Die Putin-Doktrin: Russlands neue Außenpolitik

Russland: Putin befiehlt Entsendung von Truppen in die ...

Moskaus Konfrontation mit der NATO ist erst der Anfang

Dieser „Essay über die Zukunft der russischen Politik“ von Sergej Karaganov erschien zuerst am 16. Februar 2022 (hier) auf Russisch und am 23. Februar auf Englisch (RT, Archiv-Link).


Es scheint, als sei Russland in eine neue Ära seiner Außenpolitik eingetreten – eine ‚konstruk­tive Zerstörung‘, wie wir es nennen, des bisherigen Modells der Beziehungen zum Westen. Teile dieser neuen Denkweise haben sich in den letzten 15 Jahren abgezeichnet – angefangen mit Wladimir Putins berühmter Münchner Rede im Jahr 2007 – aber vieles wird erst jetzt deutlich. Gleichzeitig ist der allgemeine Trend in der russischen Politik und Rhetorik nach wie vor, dass man sich nur zögerlich um eine Integration in das westliche System bemüht und gleichzeitig eine verbissen defensive Haltung beibehält.

Konstruktive Zerstörung ist nicht aggressiv. Russland wird niemanden angreifen oder untermi­nieren. Es hat das einfach nicht nötig. Bisher hat die Außenwelt, rein geopolitisch gesehen, mittel­fristig immer günstigere Perspektiven für die Entwicklung des Landes geschaffen. Mit einer großen Ausnahme. Die Erweiterung der NATO und die formelle oder informelle Einbeziehung der Ukraine stellen ein Risiko für die Sicherheit des Landes dar, das Moskau einfach nicht akzeptieren wird.

Gegenwärtig ist der sogenannte Westen auf dem Weg zu einem langsamen, aber unvermeidlichen Verfall, sowohl innen- als auch außenpolitisch und sogar wirtschaftlich. Dieser Niedergang nach fast fünf Jahrhunderten der Dominanz in der Weltpolitik, Wirtschaft und Kultur und insbesondere nach dem scheinbar endgültigen Sieg in den 1990er und Mitte der 2000er Jahre ist der Hauptgrund dafür, dass der Westen einen neuen Kalten Krieg entfesselt hat. Meiner Einschätzung nach [1] wird er diesen wahrscheinlich verlieren und die Führungsrolle im globalen System abgeben. Dadurch wird er wahrscheinlich zu einem konstruktiveren Partner. Und das keinen Moment zu früh: Russ­land wird die Beziehungen zu einem freundlichen, aber zunehmend mächtigeren China ausgleichen müssen.

Zurzeit versucht der Westen verzweifelt, sich mit aggressiver Rhetorik dagegen zu wehren. Er ver­sucht, sich zu konsolidieren und seine letzten Trümpfe auszuspielen, um diesen Trend umzukehren. Einer davon ist der Versuch, die Ukraine zu benutzen, um Russland zu schaden und zu kastrieren. Es ist wichtig, diese krampfhaften Versuche nicht zu einer umfassenden Konfrontation eskalieren zu lassen und den USA und der NATO nicht zu erlauben, die derzeitige Politik fortzusetzen. Es ist für alle nachteilig und gefährlich, aber bisher relativ kostengünstig für die Initiatoren. Wir müssen den Westen erst noch davon überzeugen, dass er sich damit nur selbst schadet.

Ein weiterer Trumpf ist die institutionelle Dominanz des euro-atlantischen Sicherheitssystems, das zu einer Zeit geschaffen wurde, als Russland nach dem Kalten Krieg stark geschwächt war. Dieses System sollte allmählich abgeschafft werden, vor allem indem wir uns weigern, daran teilzunehmen und nach seinen veralteten Regeln zu spielen, die für uns von Natur aus nachteilig sind. Für Russ­land sollte die westliche Schiene gegenüber seiner eurasischen Diplomatie zweitrangig werden. Eine Integration in ‚Greater Eurasia‘ wäre unter der Voraussetzung konstruktiver Beziehungen zu den Ländern am westlichen Ende des Kontinents günstiger. Aber das System der Institutionen, das aus der Vergangenheit übrig geblieben ist, hindert uns daran, solche Beziehungen aufzubauen. Wir sind also nicht daran interessiert, sie zu bewahren.

Der entscheidende nächste Schritt zur Schaffung
eines neuen Systems (abgesehen von der Demontage des alten)
ist das ‚Sammeln der Länder‘. Nicht so sehr auf Wunsch Moskaus,
sondern aus der Notwendigkeit heraus.

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn uns mehr Zeit geblieben wäre, dies zu tun. Aber die Geschichte zeigt, dass es seit dem Zusammenbruch der UdSSR vor 30 Jahren nur wenige post­sowjetische Nationen geschafft haben, wirklich unabhängig zu werden. Und einige werden es aus verschiedenen Gründen vielleicht nie erreichen. Dies ist ein Thema für eine zukünftige Analyse. Im Moment kann ich nur auf das Offensichtliche hinweisen: die Mehrheit der lokalen Eliten hat keine historische, kulturelle Erfahrung mit dem Aufbau von Staaten. Sie hatten nie die Chance, eine Nation zu gründen. Als der gemeinsame intellektuelle und kulturelle Raum verschwand, traf dies die kleinen Länder am härtesten. Die neuen Möglichkeiten, Beziehungen zum Westen aufzubauen, erwiesen sich als kein Ersatz. Diejenigen, die sich an der Spitze dieser Länder wiederfanden, haben ihr Land zu ihrem eigenen Vorteil verkauft, weil es keine nationale Idee gab, für die es zu kämpfen galt.

Putin-Berater Sergej Karaganow
Putin-Berater Sergej Karaganow

Die meisten dieser Länder werden entweder dem Beispiel der baltischen Staaten folgen und sich von außen steuern lassen oder sie werden weiter außer Kontrolle geraten, was in einigen Fällen äußerst gefährlich sein kann. [„Die Somalisierung der Nachbarländer ist unannehmbar gefährlich.“ gemäß ÜS aus dem russ. Orig.; T.R.]

Die Frage ist: Wie kann man die Nationen auf die effizienteste und für Russland vorteilhafteste Art und Weise ‚vereinen‘ [„sammeln“], wenn man die zaristischen und sowjetischen Erfahrungen berücksichtigt, als die Einflusssphäre über jede vernünftige Grenze hinaus ausgedehnt und dann auf Kosten der russischen Kernbevölkerung zusammengehalten wurde?

Lassen Sie uns die Diskussion über die ‚Vereinigung‘, die uns die Geschichte aufzwingt, auf einen anderen Tag verschieben. Konzentrieren wir uns dieses Mal auf die objektive Notwendigkeit, eine harte Entscheidung zu treffen und die Politik der ‚konstruktiven Zerstörung‘ zu übernehmen. [„… die objektiv überfällige, aber auch schwierige Politik der ‚konstruktiven Zerstörung‘“.]

Die Meilensteine, die wir passiert haben

Wir erleben heute den Beginn der vierten Ära der russischen Außenpolitik. Die erste begann in den späten 1980er Jahren und war eine Zeit der Schwäche und der Illusionen. Die Nation hatte den Kampfeswillen verloren, die Menschen wollten glauben, dass die Demokratie und der Westen kom­men und sie retten würden [Vladislav Zubok. Der Westen wird uns helfen… // Russland in der Weltpolitik. 2021]. Das alles endete 1999 nach den ersten Wellen der NATO-Erwei­terung, die von den Russen als hinterhältiger Schachzug angesehen wurde, als der Westen das, was von Jugoslawien übrig geblieben war, auseinander riss. [„… als der Westen nach den ersten, als perfide empfundenen Erweiterungswellen der NATO so etwas wie eine Gruppenvergewaltigung der Überreste Jugoslawiens durchführte.“]

Dann begann Russland, sich von seinen Knien zu erheben und sich wieder aufzubauen, heimlich und im Verborgenen, während es freundlich und demütig wirkte. Der Rückzug der USA aus dem ABM-Vertrag signalisierte ihre Absicht, ihre strategische Vorherrschaft wiederzuerlangen, so dass das immer noch zerrüttete Russland eine verhängnisvolle Entscheidung traf, Waffensysteme zu ent­wickeln, um die amerikanischen Bestrebungen herauszufordern. Die Münchner Rede, der Georgien­krieg und die Armeereform, die inmitten einer weltweiten Wirtschaftskrise stattfanden, die das Ende des westlichen liberalen globalistischen Imperialismus (ein Begriff, der von einem prominenten Experten für internationale Angelegenheiten, Richard Sakwa, geprägt wurde) bedeutete, markierten das neue Ziel der russischen Außenpolitik – wieder eine führende Weltmacht zu werden, die ihre Souveränität und Interessen verteidigen kann. Es folgten die Ereignisse auf der Krim, in Syrien, die militärische Aufrüstung und die Verhinderung der Einmischung des Westens in die inneren Angele­genheiten Russlands, die Entfernung derjenigen aus dem öffentlichen Dienst, die sich zum Nachteil ihres Heimatlandes mit dem Westen verbündet hatten, auch durch eine meisterhafte Nutzung der Reaktion des Westens auf diese Entwicklungen. Da die Spannungen weiter zunehmen, wird es immer weniger lukrativ, zum Westen aufzuschauen und dort Vermögenswerte zu halten.

Der spektakuläre Aufstieg Chinas und die De-facto-Allianz mit Peking ab den 2010er Jahren, die Hinwendung zum Osten und die multidimensionale Krise, die den Westen erfasst hat, haben zu einer großen Verschiebung des politischen und geoökonomischen Gleichgewichts zu Gunsten Russ­lands geführt. Dies ist besonders in Europa zu beobachten: Noch vor einem Jahrzehnt sah die EU in Russland einen rückständigen und schwachen Rand des Kontinents, der sich mit den Großmächten messen wollte. Jetzt versucht sie verzweifelt, sich an die geopolitische und geoökonomische Unab­hängigkeit zu klammern, die ihr durch die Finger rinnt.

Die Zeit des „Zurück zu alter Größe“ endete etwa 2017 bis 2018. Danach erreichte Russland ein Plateau. Die Modernisierung ging weiter, aber die schwache Wirtschaft drohte die Errungenschaften zunichte zu machen. Die Menschen (mich eingeschlossen) waren frustriert und befürchteten, dass Russland wieder einmal „die Niederlage aus dem Rachen des Sieges reißen würde“. Aber es stellte sich heraus, dass es sich um eine weitere Aufrüstungsphase handelte, vor allem im Hinblick auf die Verteidigungsfähigkeit.

Russland hat sich einen Vorsprung
von einem Jahrzehnt relativer strategischer Unverwundbarkeit
verschafft und wird in der Lage sein, im Falle von Konflikten
in den Regionen seiner Interessensphäre
„in einem Eskalationsszenario zu dominieren“.

Das Ultimatum, das Russland Ende 2021 an die USA und die NATO stellte und in dem es sie auf­forderte, den Ausbau der militärischen Infrastruktur in der Nähe der russischen Grenzen und die Expansion nach Osten einzustellen, markierte den Beginn der „konstruktiven Zerstörung“. Die Auf­gabe besteht nicht nur darin, die erlahmende, wenn auch äußerst gefährliche Trägheit der geostra­tegischen Offensive des Westens zu stoppen, sondern ernsthaft damit zu beginnen, die Grundlagen für eine Veränderung der Beziehungen zu schaffen, die sich von dem unterscheiden, was sich in den 1990er Jahren zwischen Russland und dem Westen entwickelt hatte.

Russlands militärische Stärke, ein zurückkehrendes Gefühl moralischer Rechtschaffenheit, die Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit und eine enge Allianz mit China lassen hoffen, dass der Westen, der die Rolle des Gegners gewählt hat, zur Vernunft kommt, wenn auch unter unvermeid­lichem Zögern. Dann, so hoffe ich, wird in einem Jahrzehnt oder früher ein neues System der inter­nationalen Sicherheit und Zusammenarbeit entstehen, das diesmal den gesamten Großraum Eurasi­en einbezieht und auf den Grundsätzen der UNO und des Völkerrechts beruht und nicht auf den ein­seitigen „Regeln“, die der Westen der Welt in den letzten Jahrzehnten aufzwingen wollte.

Die Fehler korrigieren

Bevor ich fortfahre, lassen Sie mich sagen, dass ich die russische Diplomatie sehr schätze – sie war in den letzten 25 Jahren absolut brillant. Moskau hatte ein schwaches Blatt in der Hand, aber es hat trotzdem ein großartiges Spiel gespielt. Zunächst vermied es, „fertiggemacht“ zu werden, wahrte seine formale Position als großes Land im UN-Sicherheitsrat und behielt sein Atomwaffenarsenal. Dann verbesserte es schrittweise sein globales Ansehen, indem es die Schwächen seiner Rivalen und die Stärken seiner Partner nutzte. Der Aufbau einer starken Freundschaft mit China war ein großer Erfolg. Russland hat einige geopolitische Vorteile, die die Sowjetunion nicht hatte. Es sei denn, es geht auf das Streben zurück, eine globale Supermacht zu werden, was die UdSSR schließ­lich ruinierte.

Allerdings sollten wir die Fehler, die wir gemacht haben, nicht vergessen, damit wir sie nicht wie­derholen. Es waren unsere Faulheit, geistige Trägheit und bürokratische Schwerfälligkeit, die dazu beigetragen haben, das derzeitige ungerechte und instabile System der europäischen Sicherheit, das wir heute haben, zu schaffen und über Wasser zu halten.

Die wohlklingende Pariser Charta für ein neues Europa, die 1990 unterzeichnet wurde, enthielt eine Klausel über die Assoziationsfreiheit – die Länder konnten sich ihre Verbündeten aussuchen, was in der Helsinki-Akte von 1975 undenkbar war. Da der Warschauer Pakt zu diesem Zeitpunkt auf dem Zahnfleisch ging, bedeutete dies Freiheit für die Erweiterung der NATO. Auf dieses Dokument wird immer noch Bezug genommen, auch in unserem Land. Aber zumindest 1990 konnte der Nordatlan­tikblock als Verteidigungsbündnis betrachtet werden. Seitdem haben die Allianz und die meisten ihrer Mitglieder eine Reihe aggressiver Militäraktionen durchgeführt – gegen die Überreste Jugo­slawiens, gegen den Irak, gegen Libyen.

Boris Jelzin unterzeichnete 1993 nach herzlichen Gesprächen mit Lech Walesa ein Dokument, in dem „Russlands Verständnis für Polens Pläne, der NATO beizutreten“, festgehalten wurde. Als Andrej Kosyrew, der damalige russische Außenminister, 1994 von den Erweiterungsplänen der NATO erfuhr, begann er im Namen Russlands zu verhandeln, ohne den Präsidenten zu konsultieren. Die andere Seite nahm dies als Zeichen dafür, dass Russland mit dem allgemeinen Konzept einver­standen war, da es versuchte, akzeptable Bedingungen auszuhandeln. 1995 trat Moskau auf die Bremse, aber zu spät – der Damm war gebrochen und diejenigen im Westen, die an der Zweck­mäßigkeit der Erweiterung zweifelten, wurden zurückgedrängt.

1997, in einer Situation verzweifelter wirtschaftlicher Schwäche und Abhängigkeit vom Westen, stimmte Russland der Unterzeichnung der NATO-Russland-Grundakte zu. Moskau konnte dem Westen einige Zugeständnisse abringen, wie die Zusage, keine großen Militärkontingente in den neuen Mitgliedsstaaten der Allianz zu stationieren. Gegen diese Verpflichtung hat die NATO konse­quent verstoßen. Eine weitere Vereinbarung war, diese Gebiete frei von Atomwaffen zu halten. Das lag jedoch ohnehin nicht im Interesse der Vereinigten Staaten, die sich (gegen den Willen ihrer Ver­bündeten) seit langem bemühten, sich so weit wie möglich von einem potenziellen Atomkonflikt in Europa fernzuhalten, der fast unweigerlich einen Atomschlag gegen die Vereinigten Staaten zur Folge hätte. De facto legitimierte das Dokument die Expansion der NATO.

Es gab noch weitere Fehler, die zwar nicht so groß, aber dennoch ziemlich schmerzhaft waren. Russland beteiligte sich an dem Programm Partnerschaft für den Frieden, dessen Hauptzweck darin bestand, den Anschein zu erwecken, die NATO sei bereit, auf Moskau zu hören. Doch in Wirklich­keit nutzte die Allianz das Projekt, um ihre Existenz und weitere Expansion zu rechtfertigen. Ein weiterer frustrierender Fehltritt wurde später gemacht, als Russland nach der NATO-Aggression gegen Jugoslawien dem NATO-Russland-Rat mit einem fabelhaft unsinnigen Themenkatalog bei­trat. Das einzige Thema, das hätte diskutiert werden sollen – die Eindämmung der Expansion der Allianz und des Aufbaus ihrer militärischen Infrastruktur in der Nähe der russischen Grenzen – stand nicht auf der Tagesordnung. Die Arbeit des Rates wurde auch nach der Aggression der meis­ten Mitgliedsstaaten gegen den Irak und sogar gegen Libyen im Jahr 2011 fortgesetzt.

Es ist sehr bedauerlich, dass wir uns nie getraut haben, es offen auszusprechen – die NATO war zu einem Aggressor geworden, der zahlreiche Kriegsverbrechen begangen hat. Das wäre eine ernüch­ternde Dusche für verschiedene politische Kreise in Europa gewesen, wie z.B. in Finnland und Schweden, wo einige über die Vorteile eines Beitritts zur Organisation nachdenken. Und all die anderen mit ihrem Mantra, dass die NATO ein Verteidigungs- und Abschreckungsbündnis ist, das weiter gefestigt werden muss, damit es gegen imaginäre Feinde bestehen kann.

Ich verstehe diejenigen im Westen, die sich an das bestehende System gewöhnt haben, welches es den Amerikanern erlaubt, sich den Gehorsam ihrer Juniorpartner zu erkaufen – und das nicht nur im militärischen Bereich –, während letztere bei den Sicherheitsausgaben sparen können durch Verkauf eines Teils ihrer Souveränität. Aber wozu brauchen wir dieses System? Vor allem jetzt, da es offen­sichtlich geworden ist, dass es Konfrontationen an unseren westlichen Grenzen und in der ganzen Welt hervorruft und eskaliert.

Die NATO lebt von der erzwungenen Konfrontation;
und je länger die Organisation besteht,
desto schlimmer wird diese Konfrontation sein.

Der Block ist auch für seine Mitglieder eine Bedrohung. Indem er Konfrontationen provoziert, garantiert er (nicht wirklich) Schutz. Behauptungen, dass Artikel 5 des Nordatlantikvertrags eine kollektive Verteidigung im Falle eines Angriffs vorsieht, sind unzutreffend. Dieser Artikel sagt nicht, dass dies automatisch garantiert ist. Es gibt darin keine automatischen Garantien. Ich kenne die Geschichte des Blocks und die US-Debatte um seine Gründung und kann mit nahezu 100-pro­zentiger Sicherheit sagen, dass die Vereinigten Staaten unter keinen Umständen Atomwaffen ein­setzen würden, um ihre Verbündeten in einem Konflikt mit einer Atommacht zu „schützen“.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ist überholt. Sie wird von der NATO und der EU dominiert, welche die Organisation nutzen, um die Konfrontation in die Länge zu ziehen und die politischen Werte und Normen des Westens allen anderen aufzuzwingen. Glücklicherweise wird diese Politik immer weniger wirksam. Mitte der 2010er Jahre hatte ich die Gelegenheit, in der pathosbeladenen Gruppe der „Weisen“ bei der OSZE zu arbeiten, die der Orga­nisation ein neues Mandat geben sollte. Und wenn ich schon vorher meine Zweifel an der Effekti­vität der OSZE hatte, so hat mich diese Erfahrung davon überzeugt, dass sie eine äußerst destruk­tive Institution ist. Sie ist eine antiquierte Organisation mit der Aufgabe, Dinge zu bewahren, die veraltet sind. In den 1990er Jahren diente sie als Instrument, um jeden Versuch Russlands oder anderer zu begraben, ein gemeinsames europäisches Sicherheitssystem zu schaffen; in den 2000er Jahren hat der so genannte Korfu-Prozess die neue russische Sicherheitsinitiative zum Erliegen gebracht.

Praktisch alle UN-Institutionen wurden aus dem Kontinent verdrängt, einschließlich der UN-Wirt­schaftskommission für Europa, ihres Menschenrechtsrates und des Sicherheitsrates. Einst galt die OSZE als nützliche Organisation, die das UN-System und die Prinzipien auf einem wichtigen Sub­kontinent fördern würde. Das hat sich nicht bewahrheitet.

Die Linie zur NATO ist für mich klar: Wir müssen die moralische und politische Delegitimierung des Blocks betreiben und die institutionelle Partnerschaft aufgeben, da sie sich als kontraproduktiv erwiesen hat. Nur das Militär sollte weiterhin kommunizieren, aber als Hilfskanal, der den Dialog mit dem Verteidigungsministerium und den Verteidigungsministerien der führenden europäischen Nationen ergänzt. Alle wichtigen Entscheidungen im militärischen Bereich werden ohnehin nicht in Brüssel getroffen.

Eine ähnliche Politik sollte auch in Bezug auf die OSZE verfolgt werden. Doch es gibt einen Unter­schied, denn obwohl es sich um eine zerstörerische Organisation handelt, hat sie nie Kriege, Desta­bilisierung oder Morde initiiert. Wir müssen also unser Engagement in diesem Format auf ein Mini­mum beschränken. Manche sagen, dass dies der einzige Rahmen ist, in dem der russische Außen­minister die Möglichkeit hat, seine Amtskollegen zu treffen. Gespräche auf bilateraler Basis sind ohnehin viel effektiver als solche Zusammenkünfte, bei denen Blockdisziplin herrscht. Beobachter und Friedensstifter wären viel effektiver, wenn sie über das UN-System entsandt würden. Die Ent­sendung von Beobachtern und Friedenstruppen durch die UNO wäre ebenfalls sehr viel sinnvoller.

Das begrenzte Format des Artikels erlaubt es nicht, auf die Politik gegenüber anderen europäischen Organisationen – der EU, dem Europarat – einzugehen. Aber der allgemeine Ansatz könnte derselbe sein: Wir gehen dort Partnerschaften ein, wo wir Vorteile für uns sehen, und halten uns ansonsten zurück.

Dreißig Jahre Erfahrung haben überzeugend bewiesen, dass die Beibehaltung des derzeitigen Sys­tems der Institutionen in Europa schädlich wäre. Russland profitiert in keiner Weise von Europas Neigung, Konfrontationen zu schüren und zu eskalieren oder gar eine militärische Bedrohung für den Subkontinent und die ganze Welt darzustellen. Früher konnten wir davon träumen, dass Europa uns bei der Stärkung der Sicherheit sowie bei der politischen und wirtschaftlichen Modernisierung helfen würde. Stattdessen untergraben sie die Sicherheit. Warum also sollten wir das dysfunktionale und sich verschlechternde politische System des Westens kopieren? Brauchen wir wirklich diese neuesten Werte, die sie übernommen haben?

Wir müssen die Expansion begrenzen, indem wir uns weigern, innerhalb eines erodierenden Sys­tems zu kooperieren. Wir setzen darauf, dass eine harte Opposition und das Schmorenlassen im eigenen Saft die Elite unserer westlichen Nachbarn in der Zivilisation zu einer weniger selbst­mörderischen und gefährlichen Politik für andere führen wird. Natürlich müssen wir klugerweise aus diesem Beziehungssystem aussteigen, um so seine Selbstzerstörung zu beschleunigen, während wir Sorge dafür tragen, dass die unvermeidlichen Kollateralschaden, die das scheiternde System unweigerlich verursachen wird, für uns möglichst gering gehalten werden. Aber es in seiner jetzigen Form beizubehalten wäre einfach gefährlich.

Politiken für das Russland von morgen

Während die bestehende globale Ordnung weiter zerbröckelt, ist es für Russland nur scheinbar am klügsten zu sein, die Situation so lange wie möglich auszusitzen, sich hinter den Mauern seiner „neo-isolationistischen Festung“ zu verschanzen und sich um die inneren Angelegenheiten zu küm­mern. Aber dieses Mal verlangt die Geschichte, dass wir handeln. Viele meiner Vorschläge für den außenpolitischen Ansatz, den ich vorläufig ‚konstruktive Zerstörung‘ genannt habe, ergeben sich natürlich aus der oben dargestellten Analyse.

Es gibt keinen Grund, sich einzumischen oder zu versuchen, die innere Dynamik des Westens zu beeinflussen, dessen Eliten in ihrer Verzweiflung einen neuen Kalten Krieg gegen Russland entfes­selt haben. Stattdessen sollten wir verschiedene außenpolitische Instrumente – auch militärische – einsetzen, um bestimmte rote Linien festzulegen. Während das westliche System weiter auf den moralischen, politischen und wirtschaftlichen Niedergang zusteuert, werden die nicht-westlichen Mächte (mit Russland als Hauptakteur) unweigerlich ihre geopolitischen, geoökonomischen und geoideologischen Positionen stärken.

[Ab „Stattdessen sollten wir …“ übersetzt DeepL aus dem russischen Originaltext: „Es ist notwen­dig, ihnen eine Grenze zu setzen, auch mit militärischen und, wenn nötig, sogar militärisch-tech­nischen Mitteln, um ihnen die Möglichkeit zu geben, die Tendenzen des moralischen, politischen und wirtschaftlichen Verfalls des westlichen Systems zu verstärken.“]

Unsere westlichen Partner versuchen vorhersehbar, Russlands Forderungen nach Sicherheitsgaran­tien zu unterdrücken und den laufenden diplomatischen Prozess auszunutzen, um die Lebensdauer ihrer Strukturen zu verlängern. Gespräche und Kooperationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Bildung und Gesundheit, wo sie von Nutzen sind, sollten nicht aufgegeben werden. Aber wir müssen die Zeit, die wir haben, auch nutzen, um parallel dazu den militärisch-politischen, psy­chologischen und sogar militärisch-technischen Druck zu erhöhen – nicht so sehr auf die Ukraine, deren Bevölkerung zu Kanonenfutter für einen neuen Kalten Krieg gemacht wurde, sondern auf den kollektiven Westen, um ihn zum Umdenken und zur Abkehr von der Politik der letzten Jahrzehnte zu zwingen. Es gibt keinen Grund, eine Eskalation der Konfrontation zu befürchten. Die Situation eskalierte schon, als wir noch versuchten, den Westen zu beschwichtigen. Aber es ist notwendig, auf die unvermeidliche Verschärfung des Widerstands vorbereitet zu sein und eine langfristige Alter­native anzubieten – eine neue Politik des Friedens und der Zusammenarbeit..

Der Westen kann versuchen,
uns mit zerstörerischen Sanktionen einzuschüchtern –
aber wir sind auch in der Lage, den Westen
mit unserer eigenen Drohung einer asymmetrischen Antwort
abzuschrecken, welche die westlichen Volkswirtschaften lahmlegen
und ganze Gesellschaften zerrütten würde.

Natürlich ist es sinnvoll, unsere Partner immer wieder daran zu erinnern, dass es eine für beide Seiten vorteilhafte Alternative zu all dem gibt.

Wenn Russland eine vernünftige, aber durchsetzungsfähige Politik betreibt (auch im eigenen Land), wird es die jüngste Welle westlicher Feindseligkeit erfolgreich (und relativ friedlich) überwinden. Wie ich bereits geschrieben habe, haben wir gute Chancen, diesen Kalten Krieg zu gewinnen.

Auch unsere eigene historische Erfahrung stimmt uns optimistisch: Mehr als einmal ist es uns gelungen, imperiale Ambitionen zum Wohle von uns selbst und der gesamten Menschheit zu zähmen und ihre Träger zu relativ vegetarischen und bequemen Nachbarn zu machen – Schweden nach Poltawa, Frankreich nach Borodino, Deutschland nach Stalingrad und Berlin.

Einen Slogan für die neue russische Politik gegenüber dem Westen finden wir in einem Vers aus Alexander Bloks Die Skythen, einem brillanten Gedicht, das heute besonders aktuell erscheint: „Kommet doch zu uns! Lasst den Krieg und den Kriegsalarm hinter euch, / Und ergreift die Hand des Friedens und der Freundschaft. / Solange noch Zeit ist, Kameraden, legt das Schwert nieder! / Vereinigen wir uns in wahrer Brüderlichkeit!“

Während wir versuchen, unsere Beziehungen zum Westen zu heilen (auch wenn das eine bittere Medizin erfordert), müssen wir uns daran erinnern, dass der westlichen Welt, obwohl sie uns kultu­rell nahe steht, die Zeit davonläuft – tatsächlich ist sie das seit zwei Jahrzehnten. Dort gilt es, den Schaden zu begrenzen und zu kooperieren, wo es möglich ist. Die wahren Perspektiven und Heraus­forderungen der Gegenwart und Zukunft liegen im Osten und im Süden. Die Verfolgung einer här­teren Linie gegenüber den westlichen Nationen darf Russland nicht davon abhalten, seine Aus­richtung nach Osten beizubehalten. Und wir haben gesehen, dass sich dieser Schwenk in den letzten zwei oder drei Jahren verlangsamt hat, insbesondere wenn es um die Erschließung von Gebieten jenseits des Uralgebirges geht.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Ukraine zu einer Sicherheitsbedrohung für Russland wird. Aller­dings wäre es kontraproduktiv, zu viele administrative und politische (ganz zu schweigen von wirt­schaftlichen) Ressourcen darauf zu verwenden. Russland muss lernen, diese instabile Situation aktiv zu managen und in Grenzen zu halten. Der größte Teil der Ukraine ist von seiner eigenen anti­nationalen Elite kastriert, vom Westen korrumpiert und vom Bazillus des militanten Nationalismus infiziert.

Es ist viel effektiver, in den Osten zu investieren, in die Entwicklung Sibiriens. Indem wir günstige Arbeits- und Lebensbedingungen schaffen, werden wir nicht nur russische Bürger anziehen, son­dern auch Menschen aus den anderen Teilen des ehemaligen russischen Reiches, einschließlich der Ukrainer. Letztere haben in der Vergangenheit einen großen Beitrag zur Entwicklung Sibiriens geleistet.

Lassen Sie mich wiederholen, was ich in anderen Artikeln geschrieben habe: Es war die Einver­leibung Sibiriens unter Iwan dem Schrecklichen, die Russland zu einer Großmacht gemacht hat, nicht der Beitritt der Ukraine unter Aleksey Mikhaylovich, der unter dem Beinamen ‚der Fried­lichste‘ bekannt ist. Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Zbigniew Brzezinskis unaufrichtige – und so auffallend polnische – Behauptung zu wiederholen, Russland könne ohne die Ukraine keine Großmacht sein. Das Gegenteil kommt der Wahrheit viel näher: Russland kann keine Großmacht sein mit einem zunehmend unerträglichen ukrainischen Klotz am Bein, der von Lenin geschaffen und unter Stalin auf den Westen ausgedehnt wurde.

Der vielversprechendste Weg für Russland liegt in der Entwicklung und Stärkung der Beziehungen zu China. Dies wird die Chancen für beide Länder vervielfachen. Wenn der Westen seine erbittert feindselige Politik fortsetzt, wäre es nicht unvernünftig, ein zeitlich begrenztes fünfjähriges Vertei­digungsbündnis mit China in Betracht zu ziehen. Natürlich sollte man sich auch vor einem mög­lichen chinesischen „Schwindel“ und einer Rückkehr zu der mittelalterlichen Politik des Reichs der Mitte hüten, die dazu neigt, seine Nachbarn zu Vasallen zu machen. Wir müssen Peking so gut wie möglich helfen, um zu verhindern, dass es den Kalten Krieg, der gegen es geführt wird, auch nur vorübergehend verliert. Eine solche Niederlage würde uns ebenfalls schwächen. Außerdem wissen nun nur zu gut, in was sich der Westen verwandelt, wenn er glaubt zu gewinnen. Wir müssen seinen Kater vom Rausch der Erfolge der 1990er Jahre mit harten Maßnahmen kurieren.

Eine ostorientierte Politik darf sich natürlich nicht ausschließlich auf China konzentrieren. Sowohl die östliche als auch die südliche Welt befinden sich politisch, wirtschaftlich und kulturell auf dem Vormarsch – auch dadurch, dass wir die militärische Überlegenheit des Westens untergraben, auf der seine Hegemonie in den letzten fünf Jahrhunderten beruhte.

Wenn es an der Zeit ist, ein neues europäisches Sicherheitssystem zu schaffen, welches das gefähr­lich verfallene bestehende System ersetzt, muss dies im Rahmen eines größeren eurasischen Pro­jekts geschehen. Aus dem alten euro-atlantischen System kann nichts mehr von Wert geschaffen werden.

Es versteht sich von selbst, dass eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg die Entwicklung und Modernisierung des wirtschaftlichen, technologischen und wissenschaftlichen Potenzials des Lan­des ist – eine Voraussetzung für die Sicherung seiner militärischen Macht, die nach wie vor die wichtigste Säule der Sicherheit und Souveränität jeder Nation darstellt. Russland kann nicht erfolg­reich sein, ohne die Lebensqualität für die Mehrheit seiner Bevölkerung zu verbessern: Dazu gehö­ren der allgemeine Wohlstand, Gesundheitswesen, Bildung und Umwelt.

Die Einschränkung der politischen Freiheiten, die bei einer Konfrontation mit dem kollektiven Wes­ten unvermeidlich ist, darf sich auf keinen Fall auf den intellektuellen Bereich ausdehnen. Selbst dann, wenn dies nicht leicht fällt. Für den talentierten, kreativ denkenden Teil der Bevölkerung, der bereit ist, seinem Land zu dienen, müssen wir so viel geistige Freiheit wie möglich bewahren. Wis­senschaftliche Entwicklung durch ‚Scharaschkas‘ (Forschungs- und Entwicklungslabors, die im Rahmen des sowjetischen Arbeitslagersystems betrieben wurden) ist kein Model, das in der moder­nen Welt funktionieren würde. Freiheit fördert die Talente des russischen Volkes, und Erfindungs­reichtum liegt uns im Blut. Selbst in der Außenpolitik bietet unsere derzeitige Freiheit von ideolo­gischen Fesseln wichtige Vorteile gegenüber unseren engstirnigeren Nachbarn. Und die historische Erfahrung lehrt uns, dass die brutale Einschränkung der Gedankenfreiheit, die das kommunistische Regime seinem Volk auferlegte, die Sowjetunion in den Ruin geführt hat. Die Bewahrung der per­sönlichen Freiheit ist eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung und Aufwärtsbewegung jeder Nation.

Wenn wir uns als Gesellschaft entwickeln und siegen wollen, brauchen wir unbedingt einen geisti­gen Kern – eine nationale Idee, eine Ideologie, die uns eint und uns den Weg nach vorne weist. Es ist eine grundlegende Wahrheit, dass große Nationen ohne eine solche Idee in ihrem Kern nicht wirklich groß sein können. Dies ist ein Teil der Tragödie, die uns in den 1970er und 1980er Jahren widerfahren ist. Es ist zu hoffen, dass der Widerstand der herrschenden Eliten gegen den Vormarsch einer neuen Ideologie, die ihre Wurzeln in den Schmerzen der kommunistischen Ära hat, allmählich nachlässt. Die Rede von Wladimir Putin auf der Jahrestagung des Valdai-Clubs im Oktober 2021 war in dieser Hinsicht ein starkes, beruhigendes Signal.

Wie die immer größer werdende Zahl russischer Philosophen und Autoren habe auch ich meine eigene Vision der ‚russischen Idee'[3] dargelegt. (Ich entschuldige mich dafür, dass ich wieder auf meine eigenen Veröffentlichungen verweisen muss – das ist ein unvermeidlicher Nebeneffekt, wenn man sich an das Format halten muss).

Fragen für die Zukunft

Und nun zu einem sehr wichtigen, überfälligen, aber bisher wenig diskutierten Aspekt der neuen Politik. Ihr Erfolg und Fortschritt an sich werden nur möglich sein, wenn es gelingt, die veralteten und oft offensichtlich schädlichen ideologischen Grundlagen zu überwinden und zu erneuern, auf denen unsere Sozialwissenschaften und in hohem Maße auch unsere Praktiken beruhen.

Das bedeutet nicht, dass wir die Fortschritte in der Politikwissenschaft, der Wirtschaft und der Außenpolitik unserer Vorgänger wieder verwerfen müssen. Die Bolschewiki versuchten, die sozi­alen Ideen des zaristischen Russlands über auf den „Müllhaufen der Geschichte“ zu werfen – das Ergebnis ist bekannt. Den Marxismus haben wir vor kurzem mit Vergnügen abgeschafft. Jetzt, nachdem wir andere Lehren satt haben, stellen wir fest, dass wir zu kritisch darüber geurteilt haben: Sowohl Marx-Engels als auch Lenin mit seiner Theorie des Imperialismus hatten vernünftige Ideen, auf die man sich verlassen konnte.

Die Sozialwissenschaften – die Wissenschaften vom menschlichen Leben und den Gesellschaften – können nicht anders als national sein, wie kosmopolitisch ihre Anhänger auch sein mögen. Sie wachsen auf nationalem, historischem Boden auf und zielen letztendlich darauf ab, ihren Nationen und/oder ihren herrschenden und beherrschten Klassen dienen. Die unkritische Übertragung von Lösungen, die in dem einem Land gültig sind, auf ein anderes ist fruchtlos und schafft nur Abscheu­lichkeiten.

Nach der Erlangung relativer militärischer Sicherheit und politischer und wirtschaftlicher Souve­ränität wird die Arbeit zur Erlangung intellektueller Autonomie – eine der absoluten Vorausset­zungen für Entwicklung und Einfluss in der neuen Welt – folgen. Der prominente russische Politik­wissenschaftler Mikhail Remizov war, soweit ich weiß, der erste, der diesen Prozess „intellektuelle Dekolonisierung“ nannte.

Nachdem wir jahrzehntelang im Schatten des importierten Marxismus gestanden hatten, haben wir den Übergang zu einer anderen ausländischen Ideologie eingeleitet: der liberalen Demokratie. Dies trifft nicht nur für Wirtschafts- und Politikwissenschaft zu – bis zu einem gewissen Grad gilt dies sogar für die Außen- und Verteidigungspolitik. Diese Faszination hat uns nicht gut getan – wir haben einen Teil des Landes, seiner Technologien und seiner Menschen verloren. Mitte der 2000er Jahre begannen wir eine unabhängige Politik zu verfolgen, mussten uns aber eher auf unseren Instinkt verlassen als auf klare nationale (ich wiederhole – etwas anderes kann es nicht sein) wissenschaftliche und ideologische Grundsätze.

Wir haben immer noch nicht den Mut anzuerkennen,
dass das wissenschaftliche und ideologische Weltbild,
das wir in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren hatten,
veraltet ist und/oder dazu gedacht war,
ausländischen Eliten zu dienen.

Zur Veranschaulichung stelle ich Ihnen anderthalb Dutzend Fragen, die ich fast wahllos aus meiner sehr langen Liste ausgewählt habe:

Ich beginne mit existenziellen Fragen, rein philosophischen Fragen. Was kommt beim Menschen zuerst, der Geist oder die Materie? Und im profaneren politischen Sinne – was treibt Menschen und Staaten in der modernen Welt an? Für gewöhnliche Marxisten und Liberale lautet die Antwort: die Wirtschaft. Denken Sie daran, dass Bill Clintons berühmtes „It’s the economy, stupid“ bis vor kurzem als Axiom galt. Aber die Menschen suchen nach etwas Größerem, wenn das Grundbe­dürfnis nach Nahrung befriedigt ist. Die Liebe zur Familie, zur Heimat, der Wunsch nach nationaler Würde, persönlichen Freiheiten, Macht und Ruhm. Die Hierarchie der Bedürfnisse ist uns gut bekannt, seit Maslow sie in den 1940-50er Jahren in seiner berühmten Pyramide vorstellte.

Der moderne Kapitalismus hat diese Pyramide jedoch verdreht, indem er zunächst über traditionelle Medien und später über die allgegenwärtigen elektronischen Netzwerke die Philosophie des endlos wachsenden Konsums sowohl für die Reichen auf ihrem Niveau als auch für die Armen auf ihrem Niveau durchgesetzt hat.

Was ist zu tun, wenn man erkennt, dass der moderne Kapitalismus keine ethische und religiöse Grundlage hat und zu grenzenlosem Konsum anregt, moralische und geografische Grenzen sprengt, mit der Natur in Konflikt gerät und die Existenz unserer Spezies bedroht? Und dabei wissen wir, die Russen, nur zu gut, dass der Versuch, Unternehmer und Kapitalisten loszuwerden, die von dem Wunsch getrieben sind, Reichtum zu schaffen, katastrophale Folgen für die Gesellschaft und die Umwelt haben wird (das sozialistische Wirtschaftsmodell war nicht gerade umweltfreundlich).

Was tun mit den neuesten Werten – Verleugnung von Geschichte, Heimat, Geschlecht, Glaube, aggressivem LGBTismus und Ultra-Feminismus? Ich erkenne das Recht anderer Menschen an, an ihnen festzuhalten, halte sie aber für posthumanistisch. Betrachten Sie es als normales Stadium der sozialen Evolution? Wohl kaum. Versuchen wir, sie einzudämmen, ihre Entwicklung zu begrenzen und erwarten, dass die Gesellschaften auch diese moralische Epidemie überleben? Oder sollten wir sie aktiv bekämpfen, indem wir die überwältigende Mehrheit der Menschheit anführen, die an Werten festhält, welche als konservativ bezeichnet werden, aber einfach normale, menschliche Werte sind? Sollen wir uns auf einen Kampf einlassen, der das ohnehin schon gefährliche Niveau der Konfrontation mit den westlichen Eliten noch verschärft?

Die technologische Entwicklung und die gestiegene Arbeitsproduktivität haben dazu beigetragen, die Mehrheit der Menschen zu ernähren, aber die Welt selbst ist in Anarchie abgerutscht, und viele gewohnten Bezugspunkte und Leitprinzipien sind auf globaler Ebene verloren gegangen. Vielleicht sind es nicht mehr die wirtschaftlichen Interessen, sondern die Sicherheitsinteressen, die wieder in den Vordergrund rücken: die Instrumente der militärischen Gewalt und der politische Wille, die dies gewährleisten?

Was ist militärische Abschreckung in der modernen Welt? Ist es die Drohung, nationalen und indivi­duellen Vermögenswerten oder ausländischen Vermögenswerten und der Informationsinfrastruktur, mit der die derzeitigen kosmopolitischen westlichen Eliten enger verbunden sind, Schaden zuzu­fügen? Wenn diese Infrastruktur zusammenbricht, was wird dann aus den westlichen Gesell­schaften?

Eine damit zusammenhängende Frage lautet: Was ist strategische Parität, ein Konzept, das wir immer noch verwenden? Handelt es sich dabei um eine plump erfundene Torheit, auf die die sowje­tische Führung hereingefallen ist – weil sie unter Minderwertigkeitsgefühlen und dem Syndrom des 22. Juni 1941 litt –, und so das Land und die Menschen in ein zermürbendes Wettrüsten hineinge­zogen hat? Es sieht so aus, als würden wir diese Frage bereits beantworten, auch wenn wir immer noch Reden über Gleichheit und symmetrische Maßnahmen schwingen.

Und was ist diese Rüstungskontrolle, an deren Nutzen viele von uns glauben? Ein Mittel, um ein kostspieliges Wettrüsten einzudämmen, von dem die reichere Seite profitiert, um die Kriegsgefahr zu verringern – oder eher ein Mittel, um dieses Wettrüsten zu legitimieren, um Rüstungsgüter zu entwickeln, um der anderen Seite unnötige Programme aufzuzwingen? Darauf gibt es keine eindeu­tige Antwort.

Aber zurück zu Fragen höherer Ordnung:

Ist die Demokratie wirklich die Krönung der politischen Entwicklung? Oder ist es nur ein weiteres Werkzeug, das den Eliten dazu dient, um die Gesellschaft zu kontrollieren, jedenfalls wenn wir nicht über die reine Demokratie von Aristoteles sprechen (die auch gewisse Einschränkungen hat)? Es gibt viele Instrumente, die kommen und gehen, wenn sich die Gesellschaft und die Bedingungen ändern. Manchmal geben wir sie auf, um sie dann wieder hervorzuholen, wenn die äußeren und in­neren Bedingungen reif sind und der Bedarf entsteht. Ich plädiere nicht für grenzenlosen Autorita­rismus oder Monarchie. Ich denke, wir haben es mit der Zentralisierung bereits übertrieben, insbe­sondere auf der kommunalen Ebene. Aber wenn sie bloß ein Werkzeug ist, sollten wir vielleicht aufhören, so zu tun, als ob wir Demokratie anstrebten, und es unverblümt sagen: Wir wollen eine Gesellschaft der persönlichen Freiheit, des Wohlstands für die Mehrheit, Sicherheit und nationale Würde. Aber wie lässt sich Macht dann in den Augen des Volkes legitimieren?

Ist der Staat wirklich dazu bestimmt, abzusterben, wie Marxisten und liberale Globalisten einst glaubten, als sie von Allianzen zwischen transnationalen Konzernen, internationalen Nichtregie­rungsorganisationen (die beide verstaatlicht und privatisiert werden) und supranationalen poli­tischen Bewegungen träumten? Wir werden sehen, wie lange sich die EU in ihrer jetzigen Form halten kann. Auch hier soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es sinnvoll ist, wenn Nationen und Völker ihre Kräfte für das Gemeinwohl bündeln, um beispielsweise kostspielige Zollschranken zu beseitigen oder eine gemeinsame Umweltpolitik zu betreiben. Oder ist es nicht besser, sich auf die Entwicklung des eigenen Staates und die Unterstützung der Nachbarn zu konzentrieren und dabei die von anderen geschaffenen globalen Probleme außer Acht zu lassen? Werden sie sich nicht mit uns anlegen, wenn wir so handeln?

Welche Rolle spielt das Territorium – ein schwindendes Gut, eine Last, wie noch vor kurzem unter Politikwissenschaftlern angenommen wurde? Oder der größte nationale Schatz, insbesondere ange­sichts der Umweltkrise, des Klimawandels, der zunehmenden Knappheit an Wasser und Nahrungs­mitteln in einigen Regionen und des völligen Mangels in anderen?

Was ist dann mit den Hunderten von Millionen Pakistanern, Indern, Arabern, Bewohnern anderer Gebiete, die unbewohnbar werden könnten? Sollten wir sie jetzt einladen, so wie es die USA und Europa in den 1960er Jahren zu tun begannen, indem sie Migranten anlockten, um die Kosten für einheimische Arbeitskräfte zu senken und die Gewerkschaften zu untergraben? Oder sollten wir uns abkapseln oder ein Modell für ein Land vorbereiten, in dem die einheimischen Völker Russlands die Verteidiger und Herren ihres eigenen Territoriums werden würden? Aber dann müsste jede Hoff­nung auf Demokratie aufgegeben werden – denken Sie an die Erfahrungen Israels mit seiner arabi­schen Bevölkerung.

Oder wird die Entwicklung der heute stark unterentwickelten Robotik dazu beitragen, einen Mangel an Menschen für die Erschließung solcher Gebiete zu vermeiden? Ganz allgemein gesprochen: Welche Rolle wird die einheimische russische Bevölkerung spielen in unserem Land, wenn man bedenkt, dass ihre Zahl unweigerlich weiter schrumpfen wird? Ich denke, dass die Antwort ange­sichts der Tatsache, dass die Russen historisch gesehen ein offenes Volk sind, optimistisch ausfallen könnte. Aber es gibt keine Gewissheit.

Es gibt noch viel mehr Fragen zu stellen, vor allem im Bereich der Wirtschaft. Diese Fragen müssen gestellt werden, und es ist wichtig, so schnell wie möglich Antworten zu finden, um zu wachsen und an der Spitze zu stehen. Dies ist die wichtigste Voraussetzung für Entwicklung und Sieg. Russland braucht eine neue politische Ökonomie, die frei ist von den Dogmen des Marxismus oder des Liberalismus, die aber mehr ist als der derzeitige starre Realismus, auf dem unsere Außenpolitik beruht. Sie muss einen zukunftsorientierten Idealismus beinhalten, eine neue russische Idee, die auf unserer Geschichte und philosophischen Tradition basiert. Professor Pavel Tsygankov hat wieder­holt einen ähnlichen Gedanken geäußert.

Ich bin sicher, dass dies die wichtigste Aufgabe aller unserer internationalen Wissenschaftler, Poli­tologen, Ökonomen und Philosophen ist. Diese Aufgabe ist mehr als schwierig. Wir können nur dann weiterhin einen Beitrag zu unserer Gesellschaft und unserem Land leisten, wenn wir unsere alten Denkmuster durchbrechen. Aber um mit einer optimistischen Note zu enden, hier noch ein humorvoller Gedanke: Ist es nicht an der Zeit anzuerkennen, dass unser Forschungsgegenstand – die Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik – das Ergebnis eines kreativen Prozesses ist, an dem die Massen und die Führung gleichermaßen beteiligt sind? Dass es sich in gewisser Weise um Kunst handelt? Sie entzieht sich weitgehend einer Erklärung und entspringt der Intuition und dem Talent. Und so sind wir wie Kunstexperten: Wir sprechen darüber, erkennen Trends und bringen den Künst­lern – den Massen und den Führern – die Geschichte bei, die für sie nützlich ist. Allerdings ver­lieren wir uns oft im Theoretischen, entwickeln Ideen, die von der Realität abgehoben sind, oder verzerren sie, indem wir uns auf einzelne Fragmente konzentrieren.

Manchmal werden Vertreter unserer Berufe zu Schöpfern der Geschichte: Denken wir an Evgeny Primakov oder Henry Kissinger. Aber ich würde behaupten, dass es ihnen egal war, welche Ansätze der Kunstgeschichte sie vertraten. Sie schöpften aus ihrem Wissen, ihrer menschlichen Erfahrung, ihren moralischen Prinzipien, ihrer Intuition. Mir gefällt die Idee, dass wir eine Art Kunstexperte sind, und ich glaube, dass dies die gewaltige Aufgabe, die Dogmen zu revidieren, ein wenig ein­facher machen kann.


Sergej Karaganow, Jahrgang 1952, ist Ehrenvorsitzender des einflussreichen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik, der Konzepte für Russlands weltpolitische Strategien entwirft und im Mai neue Thesen zur Außenpolitik vorgelegt hat. Dem Rat gehören Politiker, Ökonomen sowie ehemalige Offiziere und Geheimdienstler an. Karaganow ist Berater der Präsidialadministration von Wladimir Putin und Dekan an der Moskauer Eliteuniversität Higher School of Economics. [Quelle: SpOn]


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