Das Internet zerstört unsere Gehirne, doch wir kommen nicht davon los. Es ist eine Fabrik, in der wir arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden

von P.E. Moskowitz  |  19. Juni 2021 via Business Insider India
The internet is destroying our brains, but we can't quit. It's a factory we're forced to work in without any pay.
  • Laut Studien ist das Internet schlecht für unsere geistige Gesundheit, und immer mehr Menschen werden sich dieser Schäden bewusst
  • Internet-Gurus ermutigen uns, soziale Medien aufzugeben, und Tech-Manager schicken ihre Kinder auf Anti-Internet-Schulen
  • Doch wir brauchen eine systemischere Lösung für den Einfluss des Internets auf unser Leben; wir müssen das Internet als eine Fabrik betrachten
  • P.E. Moskowitz ist Autor und betreibt Mental Hellth, einen Newsletter über Kapitalismus und Psychologie

In diesem Jahr scheint die Stimmung der Social-Media-Nutzer gegenüber dem Internet an einem Wendepunkt angelangt zu sein. Einst als eine befreiende Technologie angesehen, die eine Ära der Kreativität und neuer Verbindungen auf der ganzen Welt versprach, haben sich viele – von gelegentlichen Twitter-Nutzern bis hin zu professionellen Content-Erstellern – gegen diese Technologie gewandt.

Sie können den Stimmungsumschwung an unserem Medienoutput ablesen: Da gibt es die beliebte, dystopische Reality-Show „The Circle“ von Netflix, in der die Teilnehmer mit oft gefaketen Internet-Identitäten auf zynische Weise um Geld kämpfen. Einer der populärsten Dokumentarfilme des Streamingdienstes im letzten Jahr war „The Social Dilemma“, der die Zuschauer mit seinen Erklärungen zu Facebooks Datenschutz-Fauxpas in seinen Bann zog. Und auch einige der meistbeachteten Romane dieses Jahres handeln von den Schattenseiten des Internets, wie Lauren Oylers „Fake Accounts“ [Interview der Berliner Zeitung mit der Autorin] und Patricia Lockwoods „No One Is Talking About This“.

The Social Dilemma (2020) auf Vimeo anschauen

Aus gutem Grund bewerten wir alle unsere Beziehung zum Internet neu, aber wir haben falsch definiert, was diese Beziehung wirklich ist. Es ist nicht wie eine unglückliche Beziehung, bei der man einfach Schluss machen kann, und es ist nicht wie Junk Food, bei dem man sich entscheiden kann, einfach weniger zu essen – es ist eine allumfassende Technologie, unser wichtigster Wirtschaftsmotor, das Werkzeug, das wir zu benutzen gezwungen sind, um andere zu treffen und unser gesamtes Leben zu organisieren.

Eine Lösung für unsere aktuelle Internet-Nutzungskrise kann nicht auf individueller Ebene erfolgen, ebenso wenig wie es eine Lösung für die schlechten Arbeitsbedingungen des Kapitalismus wäre, wenn eine einzelne Person ihren Job kündigen würde. Wenn wir darauf hoffen wollen, dass das Internet weniger stressig, weniger belastend und stattdessen bereichernd wird, dann müssen sich die Ersteller von Inhalten, die Beschäftigten in der Gig-Economy und sogar die Gelegenheitsnutzer des Internets für eine systemische Lösung einsetzen.

Wir wissen, dass das Internet unsere Gehirne verkommen lässt

Eine wachsende Zahl von Erkenntnissen legt nahe, dass das Internet wirklich verheerende Auswirkungen auf uns hat. Eine 2018 durchgeführte Studie mit College-Studenten fand heraus, dass die Beschränkung der Nutzung sozialer Medien auf 10 Minuten pro Tag die Ängste der Teilnehmer deutlich reduzierte. Eine Studie aus dem Jahr 2019 fand heraus, dass Teenager, die mehr Zeit online verbrachten, eher an psychischen Erkrankungen litten. Andere Studien zeigen, dass sich Social-Media-Nutzer am Ende einsamer, isolierter und weniger selbstbewusst fühlen.

Es ist mittlerweile eine eigene Branche entstanden, die Kapital aus der Erkenntnis der Menschen schlägt, dass das Internet schlecht für sie ist. Das Internet ist übersät mit Anleitungen, wie man eine Pause von den sozialen Medien einlegt, und es wurden Selbsthilfebücher geschrieben, die uns ermutigen, den Stecker zu ziehen. Es gibt mehrere populäre TED-Talks von ehemaligen Internet-Ingenieuren und Führungskräften, die den Menschen erklären, dass das Internet schlecht für sie ist und sie die sozialen Medien links liegen lassen sollten. Es sind Rückzugsorte für Wohlhabende entstanden, die Telefone und Computer verbieten, und, was vielleicht am beunruhigendsten ist, genau die Leute, die diese Technologie entwickeln, schicken ihre Kinder in Schulen, in denen die Technologie verboten ist – ein stillschweigendes Eingeständnis ihres Potenzials, dem Verstand der Menschen zu schaden.

Wir werden permanent daran erinnert, dass das Internet schlecht für uns ist, und doch ist die Nutzung sozialer Medien so hoch wie nie zuvor, im Durchschnitt 145 Minuten pro Person und Tag weltweit. Wir stecken in einem Kreislauf fest, von dem wir wissen, dass irgendetwas daran nicht gut für uns ist, wir wollen damit aufhören, und dennoch gelingt es uns anscheinend nicht.

Das Internet als eine Fabrik, in der wir unbezahlt arbeiten

Wir können nicht mit dem Internet aufhören, weil wir das Problem völlig falsch konzeptualisiert haben. Social Media ist keine individuelle Sucht, die auf individueller Ebene angegangen werden kann – es ist ein gesellschaftliches Problem, das einer gesellschaftlichen Lösung bedarf. Wir müssen das Internet weniger als ein Werkzeug betrachten, von dem wir alle irgendwie nicht lassen können, sondern eher als eine Fabrik, in der wir sein müssen. Unsere gesamte Gesellschaft hat sich um das Internet herum neu formiert, so wie die Gesellschaft zu Zeiten der industriellen Revolution um die Fabrik herum zentriert war. Wenn es einen Ausfall von Amazon Web Services gibt, funktioniert ein Großteil unserer Gesellschaft nicht mehr. Ohne das Internet könnten wir keine Jobs finden – und derzeit nicht einmal mehr Freunde.

Die „Gig-Economy“ – die oft unterbezahlte und ausbeuterische Arbeit, die von Uber-Fahrern und Instacart-Einkäufern verrichtet wird – wurde durch das Internet ermöglicht, und mittlerweile ist mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer in den USA in irgendeiner Form an dieser Wirtschaft beteiligt. Während der Pandemie waren Büroangestellte nur durch das Internet in der Lage, ihre geforderten Arbeitsaufgaben zu erfüllen, und College-Studenten gaben ihr gesamtes Schulgeld für das Privileg aus, jeden Tag stundenlang auf Zoom zu starren.

Wir alle müssen hier – online – sein, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber selbst wenn wir nicht hier sein müssen, versuchen die Unternehmen, dafür zu sorgen, dass wir trotzdem online sind: Dieselben wissenschaftlichen Erkenntnisse, die seit langem angewendet werden, um die Spieler in Las Vegas an den Spielautomaten festhalten, nutzen auch App- und Spieleentwickler, um uns an unsere Bildschirme zu fesseln.

Wie die Kultur- und Medientheoretikerin McKenzie Wark in ihrem Buch „Capital is Dead: Is This Something Worse?“ [ausführliche Buchvorstellung aus marxistischer Sicht, YouTube, deutsch] schreibt, nutzt das Internet unsere Arbeit, ohne dass wir es wirklich wissen. Anders als in der Broadcast-Ära der Medien, in der die Besitzer von Fernsehsendern und Filmstudios zumindest die Inhalte erstellen mussten, um sie an uns zu verkaufen, erstellen wir jetzt alle Inhalte für uns selbst, meist ohne dafür bezahlt zu werden.

„[Social-Media-Unternehmen wie Facebook] machen sich nicht einmal die Mühe, Unterhaltung zu bieten“, schreibt Wark. „Wir müssen uns gegenseitig unterhalten, während sie die Miete kassieren, und sie kassieren sie in jeder Social-Media-Zeit, öffentlich oder privat, bei der Arbeit oder in der Freizeit, und (wenn Sie Ihr FitBit anlassen) sogar, während Sie schlafen.“

McKenzie Wark stellt fest, dass die Information eine neue Art von herrschender Klasse an die Macht gebracht hat. Durch den Besitz und die Kontrolle von Informationen dominiert diese aufstrebende Klasse nicht nur die Arbeit, sondern auch das Kapital im traditionellen Sinne. Während techno-utopische Apologeten diese Innovationen immer noch als eine Verbesserung des Kapitalismus feiern, verschlechtern sie die die Situation für die einfachen Leute – und den Planeten.

Wir produzieren die Memes, Tweets, Posts und Bilder, die uns an das Internet fesseln, und dann wird dieser Inhalt in Form von Werbung monetarisiert – Einnahmen, die die Nutzer mitproduzieren, von denen sie aber in der Regel keinen Pfennig sehen.

Obwohl eine recht überschaubare Anzahl von Internetnutzern für ihre Arbeit bezahlt wird – z. B. Influencer oder populäre YouTuber – werden die meisten von uns nicht dafür bezahlt. Das Internet kann man sich als eine Fabrik vorstellen, in der die große Mehrheit der Menschen unbezahlt schuftet. Stattdessen kämpfen die Nutzer oft miteinander um eine nicht-monetäre Bezahlung in Form von Einfluss – die Anerkennung, dass wir die meisten und besten Inhalte umsonst produzieren können.

„In manchen Bereichen [der Gesellschaft] hat diese affektive Währung die Löhne der Industrialisierung ersetzt, vor allem für Fachleute, die früher einen geregelten Lebensunterhalt mit bezahlten Inhalten erwirtschafteten, und die heute ihre Stichwörter [bylines] überall verbreiten in der Hoffnung, sich durch die Bekanntheit ihres Namens ein Nischendasein zu sichern“, schreibt der Soziologe Andrew Ross.

Diese kostenlose oder billige Arbeit hat die Einkommensungleichheit massiv vergrößert, so die Meinung einiger Theoretiker. Wir kämpfen um Follower, Retweets und Likes, und das alles quasi zum Nulltarif, während die Plattformen, auf denen wir uns bewegen, massiv profitieren. Und nur wenige, große Unternehmen kassieren diese Gewinne; fast 70 % aller digitalen Werbeausgaben gehen entweder an Google, Facebook oder Amazon.

Wie Yasha Levine in seinem Buch „Surveillance Valley“ [FAZ-Rezension] schreibt, war das Internet nie als benutzerfreundlicher Ort gedacht – es wurde vom US-Militär entwickelt, um im Krieg Menschen auszuspionieren, und dann auch eingesetzt, um die Amerikaner zu Hause auszuspionieren. Ein Teil der Anfangsfinanzierung von Google stammte aus Zuschüssen von US-Spionageagenturen. Als die Infrastruktur des Internets von der US-Regierung an private Unternehmen verkauft wurde, förderten die Leute, die von dieser Privatisierung profitierten, Zeitschriften, Anzeigen und Lobbyarbeit, um das Internet von einem Überwachungsinstrument zu einem Mittel umzugestalten, das uns kulturell befreien könnte. Wie Levine detailliert ausführt, war Louis Rossetto – der Gründer des Wired Magazins, dem größten Megaphon für die Evangelisierung des neuen, privatisierten Internets in den 1990er Jahren – ein Fan von Ayn Rand, der glaubte, das Internet würde die Notwendigkeit einer Regierung ersetzen.

„Ich war ’67, ’68, ’69 und ’71 an der Columbia, und von diesen vier Jahren am College wurden zwei durch Eruptionen im Frühjahr ausgelöscht. Es fühlte sich an, als ob die Welt aus den Fugen geraten würde. Und wenn man Augen hatte, konnte man erkennen, dass es Probleme in der Gesellschaft gab, die nicht in Ordnung waren. Aber die Analyse der Linken schien einfach falsch zu sein. Es war wie ein wiederaufgebackener Marxismus und dieser Schwachsinn über koloniale Missstände und all das war so unauthentisch und ihre Rezepte – was sie wollten, dass es passiert – so falsch! Also fing ich an, nach anderen Sachen zu suchen. Und ich glaube, ich habe Ayn Rand gelesen, und da wurde mir klar, dass da mehr ist als nur der Objektivismus. Es gibt diesen libertären Strang und dann merkt man, dass der Libertarismus wirklich tiefgründig ist. Er geht zurück auf Pierre-Joseph Proudhon und darüber hinaus und hat alle möglichen anderen Erscheinungsformen in der amerikanischen Geschichte. Und ich bin einfach immer weiter in das hineingeraten und habe gemerkt, dass das eine gute Art ist, über Dinge nachzudenken.“
—Louis Rossetto zitiert in Valley of Genius: The Uncensored History of Silicon Valley, as Told by the Hackers, Founders, and Freaks Who Made It Boom

Heute leben wir in dieser libertären Vision des Internets, in der Unternehmen weitgehend unreguliert existieren, unterbesteuert sind und tun können, was sie wollen, ohne sich Sorgen zu machen, dass die Regierung eingreift.

Was können wir also tun?

Doch nun scheinen mehr und mehr Menschen den Hype zu durchschauen. Die Frage ist also, was wie mit dieser neuen, kollektiven Erkenntnis umgehen. Falls das Internet so etwas wie eine Fabrik ist, sollten wir es vielleicht auch wie eine solche behandeln. Die Künstlerin Laurel Ptak hat 2014 ein Manifest mit dem Titel „Wages for Facebook“ [Artikel in Dissent] verfasst, worin sie fordert, dass Facebook die Nutzer für ihre Inhalte bezahlen sollte:

https://digitalmanifesto.s3.amazonaws.com/img/2f8a44fb45e6c0c2d6e6b608f12312d5.png

» Sie sagen, es sei Freundschaft. Wir sagen, es ist unbezahlte Arbeit. Mit jedem Like, Chat, Tag oder Poke macht unsere Subjektivität Profit für sie. Sie nennen es Sharing. Wir nennen es Diebstahl. «

Auch wenn Ptaks Arbeit ein Kunstwerk ist und keine Strategie zur Veränderung des Webs, könnte sie ein Ausgangspunkt sein. Vielleicht können wir als Internetnutzer uns zusammenschließen, um nicht länger unser Herz und unseren Verstand kostenlos zu verschenken, damit einige wenige davon profitieren können. So wie Gewerkschaftsorganisatoren darauf gedrängt haben, andere Industrien weniger ausbeuterisch zu machen, brauchen wir vielleicht eine Bewegung, um das Gleiche mit dem Internet zu tun.

Wie Levine schreibt, versammelten sich 1969 Hunderte von Studenten in Harvard, um gegen die Beteiligung der Universität an der Schaffung des ARPANET zu protestieren, dem Vorläufer des modernen Internets. Die Studenten sahen darin eine gefährliche Technologie, die zur Überwachung der ganzen Welt eingesetzt werden würde. Wenn das Schadenspotenzial der Technologie schon zu Beginn des Internets für einige offensichtlich war, gibt es keinen Grund, warum es nicht auch für uns offensichtlich werden kann. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis genug von uns „genug“ sagen und gegen den totalisierenden Zugriff des Internets auf unsere Arbeit und unser Leben protestieren.

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