Fr. Mai 24th, 2024

Unterlassene Hilfeleistung findet auch im Journalismus statt. So wie ein Mediziner oder ein Feuerwehrmann durch seine Ausbildung eine besondere moralische Verpflichtung zur Hilfeleistung hat, wenn Hilfe dringend benötigt wird, so haben auch Intellektuelle die Mittel und die Pflicht.

Und auch Journalisten machen sich schuldig – wobei die Schnittmenge zwischen Intellektuellen und Journalisten so gering wie wohl noch nie ist, was sowohl an der Aufblähung der Medienbranche liegt als auch am Mangel an autonomen Denkern. Ich trage diesen Gedanken schon lange mit mir herum:

Zu den Hauptschuldigen an den Toten in der Ukraine zählen für mich jene Journalisten, die alle Möglichkeiten hätten, die Realität zu erkennen — es aber unterlassen und lieber News-Propaganda betreiben im Interesse derer, zu denen sie so gerne gehören möchten …

Schuldig durch Unterlassung an den Tausenden Toten seit 2014 im Donbass. Schuldig an den zigtausend Toten heute im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Mitschuldig an dem Ungeheuerlichen, was noch kommen mag, weil sie es ermöglichten. Schuldig, indem sie bequeme Erklärungen aus den Baukästen der Einflussorganisationen verwenden – der Redaktionsschluss drängt! – anstatt intensiv zu recherchieren oder auch mal als gesichert geltende Überzeugungen zu hinterfragen.

Wer heute als einflussreicher Journalist gilt, zu dessen Stärken dürften Zweifel und Nachdenklichkeit eher nicht zählen. Die Bereitschaft, seine Sicht – die westliche Sicht – in Frage zu stellen und neugierig und unvoreingenommen das andere, fremde in der Welt zu ergründen und allen näher zu bringen, wurde dieser Profession über Jahrzehnte abgezüchtet. „Der Westen“ und all seine Errungenschaften erscheint ihnen gesetzt und ist nicht zu hinterfragen. Durch Unterlassung tragen sie Mitschuld an der Konstruktion von Feindbildern: durch Projektion der fahrlässig akzeptierten, scheinbaren Wahrheiten von ihren eigenen Hirnen und Herzen in die Hirne und Herzen ihrer Leser und Zuschauer.

Viele sind zu feige. Haben zu viele Kompromisse mit ihrem Gewissen gemacht, sich zu sehr gewöhnt an die vielen kleinen und großen Belohnungen für Wohlverhalten. Sind zu abhängig geworden von den Annehmlichkeiten, die ihnen die Anerkennung ihrer Relevanz, Bedeutung, Wichtigkeit liefert. Süchtig nach den Kicks der Aufmerksamkeit.

Die allermeisten sind aber wohl mittlerweile zu verblendet. Alles fällt leichter, wenn man selbst an das glaubt, was man verbreiten soll.

Milosz Matuschek ist einer, der sich nicht hat verblenden oder vereinnahmen lassen, der ausgestiegen ist. In seiner aktuellen Kolumne schreibt er:

»Es gäbe keinen Krieg ohne … willfährige Medien. …

Verwirrung der Orientation ist ein taktisches Kriegsmittel und wenn es nur darum ginge, muss man feststellen: Wir sind längst im Krieg und das nicht erst seit dem Russland-Ukraine-Konflikt. …

Die letzten Jahre lassen sich mit etwas Distanz unschwer als eine psychologische Massenkonditionierung auf Krieg deuten. Krieg beginnt nicht erst mit Kriegserklärungen oder dem ersten Schuss. Krieg beginnt mit dem Muster der Etablierung eines eindimensionalen Feindbilds sowie dessen permanenter Propagierung. Diese Aufgabe haben die Medien des Westens nur zu gerne übernommen. Der erste Schuss fiel demnach in den Redaktionen, wo bezeichnenderweise auch noch größtenteils Wehrdienstverweigerer sitzen dürften. Die ersten Patronen enthielten Tinte.«

Von Xand3r_

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