Die „Selbstmordpille“ des Silicon Valley für die Menschheit

von Mark Piesing | erstmals veröffentlicht am 20. August 2018, mithin anderthalb Jahre vor dem Anbruch des neuen Zeitalters. Mache sich ein jeder selbst einen Reim darauf, ob die gegenwärtige weltweit erfolgende Nötigung – mit jeweils eigener kultureller Note in der Art der Durchführung – zur Injektion gentechnologisch synthetisierter Erbinformationen etwas mit den hier vorgestellten Szenarien zu tun haben könnte.

Im vergangenen Jahr [also 2017] haben Start-ups in Amerika mehr als 60 Milliarden Dollar an Risikokapitalmitteln erhalten. Davon entfielen allein 12 Milliarden Dollar auf künstliche Intelligenz [und davon ein guter Teil für KI im Gesundheitswesen …; T.R.]. Doch an was genau die Männer und Frauen, die unsere Gesellschaft verändern wollen, glauben, das ist unserer Aufmerksamkeit weitgehend entgangen. Höchste Zeit, dass wir es erfahren.

Das Silicon Valley ist berühmt für seine technologischen Innovationen. Weniger bekannt ist es für seine ideologische Vorreiterrolle.

Zwei neue, technologiebasierte Ideologien sind im Valley geboren worden: Transhumanismus und Posthumanismus. Es ist schwer, die eine ohne die andere zu verstehen, und die Grenzen zwischen diesen beiden, noch recht groben Glaubensrichtungen sind sehr fließend.

Francis Fukuyama bezeichnete den Transhumanismus als eine der größten Bedrohungen für die Idee der menschlichen Gleichheit und sagte, dass die Transhumanisten „so ziemlich die letzte Gruppe sind, die ich gerne ewig leben sehen würde“. Als ich 2014 für Wired über den Transhumanismus schrieb, hielten mich viele Menschen für einen Spinner. Dann, bei den Präsidentschaftswahlen 2016, trat Zoltan Istvan als Kandidat der Transhumanistischen Partei gegen Donald Trump an, und in diesem Jahr gewann Mark O‘Connells Buch To Be a Machine den Wellcome Book Prize …

» Diese gonzo-journalistische Erkundung des Strebens der Techno-Utopisten des Silicon Valley, der Sterblichkeit zu entkommen, ist ein luftiges Vergnügen voller bunter Charaktere. «
New York Times Book Review

Der Transhumanismus ist zu einer der De-facto-Ideologien des Silicon-Valley-Establishments geworden, da er die Kultur des Valley rechtfertigt, die darauf ausgerichtet ist, „schnell zu sein, Dinge zu zerstören und so viel Geld wie möglich zu verdienen“.


Die Ursprünge des Transhumanismus reichen jedoch bis in die 1900er Jahre oder sogar noch weiter zurück, bis zur Suche nach Unsterblichkeit im Gilgamesch-Epos und der Suche nach dem Jungbrunnen. Die ersten Transhumanisten trafen sich Anfang der 1980er Jahre an der University of California, Los Angeles, und wurden schnell zum Zentrum des transhumanistischen Denkens. Heute ist es eine weltweite Bewegung, und der Italiener Giuseppe Vatinno ist der erste gewählte transhumanistische Abgeordnete im Parlament.

Heute zählen einflussreiche Persönlichkeiten wie der Futurist Raymond Kurzweil, der technische Direktor von Google; Elon Musk, der Gründer von Tesla und Space X; sowie Peter Thiel, der Gründer von PayPal und Risikokapitalgeber, den die meisten Menschen hassen, zu den Transhumanisten. Professor Nick Bostrom von der Universität Oxford ist Mitbegründer der World Transhumanist Association und Autor des New York Times-Bestsellers Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies [Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution], der von Leuten wie Bill Gates empfohlen wurde.

Falls Sie es noch nicht wussten: Transhumanismus ist eine sehr optimistische Glaubensrichtung – eine Bewegung zur Befreiung der Menschheit – die sich um den Kerngedanken rankt, dass die Technologie uns über die physischen und intellektuellen Grenzen des Menschseins hinausführen wird. Technologien wie Nanotechnologie, synthetische Biologie, Robotik, künstliche Intelligenz und die digitale Emulation [Nachbildung] des Gehirns werden die Bedeutung des Menschseins verändern. Transhumanismus ist gewissermaßen immer dann mit im Spiel, wenn für selbstfahrende Autos, virtuelle Realität und jede Art von KI geworben wird.

Transhumanismus, so halten Kritiker dagegen [Gerd Leonhard: Technology vs. Humanity: Unsere Zukunft zwischen Mensch und Maschine], ist zu einer der De-facto-Ideologien des Silicon-Valley-Establishments geworden, denn er dient als Rechtfertigung für die Kultur des Valley, die darauf ausgerichtet ist, „schnell zu sein, Dinge zu zerstören und so viel Geld wie möglich zu verdienen“ – denn „hey, was wir tun, befreit die Menschheit“.

Was gern verschwiegen wird von jenen, die möchten, dass der Transhumanismus ernst genommen wird, sind die „verrückteren“ Elemente dieser Erklärung. Der Glaube, dass diese Transformation durch die tatsächliche physische Verschmelzung von Technologie und Mensch durch Körpermodifikationen und -verbesserungen erfolgen wird. Oder der Glaube, dass das exponentielle Wachstum der Technologie uns auf eine Reise mitnimmt, die weit über unser Verständnis des heutigen Menschseins hinausgeht, bis zu einem Punkt, an dem wir im wahrsten Sinne des Wortes posthuman werden.

Unser posthumanes Selbst könnte ein unsterbliches digitales Wesen sein, das sein Bewusstsein in einen synthetischen Körper seiner Wahl auf der Erde herunterladen kann, oder ein Roboter, der die Monde des Jupiter erkundet. Es könnte bedeuten, dass wir unsere eigene Biologie verändern, um unsere Körper zu verbessern oder eine neue Spezies von Post-Menschen zu werden. Andere Forscher stellen schon die Frage, ob ein internationales Abkommen zur Rettung des bedrohten Menschen notwendig ist.

Visual of From Homo Sapiens to Homo Optimus
Von Homo Sapiens zu Homo Optimus

Transhumanisten nennen den fast mystischen Moment, ab dem diese Verschmelzung möglich ist, „Die Singularität“.

Und dann wäre da noch der Glaube an die Unvermeidlichkeit einer Übernahme durch die KI. Diese Überzeugungen werden oft verwirrend als Posthumanismus bezeichnet. Statt über die Zukunft der Menschheit nachzudenken, konzentriert sich diese Art des Posthumanismus eher auf die Abschaffung der Menschheit. Er ist eine dunklere, extremere und pessimistischere Alternative zum Transhumanismus. Er teilt viele Ideen mit dem Transhumanismus, wie das exponentielle Wachstum der Technologie und den Glauben an die Singularität. Allerdings entfällt hier die menschliche Einflussnahme auf den technologischen Wandel und man glaubt an die Unvermeidbarkeit der Schaffung einer superintelligenten KI, die uns auf sehr deterministische Weise ersetzt.

Gemäß dieser Denkweise entwickelt sich die Technologie in einem exponentiellen Tempo, angetrieben durch den ständigen Expansionsdrang des Kapitalismus, und es ist unvermeidlich, dass an einem bestimmten Punkt dieser Kurve die technologische Singularität eintritt. Das ist der Moment, in dem der Mensch eine künstliche Intelligenz erschafft, die die intellektuellen Fähigkeiten von Männern und Frauen übertrifft, selbst von einem Genie wie Stephen Hawking. Es ist die letzte Maschine, die der Mensch jemals bauen wird.

Mit dieser intellektuellen Feuerkraft erlangt die Maschine nicht nur die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren, sondern auch, sich selbst zu verbessern. Die daraus resultierende „Intelligenzexplosion“ führt zu einem unkontrollierten Zyklus von sich selbst verbessernder KI, bis hin zu einem leistungsstarken, superintelligenten Computer, der alle menschliche Intelligenz übertrifft. Anstatt mit dieser Technologie physisch zu verschmelzen, endet die menschliche Ära in dem darwinistischen Alptraum, dass die menschliche Rasse durch eine überlegene Intelligenz ersetzt wird, die wir selbst geschaffen haben.

Entscheidend ist, dass es Transhumanisten und Posthumanisten in Positionen gibt, in denen sie darüber bestimmen können, wohin Investitionen im Valley und anderswo fließen.


Idealerweise sollen wir unsere unvermeidliche Selbstauslöschung mit einem fatalistischen Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Schlimmstenfalls ist es eine Selbstmordpille, denn es sei unsere evolutionäre Pflicht, so die Gläubigen, die KI zu schaffen, die uns ersetzen wird. Einige Posthumanisten würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass es eine kosmische Tragödie wäre, sollte es uns noch gelingen, diese Entwicklung aufzuhalten.

Die Kosmisten gehören, wie ihr Name schon sagt, zum Lager der „Selbstmordpille“. Der Informatiker Hugo de Garis vertritt die Ansicht [siehe Zitat unten], dass die Menschheit diese „gottähnlichen Superwesen“, die sie als Artilekten bezeichnen, erschaffen muss, selbst wenn sie damit die Vernichtung der menschlichen Spezies riskiert. Dahinter steht die Annahme, dass das Leben der normalen Menschen – die sie Terraner nennen – weniger wert ist als das der Artilekten.

In diesem Papier wird postuliert, dass die Frage der „Spezies-Dominanz“ unsere globale Politik in diesem Jahrhundert dominieren wird. Die Menschheit wird erbittert über die Frage zerstritten sein, ob man gottähnliche, massiv intelligente Maschinen bauen soll, die man „Artilekten“ (künstliche Intelligenzen) nennt und die mit den Technologien des 21. Jahrhunderts über mentale Fähigkeiten verfügen werden, die Billionen Mal über dem menschlichen Niveau liegen. Die Menschheit wird sich in drei große Lager spalten: die „Kosmisten“ (die für den Bau von Artilekten sind), die „Terraner“ (die gegen den Bau von Artilekten sind) und die „Cyborgs“ (die selbst zu Artilekten werden wollen, indem sie Komponenten zu ihren eigenen menschlichen Gehirnen hinzufügen). Ein großer „Artilekten-Krieg“ zwischen den Kosmisten und den Terranern Ende des 21. Jahrhunderts wird nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen töten.

Hugo de Garis: The Artilect War: Cosmists vs. Terrans. A Bitter Controversy Concerning Whether Humanity Should Build Godlike Massively Intelligent Machines

Kosmisten wie de Garis sind davon überzeugt, dass der Drang, diese neuen gottähnlichen Wesen zu erschaffen, zum ersten „Gigadeath-Krieg“ führen wird – einem Krieg, der Milliarden von Menschen tötet. Sie glauben, dass der Krieg beginnen wird, sobald gewöhnliche Menschen versuchen, die Erschaffung dieser superintelligenten Maschinen zu verhindern, und dass die einzige Möglichkeit, an der Seite dieser neuen Kreaturen zu überleben, darin besteht, Cyborgs zu werden.

Diese verrückt klingenden Überzeugungen werden natürlich nicht von der gesamten Technologiegemeinschaft geteilt, und es gibt jeweils diverse Varianten davon. Es gibt auch Transhumanisten wie Elon Musk und Nick Bostrom, die sich der Risiken eines solchen Prozesses der technologischen Transformation bewusst sind. Andere sind der Ansicht, dass die Singularität bereits im Gange ist. Ausschlaggebend ist, dass es Transhumanisten und Posthumanisten gibt, die entscheiden, wohin die Investitionen im Valley und anderswo fließen.

Biohacker, die versuchen, ihre DNA zu Hause zu verändern oder ihren eigenen Körper mit einer neuronalen Schnittstelle aufzurüsten, mögen für Schlagzeilen sorgen. Aber Peter Thiel hat Millionen in Biotechnologie-Start-ups investiert, die nach einem Weg suchen, den Tod zu überlisten. Und dann ist da noch Neuralink, ein amerikanisches Neurotechnologie-Unternehmen, gegründet von Elon Musk und acht anderen. Berichten zufolge entwickelt es implantierbare Gehirn-Computer-Cyborg-ähnliche Schnittstellen, wie wir sie in Science-Fiction-Filmen sehen. Es könnte der Menschheit sogar helfen, die Kontrolle über die KI zu behalten.

Das ‚Mind Uploading‘, auch bekannt als Emulation des gesamten Gehirns, hat Millionen von Dollar an Investitionen von Milliardären aus dem Silicon Valley und darüber hinaus angezogen. Ein führender Risikokapitalgeber sagte mir, dass er sich nicht so sehr um die öffentliche KI-Forschung an den Universitäten sorgt, sondern vielmehr um die Forschung, die in unregulierten privaten Labors betrieben wird.

Letztendlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, was die Forscher glauben, denn für einen Posthumanen können die Dinge, die uns heute wichtig sind, wie der Schutz unserer Daten, das Wohlergehen unserer Demokratie und das Überleben unserer lokalen Buchhandlung, nur allzu leicht als veraltete – als allzu ‚menschliche‘ – Konzepte angesehen werden. Die Frage ist: Möchten Sie das?

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