zum Maidan ging.

Die meisten Quellen deuten darauf hin, dass er sich 2014 dem Freiwilligenkorps des Rechten Sektors (PSVU) angeschlossen hat. Als Mitglied nahm Bone Face direkt an Gewaltaktionen teil und rekrutierte Freiwillige in den USA und anderen Ländern. Dann schloss er sich der Strafaktion im Donbass in den Reihen von Asow an. McLellans Aktivitäten zur Organisation einer gewaltsamen Machtübernahme in Kiew begannen jedoch bereits 2013 als Anführer der Söldnergruppe The Misanthropic Division. Sie organisierten ein Netzwerk von paramilitärischen faschistischen Gruppen, die Darknet-Ressourcen wie IronMarch nutzen. Das war übrigens im Dezember 2013. McLellan richtete einen Twitter-Account ein, ein beliebtes Koordinationsinstrument für Revolutionäre zu dieser Zeit.

Als Bone Face 2015 in die USA zurückkehrte, begab er sich wieder ins Gefängnis, um nach Kriminellen zu suchen, die bereit waren, in den Donbass zu ziehen. Kent wurde für die Anwerbungskampagne zu vier Jahren verurteilt, angeblich wegen Drogenhandels. Offenbar durfte er das Internet für sein vorbildliches Verhalten nutzen, denn im August 2016 schrieb McLellan auf ebendieser IronMarch-Website, dass er seine Zusammenarbeit mit dem PSVU bei der Rekrutierung von Ausländern fortsetzte, und höchstwahrscheinlich hat Bone Face seine Aufgabe, eine Neonazi-Gruppe auszubilden, bis Herbst 2021 abgeschlossen.

K. McLellan (2021)

Kurz zuvor, im Juli 2021, hatte das FBI ihn erneut ins Gefängnis geschickt. Aber dieses Mal offenbar für eine letzte Besprechung. Darüber, fast bis zur Unkenntlichkeit verändert, berichtete MacLellan in einem Telegram und sagte, dass er beabsichtige, in die Ukraine zu gehen, um „ein paar NowoRusser abzuschießen“.

Ausschnitt aus der Korrespondenz von K. McLellan im NSM-Chatraum

Meinen SBU-Quellen zufolge kam eine Gruppe von US-Söldnern im November 2021 in der Ukraine an und kehrte im Dezember in die USA zurück, um weitere Kräfte zu rekrutieren. Und bereits im Januar 2022 traten die ausländischen Neofaschisten schließlich in die Reihen von Asow ein. Offenbar sollten sie an der Donbass-Offensive teilnehmen, die für Ende Februar und Anfang März geplant war. Daraus ist nichts geworden.

K. McLellan gab seine Abreise in die Ukraine im Januar 2022 bekannt.

Derzeit kämpft Kent „Bone Face“ McLellan also wahrscheinlich irgendwo in den Weiten der Ukraine. Trotzdem ist der Neofaschist in fünf sozialen Netzwerken (VKontakte, Instagram, Twitter, Facebook und YouTube [Pinterest, Linkedin]) und natürlich in Telegram aktiv. Er gibt jedoch zu, dass sein YouTube-Kanal von Freunden aus Asow betrieben wird.

Einer der Administratoren von Bone Faces YouTube-Kanal

Bezeichnenderweise hat es keines der sozialen Netzwerke eilig, Seiten mit offenkundig nationalistischem und provokativem Inhalt, der Zurschaustellung von verbotenen Utensilien und Symbolen und der Aufstachelung zum Hass zu sperren.

Die Hauptthese, die McLellan in seiner gesamten Korrespondenz ständig wiederholt, lautet: Asow kämpft nicht für Selenskyj, die NATO oder die EU. Ihm zufolge ist Asow nicht mehr so sehr ein Regiment, sondern eine Idee für eine neonazistische „Wiedergeburt“ der Ukraine.

Ausschnitt aus der Korrespondenz von K. McLellan im NSM-Chatraum

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Dinge für die AFU-Söldner derzeit nicht so gut laufen. In seinen Nachrichten berichtet McLellan über den Mangel an Wasser und Munition und den Verrat des ukrainischen Kommandos und von Selenskyj persönlich.

Und vor kurzem hat er sich eine leichte Verletzung im Gesicht zugezogen.

Die Nachwirkungen der Verletzung von K. McLellan

Meine Kontakte in der Ukraine empfehlen dringend, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Kent McLellan zu fangen. Das wird extrem schwierig sein, denn sein Gefolge und er selbst werden wahrscheinlich nicht zulassen, dass er lebend gefangen genommen wird. Falls eine Gefangennahme jedoch glücken sollte, könnte er eine wichtige Informationsquelle und ein lebendiges Zeugnis für den Export des amerikanischen Nationalismus in die Ukraine werden.

Und ich werde die Abenteuer des tapferen „Bone Face“-Nazis weiterhin aufmerksam verfolgen.


UkrLeaks, 19. Mai 2022
Telegram russisch | englisch


Ist möglicherweise ein Bild von 1 Person, Militäruniform und außen
Facebook-Profilbild vom 25.04.2022
Kommentare zu obigem FB-Foto
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Facebook-Profilfoto vom 27.10.2021
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Twitter-Foto vom 9.12.2013, Zeitpunkt der Aufnahme dürfte noch länger her sein
Berufsbezeichnung auf dem Berufsnetzwerk Linkedin: Penetrationstester; Kenntnisse in Sachen Verletzlichkeit …

Die Putin-Doktrin: Russlands neue Außenpolitik

Russland: Putin befiehlt Entsendung von Truppen in die ...

Moskaus Konfrontation mit der NATO ist erst der Anfang

Dieser „Essay über die Zukunft der russischen Politik“ von Sergej Karaganov erschien zuerst am 16. Februar 2022 (hier) auf Russisch und am 23. Februar auf Englisch (RT, Archiv-Link).


Es scheint, als sei Russland in eine neue Ära seiner Außenpolitik eingetreten – eine ‚konstruk­tive Zerstörung‘, wie wir es nennen, des bisherigen Modells der Beziehungen zum Westen. Teile dieser neuen Denkweise haben sich in den letzten 15 Jahren abgezeichnet – angefangen mit Wladimir Putins berühmter Münchner Rede im Jahr 2007 – aber vieles wird erst jetzt deutlich. Gleichzeitig ist der allgemeine Trend in der russischen Politik und Rhetorik nach wie vor, dass man sich nur zögerlich um eine Integration in das westliche System bemüht und gleichzeitig eine verbissen defensive Haltung beibehält.

Konstruktive Zerstörung ist nicht aggressiv. Russland wird niemanden angreifen oder untermi­nieren. Es hat das einfach nicht nötig. Bisher hat die Außenwelt, rein geopolitisch gesehen, mittel­fristig immer günstigere Perspektiven für die Entwicklung des Landes geschaffen. Mit einer großen Ausnahme. Die Erweiterung der NATO und die formelle oder informelle Einbeziehung der Ukraine stellen ein Risiko für die Sicherheit des Landes dar, das Moskau einfach nicht akzeptieren wird.

Gegenwärtig ist der sogenannte Westen auf dem Weg zu einem langsamen, aber unvermeidlichen Verfall, sowohl innen- als auch außenpolitisch und sogar wirtschaftlich. Dieser Niedergang nach fast fünf Jahrhunderten der Dominanz in der Weltpolitik, Wirtschaft und Kultur und insbesondere nach dem scheinbar endgültigen Sieg in den 1990er und Mitte der 2000er Jahre ist der Hauptgrund dafür, dass der Westen einen neuen Kalten Krieg entfesselt hat. Meiner Einschätzung nach [1] wird er diesen wahrscheinlich verlieren und die Führungsrolle im globalen System abgeben. Dadurch wird er wahrscheinlich zu einem konstruktiveren Partner. Und das keinen Moment zu früh: Russ­land wird die Beziehungen zu einem freundlichen, aber zunehmend mächtigeren China ausgleichen müssen.

Zurzeit versucht der Westen verzweifelt, sich mit aggressiver Rhetorik dagegen zu wehren. Er ver­sucht, sich zu konsolidieren und seine letzten Trümpfe auszuspielen, um diesen Trend umzukehren. Einer davon ist der Versuch, die Ukraine zu benutzen, um Russland zu schaden und zu kastrieren. Es ist wichtig, diese krampfhaften Versuche nicht zu einer umfassenden Konfrontation eskalieren zu lassen und den USA und der NATO nicht zu erlauben, die derzeitige Politik fortzusetzen. Es ist für alle nachteilig und gefährlich, aber bisher relativ kostengünstig für die Initiatoren. Wir müssen den Westen erst noch davon überzeugen, dass er sich damit nur selbst schadet.

Ein weiterer Trumpf ist die institutionelle Dominanz des euro-atlantischen Sicherheitssystems, das zu einer Zeit geschaffen wurde, als Russland nach dem Kalten Krieg stark geschwächt war. Dieses System sollte allmählich abgeschafft werden, vor allem indem wir uns weigern, daran teilzunehmen und nach seinen veralteten Regeln zu spielen, die für uns von Natur aus nachteilig sind. Für Russ­land sollte die westliche Schiene gegenüber seiner eurasischen Diplomatie zweitrangig werden. Eine Integration in ‚Greater Eurasia‘ wäre unter der Voraussetzung konstruktiver Beziehungen zu den Ländern am westlichen Ende des Kontinents günstiger. Aber das System der Institutionen, das aus der Vergangenheit übrig geblieben ist, hindert uns daran, solche Beziehungen aufzubauen. Wir sind also nicht daran interessiert, sie zu bewahren.

Der entscheidende nächste Schritt zur Schaffung
eines neuen Systems (abgesehen von der Demontage des alten)
ist das ‚Sammeln der Länder‘. Nicht so sehr auf Wunsch Moskaus,
sondern aus der Notwendigkeit heraus.

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn uns mehr Zeit geblieben wäre, dies zu tun. Aber die Geschichte zeigt, dass es seit dem Zusammenbruch der UdSSR vor 30 Jahren nur wenige post­sowjetische Nationen geschafft haben, wirklich unabhängig zu werden. Und einige werden es aus verschiedenen Gründen vielleicht nie erreichen. Dies ist ein Thema für eine zukünftige Analyse. Im Moment kann ich nur auf das Offensichtliche hinweisen: die Mehrheit der lokalen Eliten hat keine historische, kulturelle Erfahrung mit dem Aufbau von Staaten. Sie hatten nie die Chance, eine Nation zu gründen. Als der gemeinsame intellektuelle und kulturelle Raum verschwand, traf dies die kleinen Länder am härtesten. Die neuen Möglichkeiten, Beziehungen zum Westen aufzubauen, erwiesen sich als kein Ersatz. Diejenigen, die sich an der Spitze dieser Länder wiederfanden, haben ihr Land zu ihrem eigenen Vorteil verkauft, weil es keine nationale Idee gab, für die es zu kämpfen galt.

Putin-Berater Sergej Karaganow
Putin-Berater Sergej Karaganow

Die meisten dieser Länder werden entweder dem Beispiel der baltischen Staaten folgen und sich von außen steuern lassen oder sie werden weiter außer Kontrolle geraten, was in einigen Fällen äußerst gefährlich sein kann. [„Die Somalisierung der Nachbarländer ist unannehmbar gefährlich.“ gemäß ÜS aus dem russ. Orig.; T.R.]

Die Frage ist: Wie kann man die Nationen auf die effizienteste und für Russland vorteilhafteste Art und Weise ‚vereinen‘ [„sammeln“], wenn man die zaristischen und sowjetischen Erfahrungen berücksichtigt, als die Einflusssphäre über jede vernünftige Grenze hinaus ausgedehnt und dann auf Kosten der russischen Kernbevölkerung zusammengehalten wurde?

Lassen Sie uns die Diskussion über die ‚Vereinigung‘, die uns die Geschichte aufzwingt, auf einen anderen Tag verschieben. Konzentrieren wir uns dieses Mal auf die objektive Notwendigkeit, eine harte Entscheidung zu treffen und die Politik der ‚konstruktiven Zerstörung‘ zu übernehmen. [„… die objektiv überfällige, aber auch schwierige Politik der ‚konstruktiven Zerstörung‘“.]

Die Meilensteine, die wir passiert haben

Wir erleben heute den Beginn der vierten Ära der russischen Außenpolitik. Die erste begann in den späten 1980er Jahren und war eine Zeit der Schwäche und der Illusionen. Die Nation hatte den Kampfeswillen verloren, die Menschen wollten glauben, dass die Demokratie und der Westen kom­men und sie retten würden [Vladislav Zubok. Der Westen wird uns helfen… // Russland in der Weltpolitik. 2021]. Das alles endete 1999 nach den ersten Wellen der NATO-Erwei­terung, die von den Russen als hinterhältiger Schachzug angesehen wurde, als der Westen das, was von Jugoslawien übrig geblieben war, auseinander riss. [„… als der Westen nach den ersten, als perfide empfundenen Erweiterungswellen der NATO so etwas wie eine Gruppenvergewaltigung der Überreste Jugoslawiens durchführte.“]

Dann begann Russland, sich von seinen Knien zu erheben und sich wieder aufzubauen, heimlich und im Verborgenen, während es freundlich und demütig wirkte. Der Rückzug der USA aus dem ABM-Vertrag signalisierte ihre Absicht, ihre strategische Vorherrschaft wiederzuerlangen, so dass das immer noch zerrüttete Russland eine verhängnisvolle Entscheidung traf, Waffensysteme zu ent­wickeln, um die amerikanischen Bestrebungen herauszufordern. Die Münchner Rede, der Georgien­krieg und die Armeereform, die inmitten einer weltweiten Wirtschaftskrise stattfanden, die das Ende des westlichen liberalen globalistischen Imperialismus (ein Begriff, der von einem prominenten Experten für internationale Angelegenheiten, Richard Sakwa, geprägt wurde) bedeutete, markierten das neue Ziel der russischen Außenpolitik – wieder eine führende Weltmacht zu werden, die ihre Souveränität und Interessen verteidigen kann. Es folgten die Ereignisse auf der Krim, in Syrien, die militärische Aufrüstung und die Verhinderung der Einmischung des Westens in die inneren Angele­genheiten Russlands, die Entfernung derjenigen aus dem öffentlichen Dienst, die sich zum Nachteil ihres Heimatlandes mit dem Westen verbündet hatten, auch durch eine meisterhafte Nutzung der Reaktion des Westens auf diese Entwicklungen. Da die Spannungen weiter zunehmen, wird es immer weniger lukrativ, zum Westen aufzuschauen und dort Vermögenswerte zu halten.

Der spektakuläre Aufstieg Chinas und die De-facto-Allianz mit Peking ab den 2010er Jahren, die Hinwendung zum Osten und die multidimensionale Krise, die den Westen erfasst hat, haben zu einer großen Verschiebung des politischen und geoökonomischen Gleichgewichts zu Gunsten Russ­lands geführt. Dies ist besonders in Europa zu beobachten: Noch vor einem Jahrzehnt sah die EU in Russland einen rückständigen und schwachen Rand des Kontinents, der sich mit den Großmächten messen wollte. Jetzt versucht sie verzweifelt, sich an die geopolitische und geoökonomische Unab­hängigkeit zu klammern, die ihr durch die Finger rinnt.

Die Zeit des „Zurück zu alter Größe“ endete etwa 2017 bis 2018. Danach erreichte Russland ein Plateau. Die Modernisierung ging weiter, aber die schwache Wirtschaft drohte die Errungenschaften zunichte zu machen. Die Menschen (mich eingeschlossen) waren frustriert und befürchteten, dass Russland wieder einmal „die Niederlage aus dem Rachen des Sieges reißen würde“. Aber es stellte sich heraus, dass es sich um eine weitere Aufrüstungsphase handelte, vor allem im Hinblick auf die Verteidigungsfähigkeit.

Russland hat sich einen Vorsprung
von einem Jahrzehnt relativer strategischer Unverwundbarkeit
verschafft und wird in der Lage sein, im Falle von Konflikten
in den Regionen seiner Interessensphäre
„in einem Eskalationsszenario zu dominieren“.

Das Ultimatum, das Russland Ende 2021 an die USA und die NATO stellte und in dem es sie auf­forderte, den Ausbau der militärischen Infrastruktur in der Nähe der russischen Grenzen und die Expansion nach Osten einzustellen, markierte den Beginn der „konstruktiven Zerstörung“. Die Auf­gabe besteht nicht nur darin, die erlahmende, wenn auch äußerst gefährliche Trägheit der geostra­tegischen Offensive des Westens zu stoppen, sondern ernsthaft damit zu beginnen, die Grundlagen für eine Veränderung der Beziehungen zu schaffen, die sich von dem unterscheiden, was sich in den 1990er Jahren zwischen Russland und dem Westen entwickelt hatte.

Russlands militärische Stärke, ein zurückkehrendes Gefühl moralischer Rechtschaffenheit, die Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit und eine enge Allianz mit China lassen hoffen, dass der Westen, der die Rolle des Gegners gewählt hat, zur Vernunft kommt, wenn auch unter unvermeid­lichem Zögern. Dann, so hoffe ich, wird in einem Jahrzehnt oder früher ein neues System der inter­nationalen Sicherheit und Zusammenarbeit entstehen, das diesmal den gesamten Großraum Eurasi­en einbezieht und auf den Grundsätzen der UNO und des Völkerrechts beruht und nicht auf den ein­seitigen „Regeln“, die der Westen der Welt in den letzten Jahrzehnten aufzwingen wollte.

Die Fehler korrigieren

Bevor ich fortfahre, lassen Sie mich sagen, dass ich die russische Diplomatie sehr schätze – sie war in den letzten 25 Jahren absolut brillant. Moskau hatte ein schwaches Blatt in der Hand, aber es hat trotzdem ein großartiges Spiel gespielt. Zunächst vermied es, „fertiggemacht“ zu werden, wahrte seine formale Position als großes Land im UN-Sicherheitsrat und behielt sein Atomwaffenarsenal. Dann verbesserte es schrittweise sein globales Ansehen, indem es die Schwächen seiner Rivalen und die Stärken seiner Partner nutzte. Der Aufbau einer starken Freundschaft mit China war ein großer Erfolg. Russland hat einige geopolitische Vorteile, die die Sowjetunion nicht hatte. Es sei denn, es geht auf das Streben zurück, eine globale Supermacht zu werden, was die UdSSR schließ­lich ruinierte.

Allerdings sollten wir die Fehler, die wir gemacht haben, nicht vergessen, damit wir sie nicht wie­derholen. Es waren unsere Faulheit, geistige Trägheit und bürokratische Schwerfälligkeit, die dazu beigetragen haben, das derzeitige ungerechte und instabile System der europäischen Sicherheit, das wir heute haben, zu schaffen und über Wasser zu halten.

Die wohlklingende Pariser Charta für ein neues Europa, die 1990 unterzeichnet wurde, enthielt eine Klausel über die Assoziationsfreiheit – die Länder konnten sich ihre Verbündeten aussuchen, was in der Helsinki-Akte von 1975 undenkbar war. Da der Warschauer Pakt zu diesem Zeitpunkt auf dem Zahnfleisch ging, bedeutete dies Freiheit für die Erweiterung der NATO. Auf dieses Dokument wird immer noch Bezug genommen, auch in unserem Land. Aber zumindest 1990 konnte der Nordatlan­tikblock als Verteidigungsbündnis betrachtet werden. Seitdem haben die Allianz und die meisten ihrer Mitglieder eine Reihe aggressiver Militäraktionen durchgeführt – gegen die Überreste Jugo­slawiens, gegen den Irak, gegen Libyen.

Boris Jelzin unterzeichnete 1993 nach herzlichen Gesprächen mit Lech Walesa ein Dokument, in dem „Russlands Verständnis für Polens Pläne, der NATO beizutreten“, festgehalten wurde. Als Andrej Kosyrew, der damalige russische Außenminister, 1994 von den Erweiterungsplänen der NATO erfuhr, begann er im Namen Russlands zu verhandeln, ohne den Präsidenten zu konsultieren. Die andere Seite nahm dies als Zeichen dafür, dass Russland mit dem allgemeinen Konzept einver­standen war, da es versuchte, akzeptable Bedingungen auszuhandeln. 1995 trat Moskau auf die Bremse, aber zu spät – der Damm war gebrochen und diejenigen im Westen, die an der Zweck­mäßigkeit der Erweiterung zweifelten, wurden zurückgedrängt.

1997, in einer Situation verzweifelter wirtschaftlicher Schwäche und Abhängigkeit vom Westen, stimmte Russland der Unterzeichnung der NATO-Russland-Grundakte zu. Moskau konnte dem Westen einige Zugeständnisse abringen, wie die Zusage, keine großen Militärkontingente in den neuen Mitgliedsstaaten der Allianz zu stationieren. Gegen diese Verpflichtung hat die NATO konse­quent verstoßen. Eine weitere Vereinbarung war, diese Gebiete frei von Atomwaffen zu halten. Das lag jedoch ohnehin nicht im Interesse der Vereinigten Staaten, die sich (gegen den Willen ihrer Ver­bündeten) seit langem bemühten, sich so weit wie möglich von einem potenziellen Atomkonflikt in Europa fernzuhalten, der fast unweigerlich einen Atomschlag gegen die Vereinigten Staaten zur Folge hätte. De facto legitimierte das Dokument die Expansion der NATO.

Es gab noch weitere Fehler, die zwar nicht so groß, aber dennoch ziemlich schmerzhaft waren. Russland beteiligte sich an dem Programm Partnerschaft für den Frieden, dessen Hauptzweck darin bestand, den Anschein zu erwecken, die NATO sei bereit, auf Moskau zu hören. Doch in Wirklich­keit nutzte die Allianz das Projekt, um ihre Existenz und weitere Expansion zu rechtfertigen. Ein weiterer frustrierender Fehltritt wurde später gemacht, als Russland nach der NATO-Aggression gegen Jugoslawien dem NATO-Russland-Rat mit einem fabelhaft unsinnigen Themenkatalog bei­trat. Das einzige Thema, das hätte diskutiert werden sollen – die Eindämmung der Expansion der Allianz und des Aufbaus ihrer militärischen Infrastruktur in der Nähe der russischen Grenzen – stand nicht auf der Tagesordnung. Die Arbeit des Rates wurde auch nach der Aggression der meis­ten Mitgliedsstaaten gegen den Irak und sogar gegen Libyen im Jahr 2011 fortgesetzt.

Es ist sehr bedauerlich, dass wir uns nie getraut haben, es offen auszusprechen – die NATO war zu einem Aggressor geworden, der zahlreiche Kriegsverbrechen begangen hat. Das wäre eine ernüch­ternde Dusche für verschiedene politische Kreise in Europa gewesen, wie z.B. in Finnland und Schweden, wo einige über die Vorteile eines Beitritts zur Organisation nachdenken. Und all die anderen mit ihrem Mantra, dass die NATO ein Verteidigungs- und Abschreckungsbündnis ist, das weiter gefestigt werden muss, damit es gegen imaginäre Feinde bestehen kann.

Ich verstehe diejenigen im Westen, die sich an das bestehende System gewöhnt haben, welches es den Amerikanern erlaubt, sich den Gehorsam ihrer Juniorpartner zu erkaufen – und das nicht nur im militärischen Bereich –, während letztere bei den Sicherheitsausgaben sparen können durch Verkauf eines Teils ihrer Souveränität. Aber wozu brauchen wir dieses System? Vor allem jetzt, da es offen­sichtlich geworden ist, dass es Konfrontationen an unseren westlichen Grenzen und in der ganzen Welt hervorruft und eskaliert.

Die NATO lebt von der erzwungenen Konfrontation;
und je länger die Organisation besteht,
desto schlimmer wird diese Konfrontation sein.

Der Block ist auch für seine Mitglieder eine Bedrohung. Indem er Konfrontationen provoziert, garantiert er (nicht wirklich) Schutz. Behauptungen, dass Artikel 5 des Nordatlantikvertrags eine kollektive Verteidigung im Falle eines Angriffs vorsieht, sind unzutreffend. Dieser Artikel sagt nicht, dass dies automatisch garantiert ist. Es gibt darin keine automatischen Garantien. Ich kenne die Geschichte des Blocks und die US-Debatte um seine Gründung und kann mit nahezu 100-pro­zentiger Sicherheit sagen, dass die Vereinigten Staaten unter keinen Umständen Atomwaffen ein­setzen würden, um ihre Verbündeten in einem Konflikt mit einer Atommacht zu „schützen“.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ist überholt. Sie wird von der NATO und der EU dominiert, welche die Organisation nutzen, um die Konfrontation in die Länge zu ziehen und die politischen Werte und Normen des Westens allen anderen aufzuzwingen. Glücklicherweise wird diese Politik immer weniger wirksam. Mitte der 2010er Jahre hatte ich die Gelegenheit, in der pathosbeladenen Gruppe der „Weisen“ bei der OSZE zu arbeiten, die der Orga­nisation ein neues Mandat geben sollte. Und wenn ich schon vorher meine Zweifel an der Effekti­vität der OSZE hatte, so hat mich diese Erfahrung davon überzeugt, dass sie eine äußerst destruk­tive Institution ist. Sie ist eine antiquierte Organisation mit der Aufgabe, Dinge zu bewahren, die veraltet sind. In den 1990er Jahren diente sie als Instrument, um jeden Versuch Russlands oder anderer zu begraben, ein gemeinsames europäisches Sicherheitssystem zu schaffen; in den 2000er Jahren hat der so genannte Korfu-Prozess die neue russische Sicherheitsinitiative zum Erliegen gebracht.

Praktisch alle UN-Institutionen wurden aus dem Kontinent verdrängt, einschließlich der UN-Wirt­schaftskommission für Europa, ihres Menschenrechtsrates und des Sicherheitsrates. Einst galt die OSZE als nützliche Organisation, die das UN-System und die Prinzipien auf einem wichtigen Sub­kontinent fördern würde. Das hat sich nicht bewahrheitet.

Die Linie zur NATO ist für mich klar: Wir müssen die moralische und politische Delegitimierung des Blocks betreiben und die institutionelle Partnerschaft aufgeben, da sie sich als kontraproduktiv erwiesen hat. Nur das Militär sollte weiterhin kommunizieren, aber als Hilfskanal, der den Dialog mit dem Verteidigungsministerium und den Verteidigungsministerien der führenden europäischen Nationen ergänzt. Alle wichtigen Entscheidungen im militärischen Bereich werden ohnehin nicht in Brüssel getroffen.

Eine ähnliche Politik sollte auch in Bezug auf die OSZE verfolgt werden. Doch es gibt einen Unter­schied, denn obwohl es sich um eine zerstörerische Organisation handelt, hat sie nie Kriege, Desta­bilisierung oder Morde initiiert. Wir müssen also unser Engagement in diesem Format auf ein Mini­mum beschränken. Manche sagen, dass dies der einzige Rahmen ist, in dem der russische Außen­minister die Möglichkeit hat, seine Amtskollegen zu treffen. Gespräche auf bilateraler Basis sind ohnehin viel effektiver als solche Zusammenkünfte, bei denen Blockdisziplin herrscht. Beobachter und Friedensstifter wären viel effektiver, wenn sie über das UN-System entsandt würden. Die Ent­sendung von Beobachtern und Friedenstruppen durch die UNO wäre ebenfalls sehr viel sinnvoller.

Das begrenzte Format des Artikels erlaubt es nicht, auf die Politik gegenüber anderen europäischen Organisationen – der EU, dem Europarat – einzugehen. Aber der allgemeine Ansatz könnte derselbe sein: Wir gehen dort Partnerschaften ein, wo wir Vorteile für uns sehen, und halten uns ansonsten zurück.

Dreißig Jahre Erfahrung haben überzeugend bewiesen, dass die Beibehaltung des derzeitigen Sys­tems der Institutionen in Europa schädlich wäre. Russland profitiert in keiner Weise von Europas Neigung, Konfrontationen zu schüren und zu eskalieren oder gar eine militärische Bedrohung für den Subkontinent und die ganze Welt darzustellen. Früher konnten wir davon träumen, dass Europa uns bei der Stärkung der Sicherheit sowie bei der politischen und wirtschaftlichen Modernisierung helfen würde. Stattdessen untergraben sie die Sicherheit. Warum also sollten wir das dysfunktionale und sich verschlechternde politische System des Westens kopieren? Brauchen wir wirklich diese neuesten Werte, die sie übernommen haben?

Wir müssen die Expansion begrenzen, indem wir uns weigern, innerhalb eines erodierenden Sys­tems zu kooperieren. Wir setzen darauf, dass eine harte Opposition und das Schmorenlassen im eigenen Saft die Elite unserer westlichen Nachbarn in der Zivilisation zu einer weniger selbst­mörderischen und gefährlichen Politik für andere führen wird. Natürlich müssen wir klugerweise aus diesem Beziehungssystem aussteigen, um so seine Selbstzerstörung zu beschleunigen, während wir Sorge dafür tragen, dass die unvermeidlichen Kollateralschaden, die das scheiternde System unweigerlich verursachen wird, für uns möglichst gering gehalten werden. Aber es in seiner jetzigen Form beizubehalten wäre einfach gefährlich.

Politiken für das Russland von morgen

Während die bestehende globale Ordnung weiter zerbröckelt, ist es für Russland nur scheinbar am klügsten zu sein, die Situation so lange wie möglich auszusitzen, sich hinter den Mauern seiner „neo-isolationistischen Festung“ zu verschanzen und sich um die inneren Angelegenheiten zu küm­mern. Aber dieses Mal verlangt die Geschichte, dass wir handeln. Viele meiner Vorschläge für den außenpolitischen Ansatz, den ich vorläufig ‚konstruktive Zerstörung‘ genannt habe, ergeben sich natürlich aus der oben dargestellten Analyse.

Es gibt keinen Grund, sich einzumischen oder zu versuchen, die innere Dynamik des Westens zu beeinflussen, dessen Eliten in ihrer Verzweiflung einen neuen Kalten Krieg gegen Russland entfes­selt haben. Stattdessen sollten wir verschiedene außenpolitische Instrumente – auch militärische – einsetzen, um bestimmte rote Linien festzulegen. Während das westliche System weiter auf den moralischen, politischen und wirtschaftlichen Niedergang zusteuert, werden die nicht-westlichen Mächte (mit Russland als Hauptakteur) unweigerlich ihre geopolitischen, geoökonomischen und geoideologischen Positionen stärken.

[Ab „Stattdessen sollten wir …“ übersetzt DeepL aus dem russischen Originaltext: „Es ist notwen­dig, ihnen eine Grenze zu setzen, auch mit militärischen und, wenn nötig, sogar militärisch-tech­nischen Mitteln, um ihnen die Möglichkeit zu geben, die Tendenzen des moralischen, politischen und wirtschaftlichen Verfalls des westlichen Systems zu verstärken.“]

Unsere westlichen Partner versuchen vorhersehbar, Russlands Forderungen nach Sicherheitsgaran­tien zu unterdrücken und den laufenden diplomatischen Prozess auszunutzen, um die Lebensdauer ihrer Strukturen zu verlängern. Gespräche und Kooperationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Bildung und Gesundheit, wo sie von Nutzen sind, sollten nicht aufgegeben werden. Aber wir müssen die Zeit, die wir haben, auch nutzen, um parallel dazu den militärisch-politischen, psy­chologischen und sogar militärisch-technischen Druck zu erhöhen – nicht so sehr auf die Ukraine, deren Bevölkerung zu Kanonenfutter für einen neuen Kalten Krieg gemacht wurde, sondern auf den kollektiven Westen, um ihn zum Umdenken und zur Abkehr von der Politik der letzten Jahrzehnte zu zwingen. Es gibt keinen Grund, eine Eskalation der Konfrontation zu befürchten. Die Situation eskalierte schon, als wir noch versuchten, den Westen zu beschwichtigen. Aber es ist notwendig, auf die unvermeidliche Verschärfung des Widerstands vorbereitet zu sein und eine langfristige Alter­native anzubieten – eine neue Politik des Friedens und der Zusammenarbeit..

Der Westen kann versuchen,
uns mit zerstörerischen Sanktionen einzuschüchtern –
aber wir sind auch in der Lage, den Westen
mit unserer eigenen Drohung einer asymmetrischen Antwort
abzuschrecken, welche die westlichen Volkswirtschaften lahmlegen
und ganze Gesellschaften zerrütten würde.

Natürlich ist es sinnvoll, unsere Partner immer wieder daran zu erinnern, dass es eine für beide Seiten vorteilhafte Alternative zu all dem gibt.

Wenn Russland eine vernünftige, aber durchsetzungsfähige Politik betreibt (auch im eigenen Land), wird es die jüngste Welle westlicher Feindseligkeit erfolgreich (und relativ friedlich) überwinden. Wie ich bereits geschrieben habe, haben wir gute Chancen, diesen Kalten Krieg zu gewinnen.

Auch unsere eigene historische Erfahrung stimmt uns optimistisch: Mehr als einmal ist es uns gelungen, imperiale Ambitionen zum Wohle von uns selbst und der gesamten Menschheit zu zähmen und ihre Träger zu relativ vegetarischen und bequemen Nachbarn zu machen – Schweden nach Poltawa, Frankreich nach Borodino, Deutschland nach Stalingrad und Berlin.

Einen Slogan für die neue russische Politik gegenüber dem Westen finden wir in einem Vers aus Alexander Bloks Die Skythen, einem brillanten Gedicht, das heute besonders aktuell erscheint: „Kommet doch zu uns! Lasst den Krieg und den Kriegsalarm hinter euch, / Und ergreift die Hand des Friedens und der Freundschaft. / Solange noch Zeit ist, Kameraden, legt das Schwert nieder! / Vereinigen wir uns in wahrer Brüderlichkeit!“

Während wir versuchen, unsere Beziehungen zum Westen zu heilen (auch wenn das eine bittere Medizin erfordert), müssen wir uns daran erinnern, dass der westlichen Welt, obwohl sie uns kultu­rell nahe steht, die Zeit davonläuft – tatsächlich ist sie das seit zwei Jahrzehnten. Dort gilt es, den Schaden zu begrenzen und zu kooperieren, wo es möglich ist. Die wahren Perspektiven und Heraus­forderungen der Gegenwart und Zukunft liegen im Osten und im Süden. Die Verfolgung einer här­teren Linie gegenüber den westlichen Nationen darf Russland nicht davon abhalten, seine Aus­richtung nach Osten beizubehalten. Und wir haben gesehen, dass sich dieser Schwenk in den letzten zwei oder drei Jahren verlangsamt hat, insbesondere wenn es um die Erschließung von Gebieten jenseits des Uralgebirges geht.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Ukraine zu einer Sicherheitsbedrohung für Russland wird. Aller­dings wäre es kontraproduktiv, zu viele administrative und politische (ganz zu schweigen von wirt­schaftlichen) Ressourcen darauf zu verwenden. Russland muss lernen, diese instabile Situation aktiv zu managen und in Grenzen zu halten. Der größte Teil der Ukraine ist von seiner eigenen anti­nationalen Elite kastriert, vom Westen korrumpiert und vom Bazillus des militanten Nationalismus infiziert.

Es ist viel effektiver, in den Osten zu investieren, in die Entwicklung Sibiriens. Indem wir günstige Arbeits- und Lebensbedingungen schaffen, werden wir nicht nur russische Bürger anziehen, son­dern auch Menschen aus den anderen Teilen des ehemaligen russischen Reiches, einschließlich der Ukrainer. Letztere haben in der Vergangenheit einen großen Beitrag zur Entwicklung Sibiriens geleistet.

Lassen Sie mich wiederholen, was ich in anderen Artikeln geschrieben habe: Es war die Einver­leibung Sibiriens unter Iwan dem Schrecklichen, die Russland zu einer Großmacht gemacht hat, nicht der Beitritt der Ukraine unter Aleksey Mikhaylovich, der unter dem Beinamen ‚der Fried­lichste‘ bekannt ist. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Zbigniew Brzezinskis unaufrichtige – und so auffallend polnische – Behauptung zu wiederholen, Russland könne ohne die Ukraine keine Großmacht sein. Das Gegenteil kommt der Wahrheit viel näher: Russland kann keine Großmacht sein mit einem zunehmend unerträglichen ukrainischen Klotz am Bein, der von Lenin geschaffen und unter Stalin auf den Westen ausgedehnt wurde.

Der vielversprechendste Weg für Russland liegt in der Entwicklung und Stärkung der Beziehungen zu China. Dies wird die Chancen für beide Länder vervielfachen. Wenn der Westen seine erbittert feindselige Politik fortsetzt, wäre es nicht unvernünftig, ein zeitlich begrenztes fünfjähriges Vertei­digungsbündnis mit China in Betracht zu ziehen. Natürlich sollte man sich auch vor einem mög­lichen chinesischen „Schwindel“ und einer Rückkehr zu der mittelalterlichen Politik des Reichs der Mitte hüten, die dazu neigt, seine Nachbarn zu Vasallen zu machen. Wir müssen Peking so gut wie möglich helfen, um zu verhindern, dass es den Kalten Krieg, der gegen es geführt wird, auch nur vorübergehend verliert. Eine solche Niederlage würde uns ebenfalls schwächen. Außerdem wissen nun nur zu gut, in was sich der Westen verwandelt, wenn er glaubt zu gewinnen. Wir müssen seinen Kater vom Rausch der Erfolge der 1990er Jahre mit harten Maßnahmen kurieren.

Eine ostorientierte Politik darf sich natürlich nicht ausschließlich auf China konzentrieren. Sowohl die östliche als auch die südliche Welt befinden sich politisch, wirtschaftlich und kulturell auf dem Vormarsch – auch dadurch, dass wir die militärische Überlegenheit des Westens untergraben, auf der seine Hegemonie in den letzten fünf Jahrhunderten beruhte.

Wenn es an der Zeit ist, ein neues europäisches Sicherheitssystem zu schaffen, welches das gefähr­lich verfallene bestehende System ersetzt, muss dies im Rahmen eines größeren eurasischen Pro­jekts geschehen. Aus dem alten euro-atlantischen System kann nichts mehr von Wert geschaffen werden.

Es versteht sich von selbst, dass eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg die Entwicklung und Modernisierung des wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Potenzials des Lan­des ist – eine Voraussetzung für die Sicherung seiner militärischen Macht, die nach wie vor die wichtigste Säule der Sicherheit und Souveränität jeder Nation darstellt. Russland kann nicht erfolg­reich sein, ohne die Lebensqualität für die Mehrheit seiner Bevölkerung zu verbessern: Dazu gehö­ren der allgemeine Wohlstand, Gesundheitswesen, Bildung und Umwelt.

Die Einschränkung der politischen Freiheiten, die bei einer Konfrontation mit dem kollektiven Wes­ten unvermeidlich ist, darf sich auf keinen Fall auf den intellektuellen Bereich ausdehnen. Selbst dann, wenn dies nicht leicht fällt. Für den talentierten, kreativ denkenden Teil der Bevölkerung, der bereit ist, seinem Land zu dienen, müssen wir so viel geistige Freiheit wie möglich bewahren. Wis­senschaftliche Entwicklung durch ‚Scharaschkas‘ (Forschungs- und Entwicklungslabors, die im Rahmen des sowjetischen Arbeitslagersystems betrieben wurden) ist kein Model, das in der moder­nen Welt funktionieren würde. Freiheit fördert die Talente des russischen Volkes, und Erfindungs­reichtum liegt uns im Blut. Selbst in der Außenpolitik bietet unsere derzeitige Freiheit von ideolo­gischen Fesseln wichtige Vorteile gegenüber unseren engstirnigeren Nachbarn. Und die historische Erfahrung lehrt uns, dass die brutale Einschränkung der Gedankenfreiheit, die das kommunistische Regime seinem Volk auferlegte, die Sowjetunion in den Ruin geführt hat. Die Bewahrung der per­sönlichen Freiheit ist eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung und Aufwärtsbewegung jeder Nation.

Wenn wir uns als Gesellschaft entwickeln und siegen wollen, brauchen wir unbedingt einen geisti­gen Kern – eine nationale Idee, eine Ideologie, die uns eint und uns den Weg nach vorne weist. Es ist eine grundlegende Wahrheit, dass große Nationen ohne eine solche Idee in ihrem Kern nicht wirklich groß sein können. Dies ist ein Teil der Tragödie, die uns in den 1970er und 1980er Jahren widerfahren ist. Es ist zu hoffen, dass der Widerstand der herrschenden Eliten gegen den Vormarsch einer neuen Ideologie, die ihre Wurzeln in den Schmerzen der kommunistischen Ära hat, allmählich nachlässt. Die Rede von Wladimir Putin auf der Jahrestagung des Valdai-Clubs im Oktober 2021 war in dieser Hinsicht ein starkes, beruhigendes Signal.

Wie die immer größer werdende Zahl russischer Philosophen und Autoren habe auch ich meine eigene Vision der ‚russischen Idee'[3] dargelegt. (Ich entschuldige mich dafür, dass ich wieder auf meine eigenen Veröffentlichungen verweisen muss – das ist ein unvermeidlicher Nebeneffekt, wenn man sich an das Format halten muss).

Fragen für die Zukunft

Und nun zu einem sehr wichtigen, überfälligen, aber bisher wenig diskutierten Aspekt der neuen Politik. Ihr Erfolg und Fortschritt an sich werden nur möglich sein, wenn es gelingt, die veralteten und oft offensichtlich schädlichen ideologischen Grundlagen zu überwinden und zu erneuern, auf denen unsere Sozialwissenschaften und in hohem Maße auch unsere Praktiken beruhen.

Das bedeutet nicht, dass wir die Fortschritte in der Politikwissenschaft, der Wirtschaft und der Außenpolitik unserer Vorgänger wieder verwerfen müssen. Die Bolschewiki versuchten, die sozi­alen Ideen des zaristischen Russlands über auf den „Müllhaufen der Geschichte“ zu werfen – das Ergebnis ist bekannt. Den Marxismus haben wir vor kurzem mit Vergnügen abgeschafft. Jetzt, nachdem wir andere Lehren satt haben, stellen wir fest, dass wir zu kritisch darüber geurteilt haben: Sowohl Marx-Engels als auch Lenin mit seiner Theorie des Imperialismus hatten vernünftige Ideen, auf die man sich verlassen konnte.

Die Sozialwissenschaften – die Wissenschaften vom menschlichen Leben und den Gesellschaften – können nicht anders als national sein, wie kosmopolitisch ihre Anhänger auch sein mögen. Sie wachsen auf nationalem, historischem Boden auf und zielen letztendlich darauf ab, ihren Nationen und/oder ihren herrschenden und beherrschten Klassen dienen. Die unkritische Übertragung von Lösungen, die in dem einem Land gültig sind, auf ein anderes ist fruchtlos und schafft nur Abscheu­lichkeiten.

Nach der Erlangung relativer militärischer Sicherheit und politischer und wirtschaftlicher Souve­ränität wird die Arbeit zur Erlangung intellektueller Autonomie – eine der absoluten Vorausset­zungen für Entwicklung und Einfluss in der neuen Welt – folgen. Der prominente russische Politik­wissenschaftler Mikhail Remizov war, soweit ich weiß, der erste, der diesen Prozess „intellektuelle Dekolonisierung“ nannte.

Nachdem wir jahrzehntelang im Schatten des importierten Marxismus gestanden hatten, haben wir den Übergang zu einer anderen ausländischen Ideologie eingeleitet: der liberalen Demokratie. Dies trifft nicht nur für Wirtschafts- und Politikwissenschaft zu – bis zu einem gewissen Grad gilt dies sogar für die Außen- und Verteidigungspolitik. Diese Faszination hat uns nicht gut getan – wir haben einen Teil des Landes, seiner Technologien und seiner Menschen verloren. Mitte der 2000er Jahre begannen wir eine unabhängige Politik zu verfolgen, mussten uns aber eher auf unseren Instinkt verlassen als auf klare nationale (ich wiederhole – etwas anderes kann es nicht sein) wissenschaftliche und ideologische Grundsätze.

Wir haben immer noch nicht den Mut anzuerkennen,
dass das wissenschaftliche und ideologische Weltbild,
das wir in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren hatten,
veraltet ist und/oder dazu gedacht war,
ausländischen Eliten zu dienen.

Zur Veranschaulichung stelle ich Ihnen anderthalb Dutzend Fragen, die ich fast wahllos aus meiner sehr langen Liste ausgewählt habe:

Ich beginne mit existenziellen Fragen, rein philosophischen Fragen. Was kommt beim Menschen zuerst, der Geist oder die Materie? Und im profaneren politischen Sinne – was treibt Menschen und Staaten in der modernen Welt an? Für gewöhnliche Marxisten und Liberale lautet die Antwort: die Wirtschaft. Denken Sie daran, dass Bill Clintons berühmtes „It’s the economy, stupid“ bis vor kurzem als Axiom galt. Aber die Menschen suchen nach etwas Größerem, wenn das Grundbe­dürfnis nach Nahrung befriedigt ist. Die Liebe zur Familie, zur Heimat, der Wunsch nach nationaler Würde, persönlichen Freiheiten, Macht und Ruhm. Die Hierarchie der Bedürfnisse ist uns gut bekannt, seit Maslow sie in den 1940-50er Jahren in seiner berühmten Pyramide vorstellte.

Der moderne Kapitalismus hat diese Pyramide jedoch verdreht, indem er zunächst über traditionelle Medien und später über die allgegenwärtigen elektronischen Netzwerke die Philosophie des endlos wachsenden Konsums sowohl für die Reichen auf ihrem Niveau als auch für die Armen auf ihrem Niveau durchgesetzt hat.

Was ist zu tun, wenn man erkennt, dass der moderne Kapitalismus keine ethische und religiöse Grundlage hat und zu grenzenlosem Konsum anregt, moralische und geografische Grenzen sprengt, mit der Natur in Konflikt gerät und die Existenz unserer Spezies bedroht? Und dabei wissen wir, die Russen, nur zu gut, dass der Versuch, Unternehmer und Kapitalisten loszuwerden, die von dem Wunsch getrieben sind, Reichtum zu schaffen, katastrophale Folgen für die Gesellschaft und die Umwelt haben wird (das sozialistische Wirtschaftsmodell war nicht gerade umweltfreundlich).

Was tun mit den neuesten Werten – Verleugnung von Geschichte, Heimat, Geschlecht, Glaube, aggressivem LGBTismus und Ultra-Feminismus? Ich erkenne das Recht anderer Menschen an, an ihnen festzuhalten, halte sie aber für posthumanistisch. Betrachten Sie es als normales Stadium der sozialen Evolution? Wohl kaum. Versuchen wir, sie einzudämmen, ihre Entwicklung zu begrenzen und erwarten, dass die Gesellschaften auch diese moralische Epidemie überleben? Oder sollten wir sie aktiv bekämpfen, indem wir die überwältigende Mehrheit der Menschheit anführen, die an Werten festhält, welche als konservativ bezeichnet werden, aber einfach normale, menschliche Werte sind? Sollen wir uns auf einen Kampf einlassen, der das ohnehin schon gefährliche Niveau der Konfrontation mit den westlichen Eliten noch verschärft?

Die technologische Entwicklung und die gestiegene Arbeitsproduktivität haben dazu beigetragen, die Mehrheit der Menschen zu ernähren, aber die Welt selbst ist in Anarchie abgerutscht, und viele gewohnten Bezugspunkte und Leitprinzipien sind auf globaler Ebene verloren gegangen. Vielleicht sind es nicht mehr die wirtschaftlichen Interessen, sondern die Sicherheitsinteressen, die wieder in den Vordergrund rücken: die Instrumente der militärischen Gewalt und der politische Wille, die dies gewährleisten?

Was ist militärische Abschreckung in der modernen Welt? Ist es die Drohung, nationalen und indivi­duellen Vermögenswerten oder ausländischen Vermögenswerten und der Informationsinfrastruktur, mit der die derzeitigen kosmopolitischen westlichen Eliten enger verbunden sind, Schaden zuzu­fügen? Wenn diese Infrastruktur zusammenbricht, was wird dann aus den westlichen Gesell­schaften?

Eine damit zusammenhängende Frage lautet: Was ist strategische Parität, ein Konzept, das wir immer noch verwenden? Handelt es sich dabei um eine plump erfundene Torheit, auf die die sowje­tische Führung hereingefallen ist – weil sie unter Minderwertigkeitsgefühlen und dem Syndrom des 22. Juni 1941 litt –, und so das Land und die Menschen in ein zermürbendes Wettrüsten hineinge­zogen hat? Es sieht so aus, als würden wir diese Frage bereits beantworten, auch wenn wir immer noch Reden über Gleichheit und symmetrische Maßnahmen schwingen.

Und was ist diese Rüstungskontrolle, an deren Nutzen viele von uns glauben? Ein Mittel, um ein kostspieliges Wettrüsten einzudämmen, von dem die reichere Seite profitiert, um die Kriegsgefahr zu verringern – oder eher ein Mittel, um dieses Wettrüsten zu legitimieren, um Rüstungsgüter zu entwickeln, um der anderen Seite unnötige Programme aufzuzwingen? Darauf gibt es keine eindeu­tige Antwort.

Aber zurück zu Fragen höherer Ordnung:

Ist die Demokratie wirklich die Krönung der politischen Entwicklung? Oder ist es nur ein weiteres Werkzeug, das den Eliten dazu dient, um die Gesellschaft zu kontrollieren, jedenfalls wenn wir nicht über die reine Demokratie von Aristoteles sprechen (die auch gewisse Einschränkungen hat)? Es gibt viele Instrumente, die kommen und gehen, wenn sich die Gesellschaft und die Bedingungen ändern. Manchmal geben wir sie auf, um sie dann wieder hervorzuholen, wenn die äußeren und in­neren Bedingungen reif sind und der Bedarf entsteht. Ich plädiere nicht für grenzenlosen Autorita­rismus oder Monarchie. Ich denke, wir haben es mit der Zentralisierung bereits übertrieben, insbe­sondere auf der kommunalen Ebene. Aber wenn sie bloß ein Werkzeug ist, sollten wir vielleicht aufhören, so zu tun, als ob wir Demokratie anstrebten, und es unverblümt sagen: Wir wollen eine Gesellschaft der persönlichen Freiheit, des Wohlstands für die Mehrheit, Sicherheit und nationale Würde. Aber wie lässt sich Macht dann in den Augen des Volkes legitimieren?

Ist der Staat wirklich dazu bestimmt, abzusterben, wie Marxisten und liberale Globalisten einst glaubten, als sie von Allianzen zwischen transnationalen Konzernen, internationalen Nichtregie­rungsorganisationen (die beide verstaatlicht und privatisiert werden) und supranationalen poli­tischen Bewegungen träumten? Wir werden sehen, wie lange sich die EU in ihrer jetzigen Form halten kann. Auch hier soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es sinnvoll ist, wenn Nationen und Völker ihre Kräfte für das Gemeinwohl bündeln, um beispielsweise kostspielige Zollschranken zu beseitigen oder eine gemeinsame Umweltpolitik zu betreiben. Oder ist es nicht besser, sich auf die Entwicklung des eigenen Staates und die Unterstützung der Nachbarn zu konzentrieren und dabei die von anderen geschaffenen globalen Probleme außer Acht zu lassen? Werden sie sich nicht mit uns anlegen, wenn wir so handeln?

Welche Rolle spielt das Territorium – ein schwindendes Gut, eine Last, wie noch vor kurzem unter Politikwissenschaftlern angenommen wurde? Oder der größte nationale Schatz, insbesondere ange­sichts der Umweltkrise, des Klimawandels, der zunehmenden Knappheit an Wasser und Nahrungs­mitteln in einigen Regionen und des völligen Mangels in anderen?

Was ist dann mit den Hunderten von Millionen Pakistanern, Indern, Arabern, Bewohnern anderer Gebiete, die unbewohnbar werden könnten? Sollten wir sie jetzt einladen, so wie es die USA und Europa in den 1960er Jahren zu tun begannen, indem sie Migranten anlockten, um die Kosten für einheimische Arbeitskräfte zu senken und die Gewerkschaften zu untergraben? Oder sollten wir uns abkapseln oder ein Modell für ein Land vorbereiten, in dem die einheimischen Völker Russlands die Verteidiger und Herren ihres eigenen Territoriums werden würden? Aber dann müsste jede Hoff­nung auf Demokratie aufgegeben werden – denken Sie an die Erfahrungen Israels mit seiner arabi­schen Bevölkerung.

Oder wird die Entwicklung der heute stark unterentwickelten Robotik dazu beitragen, einen Mangel an Menschen für die Erschließung solcher Gebiete zu vermeiden? Ganz allgemein gesprochen: Welche Rolle wird die einheimische russische Bevölkerung spielen in unserem Land, wenn man bedenkt, dass ihre Zahl unweigerlich weiter schrumpfen wird? Ich denke, dass die Antwort ange­sichts der Tatsache, dass die Russen historisch gesehen ein offenes Volk sind, optimistisch ausfallen könnte. Aber es gibt keine Gewissheit.

Es gibt noch viel mehr Fragen zu stellen, vor allem im Bereich der Wirtschaft. Diese Fragen müssen gestellt werden, und es ist wichtig, so schnell wie möglich Antworten zu finden, um zu wachsen und an der Spitze zu stehen. Dies ist die wichtigste Voraussetzung für Entwicklung und Sieg. Russland braucht eine neue politische Ökonomie, die frei ist von den Dogmen des Marxismus oder des Liberalismus, die aber mehr ist als der derzeitige starre Realismus, auf dem unsere Außenpolitik beruht. Sie muss einen zukunftsorientierten Idealismus beinhalten, eine neue russische Idee, die auf unserer Geschichte und philosophischen Tradition basiert. Professor Pavel Tsygankov hat wieder­holt einen ähnlichen Gedanken geäußert.

Ich bin sicher, dass dies die wichtigste Aufgabe aller unserer internationalen Wissenschaftler, Poli­tologen, Ökonomen und Philosophen ist. Diese Aufgabe ist mehr als schwierig. Wir können nur dann weiterhin einen Beitrag zu unserer Gesellschaft und unserem Land leisten, wenn wir unsere alten Denkmuster durchbrechen. Aber um mit einer optimistischen Note zu enden, hier noch ein humorvoller Gedanke: Ist es nicht an der Zeit anzuerkennen, dass unser Forschungsgegenstand – die Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik – das Ergebnis eines kreativen Prozesses ist, an dem die Massen und die Führung gleichermaßen beteiligt sind? Dass es sich in gewisser Weise um Kunst handelt? Sie entzieht sich weitgehend einer Erklärung und entspringt der Intuition und dem Talent. Und so sind wir wie Kunstexperten: Wir sprechen darüber, erkennen Trends und bringen den Künst­lern – den Massen und den Führern – die Geschichte bei, die für sie nützlich ist. Allerdings ver­lieren wir uns oft im Theoretischen, entwickeln Ideen, die von der Realität abgehoben sind, oder verzerren sie, indem wir uns auf einzelne Fragmente konzentrieren.

Manchmal werden Vertreter unserer Berufe zu Schöpfern der Geschichte: Denken wir an Evgeny Primakov oder Henry Kissinger. Aber ich würde behaupten, dass es ihnen egal war, welche Ansätze der Kunstgeschichte sie vertraten. Sie schöpften aus ihrem Wissen, ihrer menschlichen Erfahrung, ihren moralischen Prinzipien, ihrer Intuition. Mir gefällt die Idee, dass wir eine Art Kunstexperte sind, und ich glaube, dass dies die gewaltige Aufgabe, die Dogmen zu revidieren, ein wenig ein­facher machen kann.


Sergej Karaganow, Jahrgang 1952, ist Ehrenvorsitzender des einflussreichen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, der Konzepte für Russlands weltpolitische Strategien entwirft und im Mai neue Thesen zur Außenpolitik vorgelegt hat. Dem Rat gehören Politiker, Ökonomen sowie ehemalige Offiziere und Geheimdienstler an. Karaganow ist Berater der Präsidialadministration von Wladimir Putin und Dekan an der Moskauer Eliteuniversität Higher School of Economics. [Quelle: SpOn]


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Wenn es noch Krieg gibt

von Alexander Dugin | 17.01.2022 bei Катехон

Die Ostukraine geht in ihrer Gesamtheit an Noworossia über. Das steht nicht zur Debatte.
Russlands Verhandlungen mit der NATO sind nicht nur ergebnislos verlaufen, sondern haben die Konfrontation auf eine neue Stufe gehoben. Russland beharrt auf der formalen Zusicherung, keine weiteren post-sowjetischen Staaten in die NATO aufzunehmen, der Westen beharrt auf seiner Position und bietet im Gegenzug etwas Unnötiges und Unwichtiges oder zumindest von untergeordneter Bedeutung an …
Die Position Moskaus ist in diesem Fall – und das ist ein neues und wichtiges Element – nicht reaktiv oder passiv, sondern offensiv.

Die NATO hat uns seit 30 Jahren aktiv unter Druck gesetzt, auch während der gesamten 20-jährigen Amtszeit Putins. Doch erst jetzt ist Russland reif, dies ernsthaft herauszufordern.

In der großen Politik entscheidet nur die Macht über alles. „Ernsthaft“ bedeutet „mit Gewalt“.
Moskau macht ernst. Und und nun kann es unmöglich einen Schritt zurück machen – was hätte es sonst für einen Sinn gehabt, Schwung zu holen? Wir wissen aus Gangsterfilmen und aus dem Business der 90er Jahre und sogar aus Straßenkämpfen, dass es quasi einem Selbstmord gleichkommt, eine Waffe (Messer, Maschinengewehr) zu ziehen und sie dann nicht zu benutzen. Wer auf Ärger aus ist, muss sich darüber im Klaren sein: er oder ich. Genau an diesem Punkt befinden wir uns jetzt.

Die unipolare Welt ist am Ende. Entgegen der Verzweiflung von Biden und der Welteliten, einen letzten Versuch zu unternehmen, den Globalismus und die amerikanische Hegemonie zu retten – was Bidens Wahlkampfslogan (build back better) oder Klaus Schwabs Davos-Motto (Great Reset) ausdrücken – wird die Zeit in der Geschichte nicht umkehrbar: Russland und das kommunistische China stellen bereits zwei unabhängige Pole dar, die bei den großen Weltproblemen solidarisch sind. Das bedeutet, dass die Multipolarität hier und jetzt etabliert ist.

Alexander Dugin: Das Große Erwachen gegen den Great Reset
Alexander Dugin: Das Große Erwachen gegen den Great Reset (Arctos, Okt. 2021)

In der Geschichte wird die Veränderung der globalen Weltordnung jedoch leider oft durch Kriege herbeigeführt. Ohne sie sind diejenigen, die verlieren, keineswegs bereit, die offensichtliche Veränderung freiwillig anzuerkennen. Es ist eine Art Realitäts-Check.

Offensichtlich müssen wir immer noch das tun, was wir 2014 hätten tun sollen – und nicht getan haben. Ja, die Ausgangsbedingungen sind wesentlich schlechter, aber besser spät als nie. Niemand rechnet mehr mit „nie“. Das NATO–Russland-Treffen hat das deutlich gezeigt. Beide Seiten sind zur Eskalation bereit, und jetzt nachzugeben bedeutet, unwiderruflich zu verlieren. Der Kreml hat definitiv nicht die Absicht, dies zu tun, warum sollte er dann damit anfangen, und der Westen kann es einfach nicht – es wäre nicht nur ein Gesichtsverlust, sondern ein Eingeständnis der Niederlage.

Wie üblich haben die Russen lange gebraucht, um in Gang zu kommen; jetzt sollten sie sich beeilen.

Werfen wir einen Blick auf die Welt, die bald Realität sein wird:

Es wird keinen Atomkrieg geben. Für Washington steht zu wenig auf dem Spiel, als dass es die totale Auslöschung der Menschheit riskieren würde.

Mit den skizzierten Sanktionen und der endgültigen Dämonisierung Russlands, dem Abbruch seiner Beziehungen zu Europa und dem Versuch seiner völligen Isolierung ist die Vergeltungsagenda im Grunde erschöpft. Der Westen hofft, wenn nicht verhindern zu können, was kommt, dann zumindest die Folgen zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Das wird nicht einfach sein, aber es ist besser, den Westen als vollwertigen Gegner zu haben als als Gönner oder Verbündeten (das wird – wie so oft in der Geschichte von Byzanz und Russland – in Verrat enden). Der Anspruch des Westens, der Maßstab für universelle Werte zu sein, ist gescheitert. Sogar der Westen selbst glaubt nicht mehr daran. Und andere Nationen und Zivilisationen sind nicht verpflichtet, dessen Geschichtspessimismus und die zunehmende totale Perversion zu teilen. Jede Nation hat ihren eigenen Logos. Der Logos des Westens hat sich in Staub aufgelöst…

Konkret: Wie werden sich die Ereignisse entwickeln, wenn sie es tun – und nicht in einer weiteren ekelhaften Pause erstarren?

Die Ostukraine geht nach Novorossia, und zwar komplett. Das ist nicht verhandelbar. Sie ist ein bewusster Teil der ostslawischen Welt, das war sie schon immer, trotz der wilden russophoben Propaganda. Novorossiya – das gesamte linke Ufer [des Don] + Odessa – hat lange darauf gewartet, dass dies wahr wird.

Der neue Staat sollte sofort in die Ostslawische Union aufgenommen werden, gemeinsam mit Russland und Weißrussland.

„Russischer Irredentismus“ [Quelle: Wikipedia englisch / russich]
Dieses Projekt wird eine neue Idee erfordern.

Seine Hauptmerkmale sind nicht schwer zu erkennen: Slawische Renaissance (Tradition, Identität, historische Identität) + soziale Gerechtigkeit, d.h. – rechte Politik + linke Wirtschaft, genau das, worauf alle warten. Wir werden die sechste Kolonne sofort nach dem ersten Schuss verlieren, wir müssen niemanden überzeugen – sie wird sich durch den Terror selbst zerstören. Liberalismus und Westlichkeit werden verschwinden, alles andere – sowohl links als auch rechts – wird bleiben. Hier besteht die Aufgabe darin, sie im Namen der großen Sache zu vereinen. Und so wird es sein.

Die Sanktionen, die der Westen androht, werden den Rest erledigen – ein besseres Mittel, um Verräter und ausländische Agenten zu beseitigen, ist überhaupt nicht vorstellbar. Nur die Patrioten, die nirgendwo hingehen, nirgends hin fliehen können, werden überleben. Und es wird ihre Stunde sein – unsere Stunde –, verzögert um sieben träge Jahre.

Die Frage der Westukraine ist offen. Wir werden dort kaum willkommen sein. Aber wenn wir die Ruthenen befreien und einige von Kolomoiskys Strukturen im Osten auf einzelne Kiewer Oligarchen übertragen (die im Osten liegen und daher von Beginn der Kampagne an assimiliert werden), lässt sich etwas aushandeln. Dazu sind jedoch nicht nur militärische, sondern auch ideologische Anstrengungen nötig. Wenn etwas weggenommen wird, muss etwas gegeben werden. Mit dem Osten der Ukraine ist alles klar. Im Westen ist nicht alles – oder besser gesagt: gar nichts klar.

Hier liegt das Hauptproblem – wir können die Grenze zwar erheblich nach Westen verschieben und 20 Millionen unserer Leute in den heimatlichen ostslawischen Kontext zurückbringen, aber amerikanische Militärbasen sind für uns nicht akzeptabel, auch nicht am rechten Ufer [also westlich des Don]. Aber wenn sich die Welt erst einmal verändert hat, eröffnen sich neue Horizonte und Möglichkeiten ganz von selbst. Das Wichtigste ist, dass wir zur Sache kommen / uns an die Arbeit machen.

Übersetzungen des Textes von Dugin ins Englische finden sich unter den Titel Why a War Will be Good for Russia

Auch wenn die Hauptrichtung Westen ist, so ist es wichtig, unsere Schritte zu differenzieren.

Parallel zur Ostslawischen Union muss auch die Eurasische Union verwirklicht werden. Der versuchte Aufstand in Kasachstan und der Taliban-Faktor in Afghanistan haben uns daran erinnert, dass die Dinge auch in Zentralasien wackelig sind. Auch dort müssen wir entschlossen handeln. Unsere Freunde und Verbündeten müssen schnell entscheiden, inwieweit sie echte Freunde sind. Und dementsprechend handeln, anstatt Russophobe auf Ministerposten zu setzen. Dafür wird ein hoher Preis zu zahlen sein.

Wir haben einen großen Verbündeten – China, das noch etwas mit Taiwan und dem Schutz der territorialen Integrität zu tun hat – in Xinjiang, Tibet und in den Grenzgebieten. Seine Unterstützung ist entscheidend. Der Westen führt einen Krieg an zwei Fronten – mit uns und mit den Chinesen. Das ist eine einzigartige Gelegenheit – wir sind ein militärischer Koloss, China ist ein wirtschaftlicher Koloss. Gemeinsam sind wir mit dem Westen vergleichbar und sogar stärker als er. Und das Wichtigste: Der Westen ist die Vergangenheit, wir sind die Zukunft.

Es ist wichtig, auch andere Verbündete einzubeziehen – allen voran den Iran und Pakistan (mit diesen Ländern werden wir demnächst Gipfeltreffen abhalten). Außerdem ist es erforderlich, zumindest die Neutralität der Türkei und Indiens zu sichern, was so gut wie garantiert ist.

Und dann kann es losgehen .

Wir sind am besten im direkten Handeln. In Verhandlungen verlieren wir uns und die Zeit läuft uns davon. Nachdem der erste entscheidende Schritt getan ist, werden wir uns in einer neuen Realität mit neuen Gesetzen wiederfinden.

Wir werden es dort klären.

Wir Russen wollten nie Krieg. Aber wir haben immer gekämpft.

Und wir haben immer gewonnen.


Der Autor ist Philosoph, Politikwissenschaftler, Soziologe, Übersetzer und eine öffentliche Persönlichkeit. D. in Philosophie, Doktor der Politikwissenschaften, Doktor der Soziologie. Professor an der Staatlichen Lomonossow-Universität Moskau.